Corona demaskiert

Ich kann gar nicht mehr genau sagen, ob es beim Science March oder bei der Fridays for Future-Demo war. Jedenfalls waren die Stimmung und das Wetter gut und wir bewegten uns auf der Brienner Straße in München in Richtung Odeonsplatz. Aufgrund der vielen Teilnehmer waren Ordner bemüht, die Demonstrierenden auf der Straße und die Gehsteige für Passanten frei zu halten. Ein junger Mann mit Megaphon sorgte dafür, dass keiner durch die Demonstrierenden behindert wurde. Plötzlich scherte ein Demonstrierer neben uns aus und lief auf den Gehsteig. Er schwenkte eine Fahne, auf der groß „ANARCHIE“ stand. „Rauf auf die Gehsteige“ rief er und lachte. Es war ein hübscher Junge, lange Haare, breites Lächeln. Während die meisten Demonstranten die Notwendigkeit von freien Gehwegen einzusehen schienen, war er in seinem Element. Er war das personifizierte „Gegen-alle-Regeln“-Prinzip.

Ich fühlte mich zurückversetzt in eine längst vergangene Zeit in den 1970er Jahren, als das Aufbegehren gegen jede Form von Bevormundung die jungen Leute in zwei Lager teilte. Die „Braven“ und die „Revoluzzer“. Ich selbst war damals in einem Zwiespalt. Einerseits hatte die Fraktion der Unangepassten durchaus etwas Attraktives, Wildes und Verlockendes, andererseits fühlte ich mich, wenn ich ehrlich zu mir war, eher einer rationalen Überprüfung der jeweiligen Standpunkte verpflichtet. Aus diesem Dilemma entstand eine nicht unerhebliche Ambivalenz: Ich sympathisierte einerseits mit der Position der Aufwiegler und beurteilte andererseits viele ihrer Aktionen und Standpunkte als schlicht kindisch und irrational.

Genau so ging es mir mit dem Anarchiefahnenschwenker. Netter Typ, aber das, wozu er aufrief, war völliger Blödsinn. Ungehorsam um des Ungehorsams willen.

Jetzt, in unseren Corona-Zeiten, geht es mir ähnlich.

Einerseits kommt ganz aktuell die Pflicht zum Tragen von Masken, andererseits scheint das Virus bei vielen Menschen eine geradezu demaskierende Wirkung zu haben. Für mich kam es dadurch in den letzten Wochen zu einer Reihe von Enttäuschungen.

Ich spreche nicht von den üblichen Schwurblern, Verschwörungstheoretikern und Wichtigtuern, die sich wie zu allen Zeiten bemüßigt fühlen, ihrer Bedeutungslosigkeit durch die Verkündung von Unsinnigem und Wirrem entfliehen zu wollen.

Nein, ich spreche von Zeitgenossen, die sich unser Gehör verdient hatten. Menschen, vor denen ich Respekt hatte, deren Wort mir etwas galt. Und von denen ich jetzt den Eindruck gewinne, dass sie nicht mit der neuen Situation umgehen können. Sie scheinen nicht die Einzigartigkeit der aktuellen Lage zu erkennen und reagieren wie der junge Fahnenschwenker auf der Demo. Ihnen ist es wichtig, dagegen zu sein, ob es Sinn macht oder nicht.

Ganz aktuell formieren sich viele dieser Meinungsträger unter der Überschrift „Unsere Demokratie ist in Gefahr“. Sie unken über schleichende Entmündigung der Bürger und sehen das Grundgesetz bedroht. Letztlich eint alle diese Menschen eins: Das mangelnde Vertrauen in unseren Staat.

Natürlich sind Notstandsgesetze wie sie zur Zeit mit Ausgangsbeschränkungen und Shutdown des öffentlichen Lebens praktiziert werden, nicht das, was wir alle wollen. Von Anfang an war aber klar, und das wurde und wird auch deutlich kommuniziert: Es geht um die Gesundheit und das Leben vor allem der Älteren, aber auch der Kranken und der Risikogruppen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es doch sehr, wenn beispielsweise der Philosoph Julian Nida-Rümelin, der in München immer noch einen sehr guten Ruf genießt, sich mit der Forderung nach raschen Exitstrategien und „Cocooning“ (also der selektiven Abschirmung Älterer und Gefährdeter) zu Wort meldet.
Ebenfalls seltsam mutet die Besorgnis von Heribert Prantl (SZ) an, der sich regelrecht in einen prinzipiellen Standpunkt (Gefährdung der Grundrechte) verbissen zu haben scheint.
Persönlich am meisten schmerzt mich aber die Selbstpräsentation des von mir sehr geschätzten Liedermachers Konstantin Wecker, der sich bemüßigt fühlt, seinen Anti-Nazi-Hammer „Willy“ in einer 2020er Version auf die gegenwärtige Situation zu münzen.

