Psychiatrische Gutachten: Berufsunfähigkeit, psychologische Testung und die NSA

Pfingstmontag. 28 Grad.
Was macht der Psychiater da?

Baden? Biergarten? Bummeln?

Nein, arbeiten natürlich!

Gut, Mitleidheischmodus aus.

Heute sind mir wieder zwei Gutachten untergekommen, die erneut die ganze Problematik vieler Begutachtungen zeigen.
In beiden Fällen ging es um die Frage der Berufsunfähigkeit. Beide Probanden wurden ausführlich psychiatrisch untersucht sowie psychologisch getestet.
Die psychiatrischen Untersuchungen waren jeweils nicht zu beanstanden.

Das Problem war, dass sich beide Gutachter in ihrer Einschätzung auf die Ergebnisse der psychologischen Testung verlassen haben. Diese Testung war von beiden Probanden erfolgreich absolviert worden, das heißt, keiner der beiden zeigte einen Leistungsabfall während der mehrere Stunden andauernden Prozedur.

Beide Probanden hatten auch in den immer mitlaufenden Tests zur Simulation/ Aggravation normale Werte, was bedeutet, dass kein Hinweis für ein absichtlich schlechtes Testergebnis  vorlag.

Gut, sagten sich die beiden Gutachter, wenn so ein Test ohne Probleme klappt, ist der Proband wohl gut arbeitsfähig und belastbar.

Und genau da liegt der Irrtum. Dieser Schluss ist falsch. Beide Probanden zeichnen sich durch ein sehr hohes Anspruchsdenken an sich selbst aus; diese an Perfektionismus grenzende Haltung hat auch beide an den Rand des Burnouts geführt.

Solche Menschen können sich schon mal einen Tag für eine Testung konzentrieren und sogar gute Ergebnisse erzielen.

Beide berichteten aber auch, dass sich ihr Zustand nach der Begutachtung deutlich verschlechtert habe, dass diese Konzentrationsleistung, bei der sie alles mobilisiert hatten, was an Kräften noch da war, eine Überforderung war.

Interessanterweise erklärten sich beide Gutachter die Diskrepanz zwischen den Schilderungen der Patienten und dem Testergebnis damit, dass eine „subjektive Wahrnehmung“ im Rahmen der Depression dazu führe, dass der Proband sich in seiner Leistungsfähigkeit als schlechter empfinde, als er tatsächlich sei. „Beweis“: das gute Testergebnis.

Nach meiner Einschätzung (die unter anderem auf der mindestens einjährigen Behandlung dieser Probanden als meine Patienten beruht) ist das ein Fehlschluss.

Man kann nicht nach einem einmaligen Test auf die Belastbarkeit über Tage, Wochen und Monate hinweg schließen!

Dieses Dilemma der psychiatrischen Begutachtung ist nicht leicht zu lösen. Aber auf diese Weise macht es jedenfalls keinen Sinn.

Seit einigen Jahren ist eine deutliche Tendenz zu erkennen, in psychiatrischen Gutachten das Hauptgewicht auf die „Messung psychischer Symptome“ zu legen. In dieser Sackgasse ist dann plötzlich alles möglich: Schneidet der Patient bei der Testung schlecht ab, so weist das auf „Verdeutlichungstendenzen“ hin, schneidet er gut ab, so sieht er sich offenbar schlechter als er ist. In beiden Fällen kann nach dieser gutachterlichen Logik der Anspruch auf Leistungen von der Versicherung abgelehnt werden.

Ich kann die Angst der Versicherer manchmal schon nachvollziehen. „Es kann ja jeder alles behaupten“, sagen sie. Damit misstrauen sie aber sowohl ihren Versicherten als auch dem Gutachter. Letzterem in seiner Kompetenz, ein aussagefähiges Gutachten zu erstellen und die Schilderungen des Probanden mit dem psychischen Befund und sowohl der geltenden wissenschaftlichen Meinung als auch seiner Erfahrung abzugleichen.

Der Ausweg aus dieser Denkfalle? Bestimmt ist es nicht noch mehr Testung und Messung und Misstrauen. So funktioniert die Psychiatrie nicht.

Was passiert, wenn ich alle nur noch argwöhnisch betrachte und immer davon ausgehe, dass man mich hinters Licht führen will? Ich werde eines immer mehr verstärken:

Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle.

