Sterbehilfe als Trauma

Immer wieder erscheinen Berichte über Patienten mit posttraumatischen Symptomen, die im Gefolge von Belastungen entstanden sind, die den Kriterien für diese Diagnose nicht genügen.

Beispielsweise finden sich im Gefolge von Mobbing zwar nicht häufig, aber doch vereinzelt psychische Störungen, die Symptome einer PTSD (posttraumatic stress disorder) zeigen.

Über die natürliche Geburt als Risikofaktor für die Entstehung einer posttraumatischen Belastungsstörung habe ich vor kurzem berichtet.

Außerdem geraten mehr und mehr eher ungewöhnliche bzw. bisher nicht beachtete Situationen in den Blickpunkt der Trauma-Forschung.

So berichtet eine aktuelle Studie aus der Schweiz über eine ganz besondere Form der Belastung mit hohem PTSD-Risiko.
Befragt wurden 167 Personen (Verwandte und enge Freunde), die bei einem assistierten Suizid der Organisation EXIT Augenzeuge waren. Diese in der Schweiz agierende Sterbehilfe-Vereinigung hat nach eigenen Angaben 60000 Mitglieder, die für einen Jahresbeitrag von 45 CHF Anspruch auf eine tödliche Dosis eines Barbiturats haben, wenn sie sich für einen Suizid entscheiden.

Von den mittels Fragebogen kontaktierten Personen antworteten 85. Von diesen erfüllten 13% die Kriterien einer PTSD, weitere 6,5% zeigten Smptome einer unvollständigen Belastungsstörung.

© Dan Race – Fotolia.com

Trotz methodischer Mängel der Studie gibt sie deutliche Hinweise darauf, dass Augenzeugen eines assistierten Suizids durchaus einer Belastung ausgesetzt sind, die als traumatisch angesehen werden muss.

Zu Recht weist das Deutsche Ärzteblatt darauf hin, dass diese Tatsache mit dem Anspruch eines „sanften Todes“ kontrastiert, zumindest was die betroffenen Angehörigen oder Begleiter betrifft. So ist der assistierte Suizid ein zwar nachvollziehbares, aber doch nach meiner Kenntnis bislang kaum beachtetes Risiko für die Ausbildung einer PTSD.

Peter Teuschel

Bericht im Deutschen Ärzteblatt

 

 


4 Responses
  1. Ich meine, ich habe mal eine Doku darüber gesehen, wie ein Mann mit Hilfe dieser Organisation Suizid begangen hat. Ich glaub die hieß „Tod nach Plan“ oder so… Ich fand schon allein die Reportage total verstörend.
    Ich war dabei als meine Oma starb. Das war okay, denn sie war krank und alt und ich denke, ich habe den Sterbeprozess gut weg gesteckt (Trauer war natürlich trozdem da).
    Aber dabei sein, wenn jemand Selbstmord begeht möchte ich nicht. Meine Freundin kämpft gerade mit der Verarbeitung eines solchen (allerdings unfreiwilligen) Erlebnis, weil eine Teenagerin meinte, sich drei Meter von ihr entfernt vor den ICE werfen zu müssen… Nicht schön sowas.

    • Als ich es gelesen hatte, dachte ich mir na klar, das muss ja traumatisierend sein.
      Schon eigenartig, dass das bisher kaum zur Sprache kam, wie es eigentlich den Augenzeugen eines geplanten Suizids geht.

  2. Ich finde die Studie nicht sonderlich aussagekräftig ohne Kontrollgruppe. Natürlich ist es belastend dabei zu sein wie ein geliebter Mensch stirbt. aber auf die Art ist es womöglich weit weniger belastend als wenn jemand wirklich kämpft und leidet bis der Körper von selbst versagt. Ich kenne im umgekehrten Fall auch Menschen, die noch immer vom Bild ihrer an Krebs gestorbenen und völlig ausgezehrten Angehörigen verfolgt werden. Oder darunter leiden, nicht da gewesen zu sein als der Tod schließlich eintrat. Oder selbst die entscheidung treffen mussten die Maschinen abzustellen.
    es gibt eben keine „schöne“ oder „perfekte“ Art einen wichtigen Menschen zu verlieren, daher wird man ohne Kontrollgruppe immer zum Ergebnis kommen, dass die hinterbliebenen bei Todesart X leiden.

    • Stimmt natürlich was die Studie angeht. Was mich dabei so interessiert hat, ist die hohe Anzahl posttraumatischer Störungen. Offensichtlich können halt nicht nur die in der ICD 10 geforderten Katastrophenerlebnisse eine PTSD auslösen, sondern auch der attestierte Suizid, die natürliche Geburt, Mobbing, …
      Mit dieser Diagnose stimmt etwas nicht. Ich denke es ist die völlig unzureichende Berücksichtigung von Vulnerabilität / Resilienz. Die ICD 10 hat einige Schwachstellen, die PTSD ist eine davon.

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