Wauthier/ Ackermann: Was heißt „privat“, was bedeutet „Verantwortung“?

Die Nachricht vom Suizid Pierre Wauthiers, des Finanzvorstands der Zurich Insurance Group, bekam durch den offensichtlich vorliegenden Abschiedsbrief, in dem er Josef Ackermann beschuldigt haben soll, „unerträglichen Druck“ auf ihn ausgeübt zu haben, enorme Brisanz.
Ackermann ist mittlerweile zurückgetreten.

Ich kenne den ganzen Hergang auch nur aus der Presse und will mich mit Interpretationen zurückhalten.

Allerdings habe ich gerade einen Artikel zu diesem Thema auf FAZ.net gelesen, den ich kommentieren möchte.

Der Artikel wurde von Georg Meck und Winand von Petersdorff verfasst. Ich möchte ihn hier nicht lang und breit zitieren, sondern auf zwei Dinge eingehen, die mir aufgefallen sind.

Wiederholt wird herausgestrichen, dass der Suizid Wauthiers eine „private Tat“ gewesen sei:

Doch diesmal hängt es an dem Selbstmord eines ihm unterstellten Managers, einer höchst privaten Tat.

Damit lässt sich der Konzern auf Wauthiers Rhetorik ein, die das Geschäft mit dem Privaten vermengt.

Oder aber es ist seine Pflicht, den Konzern zu schützen gegen die Vorwürfe einer traumatisierten Witwe, die einen externen Grund sucht für eine höchst private Tat.

die höchst private Tat und mögliche konzerninterne Fehlentwicklungen.

Diese fast schon mantraartig erscheinende Formulierung und die eigenartige Übersteigerung („höchst private Tat“) scheint mir mit Bedacht gewählt.

Die Bezeichnung des Suizids als „private Tat“ suggeriert, dass hier keinerlei Verbindungen zu geschäftlichen oder beruflichen Auslösern oder Belastungen bestehen. Warum dies den Autoren so wichtig ist, weiß ich nicht.

Der zweite Punkt betrifft das Stichwort Verantwortung:

Den größten Druck konnte der Selbstmörder selbst erzeugen, weil Tote immer recht haben und weil er etwas machte, was man nicht macht, nämlich andere für die eigene finale Tat verantwortlich zu machen. Einen Selbstmord zum Mord umzudeuten – geht es brutaler?

Wer aber mag für einen Selbstmord Verantwortung übernehmen außer dem, der sich das Leben genommen hat?

Ich meine, dass beide Sprachregelungen in die Irre führen.
Zunächst denke ich, dass ein Suizid eine persönliche Sache ist, aber nicht zwangsläufig eine private. Es ist die wohl einsamste und intimste Entscheidung, die ein Mensch treffen kann, also wirklich etwas zutiefst Persönliches. „Privat“ aber suggeriert wie schon erwähnt, dass keine Zusammenhänge nach außen bestehen, dass also ein Suizid niemals etwas Politisches sein könne.

Wer aber würde beispielsweise den Suizid eines Selbstmordattentäters als „Privatsache“ bezeichnen?

Und deshalb ist dieser Suizid genau ab dem Zeitpunkt, da Wauthier Vorwürfe gegen Ackermann erhoben hat, eben nichts „Privates“ mehr.

Dann die Sache mit der Verantwortung: Es stimmt, dass nur der Suizidant die Verantwortung für seinen Schritt trägt. Eine andere Ebene ist aber die der Schuld. Und hier muss man ganz klar sagen, dass natürlich an einem Suizid externe Umstände, Einflüsse oder auch Personen eine (Mit)Schuld tragen können. Und genau das ist die Frage in der Wauthier/ Ackermann-Affäre, ob hier jemand schuldig geworden ist, weil er einen anderen so unter Druck gesetzt hat, dass dieser keinen Ausweg mehr gesehen hat.

Um es klar zu sagen: Weder unterstelle ich Ackermann, er sei Schuld am Suizid Wauthiers noch ergreife ich sonst Partei für den Toten. Dafür kenne ich weder die Hintergründe noch gar Interna.

Aber die seltsame Instrumentalisierung der Sprache in dem genannten Artikel finde ich unangebracht und tendenziös.

