Träume in c-moll

Normalerweise eignen sich Konzertbesuche ja nicht für einen Beitrag auf der Schräglage. Manchmal ist das, was man dort erlebt, aber doch so schräg, dass es wieder passt.

Heute sitze ich in einem Konzert über Beethovens „Schicksalstonart“ c-moll. Vorausschicken kann ich, dass es ein wunderbares Konzert war. Aber das soll nicht das Thema sein.

Neben mir hat ein sehr betagter Herr nebst Gattin Platz genommen. Mitte der Coriolan-Ouverture hört man gleichmäßige Atemzüge, die davon künden, dass die innere Zerrissenheit der Musik auf dem Podium mit großer innerer Ruhe im Parkett durchaus zu vereinbaren ist.
Beim Applaus erwacht mein Nachbar, nur um nach wenigen Takten von Beethovens drittem Klavierkonzert erneut einzuschlafen. Werden die Atemzüge tiefer und betonter, so dass zu befürchten ist, der Herr könnte schnarchen, so stößt ihn seine Gattin ganz leicht mit dem Ellbogen an. Die diskrete Zartheit dieser Geste gepaart mit einer doch absolut treffsicheren Weckfunktion lässt mich ahnen, dass hier ein eingespieltes Team am Start ist. So geht es durch das gesamte Klavierkonzert. Der Vorgang stört niemanden, auch mich nicht, vielmehr bewundere ich die Souveränität, mit der die beiden einerseits der Dame den Konzertgenuss, andererseits dem Herrn seine höchstwahrscheinlich wohlverdiente Ruhe ermöglichen.

Der Applaus für die Pianistin ist stürmisch und als Zugabe spielt sie die 6. Ungarische Rhapsodie von Franz Liszt, ein virtuoses Showstück, das in den fortissimo-Passagen, so scheint es mir, den Konzertsaal in seinen Grundfesten erzittern lässt.

Erneut begeisterter Beifall, der obligate Blumenstrauß, alle sind glücklich oder zumindest zufrieden.

Nur mein Nachbar nicht so recht. Im Aufstehen sagt er mit Blick auf die Pianistin zu seiner Frau:

„Naja, sehr schön ist sie ja nicht.“

Wir wollen ihm zugute halten, dass ihm im Konzertschlaf seine ganz persönliche, quasi in den Tiefen des Unbewussten maßgeschneiderte Anima erschienen ist. Und gegen die hat die Realität ja nie eine Chance.

Peter Teuschel

P.S. Nachdem sich über Schönheit ja bekanntlich nicht (oder eben sehr gut) streiten lässt, hier zur Illustration ein Portrait der Pianistin Sophie Pacini.

Bild © Anna Velichkovsky – Fotolia.com

9 Responses
  1. Geh mit mir wohin ich will, fall bloß nicht auf und schau Dich nicht nach anderen Frauen um.
    Was will frau mehr!

  2. Herrlich! 🙂 So etwas habe ich auch mal in der Philharmonie erlebt. Allerdings habe ich mich selbst einmal dabei ertappt, die Silberrücken in den Reihen zu zählen und das geschätzte Durchschnittsalter der Besucher zu ermitteln. Es war beträchtlich. Entfallen ist mir, bei welchen Darbietungen meine Gedanken derart zerstreuten. Ich glaube, es waren einige von Schumanns Liedern 🙂

  3. osterhasebiene langnase Antworten

    Finde ich eigentlich sehr süß von dem alten Herrn. Er wollte bestimmt nur sein Einschlafen rechtfertigen. Denn: wenn die Pianistin wirklich schön gewesen wäre, dann IHM das ganz ganz sicherlich nicht passiert! 🙂

    • osterhasebiene langnase Antworten

      Muss ich immer noch schmunzeln: Wollen täte man schon noch, aber können halt nicht mehr! Schönes Kompliment an die Pianistin – eigentlich. Die Ehefrau (die hoffentlich nicht eifersüchtig veranlagt ist) kann sich über einen so -zumindest im Geiste- noch vitalen Gatten freuen. Vielleicht hat die Ehe auch deshalb so lange gehalten. Diese Geschichte gefällt mir.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.