Lieblingskind der Bürokratie: Das Formular

Einen nicht unerheblichen Teil meiner Arbeitszeit verbringe ich mit dem Erstellen von Attesten. Dabei stoße ich immer wieder auf Erstaunliches. Nicht, wenn ich selbst formulieren darf – da ist die Sache meist klar. Schwierig wird es oft, wenn die Bescheinigung auf einem offiziellen Formular erfolgen muss. Hier habe ich oft den Eindruck, dass der Ersteller des Vordrucks nicht so recht im Bilde war, wie Entscheidungen im Behandlungsprozess zustande kommen.

Ein häufiges Beispiel: Eine Arbeitnehmerin wird gemobbt, erkrankt darüber und wird krankgeschrieben. Im Laufe der Behandlung stellt sich heraus, dass eine Rückkehr an den Arbeitsplatz nicht möglich ist, da zu erwarten ist, dass das Mobbing bei Rückkehr in die Arbeit weitergehen wird. In diesem Fall bleibt manchmal nur die Kündigung, um weiteren gesundheitlichen Schaden zu vermeiden.
Dabei entsteht aber ein Problem: Kündigt die Arbeitnehmerin selbst oder endet das Arbeitsverhältnis durch einen Auflösungsvertrag, so verhängt das Arbeitsamt eine dreimonatige Sperre, in der kein Arbeitslosengeld gezahlt wird. Umgehen lässt sich diese Maßnahme, wenn ein ärztliches Attest vorliegt, das bescheinigt, dass die Kündigung aus medizinischen Gründen erfolgt ist.

Das Procedere ist dann folgendes: Ich erstelle ein entsprechendes Attest, das meine Patientin einreicht. Daraufhin bekomme ich dann vom Arbeitsamt ein Formular zugeschickt, das ich ausfüllen muss:

Die erste Frage lautet, welche Tätigkeiten die Patientin nicht mehr ausüben kann. Das kann einen in die Irre führen, bis man realisiert, dass es „alle Tätigkeiten am bisherigen Arbeitsplatz“ sind.

Dann: „Die Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt:“. Was ist das bitte? Ich will nicht kleinkariert wirken, aber da hätte man sich die Mühe machen können, eine Frage zu formulieren. Zum Beispiel „Wodurch ist die Leistungsfähigkeit eingeschränkt?“ oder noch besser „Welche Einschränkungen der Leistungsfähigkeit bestehen konkret?“ Bei „Die Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt:“ bin ich immer versucht zu schreiben: „Ja, stimmt“. Oder „Kann ich bestätigen.“

Aber gut, irgendwie ist ja klar, was da gewünscht ist.

Dann aber: „Ich habe daher am … empfohlen, die Beschäftigung aufzugeben.
Das ist nun wirklich fern jeder Realität, zumindest im Bereich psychischer Erkrankungen. Ich kann mich an keinen Fall erinnern, bei der ich jemandem an einem bestimmten Datum so etwas empfohlen habe. Solche Entscheidungen entstehen über Wochen, manchmal Monate. Für die allermeisten Patientinnen und Patienten ist die Aufgabe des Arbeitsplatzes ein sehr ambivalenter Vorgang. Natürlich, wenn z.B. Mobbing stattgefunden hat, ist irgendwann klar, dass eine Rückkehr an die Arbeitsstelle nicht möglich ist wegen der dann zu erwartenden gesundheitlichen Folgen. Aber auch und gerade bei Mobbing gibt es ja auch Widerstände, einfach so den Rückzug anzutreten. Das Gerechtigkeitsgefühl schreit auf: Warum soll ich gehen und der oder die Täter bleiben? Und natürlich ist es in den allermeisten Fällen nicht einfach, einen neuen Arbeitsplatz zu finden oder sich dem Arbeitsamt anzuvertrauen.

Und schließlich ist „Empfehlen“ hier auch nicht das richtige Wort. Dieser Prozess der Entscheidungsfindung findet im Dialog mit der Patientin oder dem Patienten statt, eine einfache „Empfehlung“ ist das in keinem Fall.
Letztlich schreibe ich da meistens so etwas wie „im Laufe der letzten Monate“ oder ähnliches drüber und streiche das „am“ durch.

Also alles in allem ein etwas verbesserungswürdiges Formular, das versucht, komplexe Entscheidungsprozesse auf ein konkretes Datum zu reduzieren.