Übrigens habe ich neulich gehört, dass die NSA einen Teil ihrer Einnahmen dadurch bestreitet, dass sie Kurse für deutsche Versicherer anbietet: „Basisüberwachung von Versicherungsnehmern. Möglichkeiten und (leider noch) gesetzliche Grenzen.“

„Echt jetzt?“

„Nein, war nur Spaß!“

„Ist aber nicht lustig!“

„Nein, wirklich nicht.“

Peter Teuschel

23 Responses
  1. Ich habe 2 private BU-Versicherungen, und komme gerade vom zweiten Gutachtertermin….Leider muss ich Ihren Ausführungen recht geben….ich habe versucht mich zu konzentrieren, war nass geschwitzt und habe gezittert, und dann die Aussage „kassiert“…sehen Sie, es ist vorbei, sie haben es doch gut geschafft….ich fühle mich gerade wie nach einem Marathon….ich bin jetzt seit einem Jahr krankgeschrieben, meine Ärztin, ein unabhängiger Gutachter meiner privaten Krankenversicherung sind der Meinung ich kann meinen Beruf nicht mehr ausüben….die BU-Versicherer spielen auf Zeit und beauftragen Gutachter….Ich kenne die Ergebnisse noch nicht, aber ich habe mich auf jeden Fall gefühlt wie ein Schwerverbrecher…..
    Schade dass die Welt so verkommen ist….by the way…ich habe 20 Jahre Versicherungen verkauft….

    • Wenn Sie selbst Versicherungen verkauft haben, wissen Sie ja, wie wichtig das Prinzip Vertrauen dabei ist. Der Kunde ist bereit, in guten Zeiten zu zahlen für schlechte Zeiten, von denen jeder hofft, dass sie nie kommen werden. Tritt der Fall dann doch ein und die Versicherung verweigert/ verzögert die Zahlung, so ist die Enttäuschung groß. Beim Gutachter haben diese Menschen dann oft das Gefühl, wie Betrüger oder Simulanten behandelt zu werden. „Verkommene Welt“ ist ein guter Ausdruck dafür.

    • Hallo M.K. und hi Peter Teuschel.
      Bin gerade durch Zufall über den Blog gestolpert….und hab immer noch Gänsehaut.
      Mir passier gerade das Gleiche – wie MK. War ebenfalls in der Branche – habe Depression seit fast 4 Jahren – meine KV hat die BU bestätigt – meine BU-Versicherung schickte mich zum Gutachter (IMB!!) und lehnte ab. Nun muss ich klagen.
      Evtl. kann ich mit MK kontakt aufnehmen??? …

      Gruß.
      S.K.

      • …wie sich die Bilder gleichen… War über 10 Jahre in der Branche und kämpfe jetzt unfreiwillig seit Jahren…. Alle Gutachter (bis auf die der BU-Versicherung) sind sich einig. Einziges Ergebnis aus meiner Sicht: durch den Kampf und die damit verbundenen Ängste ist meine Verfassung nur noch schlechter geworden und eine Genesung in weite Ferne gerückt. Hätten die von Anfang an geleistet wäre ich jetzt wahrscheinlich längst wieder fit und in ‚Lohn und Brot‘.
        Kontakt und Zusammenschluss der Betroffenen wäre toll!

        Verkommene Welt – dem kann ich nur zustimmen 🙁

    • Wenn man sich jetzt fragt, warum es gerade so häufig die „eigenen Leute“ trifft…:
      1. Waren wir alle selbstständig und hatten entsprechend relativ hohe Rentenleistungen versichert… eben nicht nur ein paar hundert Euro monatlich. Es geht also um viel Geld. Wo es um viel Geld geht, da lohnt es sich in unserem System ganz besonders die Leistungen zu verweigern… so ist es leider nun einmal. Und da es genug „Schlechtachter“ gibt, die alles schreiben was ihre Auftraggeber gerne lesen möchten, ist es auch noch besonders einfach!
      2. Wer in der heutigen Zeit in unserer Branche erfolgreich sein will, der arbeitet bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit – leider oft auch über diese Grenze hinaus… 🙁
      3. Uns wird von Hause aus unterschwellig unterstellt, dass wir ja wissen „wie es geht“ und somit wird unsere Berufsgruppe, neben der Gruppe der medizinischen Fachleute immer besonders… „kritisch geprüft“..

      Das Leute wie wir dann dabei vor die Hunde gehen, dass interessiert doch niemanden!

    • ja, das ist die EINZIGE CHANCE!! Aber .. so viele… sind einfach… zu feig, oder zu beschäftigt 🙁 Soziales ehrenamtliches Engagement ist rar…
      Heute hab ich wieder von einer Gemobbten gehört, die war bei der Gleichbehandlungsstelle, die sagte ihr gleich ins Gesicht: Sie kann nichts tun für sie, denn sie hat das „Land“ als Dienstgeber!!!
      Eine steuergeldbezahlte Maschinerie von „Hilfs“stellen, die jeden aus dem öff. Dienst und staatsnahen Unternehmen fallen lassen – es ist zum KOTZEN!!!!
      Das nennt man systematisiertes Staatsmobbing!!!

