I miss you, Leonard Cohen

Konzept und Prompt: Peter Teuschel, generiert mit einer Bild‑KI

Was passiert, wenn jemand in einer Unterhaltungssendung das Thema Konzentrationslager anschneidet?

So geschehen 1985 in einer australischen Show. Leonard Cohen hat dort und damals sein Lied „Dance me to the end of love“ gespielt und wurde danach dazu interviewt.

Cohen antwortete auf die Frage, was ihn zu diesem Lied inspiriert habe, mit einer einleitenden Warnung: Es würde jedermann deprimieren, wenn er das erzählen sollte. Aber natürlich wollten der Moderator und das Publikum das hören. Cohen berichtete dann, dass ihn ein Umstand aus den Nazi-KZs zu diesem Lied geführt habe. Häftlinge wurden gezwungen, Streichquartette zu spielen, während ihre Mitgefangenen in den Öfen der Vernichtungslager verbrannt wurden. Dadurch erkläre sich die Zeile

„Dance me to your beauty with a burning violin“

Interessant ist die Passage nach diesem Statement. Der Moderator hört sich das an und leitet möglichst schnell über zu einem unverfänglicheren Thema, nämlich dem Lied „Suzanne“. Er möchte wissen, ob Cohen zu diesem Song von seiner Frau mit gleichem Namen inspiriert wurde. (Das Interview ab Minute 7:00)

Leonard Cohen, so scheint es mir, interessierte sich nicht so sehr für die Gepflogenheiten von spaßigen TV-Shows, er machte seine Musik und wenn man ihn dazu befragte, ja, dann sagte er, was er zu sagen hatte. Ein sympathischer Typ.

Was ich mich frage: Wie viel Zeit war reserviert für die Wahrheit rund um Nazis, Konzentrationslager und Unmenschlichkeit? Wie viel wollte man 1985 dem Publikum davon zumuten?

Jetzt werden vielleicht manche fragen: Was erzählst du uns den alten Schmarrn aus den 80er Jahren?

Okay, dann formuliere ich es anders: Wie viel Zeit ist reserviert für die Wahrheit rund um Nazis, Konzentrationslager und Unmenschlichkeit? Wie viel will man 2026 dem Publikum davon zumuten?

Es gibt in diesen Zeiten zu wenig Cohens. Es gibt zu wenige, die sich dem Spaßdiktat von Unterhaltungssendungen nicht beugen wollen. Es gibt zu wenige, die sich zurechtfinden im immer perverser werdenden Minenfeld von durch political correctness dominierten Verboten und Sprachregelungen, die niemand braucht und die vom Wesentlichen ablenken. Zu wenige, die sich heute hinstellen und für die wichtigste Wahrheit stehen, die in Deutschland im Jahr 2026 gesagt, gesungen, in Stein gemeisselt oder sonst wie ausgedrückt werden kann:

Nie wieder Nazis, nie wieder Massenvernichtung/ Deportation/ Remigrierung, welche wie auch immer geartete Sprachpervertierung man dafür benutzen mag.

Ein „Dance me to the end of love muss für alle Zeiten genügen.

Peter Teuschel

2 Responses
  1. Inge Blattenberger-Tauscher Antworten

    Immer wieder bin ich überrascht davon, lieber Herr Dr. Teuschel, wie ähnlich unsere Vorlieben in den unterschiedlichsten Bereichen sind! 1970 war ich 17. Jeden Abend vor dem Schlafen hörte ich mir in dieser sogar noch Präkassetten-Ära Songs von Cohen vom Tonband an. „Suzanne“ beeindruckte mich damals sehr, vor allem die Zeile….. „and you know that she‘s half crazy, but that’s why you wanna be there…..”
    Welch tröstliche Botschaft für die um die eigene Identität ringende Teenagerin. Im Bayerischen Rundunk gab es damals übrigens die Sendung „Lernt Englisch mit Schlagern“. Die beträchtliche Erweiterung meiner Kenntnisse des umgangssprachlichen Englisch verdankte ich neben Cohen und dieser Sendung natürlich den Beatles, Simon & Garfunkel, dem Musical Hair, Cat Stevens, zumindest hieß er damals noch so, und vielen weiteren Popgrößen der 1960er und 1970er.
    Schließen möchte ich mit dem gerade heute wieder so aktuellen Zitat aus der Rocky Horror Picture Show: “Don‘t judge a book by its cover“.
    Danke, lieber Dr. Teuschel
    IBT

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Teuschel, vielen Dank für Ihren Text. Ich, w, Jg 1963, jetzt 63 Jahre alt, wurde in einem eher linken Gymnasium ab dem 12. Lebensjahr über den Nationalsozialismus aufgeklärt. Ich bin in einer dysfunktionalen Familie mit zwei sehr narzisstischen, autoritären Eltern aufgewachsen und habe mir in meiner Kindheit und Jugend ein sehr schweres Entwicklungstrauma erworben, mit 15 die ersten Herbstdepressionen. Manche von uns haben als Kinder von 12 Jahren, an der Schwelle zur Pubertät, den Film „Bei Nacht und Nebel“ vorgeführt bekommen und eine Lesung mit Eugen Kogon, „Der SS-Staat“. Im Alter von 12 Jahren habe ich mich vergeblich nach Liebe gesehnt. Die Aufklärung über den Nationalsozialismus hat bei mir wie eine Bombe eingeschlagen. Während im Laufe meiner Gymnasialzeit bis 12/1981 im Unterricht immer mehr und neue weltweite Opfergruppen im Unterricht durchgenommen wurden, wurde ich unmerklich und schleichend selber geopfert, als Sündenbock und Schwarzes Schaf der Familie und Sippe. Ich habe im Laufe der letzten Jahre innerlich hart daran gearbeitet, mein schweres Entwicklungstrauma mit sehr viel Re-Traumatisierung in der stationären Psychiatrie, zu verarbeiten. Ich bin eine Kriegs-Enkelin. Ich arbeite sehr hart daran, mich vor Nazi-Themen zu schützen, da ich durch die Konfrontation damit leicht dekompensiere. Ich bin Jahrgang 1963 und habe niemanden umgebracht. Schuld kann man nicht vererben. Für das, was Nazi-Täter damals getan haben, sind sie selber verantwortlich, nicht ich. Ich fühle mich mit der Erinnerungskultur in extremster Weise überfordert, mental, seelisch, finanziell. Ich kämpfe ums Überleben in der brutalen Geldwelt um mich herum. Wann immer ich Nazi-Themen ausblenden kann, tue ich das. Ich möchte davon nicht auch noch verfolgt werden. Meine Hochsensibilität ist teils angeboren und teils Ergebnis der Traumatisierung. Wenn ich jeden Vormittag zuhause ausgiebig zu Jesus Christus bete, stellt sich in mir ein gewisser Seelenfrieden ein. Ich habe mich aus jeglicher Politik total ausgeklinkt und in den Glauben an Jesus Christus eingeklinkt. Das gibt mir mehr Kraft. Dinge aus der Vergangenheit, die ich nicht mehr ändern kann, dazu zählt der Holocaust, betrauere ich. Meine Freude an dem Lied „Suzanne“ von Leonard Cohen ist nach wie vor vorhanden. Ich heiße Kerstin Susanne, und ich wünsche mir, gesehen zu werden, aktuell, lebendig und als Künstlerin. LG

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