Horror pur: The Letterbox Syndrome

Was ist der Ort des größten Grauens im häuslichen Umfeld?

Für viele meiner depressiven und Angst-Patienten ist die Sache klar. Alleine heute habe ich mit drei von ihnen darüber unterhalten.

„Ich traue mich gar nicht, an den Briefkasten zu gehen“ sagen die Patienten und ihr Blick verrät mir, dass ihnen das furchtbar peinlich ist.

„Verständlich“, entgegne ich, „könnte ja was drin sein.“

Erleichterung. Der Doktor versteht das Problem.

Am schlimmsten ist es, wenn man auf etwas wartet. Der Bescheid über die Verlängerung der Erwerbsunfähigkeits-Rente. Ein Brief vom Arbeitgeber. Ein Brief vom Staatsanwalt. Und als nächste Ausbaustufe sagte heute schaudernd einer der Patienten: Ein Brief von der Krankenkasse. Stimmt, klingt gruselig.

Raus aus der Wohnung, die Treppe runter, den kleinen Schlüssel in der Hand. Für viele ist das wie der Gang zum Schafott. Denn man kann bei dieser Nummer eigentlich kaum gewinnen. Schafft man es mit größter Überwindung, den Kasten aufzuschließen und es ist nichts drin, gibt es zwar kurzzeitig Erleichterung. Dann aber: Selbstvorwürfe, weil man sich „wegen so einer Kleinigkeit so anstellt“. Phantasien, was drin hätte sein können. Überlegungen, ob morgen was drin ist. Und dann auch Ärger, weil nichts drin war. Egal um was es geht: „Frechheit, dass die so lange brauchen.“

Nächstes Szenario: Es ist etwas Unangenehmes in der Post. Sieht man schon am Absender. Worst case. Der Umschlag wird in die Wohnung mit genommen und dort auf den Stapel ebenfalls ungeöffneter Post gelegt. Das ist Phase 2 des Dramas. Die Post ist da, aber sie wird nicht geöffnet. Briefkasten reloaded.

Oder auch: Der Briefkasten enthält gute Nachrichten. Setzt voraus, dass genug Mut vorhanden war, die Post zu öffnen. Was dann? O-Ton: „Herr Doktor, schauen Sie sich das bitte mal an. Was steht denn da drin? Also ich habs schon gelesen und da steht, dass ich die Rente kriege. Kann das sein, Herr Doktor?“

Selbst wenn alles nach Plan gelaufen ist und der Patient das Ergebnis schwarz auf weiß vor sich liegen hat, wirkt das Gift des Briefkastens noch nach. Wochenlang hat sich die Angst aufgestaut, immer mehr haben die Finger mit dem Schlüssel in der Hand gezittert. Da kann doch jetzt nichts Erfreuliches dabei rauskommen.

Der Briefkasten kostet meine Patienten mehr Nerven als jeder andere Gegenstand in und um das Haus.

Es ist ja irgendwie auch nachvollziehbar. Er ist die Schnittstelle zwischen der Wohnung, die in Zeiten von Depression und Angst als Rückzugsort und Festung dient und der kalten und oft feindseligen Welt „da draußen“. Bimmelt das Telefon, muss ich nicht hingehen. Gleiches gilt für die Türklingel. Nur der Briefkasten, der hat immer geöffnet und der Überbringer der vermeintlich schlechten Nachrichten, der Briefträger, kann einfach so die Horrorbotschaften da rein werfen und ab da gelten sie als zugestellt. Eine Lücke im System der vom Grundgesetz garantierten „Unberührbarkeit der Wohnung“, vergleichbar vielleicht mit Windows, das jede Woche einen Patch verschickt, um solche undichten Stellen auf dem PC zu verschließen und das Eindringen von Schadsoftware zu verhindern.
Die analoge Handlung, einen „Patch“ über den Briefschlitz zu kleben und das boshafte Ding stillzulegen, funktioniert leider auch nicht ewig.

Postman Putting Letters In Mailbox

Horror: Was wird er bei mir einwerfen?