  2. Hurra, Jesus lebt! Er heißt jetzt Dr. Winterer und arbeitet für ein IMB Institut in München. Wenn Ihr krank seid, wird Eure PKV keine Kosten und Mühen scheuen, und Herrn Dr. Winterer an jeden Ort in Deutschland laden, um Euch innerhalb von einer Stunde vollständige Genesung zu attestieren. Ich durfte dieses Wunder heute erfahren. Auch wenn Ihr in einer Millionenmetropole viele hundert Kilometer von München entfernt lebt, vertraut nicht auf die dort ansässigen Ärzte – alles Quacksalber, die Euch schon seit Jahren falsch behandeln -, denn nur die Expertise aus München befreit Euch von Eurem Leid und das im Handumdrehen.
    Wer hat noch Erfahrungen mit diesem Wunderheiler im Auftrag der Krankenkasse gemacht? Ich würde mich über Rückmeldungen freuen.

    • Hallo Audi, ich habe genau die gleiche “ Wunderheilung“ erfahren, allerdings in nur 20Min. – auf meinen Widerspruch hin hat die PKV Herrn Dr. Winterer beauftragt sein eigenes Gutachten zu begutachten. Man staunt: er kam zu dem gleichen Ergebnis!

      • Hallo Maria, ja genau. Der „Zauberer“ Priv. Doz. Dr. Winterer“ weiß alles über alles und hat immer recht 😉 Bezeichnend ist tatsächlich, dass dieser „Arzt“ seine eigenen Gutachten wieder gutachterlich beurteilen darf. Die Pervsion in Vollendung 🙂

  3. Wir mir scheint, machen sich die sich Versicherer die „unklare“ Formulierung des Wortes Berufsunfähigkeit zunutze, um die Verfahren in die Länge zu ziehen, darauf zu hoffen, dass Patienten/Versicherte nicht klagen und von einem zum nächsten Gutachter zu schicken.

    Unfähig zu sein, seinen Beruf auszuüben, muss nicht bedeuten, dass man nicht in einer anderen Form für seinen eigenen Unterhalt sorgen kann:

    1. entweder in einem gänzlich anderen Beruf, dann ist eine Umschulung sicherlich billiger und man kann darauf hoffen, dass der Versicherte durch den beruflichen Absturz nicht mehr in der Lage ist, die horrenden Versicherungsbeiträge zu zahlen und somit selbst kündigt. Trotzdem gut verdient.

    2. wer aufgrund von Depressionen, Angstzuständen, Konzentrationsstörungen, Erschöpfungszuständen nicht mehr Vollzeit arbeiten kann, schafft er das vielleicht noch zwischen 3 und 6 h täglich. Wenn Banken heutzutage so hoch spekulieren und darauf setzen können, staatlichen Rückhalt und „Recht“ zu bekommen, die Anleger auf der Stecke bleiben, warum sollten es Versicherungen nicht auch tun.

    3. wer nicht mehr unter Leute gehen kann, kann durchaus auch von zu Hause aus seine „Tüten kleben“.

    Wenn heute niemand mehr langfristig denkt und plant, sie machen es.
    Soweit zur Ethik und Moral.

    Der Ausdruck Erwerbsminderung scheint eindeutiger zu sein, egal, ob man sich dann noch minderwertiger, schlechter und als Simulant fühlt. Es impliziert im Gegensatz zur Berufsunfähigkeit, dass man selbst daran schuld ist.

    Kann ja nicht jeder das Glück haben, von der KK geschickt und der Gutachterin in ihrem eigenem Haus, trotz pünktlichen Erscheinens, früh morgens um 08.00 Uhr erst eine halbe Stunde mit der Begründung: „Ich musste erst meine achtzigjährige Mutter duschen“ begrüßt und eingelassen zu werden.
    Wenn Sie Ihnen dann noch gesteht, dass sie keine Ahnung von psychischen Erkrankungen und bisher ausschließlich Patienten mit Handicaps am Bewegungsapparat begutachtet (warum heißt das eigentlich gut, wenn es einem doch eigentlich schlecht geht?) hat und trotzdem einschätzt, dass sie nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt am Berufsleben und Alltag teilhaben können und das der KK auch so mitteilt, sind sie auf der sicheren Seite.

    Vielleicht sollten die Gutachter die Adrenalin- und Cortisolausschüttung vor, nach und während der Begutachtung messen.
    Zumindest wäre das ein handfester Beweis :mrgreen: Bei Gesunden und Simulanten dürfte die Werte nachweislich nicht so hoch ausfallen.

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