Sie alle scheinen mir aus einem Reflex heraus zu agieren, der mir wie ein Echo altbekannter, einst sinnvoller und notwendiger Rufe erscheint. Ein Echo, das in den Räumen der neuen, unvergleichbaren Lage unseres aktuellen Lebens hohl und sinnentleert tönt, das niemand braucht und das niemandem hilft. Es bedient alte Feindbilder, vor denen vor Zeiten gewarnt werden musste, die jetzt aber nur Popanze sind, Windmühlen, aus alter Tradition bekämpft.

In meinen Augen sind das alles vergebene Chancen. Ein Sprichwort besagt, dass man dann erwachsen ist, wenn man etwas tut, obwohl es die Eltern empfehlen.
Viele unserer Meinungsmacher scheinen mir in einer immerwährenden Pubertät festzustecken, die sich gegen Mutter Merkel und Vater Staat wendet, auch wenn diese „Eltern“ zur Zeit alles tun, um Schaden von ihrer „Familie“ abzuwenden.

Peter Teuschel

7 Responses
  1. Rudolf Scheutz Antworten

    Situation in Oesterreich: unsere Regierung macht das ganz gut. Es ist aber auch die Zeit derjenigen, die ihren Frust abreagieren mit Anzeigen. Ich war mehr als 20 Jahre Mobbingopfer, habe mehrere 100 Menschen um Hilfe gebeten: niemand (darunter auch viele aus den Regierungsparteien) hat Anzeige erstattet.

  2. Lieber Dr. Teuschel,
    Erst einmal ganz herzlichen Dank für Ihren Blog! Es ist immer eine große Freude die Beiträge zu lesen und ich erwarte immer schon sehnsüchtig den nächsten Beitrag.
    Sie schreiben, „In meinen Augen sind das alles vergebene Chancen.“ Wie meinen Sie das ? Welche Chancen vergeben wir bzw. die Angesprochenen? Wie müssten wir uns verhalten um diese Chancen auch wahrzunehmen?
    Ein schönes Wochenende
    Chris

    • Danke für die Blumen!
      Eine vergebene Chance meint vor allem, dass es die „üblichen Verdächtigen“ nicht schaffen, angesichts der völlig neuen Lage nicht immer die selben alten Geschichten wiederzukäuen.
      Es gibt natürlich jetzt auch sehr viele Menschen, die sich bei der Bewältigung der Krise bewähren. Was wäre wichtig? Ich glaube, das große Ganze zu sehen und nicht isolierte Teilbereiche.

      • Das große Ganze zu sehen, das ist eine sehr gute Anregung! Ich werde es meinem Partner (ich würde ihn so nonchalant mal zu den „üblichen Verdächtigen“ zählen ) vorschlagen. Der Arme, wenn er wüsste, was für eine Diskussion ihm jetzt bevorsteht. Ach ja, Partnerschaft und Geld, das wäre doch auch mal ein Thema

