Social Media als öffentliche Bühne: Verantwortlichkeit oder psychische Störung?

Was sehe ich und was ist die Realität?

Früher, in der analogen Zeit, gab es mal ein Sprichwort, das sinngemäß lautete: Wer öffentlich Kegel schiebt, darf sich nicht wundern, wenn öffentlich angeschrieben wird.

Vorausschicken möchte ich, dass ich Sascha Lobo schätze. Er hat in meinen Augen einen wachen Geist, Intelligenz und eigene Standpunkte.

Seine neuste Kolumne bei SPON bereitet mir allerdings Kopfzerbrechen.

Um es zusammenzufassen:

Lobo geht davon aus, dass wir alle in Krisensituationen unter erhöhter psychischer Belastung stehen und dass Social Media zunehmend eine Bühne sind, auf der persönliche Krisen für alle sichtbar werden, was für den Betroffenen negative Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Dagegen ist nicht wirklich etwas zu sagen.
Problematisch wird es aber, wenn Lobo die von ihm als „Nervenzusammenbrüche“ titulierten psychischen Ausnahmesituationen psychiatrisch klassifiziert. Die „Akute Belastungsreaktion“, im ICD als F43.0 kodiert, passt sicher für einige Fälle mangelnder Stressregulation in Corona-Zeiten. Die Frage ist aber, wie jemand ohne Untersuchung des Betreffenden eine psychiatrische Diagnose stellen will. Der noch dazu kein Psychiater ist.
Ich glaube nicht, dass Sascha Lobo sich hier etwas anmaßen will. Dass er sich Sorgen macht, kaufe ich ihm ab. Und in seiner Grundeinstellung erkenne ich auch etwas anerkennenswert Menschliches.
Aber ein Hantieren mit psychiatrischen Diagnosen mit Bezug zu Personen des öffentlichen Lebens hinterlässt immer einen Beigeschmack.

Konkret gesprochen: Weder Lobo noch ich noch irgend jemand anderer weiß, ob eine Person, die sich auf Social Media auffällig verhält, eine psychische Störung hat. Und wenn sie eine hat, welche.
Es gibt einfach zu viele Interpretationsmöglichkeiten: Bei einem ist es tatsächlich eine akute Belastungsreaktion. Ein anderer hat eine posttraumatische Belastungsstörung, die durch die Krise reaktiviert wird. Wieder ein anderer leidet an einer Schizophrenie oder einer wahnhaften Störung. Auch diese Krankheitsbilder können sich unter Belastung verschlechtern oder gar erst zum Ausbruch kommen. Manche haben vielleicht lediglich eine Anpassungsstörung, die bei weitem nicht so gravierend ist wie die genannten Diagnosen, durch den medialen Verstärkereffekt aber dramatisch wirken kann.
Und wieder andere, und das ist der wichtigste Kritikpunkt, haben gar keine psychische Störung, obwohl sie sich höchst auffällig verhalten. Sie hängen vielleicht einer Verschwörungstheorie an, wollen den Verkauf ihrer Bücher oder Songs ankurbeln oder sich einfach nur wichtig machen und noch mehr als bisher im Rampenlicht stehen.

Wir wissen einfach nicht, was hinter auffälligem Verhalten auf Facebook, Instagram oder Youtube steckt. Entsprechend sollten wir auch regieren. Solange ich mir nicht sicher sein kann, dass jemand eine psychische Störung hat, ist er für mich psychisch gesund. Psychiatrische Diagnosen „auf Verdacht“ führen nirgendwo hin, schon gar nicht im öffentlichen Raum.

Und deshalb bin ich nicht Lobos Meinung, dass wir den „social meltdowns“ aller derjenigen, die durch diese Verhaltensauffälligkeiten unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, generell „mehr Toleranz“ entgegenbringen müssen. Bis zum Beweis des Gegenteils ist nämlich jeder erwachsene Mensch für sein Handeln verantwortlich.

Peter Teuschel

Bild © Peter Teuschel

One Response
  1. Zitat:
    Ehrlich gesagt verstehe ich auch nach mehrmaligem Lesen von Lobos Kolumne nicht, was er dem Leser eigentlich alles sagen will und wie er letztlich auf seine Schlussthese kommt, dass „wir eine gewisse Toleranz gegenüber Social Meltdowns entwickeln müssen“.

    Mit Ihrem Beitrag verstehe ich den Lobo so, dass er als Begründung wohl meint, dass die Toleranz dem Umstand geschuldet sei, dass hinter den Social Meltdowns psychische Erkrankungen stecken würden, die im Grunde jeder von uns in Krisenzeiten entwickeln kann.

    Aber selbst diese Begründung kann ich nicht nachvollziehen. Selbst wenn das so wäre, dass derlei Verhaltensweisen Symptome einer Erkrankung wären und sich jeder in so einer Situation wiederfinden könnte (theoretisch), muss ich als Teil der von Herrn Lobo angesprochenen Gesellschaft dafür doch keine Toleranz aufbringen.
    Irgendwie ist sein Beitrag für mich inhaltlich etwas unzusammenhängend von der Argumentation und an vielen Stellen geht mir eher sowas wie „Ja, und?!“ oder „Ist das wirklich so?“ durch den Kopf.

    Am ehesten könnte ich noch verstehen, wenn er es aus Gründen des menschlichen Anstandes für geboten hielte, dass man sich über Menschen, die sich in den öffentlichen Medien unbeabsichtigt zum Horst machen, nicht allzu nachhaltig hämisch lustig machen sollte; ganz unabhängig davon, ob derlei Verhalten nun auf einer psychischen Erkrankung beruht oder nicht (was aus der Ferne ja wie Sie schon anmerken, eh niemand sicher wissen kann).

    Aber ist auch egal.

    Bisweilen habe ich den Eindruck, dass es zum guten Ton gehört, wegen einer Pandemie wie Corona mindestens etwas am Rad zu drehen. Umso mehr, je weniger man konkret negativ davon betroffen ist. … Mag aber sein, dass ich da zu wenig Empathie aufbringe; mir fehlt da einfach das Verständnis.

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