Bright Spotlight: Der Münchner Bücherbus

Neulich sah ich ihn stehen. Zwischen der Synagoge Ohel Jakob und dem Joseph-Carlebach-Bildungshaus, das auch eine Schule beherbergt. Dort stehen selten Fahrzeuge. Um so eindrucksvoller war seine Präsenz an diesem Ort. Ich kann mich nicht erinnern, ihn schon mal irgendwo anders gesehen zu haben in den letzten Jahren. Mein spontaner Gedanke war: „Ja Wahnsinn, der Bücherbus! Gibt’s den auch noch?“
Weiter habe ich nicht mehr darüber nachgedacht.
Aber irgendwo, wie man so schön sagt, „tief drinnen“, hat diese Begegnung etwas bewegt.

Ein paar Nächte später bin ich um 4:00 wachgeworden. Ich weiß nicht mehr, aus welchen Träumen ich da erwacht bin, aber in diesem Grenzland zwischen Schlafen und Wachsein hatte ich das Gefühl, in einem riesengroßen Schneckenhaus zu liegen. Dieses Bild war begleitet von einem Gefühl großer Sicherheit und gleichzeitig intensiver Abenteuerlust.

Irgendwo in den Büchern von Hugh Lofting über Dr. Dolittle gibt es eine Stelle, an der Dolittle mit einer Riesenschnecke in deren Haus übers Meer reist.
Da wusste ich auf einmal, dass der Münchner Bücherbus auch in meiner Seele geparkt hatte.

(Jetzt könnte man natürlich fragen, was ich unter „Seele“ verstehe. Das würde an dieser Stelle aber zu weit führen. Nur so viel: Es hat wenig mit „Psyche“ und nichts mit Religion zu tun. Aber es ist ein Ort, an dem ein Bücherbus locker Platz hat.)

Die Bücher über Dr. Dolittle hatte ich übrigens nicht aus dem Bücherbus, sondern aus meiner ersten echten Bibliothek, einem (für mich damals) wirklich sakralen und mit Geheimnissen gesättigten Ort, nämlich der Büchersammlung des Oskar-von-Miller-Gymnasiums in Schwabing. Harry Potter hätte seine Freude gehabt.

Aber im Bücherbus hat alles angefangen.

Wie beschreibt man erste Faszinationen der Kindheit? Alle Begriffe sind, na ja abgegriffen

Ich stamme aus – nein, nicht ärmlichen, aber sehr einfachen Verhältnissen. Meine Fantasie, das merkte ich schon lange vor dem Eintritt in die Grundschule, wollte eigene Wege gehen. Unangenehm, wenn ich als kleines Kind im Fieber alle Tiere Afrikas in Lebensgröße in meinen Zimmer aufmarschieren sah, aber unwiderstehlich, wenn im Frühjahr die erste Sonne auf meinen Kopf schien und ich plötzlich den Eindruck hatte, alles sei möglich.
So ganz passte diese innere Welt ohne Grenzen nicht in die äußere einer kleinen Wohnung im Münchner Norden mit vielen Menschen drin und nicht nur räumlich „beengten“ Verhältnissen.

Ich fand meine Methoden, damit umzugehen. Aber ich war immer irgendwie … nicht auf der Flucht, eher im Versteck.

Das änderte sich mit meinem ersten Tag im Bücherbus.

Ab der 3. Grundschulklasse durften wir einmal im Monat in den Bus. Er hatte damals (wie heute vor der Synagoge) direkt auf dem Schulhof geparkt, was sonst niemandem erlaubt war und seine exponierte Rolle noch unterstrich.
Nachdem wie erwähnt alle Begrifflichkeiten kindlichen Staunens abgenutzt erscheinen (und mir im Moment keine stimmigen neuen einfallen), beschreibe ich einfach, was ich getan habe.
Ich suchte mir die maximal erlaubte Zahl von Büchern aus und zwar genau zur Hälfte aus der Abteilung „Biologie“ und zur Hälfte aus dem Bord mit „Märchen aus aller Welt“.

In den Biologiebüchern stieß ich auf die Neugier, die Geheimnisse des Lebens immer weiter zu erforschen und auf die ungeheuerliche Wahrheit, damit niemals an ein Ende zu kommen. Und die Märchenbücher trösteten mich mit der Erkenntnis, dass abseits unserer Realität unzählige weitere existieren.

Welche Alternativen zu der Enge meiner Kindheit!

In der „Wanderbücherei“ hatte vieles seinen Anfang, was einen kleinen Jungen auf den bis heute richtigen und wichtigen Weg gebracht hat.

Wer weiß, was aus mir geworden wäre ohne den Münchner Bücherbus.

In der Hoffnung, dass er auch heute noch für ganz viele kleine Kinder ähnliche Geschenke bereit hält wie damals für mich, stelle ich ihn heute in mein erstes „Bright Spotlight“.