Peter Teuschel

16 Responses
  1. Sehr geschätzter Herr Dr. Teuschel!
    Ihre Worten schließe ich mich vollinhaltlich an.
    Es ist seit Jahren bekannt, dass Mobbingopfer eine Suizidrate von ca. 20 % haben – allen Tatsachen zum Trotz haben jedoch „solche“ Suizide natürlich niemals einen beruflichen Hintergrund…. (!). Dies hängt mit der Zwangsnegierung von Unternehmen zu Mobbing zusammen – in Firmen passt natürlich „immer alles“ …..

    Ackermann ist lt. Presseberichten auf Druck der Witwe zurückgetreten (möglicherweise hat sie mehr als genug Informationen und Hintergründe zum Suizid ihres Mannes?) – denn wie sonst könnte es sein, dass ein Hochrangiger des Unternehmens „auf die Bitte“ der Witwe ganz einfach so zurücktritt? Vlt. weil sonst sämtliche Machenschaften an die Presse gegangen wären?

    Beide Selbstmorde sind schwer erschütternd.
    Aber auch erschütternd ist, dass man von „solchen“ Suiziden nur liest, wenn es ranghohe Unternehmen betrifft. Die Suizide von Menschen aus „nicht so wichtigen“ Unternehmen finden nirgendwo mediale Erwähnung. Somit widme ich meinen Beitrag auch all den verzweifelten Menschen, die den gleichen Schritt setzten, aber niemals beachtet wurden.

    IN MEMORIAM zu Herrn Wauthier und Herrn Carsten Schloter (Swisscom – 1 Tag vor dem Suizid wollte er die Kündigung einreichen) habe ich auf meiner Website ein Gedenken gesetzt.

    http://www.selbsthilfegruppe-mobbing-graz.at/in-memoriam/

    Ebenso anderen Opfern psychischer Gewalt, zB Frau Silvia A. (40), Bedienstete des Rathaus Wien. http://www.unzensuriert.at/content/005042-Mobbing-im-Rathaus-Bedienstete-warf-sich-vor-U-Bahn.

    Zum innigen Gedenken an alle Opfer von Mobbing & psychischer Gewalt, Eva

  2. Sitze gerade im ICE aus Leipzig. Ich habe am Patientenkongress für Depression teilgenommen. Dort wurde das Thema Leistungsdruck im Arbeitsleben und der Suizid des schweizer Managers auch kurz angesprochen. Ebenfalls ohne Stellungnahme und Bewertung durch den Dozenten.
    Der Vorfall hat wohl nicht nur bei Ihnen ein „Geschmäckle“ hinterlassen.

      • Ja, die Eva hat hier schon den entsprechenden Link genannt.
        Da auch der MDR mit Kameras dabei war, ist zu erwarten, das in den nächsten Tagen dazu etwas im Fernsehen kommen könnte.
        Auf der Internetseite vom MDR habe ich heute dazu jedoch noch nichts gefunden.

        Im Workshop am Nachmittag hattte ich mich für einen Film entschieden. Leider mit einer falschen Erwartungshaltung. (War damit aber nicht allein) Dabei ist der Film richtig gut:

        http://www.vorstellungsgespraech-film.de/

        Dieser Film wurde mit Sponsorengelder von div. Firmen finanziert. Leider alles ehr größere Firmen, wie uns gesagt wurde, bei denen die Einsicht in die psychische Seite des Arbeitslebens ohnehin schon sensibilsiert ist. Kleiner Firmen meinten ehr, dafür nichts übrig zu haben. Leider sieht es in der Realität ehr so aus, das ältere Bewerber kaum mehr eine Chance haben in einer größeren Firma mit umfassenden Sozialleistungen neu beginnen zu können, sondern ehr von kleineren Firmen aufgegriffen werden.
        Da dreht sich dann für mich der Hund wiedermal im Kreis.

        Auch darum: Absicht ist es im Film, das der Bewerber älter ist als sein (zukünftiger) Chef. Der Grund hierfür war aber ehr die Altersstruktur im Land. Immer mehr ältere auf zu wenig junge Leute.
        Dieser Film soll in Zukunft Betriebsräten und Führungskräften im Personalbereich vorgespielt werden. Er soll zur Diskusion anregen, nach dem Motto, wer diskutiert muss nachdenken und sich auch anderen Meinungen stellen.