 

Aber es gibt durchaus kreative Ansätze, mit dem Thema umzugehen:

Eine meiner Patientinnen hat sich extra eine Reihe von Zeitschriften abonniert, die an verschiedenen Wochentagen zugestellt werden. Da überwiegt dann die Vorfreude auf die Lektüre die Angst vor dem Rest, der noch im Kasten sein könnte. Ein anderer bestellt sich kleine Dinge im Internet, die ebenfalls im Briefkasten landen und ihm das Öffnen desselben schmackhaft machen.

Ansonsten ist es wie immer, wenn die Angst regiert und der Mut sich nicht aus der Deckung traut: Komme ich alleine nicht weiter, ist es an der Zeit, sich Hilfe zu holen. Diese reicht von der Behandlung der zugrunde liegenden psychischen Störung bis zu konkreten Maßnahmen beispielsweise des „betreuten Wohnens“, bei der die Patienten in der schlimmsten Zeit den Gang zum Briefkasten und das Öffnen der Post mit einer Person des Vertrauens durchführen oder das Ganze völlig an diese delegieren können.
Es gibt also durchaus Hoffnung, dem Briefkasten die Stirn zu bieten und aus dem Teufelskreis aus Erwartung, Angst und Vermeidung auszusteigen.

Für dieses Phänomen habe ich mir eine private Erweiterung der ICD 10 gebastelt. Die neue Diagnose ist die syndromale Beschreibung einer ängstlichen Erwartungshaltung, gepaart mit einer phobischen, auf den Briefkasten bezogenen Angst und einer gleichzeitig bestehenden schwer rational zu beseitigenden Ambivalenz: Ich will unbedingt wissen, was im Kasten ist, aber ich will es auf keinen Fall wissen. Es besteht meist eine ausgeprägte Vermeidungshaltung. Das Krankheitsbild kann generalisieren und sich auch auf ungeöffnete Post enthaltende Bereiche der Wohnung erstrecken. Zu verschlüsseln unter „ICD F40.2 Spezifische Phobien“.

Nachdem „Briefkastensyndrom“ etwas seltsam klingt und Anglizismen eh viel cooler sind, heißt die neue Störung bei mir:

„The Letterbox Syndrome“.

Um bei all dem locker und gleichzeitig eng am Thema zu bleiben:

The BOX TOPS: THE LETTER

 

Peter Teuschel

Bild: © apops – Fotolia.com

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14 Responses
  1. Das Letterbox Syndrome scheint es auch ohne Depression und starke Ängste zu geben. Habe schon einige Leute getroffen, die nur einmal pro Woche den Briefkasten leeren und es entspannt zugeben, nach dem Motto: Reicht doch auch.

    Eine Frau hat mir neulich erzählt, dass ihr Sohn (der noch zuhause wohnt) seine Briefe nicht öffnet. Dabei hat er eigentlich ein optimistisches Gemüt und unterschätzt Gefahren eher.

    Ein berufstätiger Bekannter von mir brachte es mit Mitte 40 sogar zur Kontosperrung: Seine Bank schickte ihm irgendeinen Schrieb, den er bestätigen sollte, von dem er aber nichts wusste. Eines Tages funktionierte die EC-Karte nicht mehr. Das ganze Chaos mündete immerhin darin, dass er endlich die verhasste Bank wechselte. Seine Päckchen von Amazon und Konsorten lässt er sich immer in die Arbeit schicken. Der größte Chaot in der Story war womöglich die Bank, die Kundendaten ohne Verschlüsselung überträgt.

    Als Nadine Angerer bei Markus Lanz in der Sendung war, erzählte sie, dass sie in jüngeren Jahren mal ein Länderspiel verpasst hatte, weil sie ihren Briefkasten zwei Wochen lang nicht geleert hatte. Sie erfuhr also nicht von der Vorbesprechung, verpasste sie und musste am Ende damit leben, dass eine andere Spielerin im Tor stand.

    Meine Meinung ist mittlerweile, dass Chaos und sich Anstellen bei der Post, das sich sogar auf eher angenehme Zustellungen erstreckt (Briefkasten am Geburtstag öffnen), ein Indiz für AD(H)S ist, leichte Fälle ohne Krankheitswert eingeschlossen.

    (Selbst- und Fremdstudium wird fortgesetzt.)

