Dark Spotlight: Robert Alan

Robert Alan ist offenbar Comedian. Ich kannte ihn nicht, bis mir auf Instagram ein Video vorgeschlagen wurde. Es hieß „Schwing“. Ziemlich cool gemacht, Alan geht mit einem anderen Mann, dessen Kopf man nicht sieht, durch einen Gang, könnte ein Hotelgang sein. Die Musik ist nicht schlecht, die Botschaft soll wohl sein: Bleibt locker, Leute. Geht beschwingt durchs Leben. Im Wortlaut:

„Schwing deine Arme, als würd der shice Laden hier dir gehör’n“

So weit, so nachvollziehbar. „Shice Laden“ ist auch irgendwie lustig.

Aber dann hat es Robert Alan irgendwie aus der Komik-Kurve getragen. Ich poste hier mal den ganzen Text:

Diese Menschen, die beim Laufen ihre Arme nicht bewegen
Frag mich immer wieder, was geht’n ab in deren Leben?
Muss ’n schweres sein, denn ich bild mir ein, geht’s dir gut, schwingen deine Arme ganz von allein
An die Menschen, die beim Laufen ihre Arme nicht bewegen

Schwing deine Arme, als würd der shice Laden hier dir gehör’n (uh)
Schwing deine Arme, als würd der shice Laden hier dir gehör’n
Das Leben ist nicht leicht, ja, das weiß ich auch, aber so, wie du läufst, sieht’s seltsam aus
Also schwing deine Arme, als würd der shice Laden hier dir gehör’n (uh, uh, uh, uh-yeah)

Schwing deine Arme, als würd der shice Laden hier dir gehör’n (uh)
Schwing deine Arme, als würd der shice Laden hier dir gehör’n
Das Leben ist nicht leicht, ja, das weiß ich auch, aber so wie du läufst, sieht’s seltsam aus
Also schwing deine Arme, als würd der shice Laden hier dir gehör’n

Es mag ja sein, dass Robert Alan weiß, dass das Leben nicht leicht ist, aber ich glaube nicht, dass das größte Problem bei mangelhaftem Mitschwingen der Arme ist, dass es „seltsam aussieht“. Was im Leben derer „abgeht“, die nicht so schwingen können, kann (außer einer individuellen Veranlagung) zum Beispiel folgendes sein:

  • Morbus Parkinson
  • Parkinson-Syndrom anderer Ursache (z.B. Progressive Supranukleäre Paralyse (PSP), Multisystematrophie (MSA), Kortikobasale Degeneration (CBD)
  • Schlaganfall (Apoplex)
  • Schulter- oder Ellenbogenprobleme (z.B. Arthritis, Arthrose, Rotatorenmanschettenläsionen usw.)
  • Wirbelsäulenprobleme
  • Medikamente (vor allem Neuroleptika, also Medikamente zur Behandlung von Psychosen

Kann ich jetzt von einem Komiker verlangen, dass er diese neurologischen, psychiatrischen und orthopädischen Störungen im Blick hat? Ich bin mir nicht sicher. Aber immerhin gibt es dieses Zitat, dass manchmal Heinrich Graetz und manchmal Kurt Tucholsky zugeschrieben wird:

„Wer in der Öffentlichkeit Kegel schiebt, muss sich gefallen lassen, dass nachgezählt wird, wie viel er getroffen hat.“

Und weil mir die Umsetzung seiner Idee nicht gefallen hat, habe ich das auf Instagram entsprechend kommentiert und auf einige der oben genannten Krankheiten hingewiesen.
Damit habe ich mich natürlich als Spielverderber geoutet.
Im Nu traten diverse Fanboys und -girls auf den Plan, die mich der Humorlosigkeit beschuldigten. Sie formierten sich zu in etwa gleichen Teilen in zwei Lager mit folgenden Botschaften:

  • Hab dich mal nicht so
  • Ist doch nicht böse gemeint

Dass etwas nicht böse gemeint sei, ist ein interessanter Einwand. Man stelle sich irgendeine Schmähung vor, oder vielleicht auch eine Entgleisung, eine Handlung und setze dahinter: Ist aber nicht böse gemeint. Klappt nicht so ganz, oder?

Sich „mal nicht so haben zu sollen“ ist nicht nur grammatikalisch eine höchst bemerkenswerte Forderung. Hat man sich eigentlich? So oder irgendwie anders? Aber ich will das weder ins Lächerliche ziehen noch ins Philosophische schieben.

Im Kontext der Social-Media-Welt heißt das einfach: Wir haben unseren Spaß an etwas und mögen es nicht, wenn einer grummelt.

Ich halte mich aber an das obige Zitat und zähle auf, wie viel Robert Alan getroffen hat. In meinen Augen hatte er einen guten Gedanken und eine wichtige Botschaft, nämlich „locker bleiben“. Mit seinem Text hat er aber die Kugel weit neben die Kegel gesetzt. Mit seinen unbedachten Zeilen stößt er alle diejenigen vor den Kopf, die eben nicht einfach so mit den Armen schwingen können, ob es nun „seltsam aussieht“ oder nicht.

Wie war jetzt die Reaktion des Komikers auf meine Kritik?

Das Kommentieren hat er wie gesagt seinen Fans überlassen, er selbst hat sich nicht dazu geäußert. Allerdings wurde mein Account gebannt. Ich kann ihn nicht mehr auf Instagram aufrufen und nicht mehr kommentieren.

Ob das ein souveräner Umgang mit Kritik ist? Darüber will ich gar nicht mal richten. Er hat sich geärgert und hat mich gekickt. Kann er machen.

Aber hier, auf diesem Blog, stelle ich ihn für seine unbedachten und diskriminierenden Zeilen ganz schwunghaft in ein „Dark Spotlight“.

