Kuckucksnest im Kopf

„Ab in die Psychiatrie“ ist in schöner Regelmäßigkeit zu hören und zu lesen. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine ernst gemeinte Empfehlung, sich medizinische Hilfe bei psychischen Störungen zu holen. Dann würde man das ja auch anders formulieren.

Jüngstes Beispiel ist die Demonstration in Berlin am 29.8.2020. Die toxische Mischung aus Rechtsradikalen und deren Mitmarschierern ist mit der Erstürmung der Reichstagstreppe aus dem Ruder gelaufen. Das ist ein ernstes Problem, mit dem sich unser demokratischer Staat dringlich auseinandersetzen muss.

Dass bei dieser ungesunden Melange auch immer wieder einige durch äußerst krude Verschwörungsmythen auffallen, liegt in der Natur der Sache. Bei manchen dieser Aussagen kommt man schon auf die Idee, dass hier ein psychisches Problem nicht ganz auszuschließen ist.

Dazu nochmal in aller Deutlichkeit: Aus TV-Bildern, social-media-Posts und Handymitschnitten kann man keine Diagnose stellen!

Ich bin überzeugt, dass bei der einen oder dem anderen tatsächlich wahnhafte Störungen, gleich welcher Art, vorliegen dürften. Aber diagnostiszieren kann man das nur nach genauer fachärztlicher Untersuchung.

Also doch: „Ab in die Psychiatrie“?

Nein. Denn „die Psychiatrie“ gibt es nicht. Es gibt psychiatrische Kliniken, also Krankenhäuser, in denen Frauen und Männer mit psychischen Störungen behandelt werden. Die allermeisten dieser Patienten begeben sich freiwillig in die Klinik. Nur in Ausnahmefällen, nämlich wenn akute Selbst- oder Fremdgefährdung besteht und eine psychische Erkrankung die Ursache ist, kommt man unfreiwillig in die Klinik, wobei ein Richter diesen Aufenthalt genehmigen muss.

Psychiatrische Behandlung ist nicht gedacht für Schwurbler, Verschwörungsverwirrte oder Reichsbürger. Außer eine oder einer von denen entschließt sich dazu aus freien Stücken. Oder ist akut selbst- oder fremdgefährlich.

Schon gar nicht gedacht ist psychiatrische Zuwendung für Neonazis und Rechtsradikale anderer Couleur. Für die ist der Rechtsstaat mit all seinen Organen zuständig.

Und wenn jemand „Ab in die Psychiatrie“ schreit oder schreibt, was denkt er denn, wie es „in der Psychiatrie“ dann weitergeht? Ich habe manchmal den Eindruck, dass hier in den Köpfen der Menschen ein Bild vorherrscht, das sich aus nicht auszurottenden Vorurteilen speist. Ein Bild aus Unterdrückung, kalten Güssen und Hirn-Ops wie in „Einer flog über das Kuckucksnest“. Wer von denen, die „ab in die Psychiatrie“ rufen, wünscht denn den solchermaßen Eingewiesenen empathische Zuwendung, echte Anteilnahme und Behandlung auf freiwilliger Basis?

Diese Einstellung zur Psychiatrie (als Fachgebiet der Medizin, nicht als Einrichtung) ist diskriminierend für alle Patientinnen und Patienten, das Pflegepersonal und die Ärztinnen und Ärzte, die auf diesem Gebiet arbeiten. Das „Ab in die Psychiatrie“ hindert nach meiner Einschätzung auch viele Menschen daran, sich vertrauensvoll an einen Facharzt für Psychiatrie zu wenden, wenn sie entsprechende Themen haben.

Es ist ein Symptom dafür, dass sehr viele Menschen, darunter auch Intellektuelle und ansonsten Gescheite und Besonnene, einem Zerrbild psychiatrischer Versorgung nachhängen. Vielleicht ist es der Wunsch nach einer Institution, die der Gesellschaft all diejenigen abnimmt, mit denen sie sich ansonsten auseinandersetzen müsste – sei es mit Diskussionen bei den einen oder mit Handschellen bei den anderen.

Aber dafür sind wir nicht da.

Es ist dem Fachgebiet Psychiatrie bis heute nicht gelungen, diesen blinden Fleck aus Ignoranz und verdrängten Wünschen nach einer „Gesundheitspolizei“ aus den Köpfen der Menschen zu bekommen.

Ich hoffe, wir schaffen das noch.

Peter Teuschel

Bildquelle: Tony Robert-Fleury / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0)

2 Responses
  1. Rudolf Scheutz Antworten

    „Ich hoffe, wir schaffen das noch.“. Sicher schaffen wir das; nur schreitet die Geschichte leider allzu langsam dahin.
    „Vielleicht ist es der Wunsch nach einer Institution, die der Gesellschaft all diejenigen abnimmt, mit denen sie sich ansonsten auseinandersetzen müsste – sei es mit Diskussionen bei den einen oder mit Handschellen bei den anderen.“. Richtig, dazu kommt die Angst vor der Psychiatrie (Fachgebiet der Medizin).
    Groessten Dank, Dr. Teuschel, fuer diesen sehr, sehr mutigen Beitrag.

  2. „Ab in die Psychiatrie“ ist ein leider häufiger und unbedachter Ausspruch. Dahinter verbirgt sich -so denke ich- wieder mal Angst und Verteidungzwang der eigenen Realität. Die Realität des anderen muss negiert werden, weil es nur die eine „richtige“ Realität gibt. (ich nehme mich nicht aus!). Da muss man sich der eigenen Realitätswahrnehmung schon ziemlich unsicher sein.
    In der ehemaligen Sowjetunion waren nicht wenige Menschen in der Psychiatrie, weil sie an einer Art „Paranoia“ litten: die eigene Wahrnehmung/Erfahrung unterschied sich zu sehr von der „Offiziellen“ Ansage. Sie litten unter Realitätsverlust. Mein damaliger Literaturprofessor der Slavistik in Freiburg benutzte nahezu in jedem Satz das Wort „Schizophrenie“, wenn er uns den sozialistischen Realismus nahebringen wollte.
    Wir können uns -trotz Turbokapitalismus mit allen schlimmen Folgen- dennoch glücklich schätzen in einer freiheitlichen Demokratie zu leben, in der wir jede noch so verquere Meinung äussern dürfen. Normalerweise werden solche Meinungen durch andere Meinungen wieder geradegebogen. Man lässt sich beeinflussen – im guten Sinn. Ganz besonders wirksam ist hier echtes Interesse/Neugier und Einfühlungsvermögen.
    Wer andere in die Psychiatrie/Therapie wünscht, muss ein sehr selbstverunsicherter Mensch sein, welcher fremde Realitäten schlecht aushalten kann. Wen seine Ansichten/Zwäng ect. stören, kann dieses Angebot ja kostenlos in Anspruch nehmen. Die Empfehung anderer ist aber äußerst übergriffig.

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