Mobbing-Prävention: Der Arbeitsplatz als Affenfelsen?

Wolfgang Schmidbauer wird vielen Lesern bekannt sein. Er ist Psychologe und arbeitet als Psychoanalytiker. Außerdem hat er mehrere Bücher verfasst, die teils sehr erfolgreich waren. Am bekanntesten dürfte „Die hilflosen Helfer“ sein, ein Standardwerk über das „Helfersyndrom“.

In einem aktuellen Artikel hat sich Schmidbauer zum Thema Mobbing geäußert:

„Wo das Grooming fehlt, macht sich das Mobbing breit“

Die Sozialisation der Affen am Pavianfelsen nimmt er zum Aufhänger, um seine Sicht auf Mobbing und dessen mögliche Prävention vorzustellen.

Vom Ungenauen zum Ärgerlichen

„Mobbing“ ist für den Autor ein Modebegriff. Zitat: „Im Alltag meinen wir mit Mobbing eigentlich jedes kränkende Verhalten, jeden Versuch, uns zu vermitteln, dass wir an diesem Platz, so wie wir sind, nicht bleiben sollten und jemand anderer besser auf ihn passen, weniger stören würde.“

Und hier beginnt die Ungenauigkeit. Schmidbauer verwendet ohne nähere Erklärung eine eigene und viel zu weit gefasste Definition. „Jedes kränkende Verhalten“ ist eben genau nicht, was Mobbing meint! Leider basiert auf dieser schwammigen Verwendung eines mittlerweile gut definierten Begriffes Schmidbauers weitere Argumentation.

Und da wird es dann wirklich ärgerlich.

Zunächst weist der Autor noch auf die biologische Urbedeutung des Begriffes hin, ohne allerdings zu erwähnen, dass dieser sich seit Konrad Lorenz (der ihn eingeführt hat) erheblich gewandelt hat. Wir verstehen darunter heute nicht mehr ein aus der Not geborenes Verteidigungsverhalten mehrerer gegenüber einem Einzelnen (z.B. viele Gänse gegen einen Fuchs), sondern ein zielgerichtetes und auf Verdrängung vom Arbeitsplatz zielendes Verhalten.

Dann folgen leider wieder jene Allgemeinplätze, die nur dann nachvollziehbar sind, wenn man sich außerhalb der Mobbing-Definition bewegt und allgemein über Konflikte aufgrund von Kränkung schreibt. Nach Schmidbauer sei es oft „unmöglich, Täter und Opfer säuberlich zu trennen“. Mehr noch: „Wer sich gekränkt fühlt, ohne einzusehen, dass er zur Entstehung der Kränkung beiträgt, kann mit Hilfe des Mobbing-Begriffs seine Opferposition stärken.“

Der Ausdruck „Stärkung der Opferposition“ ist im Zusammenhang mit echtem Mobbing ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die die entwertenden und krankmachenden Attacken vor dem Hintergrund eines absoluten Machtungleichgewichtes am eigenen Leib verspürt haben.

Grooming als Prävention?

So läuft dann auch die eigentliche Botschaft des Artikels ins Leere. Nach Schmidbauer haben Teams, die die „pflegende Anerkennung“ (nach dem Vorbild der „sozialen Fellpflege“ bei den Pavianen) nicht ausreichend praktizieren, schon den ersten Grundstein für feindseliges und ablehnendes Verhalten untereinander gelegt.

Hier möchte ich dem Autor an sich zustimmen. Die menschliche Komponente am Arbeitsplatz scheint mehr und mehr an Bedeutung zu verlieren zugunsten mess- und „objektiv“ bewertbarer Arbeitsleistung. Dies ist allerdings ein Umstand, der unabhängig vom Thema Mobbing zu einer Verhärtung und Rationalisierung des Arbeitslebens beiträgt.

