Mai in Moll

Jetzt ist es tatsächlich Mai geworden. Und wenn nicht gerade, wie hier in München, Gewitter toben, könnte man meinen, es wäre ein typischer Mai. An der Isar stapeln sich die Sonnenhungrigen und wenn man morgens mit dem Hund dort spazieren geht, sollte man gut aufpassen, denn sonst schlägt er sich den Bauch voll mit allem, was von der gestrigen Nacht an Kulinarischem übrig geblieben ist: Pommes frites, Chips und abgenagte Hühnerknochen, in den Pappbechern Reste von Aperol Spritz und Rotwein. Die Nächte sind wieder lang und voller Musik. Letztens saß eine Gruppe Jugendlicher nahe der Reichenbachbrücke und was haben sie gesungen? Queen! Alle hätten Enkel von Freddie Mercury sein können, aber in München lebt er auch bei den Jungen weiter.

Mich hat das wahnsinnig gefreut, dass diese alten Lieder von den jungen Leuten gesungen wurden. Und als ich derart angeregt zuhause Spotify geöffnet hatte und Freddie losgelegt hat, ist mir klar geworden, dass da ein großes Stück Wehmut mit von der Partie war. Der unfassbar lebenshungrige Freddie Mercury, der jetzt, um „John Keating“ aus dem „Club der toten Dichter“ zu zitieren, den „Narzissen (!) als Nahrung dient“. Ich glaube nicht, dass die jungen Frauen und Männer, die da gegen Mitternacht mit Gitarre und Bier auf Mercury-Revival-Tour waren, so eine existentielle Botschaft im Sinn hatten und was der eine singt, kann beim anderen ja so oder so ankommen.

Wie kam es bei mir an?

Ich dachte mir, irgendwie passt das zu diesem Mai. Alle sind draußen, alle sagen „endlich wieder“ und bei allen spürt man diese Sehnsucht nach Leben, nach „normalen“ und ungezwungenen Kontakten, nach Unbeschwertheit.
Aber wir sind nicht unbeschwert, ganz im Gegenteil.

Noch nie hatte ich so viele Patienten in der Praxis, die erschöpft, ausgelaugt, erholungsbedürftig sind. Sie sind abgesättigt mit Sorgen, mit Angst, mit Zweifeln, mit Ärger. Kaum einer ist unbeschwert.

Wir haben alle viel zu viel mitgemacht in den letzten Jahren. Erst die Pandemie und jetzt der Krieg. Und viele von uns wollen das gar nicht aussprechen, denn ist das nicht ein Hohn gegenüber dem, was die Frauen, Männer und Kinder in der Ukraine erleben?
Aber das unsägliche Leid der einen macht die Last der anderen nicht leichter. Es mag manches relativieren, aber man kann das nicht aufrechnen gegeneinander. Viele von uns haben Menschen verloren, waren selbst krank, schwer oder nicht so schwer, aber immer mit Angst vor einem schweren Verlauf. Und gerade als Corona anfing, seinen Schrecken etwas zu verlieren, kam dieser Wiedergänger aus Moskau, als Zombie aufgestiegen aus der Gruft eines längst vergangen geglaubten Imperialismus, mit der Botschaft an die ganze Welt, dass das Ewig-Gestrige schwer auszurotten ist. Ein Anachronismus, der versucht, sein ganzes großartiges Land seiner slawischen Seele zu berauben, indem er andere bösartig anfällt. Das wird ihm nicht gelingen, aber es belastet uns alle durch die bloße Existenz des Krieges.

Und doch scheint die Sonne zwischen zwei Schauern und auf dem Weg in die Praxis bleibe ich auf dem Jakobsplatz vor der Synagoge stehen und schließe die Augen. Das fühlt sich an wie immer im Frühling. Endlich Sonne. So sollte es bleiben. Aber dann denke ich, es muss erst wieder so werden, wie es dann bleiben kann.

Dieser Mai ist ein Mai in Moll.

(Ich hätte zwar auch Freddy Mercury wählen können für ein passendes Lied, aber ich gehe noch weiter zurück. Im Februar 1933 wurde dieses Lied aufgenommen und es handelt vom Mai. Die Botschaft in den letzten Zeilen mag manch einem kitschig vorkommen, aber hey, bringt sie es nicht auf den Punkt?)

Bild ©Peter Teuschel

2 Responses
  1. Lieber Herr Dr. Teuschel,

    ich habe mich sehr gefreut, Ihre Zeilen zu lesen und hoffe, es geht Ihnen persönlich gut.

    Ich bin sehr dankbar für Ihre Musikauswahl!

    Sie ist sehr passend und drückt die Enttäuschung darüber aus, in der man sich schwach, erschöpft, ausgelaugt, betrogen um Lebenschancen und Begegnungen der letzten beiden Jahre fühlen darf, wenn man weiß, dass dies alles verhindert hätte werden können.

    https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/der-ausbruch-war-die-pandemie-vermeidbar-100.html

    Bleiernd darüber, die wabernde Angst und Unsicherheit, die erhellende Sonne geht hier auch endgültig unter und zeigt nicht mehr die Zukunft, sondern nur noch kosmische Entropie an.

    Die Sorge, um die eigene finanzielle Existenz, das vermeintliche Gefühl nicht selbstwirksam zu sein und die Scham darüber, dies nicht aussprechen zu dürfen, weil Menschen in der Welt – nicht nur in der Ukraine – jeden Tag in Moll erleben und eine angepasste Lebensweise in Dur neu erfinden, die Hoffnung und Zukunft für die Menschheit schöpft und schenkt.

    Hoffen wir, dass Narzissten, nicht daran interessiert sind an Narzissen zu knabbern. Wenn doch , dann bitte nur von oben!

    Sonnenkulte hatten wahrscheinlich immer die umgekehrte Herangehensweise. Wir wissen, sie geht immer wieder auf, bis sie die Erde geschluckt hat.

    Lassen wir uns auch „schlucken“ von Weltuntergänger? Und da muss ich Ihnen widersprechen – was wäre Putin ohne Putinisten? Er hat seine Bevölkerung bereits mit seiner Geschichtsklitterung einer eigenen Identität beraubt, sonst würden sie ihm ja nicht freiwillig (unfreiwillig) zustimmen.

    Möglicherweise erleben wir die nächsten Monate auch in Moll, noch Moll-er als je gedacht.

    Dann lassen Sie uns auf die Jugend schauen, die Queen singt. Die kann man auch nicht „ausrotten“, weil ihr eigen ist, nach vorne zu schauen. Sie sind die Sonne, die uns jeden Morgen weckt.

    Wir müssen uns nur wieder daran erinnern und ihr vertrauen.
    Sie sehen die Sonne, wenn sie uns den Blick verdunkelt.

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