Das schlimmste in letzter Zeit aber war eine Bescheinigung für die Uni. Eine Patientin von mir war über mehrere Monate an einem ängstlich-depressiven Syndrom erkrankt und konnte in diesem Zeitraum nicht an ihrer Abschlussarbeit schreiben. Also wollte sie den Abgabetermin etwas nach hinten verschieben und bat mich um ein entsprechendes Attest, das ich ihr gerne ausgestellt habe.
Aber dann: Auftritt des Formulars „Antrag auf Rücktritt von einer Prüfung aus einem nicht selbst zu vertretenden Grund“ der LMU München.
Wie erwähnt ging es nicht um einen Rücktritt von einer Prüfung, sondern um die Verschiebung des Abgabetermins einer Arbeit. Aber gut, dann hat dieses Formular eben mehrere Funktionen …

Auch hier wieder das Problem, dass die Symptomatik an einem bestimmten Datum hätte festgestellt werden sollen. Warum das in meinem Fachgebiet meistens nicht klappt, habe ich bereits erläutert. Ich habe wieder meinen Trick vom Arbeitsamtsformular angewendet und beim Zeitraum der Erkrankung „Herbst 2023“ hingeschrieben und „vom“ sowie „bis zum“ durchgestrichen.
Aber wo das Arbeitsamt noch die Botschaft versteht, bestand die Uni auf einem genauen Anfangs- und Enddatum der Erkrankung. Ich sollte also ausfüllen, an welchem Datum die Depression sich so weit verschlechtert hatte, dass eine Beschäftigung mit der Abschlussarbeit nicht mehr möglich war. Und ab welchem Datum es dann wieder ging.
An diesem Punkt sollte man sich eigentlich die Zeit nehmen und mit der Uni argumentieren, dass diese Angaben nicht zu treffen sind. Vielleicht hätte ich das zu Beginn meiner Praxistätigkeit auch gemacht, denn bürokratischer Unsinn sollte nicht einfach so hingenommen werden. Aber meine Patientin und ich haben das dann pragmatisch gelöst und das Attest, ausgestattet mit einem Anfangs- und Enddatum der Erkrankung hat seine Pflicht getan.

Es gäbe noch mehrere Beispiele, bei denen ein ausformuliertes Attest wesentlich aussagekräftiger wäre als das Ausfüllen starrer und oft unpassender Vordrucke. Aber die Bürokratie verlangt nach Einförmigkeit und möchte individuelle Sachverhalte lieber eingesperrt in sperrige Formularkäfige sehen.

Ist es Resignation oder Pragmatismus, wenn ich mich dem beuge?

Für mich ist es eine Mischung aus beidem. Aber mit einer kräftigen Prise Humor und einem kreativen Ansatz beim Ausfüllen ungelenker Formulare lässt sich das aushalten.

Peter Teuschel

6 Responses
  1. Inge Blattenberger-Tauscher Antworten

    Lieber Herr Dr. Teuschel,
    danke für den treffenden Beitrag. Meinen Umgang mit derartigen Formulare n habe ich immer als „kreative Prosa“ bezeichnet…

  2. … ja. Überall sitzen auch „nur Menschen“, die alle ein bisschen Abwechslung und Erfrischung gebrauchen können.
    Sicherlich sagt nicht jeder Danke, aber gebrauchen können sie sie alle. 😉
    (Ich habe auch schon Amtsbriefe mit rosa Buntstift beantwortet.
    Sobald man die Form bricht, entsteht ein Raum. Dieser Raum ist nötig, für alles Kreative und Lebendige auf diesem Planeten.)

  3. Rudolf Scheutz Antworten

    Teil des Problems ist die E-Welt, die Menschen alle Arbeit abnehmen will. Diese Menschen wissen dann nicht mehr, was sie tun sollen, werden depressiv und lassen sich dann von Maschinen behandeln.

  4. Bürokratische Formulare stellen ein behördeninternes und externes Rechtfertigungs-Schema dar; zumindest sind sie ein Versuch, etwas scheinbar Eindeutiges für ein behördliches Ja oder Nein zur Verfügung zu stellen. Oft leider mit wenig Realitätsbezug und mit minimaler Flexibilität. Dann scheint es auch interne Kräfte zu geben, die sich mit Überarbeitung der existierenden Formulare intern profilieren möchten oder/und alle Eventualitäten dabei berücksichtigen oder bisher behördlich unbeachtete Ansprüche systematisch ausschließen möchten.
    Mobbingbetroffenen, die mit dem Gedanken spielen, mittelfristig den Arbeitsplatz zu verlassen, rate ich, ihre Arbeitsagentur schon weit vor einer ins Auge gefassten Kündigung zu kontaktieren und darauf hinzuweisen, dass für sie eine schwer erträgliche berufliche Situation entstanden ist, die möglicherweise zu einem gesundheitlich/psychisch/gewaltförmig bedingtem Verlust des Arbeitsplatzes führen könnte. Parallel sollten sie sich trotz bestehendem Arbeitsvertrag arbeitssuchend melden. Dieses vorausschauende Signal hilft relativ häufig, eine Sperrfrist zu vermeiden, wenn später tatsächlich eine Eigenkündigung erfolgt oder ein Auflösungsvertrag unterschrieben wird.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.