        Was ich an dem Kongress vermisste, war die Möglichkeit, das zum Ende eines jeweiligen Vortrages es keine Gelegenheit gab Fragen zu stellen.
        Ansonsten war er informativ und unterhaltsam gestaltet.

        Ich dachte bei den verschiedenen Vorträgen dabei auch an Sie.
        Es war niemand dabei, der zu dem Bezug von Mobbing und Depression einen Vortrag vorbereitet hatte. Vielleicht möchten Sie ja in zwei Jahren dazu diese Lücke füllen. Als kleines „Goody“ würden dann auch ihre Bücher im Foyer des Gewandhauses verkauft werden. 😉

  3. „Einen Selbstmord zum Mord umzudeuten – geht es brutaler?” “ Tote haben immer Recht !“Was sollen denn diese Aussagen bedeuten ? Geht es emphathieloser, geht es dümmer? Wohl kaum, freilich kann es für Suizid auch externe Verantwortung geben:
    es gibt Mobbing, es gibt so etwas wie Rufmord, es gibt genug Gründe, die einem jeden Lebensmut rauben können und durchaus im externen Umfeld des Toten zu finden sind.
    Dieser würdeloser Artikel aus dem Wirtschaftsteil der FAZ ist eine Frechheit.
    Macht mich tatsächlich wütend, bestätigt mich aber in meiner Meinung, die ich über diese Zeitung habe.
    Egal in welcher gesellschafftlichen Schicht ein Suizid begangen wird, meist ist er auch sowas wie ein letzter, lauter, verzweifelter und vergeblicher Hilferuf, so wie es Don Mac Clean in seinem wunderbar melancholischem Song „Vincent“ besingt: They would not listen, they do not know how,
    perhaps they`ll listen now…..

  4. Sie sind ja ein Pessimist ( oder besser Realist ) Herr Teuschel, aber Sie haben Recht, das ist die letzte Strophe des Liedes von Don MacLean.Wenn wir schon bei der lyrisch unterwanderten Musik sind, fällt mir darauf spontan unser Freund Konni Wecker ein, den ich hier zitieren möcht aus seinem Lied vom Willy : “ Man muaß weiterkämpfen Willy, weterkämpfen bis zum Umfalln, a wenn die ganze Welt an Arsch offen hat oder g`rad deswegn.“
    Und die Tatsache, dass Ackermännchen zurückgetreten ist, gefällt mir irgendwie. Im Prinzip ist es kein Rücktritt sondern eher ein Fortschritt.

    • Andererseits hätte ich mir gewünscht, er wäre geblieben und es wäre Stück für Stück durchgesickert, was da wirklich gelaufen ist. So hat er es sich letztlich leicht gemacht und man hat es ihm leicht gemacht, mit so einer schwammigen Aussage wie sie in dem Artikel zitiert ist, einen halbwegs eleganten Abgang zu hinzulegen.
      Für die öffentliche Bewusstheit, was ernsthafte Konflikte am Arbeitsplatz auslösen können, wären mir hier möglichst viele Details, die man auch in der Zeitung lesen kann, wichtig gewesen. Ich denke nicht, dass wir die noch zu sehen bekommen. Das ist sicherlich schon alles „intern geregelt“ worden.
      Aktuell wissen wir nichts und dürfen nichts unterstellen. Unbefriedigend.

      • Da gebe ich Ihnen schon recht. Dennoch:
        Wenn ein Konzernvorstand bekannt gibt, er ist auf „Bitte“ der Witwe zurückgetreten – sagt das eigentlich alles über seine Person aus…
        (Mit dem Hinweis, er möchte seiner Firma nicht schaden und bleiben…).