    • Wow, da hast du ja eine ganze Reihe von Beispielen ohne den Angst- und Depressions-Hintergrund. Ich selbst liebe es übrigens, den Briefkasten zu leeren, weil ich immer gespannt bin, was drin ist. Post, die nicht so super spannend ist, wird dann aber gestapelt und von Zeit zu Zeit im Rahmen einer Massenöffnung gesichtet und wegsortiert. In der Praxis gehen solche Marotten allerdings nicht durch. Da wird alles von den Arzthelferinnen gleich geöffnet und zur Bearbeitung ins Fach des jeweiligen Arztes gelegt.
      Vielleicht könnte man da eine Art Persönlichkeitstest draus machen: Sag mir, wie du dich mit dem Briefkasten anstellst und ich sag dir, wer du bist. Oder so.

  2. Das “ Letterbox Syndrome“ ist meiner Meinung nach am schlimmsten am Wochenende bzw. kurz davor am Freitag. Hier erreicht es seinen eigentlichen Höhepunkt in der gesamten Woche.
    Oder auch vor den Feiertagen wie Ostern, Weihnachten usw..
    Genau dort nämlich erhält man dann diese unsinnigen Schreiben (Arge, Krankenversicherung, Finanzamt usw.) oder von irgendwelchen anderen Ämtern oder auch Institutionen um sich dann das ganze Wochenende darüber aufregen zu müssen.
    Sei es auch aus derer Sicht nur aus versehen passiert und das auch ohne jegliche Absicht.
    Man hat somit keinerlei Gelegenheit sich vor Montag oder den Feiertagen gegen dieses Schreiben zu wehren. Die Unruhe und der Hass bleibt bis dort hin bestehen.
    Am schlimmsten wird es, wenn dann noch der zuständige Sachbearbeiter die Woche darauf Urlaub hat, und die Vertretung nichts davon weiß, von diesen Schreiben.
    Die sogenannte Ruhe am Wochenende trügt deshalb nur zum schein, und belastet einen nicht nur persönlich sondern auch die gesamte Familie und das Umfeld.

    • Hanna Manhart Antworten

      Kann ich nur bestätigen. Bekomme auch fast immer nur freitags Post von meiner KK.
      Damit ist die Ruhe dahin und die “ Ohnmacht“ zu reagieren egal in welcher weise dahin…

  3. osterhasebiene langnase Antworten

    Das war aber eine unlustige Party 1967, keiner schaut den anderen an, geschweige in die Augen. Ich verstehe nicht, was so schlimm ist am Briefkasten öffnen ist. Bin wahrscheinlich zu rational veranlagt. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

  4. osterhasebiene langnase Antworten

    Im Grunde bin ich ehrlicher Weise auch jeden Tag neugierig auf die Post. Wenns was Gutes ist, freu ich mich und wenn’s was Unangenehmes ist, wie z.B. ein Brief von der Krankenkasse, die mir die schwindelerregende Höhe meines Kassenbeitrags mitteilt, dann ziehe ich meine Kampfjacke an, rufe dort an und diskutiere eine halbe Stunde (sinnloserweise) mit einem Herrn über unser Gesundheitssystem, der mir dann sagt: „Ich weiß, das Leben ist hart. Machen Sie es gut und bleiben Sie gesund. Tschüß.“

    • osterhasebiene langnase Antworten

      Nein, sinnlos sind solche Diskussionen nicht, es ist schon (großes) Glück, wenn einem jemand zuhört und den Ärger erträgt, auch wenn keine Lösung des Problems anzubieten ist. Das ist sogar richtig nett. Behörde- Briefe am Freitag zu verschicken ist echt unfair.

  5. Was es alles gibt. Was machen dann Menschen wie ich, die keinen Briefkasten haben, sondern bei denen die Post durch die Tür geworfen wird – per Briefschlitz?