Peter Teuschel

Bilder © Peter Teuschel

8 Responses
  1. Wunderbare Geschichte, und ich glaube, jeder der sie liest, erinnert sich a seine eigenen Kindheitstage in Büchereien und Bücherbussen. Oder?
    Ich erinnere mich dadurch an meine eigene Kindheit und die Büchereien, die sie geprägt haben. Es waren durch Umzüge wechselnde Orte und die Büchereien waren immer sehr anders. Die erste, a die ich mich – dank dieses Bright Spotlights – erinnere, ist die Bücherei im Dorf damals in der ehemaligen DDR, in dem ich aufgewachsen bin. Die war nur einmal in der Woche für ein paar Stunden nachmittags geöffnet und bestand nur aus einem Raum, in dem eine freundliche Dame gesessen hat. Wir begleiteten unsere Mutter oft dahin, und ich hörte zu, wenn sie sich mit der Bücherfrau über die Bücher unterhalten hat. An eins kann ich mich erinnern, sie besprachen mal eins von Maxi Wander. Das fanden beide gut…
    Die zweite Bücherei in meinem Leben, war dann eine, die war dann schon in der Stadt, in die wir dann später gezogen sind, im “Westen”… und in der habe ich vollkommen selbstständig meine Bücher ausgeliehen und Stunden drin verbracht. Das Lesen war der Schrank nach Narnia. Wunderbar.
    Irgendwann habe ich dort Kassetten entdeckt, die man damals schon entleihen konnte und begeisterte mich für Udo Lindenberg und Loriot. Wahnsinn…
    Meine eigenen Kinder hatten dann viele Jahre später wieder in einer anderen Stadt, einen Bücherbus, der immer mittwochs gekommen ist. Bis heute wissen sie Geschichten darüber zu erzählen. Der Fahrer des Bücherbusses war ein knurriger Typ und nie hat er was durchgehen lassen, wenn mal ein Buch zu spät zurückgekommen ist. Man wünschte sich, dass Leute, die mit Büchern zu tun haben, also da arbeiten, ebenso den Abenteuergeist aller Inhalte ihrer Bücher doch auch in sich tragen sollten … (ähnlich wie der Bücherkauz in der “Unendlichen Geschichte”… der Basti DAS Buch in die Hand gedrückt hat!) /
    Heute lebe ich in einer Kleinstadt, in der die Bibliothekarinnen eine so leise Stimme haben… dass man sie bei den wenigen Worten, die man wechselt, kaum versteht.. warum so leise?
    Merry Christmas

  2. Lieber Herr Dr. TEUSCHEL,
    Ich wachte gen 2.00 Uhr morgens auf – warum auch immer las ich Ihren Artikel. Ihre eindrucksvolle Schilderung bewegt mich. DICKE Tränen kullern über meine Wangen. Wir wissen nicht, was wäre aus Ihnen geworden ohne den Münchner Bücherbus. Was aus dem kleinen Jungen aus dem Münchner Norden – gewappnet mit viefältigen Talenten- GEWORDEN IST, das kann jeder erleben, der Sie kennenlernen darf.jeder, der Sie kennenlernen darf. Ihre FÄHIGKEITEN, Kenntnisse, Begabungen, Interessen, zu entdecken und davon zu „profitieren“, empfinde ich als Bereicherung. Ein wertvolles Geschenk.
    HERZLiCHen Dank
    M.S.
    P. S.: Bin auch immer wieder aufs Neue angetan von Ihrer Art zu erzählen wie zu formulieren!

  3. Ein sehr schöner Text. Vielen Dank dafür. In meinem Heimatort in Hessen hatten wir in den 70ern eine kleine Stadtbücherei. Im Alter von 10-15 Jahren lieh ich mir Karl-May-Bücher aus. Auch ich stamme aus engen Verhältnissen. Zwar waren meine Eltern Akademiker, aber sie hatten keinerlei Emotionale Intelligenz. Ich habe schöne Erinnerungen an meine Zeit mit Karl May. Die Emotionale Vernachlässigung, der Emotionale Missbrauch und auch die physische Gewalt in meinem Elternhaus haben mich jedoch stärker geprägt als das Lesen. Ich bin als Teenager in die Welt der Bücher geflohen. Aber ich bin über Jahrzehnte hinweg in der Bücherwelt und auf der Flucht stecken geblieben. Erst jetzt, mit 62, komme ich manchmal aus meinem Schneckenhaus raus. So wie das bei Schnecken üblich ist, meistens nur sehr langsam. LG von KK

  4. sehr geehrter herr teuschel,
    wie wunderschön geschrieben.
    auch für mich( aus einer bildungsfernen familie kommend) war der bücherbus das tor zur welt!
    vielen dank

    undine gronich

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