        Oh… das Schlimme am Mobbing ist, dass die Betroffenen selber glauben, sie schaffen es und es MUSS schaffbar sein… Dabei übersieht man mE selber, wie extrem zerstörerisch dies psychische Gewaltausübung ist… Man übersieht den Zeitpunkt, wo einen die Verzweiflung, Depression & Aussichtslosigkeit schon innerlich zerfressen hat… und kippt in den Suizid… Es ist grausamst, aber genau das ist es, was (sadistische, narzisstische) Psychopathen mit einem machen…

        http://dieaktuelleantimobbingrundschau.wordpress.com/2011/02/28/der-tragische-selbstmord-von-herrn-mag-hametner-mobbing-opfer/

        http://www.unzensuriert.at/content/005042-Mobbing-im-Rathaus-Bedienstete-warf-sich-vor-U-Bahn

        Die Vertuschung von Suizidzahlen bzw. von Suizidgründen ist noch ein eigenes Thema…

        Und hier könnten wir auch dem 21-jährigen Praktikanten gedenken, der nach 3 Tagen durchgehender Arbeit tot unter der Dusche umfiel….

        http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/rektor-der-whu-zum-tod-des-studenten-moritz-erhardt-a-919096.html

        Tod durch Arbeit – in allen Fällen?
        Ich glaube, in noch wesentlich mehr Fällen… aber.. diese werden wohl nicht publik.. und verschwinden in der jährlichen Suizidstatistik.. die man am besten gar nicht veröffentlicht.

        Oh – habe ich schon erwähnt, dass im Statistik-Austria-Programm Mobbingbetroffene nur bis 2007 aufgeführt werden. Danach ist KEINE Statistik mehr zu finden. Ich habe die Statistik-Austria angeschrieben: Auskunft: Es GIBT keine Statistiken über Mobbingbetroffene…
        Nun.. auch eigenartig. Die Arbeiterkammer gibt selbst an, dass 18-20 % aller unselbständig Erwerbstätigen von Mobbing betroffen sind…

        Keine Statistiken mehr (vertuscht?)
        Keine ICD-10-Zusatzcodes für Mobbing (dann könnte man das Ausmaß feststellen)
        Keine einzige richtige Diagnose für psychische Gewaltopfer von Mobbing (denn KUMULATIVE posttraumatische Belastungsstörung ist im ICD-10 nicht enthalten) – ob das auch unter: Was es nicht geben darf, gibts nicht“ fällt.
        Es gibt schließlich auch keine Codierung für Folgen von Folter (denn die gibts ja auch international auch nicht! Nicht wahr…?).

        Ja, und wo wir schon dabei sind:

        Mobbing gibts ja auch gar nicht…..

        http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/martin-wehrle-warum-mobbing-opfer-von-chefs-keine-hilfe-erhalten-a-879386.html

  5. …. und die vielen kleinen Ackermänner in den übrigen Betrieben, die nicht zurück treten, weil sich keine Medien dafür interessieren, machen mir Angst. Da ist moch viel Bewußtseinsarbeit zu leisten.

  6. ES IST UNGLAUBLICH UND UNFASSBAR (für mich), dass es Zeitungsartikel von Suiziden in Führungsetagen gibt (wo Zuständige sang- und klanglos zurücktreten).. und das Wort MOBBING NICHT erwähnt wird..

    http://derstandard.at/1376535115268/Eine-Frage-der-Firmenkultur-Stress-im-Job

    Work-Life-Balance nicht ausgewogen
    Arbeitsbelastung
    Stress
    immerhin werden Stellungskürzungen und Kündigungswellen erwähnt…

    ABER DIE URSACHE, die am ehesten möglich ist, wird TUNLICHST verschwiegen.

    Mein Gott – WIE LANGE wird es noch brauchen, bis diese Zwangsnegierung von Mobbing mal aufhört?

    Mit so viel idiotrischer Ignoranz hätte Dr. Leymann wohl nicht gerechnet….

  7. Die Ärztezeitung, die von mir bereits mehrmals kontaktiert wurde, betreffend Sachlage der ärztlichen Betreuung von Mobbingopfern bzw. über Erwähnung von Mobbing und psychischer Gewalt und deren Folgen, hat sich nie zurückgemeldet – nicht mal eine Antwort bekommt man von dort…

    Der neue Artikel zeigt wieder, wie LASCH mit dem Thema umgegangen wird..
    Eine „Anti-Stress-Verordnung“?

    http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/default.aspx?sid=845503&cm_mmc=Newsletter-_-Newsletter-O-_-20130906-_-Neuro-psychiatrische+Krankheiten

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