Psychiatrie in den Zeiten des Corona

Genauer müsste ich natürlich schreiben: Ambulante Psychiatrie, denn nur dazu kann ich aus eigener Erfahrung etwas berichten.

Die Corona-Krise und die seit zwei Wochen herrschenden Ausgangsbeschränkungen haben auch auf die Tätigkeit in einer psychiatrischen Praxis enorme Auswirkungen. Ich möchte schlaglichtartig einen ersten Blick darauf werfen:

Die Praxisorganisation

Verhinderung von Ansteckung in alle Richtungen (also Patienten untereinander, Personal untereinander und Patienten mit Personal) haben einige Änderungen nötig gemacht:

– Aufstockung des Händedesinfektionsspenderbestandes (die deutsche Sprache, LOL), damit jeder noch schneller mal zwischendurch desinfizieren kann

– Abstandhalter und Spuckschutz an der Anmeldung

– Reduzierung der im Wartezimmer befindlichen Personen, damit der Mindestabstand eingehalten wird

– Die Türklinken innerhalb der Praxis werden nur noch von Mitarbeitern und nicht mehr von Patienten angefasst

– Die Krankenversichertenkarte kann „kontaktlos“, also von den Patienten selbst in das Terminal gesteckt werden und wird dann von unseren Mitarbeiterinnen eingelesen

– Masken und Schutzkleidung fürs Personal

Die Behandlung

In meinem Fachgebiet können wir viel telefonisch oder per Videosprechstunde klären, vor allem natürlich bei Patienten, die wir schon kennen. Natürlich ist der persönliche Kontakt durch nichts zu ersetzen, aber in diesen Zeiten muss man eben flexibel sein. Die ersten Eindrücke von telefonischen und Videokontakten bei mir persönlich sind überwiegend positiv. Wie gesagt, gegenüber Präsenzterminen ist das zweite Wahl, aber es funktioniert.

Die Patienten

Ganz überwiegend ist die Meinung zu vernehmen, dass wir als Psychiater zur Zeit wahrscheinlich alle Hände voll zu tun haben. Dazu einige Anmerkungen und Erfahrungen, die auch für mich überraschend waren.

Zum einen haben wir ohnehin immer alle Hände voll zu tun, insofern ist das Arbeiten im Moment vielleicht durch die besonderen Umstände etwas anders, aber es gibt bislang keinen Psycho-Tsunami.

Natürlich machen sich viele Menschen Sorgen und haben Angst. Manchen müssen wir erklären, dass das in diesen Zeiten völlig normal und nicht psychisch krank ist. Bei anderen müssen wir behandlungstechnisch reagieren, damit sich nicht die psychische Erkrankung durch den aktuellen Druck verschlechtert.
Überrascht haben mich Patienten, die eher schwerer und vor allem bereits über lange Jahre krank sind. „Für mich ändert sich gar nicht so viel,“ habe ich in den letzten Tagen oft gehört,“ ich habe ohnehin wenig Kontakte, gehe kaum raus und belastet mit Angst, Depression und Sorgen bin ich ja auch immer.“ Bei näherer Betrachtung stimmt das natürlich.
Es scheint, als hätte die ohnehin vorhandene psychische Störung viele Menschen „abgehärtet“ gegen solche Krisen, wie wir sie derzeit erleben. Sie leben in einer Dauer-Krise, bei vielen ist da nicht mehr viel Platz nach unten.

Das Team

In der Not zeigt sich, welche sozialen Gefüge stabil sind. Bei uns im Team wird konzentriert gearbeitet, obwohl wir jeden zweiten Tag mit neuen Maßnahmen den Ablauf anpassen müssen. Wir besprechen noch mehr als sonst schon. Wir lachen nicht weniger, manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass die gute Stimmung, die bei uns herrscht, auch ein Schutzwall gegen die Belastungen ist.
Für mich selbst kann ich sagen: Herausforderungen sind immer auch Anlass, sich wieder auf Neues einzulassen. Das hält mich – so hoffe ich – jung. Nur das Arbeiten im weißen Kittel und mit Mundschutz ist nicht so meins. Den Kittel bin ich ja noch aus Klinikzeiten gewohnt, aber der Mundschutz erinnert mich doch zu sehr an die Zeit in der Chirurgie zum Ende des Studiums. Die hatte zwar auch ihre schönen Seiten, aber Psychiatrie ist mir dann doch lieber.

Wie geht´s weiter?

Die ganze Umstellung in der Praxis wird jetzt erst einmal bis auf weiteres beibehalten, in Abhängigkeit davon, wie lange und in welchem Umfang die Corona-Regelungen gelten. Wie schnell dann auch bei uns wieder der „Normalzustand“ einkehrt, wird man sehen.