Indem Schmidbauer das „Grooming“ als wichtigen Bestandteil von Arbeitsgemeinschaften empfiehlt, wird deutlich, was er gemeint haben wird: Verbesserung der emotionalen Qualität von Beziehungen führt zum Abbau von Konflikten, zumal kränkenden. Einverstanden soweit. Mobbing als einen solchen zu simplifizieren geht aber völlig an der Sache vorbei. Deshalb ist, bei aller Freude am „Fellkraulen“, die Ächtung von Mobbing am Arbeitsplatz (und das Akzeptieren des Vorliegens einer traumatisierenden Erfahrung als solcher seitens des Therapeuten!)  eine vordringliche Maßnahme, um Opfern auf ihrem Leidensweg zu helfen.

Peter Teuschel

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6 Responses
  1. ……beruft W.Sch. sich hier auf die alten hermetischen Gesetze ? …. (heute Dahlke und viele andere, die über „Spiegelgesetze “ schreiben) „wer sich gekränkt fühlt…..etc…)…“
    vielleicht mißbraucht er diese (für mich schon als hilfreich erlebten Aussagen) im Bezug auf mobbing….
    …Spiegelgesetz gehört behutsam angewandt, sonst ist man immer der, die Schuldige…danke an Sie, Herr Teuschel, im Namen aller „Gemobbingten“ für Ihre differenzierte und menschliche Sichtweise….auch wenn Ihr Ego das nicht braucht, wünsche ich Ihnen von Herzen, dass Sie dafür einmal in der Öffentlichkeit Anerkennung und Auszeichnung finden mögen, denn nur Sie und Ihre Klienten wissen, wie es ist, am Boden zerstört zu sein und dann wider Erwarten !!! jemanden zu finden, der einen wieder aufrichtet…..Glaube, Sie können gar nicht ermessen (sorry) was Sie „geben“……………….

    • Als einigermaßen gut sozialisierter „Psycho“ habe ich vor fast 20 Jahren auch geglaubt, dass „Mobbing“ irgendwas mit fehlgeleiteter Wahrnehmung zu tun hat. Da hatte ich aber noch mit keinem einzigen Mobbing-Opfer gesprochen …!
      Heute, nach Gesprächen mit vielen hundert Betroffenen, regt mich diese psychologisierende Sichtweise wahnsinnig auf. Der schlampige Umgang mit dem Begriff und seine Verwendung für alles Mögliche, das mit echtem Mobbing nichts zu tun hat, kommt noch dazu.
      Anerkennung in der Öffentlichkeit? Die bekomme ich doch gerade – durch Sie!
      Vielen Dank dafür.
      🙂

      • zu wenig Anerkennung…glauben Sie mir bitte.
        Hätte gerne Ihre persönliche Einschätzung bzgl der hermetischen Gesetze (Hermes Trismegistos) gewusst…..Dahlke, Betz, die das aufgreifen……..
        Weiß nicht, ob Sie das hier so äußern können/wollen/ dürfen….aber halte Sie für sehr mutig, furchtlos, was mir und bestimmt vielen sehr gut tut.
        Glaube natürlich , dass Sie wissen, welche Erfahrungen „unsereiner“ hinter sich hat….mein Dank an Sie soll nicht devot klingen, glaube, dass Sie das auch fühlen. Deshalb Schluß mit danken 😉
        Und viel Kraft und schöne Zeit für Sie und alle, die Ihnen beistehen.
        Bernadette

  2. Wirklich wohltuend einen gut recherchierten Artikel zu einer dezidierten Meinung in einem Blog zu lesen. Danke.

    Wobei ich den Begriff „grooming“ wiederum echt gut finde für die Beschreibung positiver sozialer Handlungen in einem Team. Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich für mein Team richtig dankbar. Bei uns wird viel „gegroomt“… 🙂

  3. Sehr verehrter Herr Dr. Teuschel!
    Allerbesten Dank für die versierte Buchrezension 😉
    Im Jahr 2014 scheint es nicht auszusterben, dass x Menschen über Mobbing schreiben, die davon gar keine Ahnung haben – oder haben wollen….
    Bedauerlicherweise machen solche Werke „Meinung“ – und sind großer Schaden für alle Mobbingopfer!!!!
    Achtungsvolle u. beste Grüße,
    Eva Pichler

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