Warum?

Weil der shice Laden hier mir gehört.

Peter Teuschel

Bild ©Peter Teuschel

6 Responses
  1. Lieber Herr Dr. Teuschel,
    Sie sind doch mit der Unterschiedlichkeit der menschlichen Spezies bestens vertraut, haben zudem profundes fachliches Wissen.
    Ist die Entgleisung von Robert Alan nun auf mangelndes medizinisches Fachwissen und / oder fehlende Empathie bzw. eingeschränkte emotionale Intelligenz zurückzuführen – eine grobe Verfehlung ist es allemal. Das Gleiche ist auch seinen Fanboys und -girls auf Insta zu attestieren, die Sie völlig unberechtigter Weise der Humorlosigkeit bezichtigen. Wundert es Sie, dass sich auf den Social Media Kanälen Kandidaten tummeln, die unbedacht um sich schlagen, anderen unrecht tun, weil sie beispielsweise mit – in Ihrem Fall durchaus gerechtfertigter Kritik – nicht umgehen können…
    Selbstverständlich ist es ein absolutes No- go, eine Beschimpfung, Herabwürdigung oder irgendeine inkorrekte Handlung mit einem saloppen “ Ist doch nicht böse gemeint“ aus der Welt schaffen zu wollen.
    Von einem „Hab dich mal nicht so“ aus dem Mund bzw. der „Feder“ derartiger Zeitgenossen lassen Sie sich doch nicht verletzen!
    Übrigens, rein grammatikalisch hab ich gegen ein „Sich mal nicht so haben zu sollen“ nichts einzuwenden. Vielleicht versteh ich da aber etwas nicht richtig… (Stoßen Sie sich an dem „sollen“. Kenne den exakten Kontext nicht.)
    Dass Sie die Diskriminierung der any disabled people thematisieren, kann ich sehr wohl nachvollziehen.
    Danke für Ihren Beitrag.
    MS

  2. Lieber Peter Teuschel,
    diesmal ist es das erste Mal, dass ich gar nicht mit Deiner Einschätzung übereinstimme.
    (Erläuterung kommt später (hoffe ich)).

  3. Mir passiert das auch immer wieder: wenn ich etwas poste, das dem momentanen Mainstream widerspricht („ich stecke den Kopf in den Sand“), dann wird es geloescht. Oder man macht sich lustig. Hypothesen ueberpruefen ist aus der Mode gekommen. Wird sich bitter raechen.

  4. Sehr geehrter Herr Dr. Teuschel, also erstmal wollte ich gar nicht auf diesen Spotlight antworten, weil ich den Comedian nicht kenne und mir die gesamte Thematik zu kompliziert für mich erschien. Doch dann bin ich bei einem alkoholfreien Weizen in unserer Stammkneipe doch ins Nachdenken gekommen und habe mich dazu entschieden, wenigstens zu einem Punkt in Ihrem Text zu antworten: Das ist der Hinweis auf ein für mich sehr grundlegendes und existentielles Thema: Extrapyramidal-Motorische Störungen, EPMS, durch Neuroleptika. Mir wurde klar, wie wichtig es nach wie vor ist, Menschen in unserer Gesellschaft darüber aufzuklären, abgesehen davon, dass jeder Mensch irgendwann einmal davon betroffen sein kann, sogar der Comedian. Ich hatte seit 1/1985 sehr oft in meinem Leben einen sehr hohen Leidensdruck durch Neuroleptika wie z.B. Haldol, Fluanxol, Lyogen u.a.m. Das ist auch jetzt noch etwas, das mich unglaublich fertig macht. Ich bekomme seit 1999 Amisulprid und bin insgesamt in meiner Motorik und Bewegungsfähigkeit enorm stark eingeschränkt. Ich bin aber der Meinung, dass ich seit 1982 eine kPTBS habe und keine Schizophrenie. Dass ich zusätzlich zu der kPTBS Psychosen hatte, glaube ich, also beides. Ich bin vielfaches GEWALTOPFER! Mein Gehirn und mein gesamtes Zentrales Nervensystem wurden durch Straftaten, Fremdeinwirkung, maßgeblich geschädigt. Ich habe noch nie einen Arzt gefunden, oder eine Ärztin, die mich dahin gehend ernst nimmt bzw. versteht. Das Sie über die EPMS bei Neuroleptika an dieser Stelle aufklären, finde ich sehr, sehr gut und sehr wichtig. Was kPTBS in Folge von einem narzisstischen Elternhaus und Traumatisierung durch weitere Narzissten und Psychopathen anbelangt, da ist unsere Gesellschaft erst am Anfang der Bewusstseinserweiterung und Erkenntnis. Auch das viele vermeidbare Leid von psychiatrie-erfahrenen Menschen, das durch Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen, wiederum mit eben diesen Neuroleptika entsteht. Wir hätten weniger EPMS, wenn wir Patienten gleich von Anfang an eine gute Traumatherapie bekämen, anstelle von sinnloser Pharmakotherapie. Dann wären wir durch solche Comedians nicht so leicht verletzbar, denn wir bekämen endlich mal von guten Traumtherapeuten und liebevolleren Mitmenschen die Bestätigung, dass wir nicht schuld sind, sondern in Ordnung sind. Dann könnten wir leichter schwingen in unseren eigenen shice-läden. LG von KK

  5. Robert Alan: Comiker? Ich hätte über sowas auch nicht gelacht, fällt doch es in eine bestimmte Kategorie sogenanntem Humor, sich über Schwächen lustig zu machen. Find ich einfach dumm. Account gebannt, weil Kritik nicht passt, noch dümmer. Scheint ein ziemlich humorloser Comiker zu sein.

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