Peter Teuschel


8 Responses
  1. Rudolf Scheutz Antworten

    Ich musste mehr als 20 Jahre Unsinn arbeiten – notfalls durch Weisungen erzwungen. Dauernd Androhen / Einsetzen von Gewalt. Taeglich Kuendigung moeglich. Darum regt mich Corona Null auf. *** An dieser Stelle >> grossen Dank fuer den Blog, Dr. Teuschel ***

  2. Mich regt Corona ehrlich gesagt auch nicht besonders auf, vor allem deshalb, weil es endlich einmal ALLE gleichermaßen betrifft – auch jene, die sich aufgrund dickem Geldsack für unverletzbar hielten, jene, die meinten alles und alle kontrollieren zu können und jene, die meinten alle Fäden in der Hand zu haben. Corona ist sowas wie höhere Gerechtigkeit, ein kleiner Realität-Check! Ist das jetzt böse?!

    • Negative Menschen lernen leider nicht aus kollektiven Katastrophen. Sie setzen sie nicht in Beziehung zu sich selbst (weil sie gar nicht im Beziehungsmodus leben). Es fördert persönliche Entwicklung nicht.
      Menschen sammeln und hamstern noch mehr als zuvor. Der persönliche Überlebensmodus, das Ego, wird verstärkt. Ängste werden verstärkt. Schlechte Eigenschaften werden verstärkt ausgelebt.
      Dieses Virus scheint wirklich schlimm zu sein. Es regt mich in dem Maße auf, indem es anderen egal ist.

      • Innerhalb einer guten Woche zwei mir konträr anmutende Kommentare? Hat beim zweiten Kommentar ein Klopapierdefizit mitgewirkt? Eher scherzhaft gemeint! Aber sicher drücken beide Kommentare voll Wahres aus. Die Hamsterei finde ich voll krass, sie drückt halt wenig Vertrauen in unsere Gemeinschaft aus. Bei der so tollen Globalisierung……

  3. Ich würde mir wünschen alle Psychiater/Praxen würden die Krise mit so viel Souveränität bewerkstelligen. Chapeau!

  4. „Zum einen haben wir ohnehin immer alle Hände voll zu tun, insofern ist das Arbeiten im Moment vielleicht durch die besonderen Umstände etwas anders, aber es gibt bislang keinen Psycho-Tsunami.“

    – alle Hände voll zu tun, wünschen sich im Moment viele Menschen
    – Psycho-Tsunami ist die abwertendste Wortschöpfung für „überlaufende Praxis“, die mich aus aus Ihrer Feder verwirrt

    Ja!
    Es ist gut und tut gut, dass Sie darüber schreiben und Ihre Gedanken aus Ihrer persönlichen und beruflichen Sicht teilen. Mehr noch, es ist wichtig!

    Von Bekanntem müssen wir uns im Großen und Kleinen Alle verabschieden und neu orientieren.

    Wenn der vermeintliche Ansturm ausbleibt, Fragen bleiben die uns alle überrollen werden.

    Was ist das, was WISSEN SCHAFFT?
    Was ist uns das LEBEN(S) WERT?
    Setzen wir unser Vertrauen nur auf den VOLKSWIRT?

    Die (kon)taktlose Gesellschaft, kann die schwierige Situation bewältigen, ohne sich auf Worte aus unkontrollierbaren minutiösen Katastrophen berufen zu müssen, die man nicht beeinflussen konnte.

    Was ist CORONA? Was ist die CORONA?

    Als Kinder sehen wie die Corona um die Sonne nie als Himmelsphänomen, dafür gibt es solche kosmischen Ereignisse zu selten. Was wir sehen, zeichnen wir als Strahlen (als ein Strahlen).

    Und dies lässt und strahlen, was wir als Sonnenschein lieben und das Leben auf der Erde ermöglicht!

    Das Virus, was eine ähnliche Struktur hat und nach den Strahlen benannt wurde, ist kein Kind der Sonne. Es ist ein Kind der Erde.

    • Hmm, auch nach längerem Nachdenken kann ich an meinem Ausdruck „Psycho-Tsunami“ nichts Abwertendes finden. Ein Tsunami als riesige Welle, die scheinbar Festes und Sicheres wegzuspülen droht, ist in meinen Augen ein gutes Bild für das, was uns Corona beschert. So wurde Italien von einem Covid 19-Tsunami heimgesucht, der das italienische Gesundheitssystem nahezu lahmlegte. Und eine die psychiatrische Versorgung ans Limit bringende Zunahme psychischer Störungen nenne ich eben Psycho-Tsunami. Hätten wir eine Flut an Magenerkrankungen, wäre das analog ein Gastro-Tsunami. Wer oder was wird dadurch abgewertet?

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