Die Kiste der dumpfen Hirnlosigkeit

Früher hatte ich hier auf dem Blog eine spezielle Serie, die „Der Haudrauf der Woche“ hieß. Unter dieser Überschrift habe ich Zeitgenossen portraitiert, die wie Steinzeitmenschen mit der (meist verbalen) Keule hantieren und es dabei an, sagen wir mal, Differenziertheit, vermissen lassen.

Manchmal bereue ich es, die Serie nicht weitergeführt zu haben.

Zum Beispiel heute kam mir wieder in den Sinn, diesen Haudrauf-Preis zu vergeben. Aber es geht ja auch ohne Preisverleihung.

Die deutsche Nationalmannschaft hat einen Manager, der Oliver Bierhoff heißt. Und dieser Manager hat heute auf einer Pressekonferenz anlässlich einer Preisverleihung der Robert-Enke-Stiftung tief in die Kiste der dumpfen Hirnlosigkeit gegriffen. In dieser Kiste liegen in bunter Mischung Aussagen, Vergleiche und Behauptungen, die jeder Beschreibung spotten. Ein Griff in diese Kiste ist vielleicht vergleichbar mit einem Griff ins Klo, wobei dieser meist nicht absichtsvoll geschieht.

Bierhoff hat über den Suizid von Robert Enke gesprochen, der sich vor zwölf Jahren das Leben nahm und richtig bemerkt, dass dies ein „einschneidendes Ereignis“ gewesen sei. (Als kleiner Zwischenkommentar sei eingeworfen, dass mir nicht so klar ist, wo dieser Schnitt angesetzt hat und was sich durch ihn geändert haben soll – Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch Erkrankter haben sich dadurch in meinen Augen jedenfalls nicht verbessert).

Danach öffnete Bierhoff seine extra mitgebrachte Kiste der dumpfen Hirnlosigkeit und griff tief hinein:

„(Ein) einschneidendes Ereignis, auch wenn ich daran denke, wie zuletzt auf Jogi Löw eingeprügelt worden ist und wie er an den Pranger gestellt wurde, und man sieht das jetzt auch bei Jo Kimmich.“

Tja, das muss man auf sich wirken lassen.

Bierhoff vergleicht Robert Enke und seinen Suizid mit der medialen Kritik am Ex-Bundestrainer Löw und am Impfverweigerer Kimmich.

Zunächst mal ist mir nicht klar, was hier das Tertium comparationis sein soll, also das Gemeinsame zweier miteinander zu vergleichender Begriffe. Beispiel: Wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht, wäre das Tertium comparationis die Frucht. (Für alle, die mich jetzt für supernerdig halten: Bin ich tatsächlich, wenn es ums Germanistische geht.)

Also was vergleicht Bierhoff: Enke mit Löw und Kimmich? Seinen Suizid mit – ja, mit was eigentlich? Was er vermutlich meint, ist, dass öffentlicher Druck belastend sein kann. Ich bin mit dem Fall Robert Enke nicht vertraut genug, um zu beurteilen, was die Hintergründe für seinen Suizid gewesen sind. Allerdings scheint es wohl so zu sein, dass Enke allgemein unter dem Leistungsdruck gelitten hat, zumindest ist mir nicht bekannt, dass er medial übermäßig kritisiert worden wäre. Was wir wissen, ist, dass er schon seit langem an Depressionen gelitten hat und deswegen behandelt worden ist.

Aber Löw? Er dürfte Kritik gewohnt sein und wenn ich dieses Amt bekleide, gehören Diskussionen um meine Entscheidungen mit zur Stellenbeschreibung. Insofern greift der Vergleich bei ihm völlig ins Leere.

Ganz absurd wird es allerdings, wenn Bierhoff eine Parallele zu Kimmich zieht. Der als differenziert geltende (!) Mittelfeldmann des FC Bayern hat je bekanntlich eine Debatte ausgelöst, nachdem er sich als Nicht-Geimpfter geoutet und etwas von ominösen „Langzeitfolgen“ ins Mikro geraunt hat.

Dass er damit allen Schwurblern, Quergeschalteten und Verschwörungsmystikern aus der Seele spricht und, was mir wirklich leid tut, auch alle Verunsicherten erneut verunsichert und daraufhin Kritik erfährt, das vergleicht Bierhoff mit dem tragischen Schicksal von Robert Enke? Er stilisiert Kimmich damit zum Opfer und beschwört mit diesem Vergleich düstere Visionen vom Leid unter Druck Gesetzter herauf. Das ist in meinen Augen Enke gegenüber absolut pietätlos. Robert Enke war krank, er hat nichts falsch gemacht und ist tragisch geendet. Kimmich scheint nicht krank zu sein, macht einiges falsch und spielt trotz der Kritik offenbar wenig beeindruckt hervorragenden Fußball.

Das Perfide an diesem Vergleich ist die Gleichsetzung von etwas Schrecklichem mit etwas Alltäglichem, nämlich der Kritik an inhaltsbefreiter Argumentation.

Es ist natürlich Bierhoffs Aufgabe, sich um seine „Jungs vom Nationalteam“ zu kümmern. Aber nicht, indem er völlig unpassende Vergleiche bemüht. Kümmern hieße für mich im Fall Kimmich, dass ich ihm zur Auflage mache, über die Tatsachen zur Corona-Impfung (einschließlich nicht existierender „Langzeitfolgen“) einen Vortrag im Mannschaftskreis zu halten. Den könnte man aufnehmen und auf Youtube stellen. Nicht, um Kimmich bloß zu stellen, sondern um einen Beitrag dazu zu leisten, dass sich endlich genug Menschen in diesem Land impfen lassen.

Peter Teuschel

2 Responses
  1. Vielen Dank, Herr Teuschel. Sehr treffend analysiert. Auch wenn es sich bei Bierhoffs anteilmehmender Aussage „nur“ um Gedankenlosigkeit handelt, gehört es entsprechend kommentiert.

    Ich habe Ihren Blok bei der Suche nach einer Erklärung für den „Quengelverband“ auf meiner Arztrechnung eher zufällig gefunden und bin beim Einlesen auch Karl Valentin begegnet. Ihm wird u.a. auch folgendes Zitat nachgesagt:
    „Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und trotzdem den Mund halten.“
    Mir ist nicht bekannt, ob es zwischen Valentin und Fußball eine Verbindung gibt. Doch spätestens seit Lothar Matthäus wäre es eine Überlegung wert, ob der DFB dieses Zitat als Leitsatz im theoretischen Unterricht voranstellt.

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