Krankgeschrieben? Big Sister is watching you!

Waren Sie schon mal krankgeschrieben?

Wenn ja, kann es sein, dass Ihnen da dieser seltsame Mann aufgefallen ist? Der mit dem Trenchcoat und dem hochgeschlagenen Kragen? Nervös an seiner Zigarette ziehend stand er unten auf der Straße, von einem Bein aufs andere tretend.

Wenn Sie aus dem Haus gegangen sind, vielleicht um sich Medikamente zu kaufen oder Milch oder Brot oder einfach, um sich die Beine zu vertreten, war er plötzlich verschwunden.

Aber irgendwie hatten Sie das Gefühl, dass Sie verfolgt werden.

„Jetzt werd ich schon verrückt“, haben Sie sich gedacht und geglaubt, dass Sie Gespenster sehen.

Hier sind eine gute und eine schlechte Nachricht:

Die gute: Mit Ihnen war alles in Ordnung. Sie haben sich nichts eingebildet.

Die schlechte: Sie wurden tatsächlich verfolgt. Der Mann im Trenchcoat heißt Oskar K. (Name von der Red. geändert). Er ist Privatdetektiv.

Wer ihn angeheuert hat?

Big Sister. Ihre Krankenkasse.

Big Sister

Das Bonner Versicherungsamt überprüft nach gesetzlichen Vorgaben alle fünf Jahre die Geschäfte der gesetzlichen Krankenkassen.

Im jetzt veröffentlichten Tätigkeitsbericht liest man wunderliche Dinge:

Eine Kasse mietet für ihren Hauptsitz neue Räume an: 4152 Quadratmeter „hochwertige Bürofläche“, wie es heißt.
Irgendwie muss sie sich dabei aber verkalkuliert haben, denn von geplanten 117 Arbeitsplätzen waren nur 40 besetzt. Da hatte sich jemand verzählt bei den Mitarbeitern. Natürlich mietet man so ein Objekt langfristig an, das gibt ja einen besseren Quadratmeterpreis. In diesem Fall wurde ein Mietvertrag auf 10 Jahre geschlossen.

Kostet so um die 13 Millionen Euro das Ganze.

Interessant auch, dass dann noch eine zusätzliche Etage von 633 qm angemietet wurde. Die stand bis zur Überprüfung durch das Bundesversicherungsamt leer, und zwar im Rohbau.

Naja, kann schon mal vorkommen, so was passiert halt, Irren ist menschlich oder etwa nicht?

Eben, und dann ist da ja noch Oskar. Er bekam den Anruf in seiner Detektei genau um 12:00 Uhr, noch vor der Mittagspause der Sachbearbeiter in der Krankenkasse. Es musste also dringend sein. Eile war geboten.

Der Fall: Eine Krankschreibung!
Da war eine Frau entlassen worden, ihr Arzt bestätigte ihr aktuelle Arbeitsunfähigkeit. Der Ex-Chef der Patientin gab der Kasse den Hinweis, dass die Versicherte neben ihrer Anstellung noch freiberuflich gearbeitet hatte.
Riecht das nicht nach Kassenbetrug größeren Ausmaßes?

Also musste Oskar ran, denn wie soll man denn sonst feststellen, ob die Dame nicht während ihrer Krankschreibung vielleicht doch einfach weiter freiberuflich tätig war?

Oskar K. bei der Arbeit

Nun ist Oskar nicht irgendwer. Er hat jahrzehntelange Erfahrung. Er kennt alle Tricks. Ihn legt keiner rein.
So einen Profi zu engagieren, kostet dann schon was.

In diesem Fall 10749 Euro. Für fünf Tage Observation.
Nirgendwo ist zu lesen, ob der Detektiv fündig geworden ist.

Allerdings ist die Summe bekannt, die die Krankenkasse der Patientin als Krankengeld zahlen musste und wegen der sie Oskar auf die Pirsch schickte: Pro Tag 14,96 Euro.

„Das sind nur Einzelfälle“ beruhigt ein Prüfer des Bundesamtes.

Ach so. Na dann.

Dann haben Sie sich das damals vielleicht doch nur eingebildet. Oder?

Peter Teuschel

8 Responses
  1. Ich habe eben beschlossen, Privatermittlerin zu werden.

    Darüber hinaus habe ich mich durch den Blog gelesen und bin wirklich begeistert. Immer schön wenn jemand mit Schreibtalent seinen Beruf etwas verständlicher machen kann – grade bei Psychiatrie/Psychotherapie.

    Ich hoffe, mein Kommentar bezüglich der multiplen Persönlichkeitsstörung klang nicht besserwisserisch… es ist nur so, dass ich selbst lange Zeit der Ansicht war, diese Diagnose existiere evtl. gar nicht und vor einigen Jahren jemanden kennenlernte, der davon betroffen war und mit meinen „Vorurteilen“ durch entsprechende Literatur und natürlich eigener Erfahrung aufräumte.

    • Vielen Dank für die Blumen!

      Bei der multiplen Persönlichkeitsstörung bin ich einfach noch sehr skeptisch, weil ich in all den Jahren noch keine gesehen habe, die sich nicht als histrionische Ausgestaltung erklären ließ.

      Gleiches gilt aber für alle „neuen“ oder in Mode kommenden Diagnosen und Erklärungsmodelle.
      Ich war auch skeptisch bei ADHS und Asperger und, ja wirklich, bei Mobbing-Patienten. In allen drei Fällen hat sich meine Skepsis grundlegend gewandelt.

      Mal sehen, vielleicht kommt das bei der multiplen Störung auch noch.

      Und viel Erfolg als Privatdetektivin!
      🙂

      • Bei ADHS ging es mir ähnlich bis ich gezwungen wurde meine Dissertation darüber zu schreiben – dadurch hat sich auch meine Einstellung zu Medikamenten gewandelt.

        Wenn ich das richtig mitgekriegt habe ist Mobbing zu einem Ihrer Spezialgebiete geworden. Da es immer relevanter wird, werde ich wohl demnächst eins Ihrer Bücher erwerben – immer praktisch wenn man bereits weiß, wo man nacfhfragen kann wenn man etwas nicht verstanden hat 🙂

        Die Detektei kann ich ja kombinieren mit dem Job. Und wenn ich gleichzeitig noch eine Fahrschule eröffne steht dem erfolgreichen Geschäftsmodell „Psychotherapie im Auto während man gleichzeitig Fahren lernt und Ehebrecher verfolgt“ nichts mehr im Weg…

  2. Wie schön zu lesen, dass Sie Ihre Skepsis bezüglich ADHS mittlerweile geändert haben. Schade, dass es erst so spät gelungen ist… Ich hätte ein wunderbares Studienobjekt abgegeben…

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