  6. Das Letterbox-Syndrome hatte ich mal selber, vor ca. 15 oder 20 Jahren, und ich weiß bis heute nicht, warum. Es lag nichts an, was mir Angst vor der Post hätte machen müssen. Aber meine Helferinnen habe ich angeschnauzt, wenn nicht um spätestens 5 nach 12 die Post auf dem Schreibtisch lag. Und in einem Urlaub habe ich es so weit getrieben, daß ich für die Praxispost einen Nachsendeantrag nachhause gestellt habe mit dem Effekt, jeden Tag innere Anspannung aushalten zu müssen, bis die Post da war. Irgendwann hat sich’s verloren – es war genauso weg wie es zuvor nicht da war. Seltsam.

    Einordnung als spezifische Phobie, da haben Sie recht.

    Der Satz „Mir graust schon davor, zum Briefkasten zu gehen“ kommt vielen Patienten über die Lippen, allerdings meiner Erfahrung nach nur solchen, die auf einen Bescheid von irgend einem Amt warten, einen Brief vom Rechtsanwalt im Scheidungsverfahren (m.E. eine häufige Ursache fürs Letterbox-Syndrome, weil die meisten Menschen die häufig schneidend-zynischen Formulierungen gegnerischer Rechtsanwälte tatsächlich an sich selber heranlassen statt zu erkennen, daß es sich um das übliche Juristendeutsch handelt) etc.

  7. Danke, Dr. Teuschel, ich bin immer wieder froh zu lesen, dass ich nicht die einzige „Bescheuerte“ bin. Wie ’schön‘, dass es anderen genauso geht.

    Nur wie mache ich den betroffenen Stellen klar, dass ich z.B. Rechnungen nicht deswegen nicht zahle, weil ich das Geld gerade nicht habe oder böswillig bin, sondern dass ich mich nur einfach noch nicht getraut habe, den Brief zu öffnen? Klingt schon schräg für Normalos, oder?

    Und wie erkläre ich glaubwürdig, dass ich einfach nicht antworten kann/konnte, weil ich den Brief lieber mal nicht angeguckt habe? Und somit u.a. auch wichtige Fristen verstreichen lasse?

    Und wie komme ich mit dem Verarbeiten der Inhalte klar, wenn kein Termin beim Therapeuten ansteht, ich aber auch keinen Partner mehr habe, der Bitzableiter spielt oder beschwichtigend zur Seite steht…?

    Ich hasse Post – wie gut, dass die offiziellen Dokumente noch nicht per Mail versandt werden!!!

    Aber dessen ungeachtet: Für derlei Ängste hat doch niemand, der das nicht kennt, Verständnis. Im Endeffekt lässt es Betroffene, die sich ohnehin nur noch so durch den Alltag lavieren und deswegen oft seltsam anmuten mögen, nur noch seltsamer erscheinen. Somit fallen weitere Türen zu, werden weitere Kontaktwege abgeschnitten. Insbesondere, wenn man irgendwann so misstrauisch und auf der Hut ist, das selbst nett gemeinte, persönliche Schreiben missverstanden werden…

  8. osterhasebiene langnase Antworten

    Wenn man im Augenblick niemand hat, der einem beisteht, um den Inhalt eines Briefes zu verarbeiten, könnte man ja einen (ausführlichen) Antwortbrief verfassen und abschicken/oder in die Schublade legen. Schreiben, wie es einem wirklich geht. Man muss ja nicht beleidigend oder Schuld zuweisend werden. Das hilft, kann ich aus Erfahrung berichten! Was glauben Sie, wie viel Antwortbriefe ich schon geschrieben habe, wirklich schlechte Erfahrung hab ich damit noch nicht gemacht (hab aber auch nur 1% davon abgeschickt) Man kann zur Not das Thema auch verschieben und seinen Ärger in einem Leserbrief in der Zeitung zu irgendwas loswerden. Zur Bewältigung hilft auch, an einem Fluss, spazieren gehen und laute Selbstgespräche führen, das Wasser nimmt den Ärger auf und trägt ihn fort. Ich glaube mittlerweile nicht mehr, dass es auf unserer Erde noch einen einzigen „Normalo“ gibt.

  9. osterhasebiene langnase Antworten

    Könnte man nicht sagen, ist eigentlich völlig egal, was im Briefkasten ist (gut oder schlecht). Es kommt nur darauf an, was man draus macht. Vielleicht hat man nun endlich den Mut auszuziehen und was besseres zu suchen, was man eh schon lange wollte.

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