  3. Lieber Herr Teuschel,

    Danke für Ihre oft so treffenden Kommentare zum Zeitgeschehen, wie auch jetzt zu Corona. Ich stimme Ihnen zu, auch ich bin erstaunt, wie sich meine Bewertung mancher Personen in er Corona-Krise verändert. Ihre Kritik an Konstantin Wecker – auch von mir hochgeschätzt – möchte ich nach Anhören des Videos aber zumindest relativieren. Ich bin selbst Arzt und Kollege von Ihnen und finde die aktuellen Maßnahmen der Regierung absolut sinnvoll und angemessen. Gleichzeitig denke auch ich, dass wir wachsam sein sollen, wie diese Maßnahmen in den nächsten Monaten fortgeführt und ggf. auch wieder zurückgenommen werden. Dass einige Länder (wie Ungarn) die Situation ausnutzen, um Bürgerrechte auch dauerhaft abzuschaffen, ist nicht von de Hand zu weisen. Und dass es auch in Deutschland Politiker gibt, die gerne mehr Neoliberalismus à la USA hätten (wo jetzt zig Millionen Menschen arbeitslos und ohne Krankenversicherung sind) oder mehr Befugnisse des Staates, ist ebenfalls klar. Insbesondere aber den Hinweis von Konstantin Wecker auf „Solidarität“, das man nämlich bei allem Schutz der Menschen in Deutschland den Rest der Welt nicht aus den Augen verlieren sollte, finde ich wichtig. Wenn man sieht, welche Summen in Deutschland plötzlich ohne Zögern ausgegeben werden, und das vergleicht mit den Bemühungen für Gesundheit und Leben von Menschen anderswo, kann man sich schon die Augen reiben. Jährlich sterben geschätzt 9 Millionen Menschen weltweit an Hunger, täglich alleine etwa 8000 Kinder unter fünf Jahren. Es geht mir nicht um ein entweder – oder, ich finde es gut, dass in der aktuellen Situation Gesundheit endlich mal höher bewertet wird als Geld und Wirtschaft. Aber warum tun wir das sonst nicht? Warum ist es uns sonst egal, was mit Menschen „woanders“ passiert? Warum sind wir sonst nicht bereit, nur ein Bruchteil des Geldes auszugeben, bei uns in Deutschland oder anderswo? Hier „Solidarität“ zu beschwören (was ja selbst innerhalb Europas schon kaum klappt), finde ich legitim. Von daher verzeihe ich Konstantin Wecker seine stellenweise auch für mich überzogenen Warnungen oder antifaschistischen Reflexe – sie sind friedlich, poetisch und für mich trotz allem wohltuend als Ausgleich zu den vielen anderen Stimmen.

    • …….vielleicht, wenn man alle Positionen wahrnimmt, kommt man dann dahin, wie angeregt, „das große Ganze“ wahrzunehmen und vielleicht relativiert sich in Zukunft so manche vorher eingefrorene Sichtweise, bestenfalls auch meine eigene

  4. Lieber Herr Dr. Teuschel, Es ist nicht gerade einfach, auf Ihren so guten Kommentar zu antworten. Ich versuche es ganz bescheiden an Hand von einigen, kleinen Beispielen. Heute Morgen habe ich in den Nachrichten gehört (HR3), daß sich der Hessen-Rundfunk einfallen ließ, den poln. Spargelhelfer, die jahrelang bei der Spargelernte geholfen haben, nun umgekehrt etwas zu helfen. Auf Grund der Corona-Situation haben sie kein Einkommen mehr, die Kosten für Lebensmittel etc. sind drastische gestiegen. Es wurde eine Hilfsaktion mit Grundlebensmitteln gestartet. Ich berichtete dies in meiner Hunde-Spazierrunde. Ein Kommentar: Polen stellt Forderungsansprüche an die BRD, wegen der Judenverfolgung. Mein Gegen-Kommentar: Damit haben die Erntehelfer nichts zu tun, dies sind 2 verschiedene Diskussionsebenen.
    Mein Mann und ich holen uns wegen der aktuellen Situation öfters das Essen von unserem Lieblingsgriechen. Auch an unserem Hochzeitstag mit einer Flasche Sekt. Den hätten wir tatsächlich im Keller gehabt. Wir hätten aber selbigen anläßlich des Tages auch im Lokal bestellt. Also, was solls. Wir können nicht die Welt retten, und können auch nicht in allen „unseren“ Lokale Essen bestellen,
    aber als kleines Rädchen im System einen kleinen Beitrag leisten.
    Mein Mann, niedergelassener Arzt, an vorderster Front macht mehr (unbezahlte) Hausbesuche als sonst. Mundschutz hat er sich nähen lassen…
    Es ist alles schwierig. Mein Zwischen-Fazit: Diese Situation bringt die Ego-Fratzen in extremer Form zutage und aber auch das verantwortliche Füreinander und Miteinander. Mein Mann hat bei dem derzeitigen Engpaß tatsächlich von einer Patientin selbstgenähte Gesichtsmasken bekommen.
    geschenkt bekommen.
    Wie sagte Böll schon ( ich glaube jedenfalls, daß es Böll war): In extremen Situationen zeigt sich der Wert und Glaubwürdigkeit einer Freundschaft. Ich denke, dies gilt auch für die derzeitige Situation.
    Justina

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