Heiteres Beruferaten reloaded

In den sechziger Jahren gab es mal eine Sendung, die hieß „Was bin ich?“.

Jaaa, werden jetzt viele sagen, klar, Robert Lemke, Schweinderl und so, haha, war cool.

Und für die Jüngeren: Sorry, es gab damals nur zwei Programme. Und die Abende waren lang und kalt und einsam.

Nun gut, in dieser Sendung (Untertitel „Heiteres Beruferaten“) wurde zu Beginn der Raterunde immer eine „typische Handbewegung“ demonstriert, die mit dem zu erratenden Beruf in Verbindung steht.

Über Robert Lemke und „Was bin ich“ habe ich jahrelang nicht mehr nachgedacht.

Aber heute habe ich wieder mal so eine typische Handbewegung gesehen. Nicht von einem Vertreter des zu erratenden Berufsstandes, sondern – nachgemacht – von einem Patienten.

Herr C., ein depressiver Patient um die 50, hat mir die Handbewegung gezeigt.

Es handelt sich um eine Bewegung, die reflexartig auf einen ganz bestimmten akustischen Trigger erfolgt: Ein ruckartiges Hochreissen des linken Armes mit einer leichten Hebung im Schulter- und einer stärkeren im Ellbogengelenk. Die Handfläche weist dabei nach vorne, zum Patienten hin. Die Finger sind meist leicht gespreizt. Gleichzeitig erfolgt eine leichte Wendung des Kopfes um bis zu 45 Grad zur handabgewandten Seite, also nach rechts. Der linke Mundwinkel verzerrt sich dabei etwas. Die Augen sind bei dieser insgesamt fließenden Bewegung zugekniffen. Begleitet wird das Ganze von einem Seufzer,  alternativ einer kaum unterdrückten Schmerzäußerung. Der gesamte Rumpf wird etwas nach hinten gebeugt. Man könnte es ohne Kenntnis der näheren Umstände für eine Abwehrbewegung halten.

Frage: Welcher Berufsstand ist hier beschrieben?

Zusatzfrage: Welcher akustische Trigger löst diesen Reflex aus?

Naja, ist leicht für alle, die schon mal bei so einem waren …

Stimmt, es handelt sich um einen psychiatrischen Gutachter. War nicht schwer, oder?

Dann ist ja auch klar, um welchen akustischen Trigger es sich handelt: Es ist natürlich das Wort „Mobbing“, ausgesprochen vom Patienten (aus Sicht des Gutachters also vom Probanden) bei der Schilderung seiner Arbeitsumstände, die zu der Symptomatik geführt haben, die ihrerseits, nach nunmehr 1,5 Jahren chronifiziert, zur Begutachtung zur Frage der Erwerbsunfähigkeit Anlass gibt.

Alles klar soweit?

Die Unerträglichkeit dieses Begriffes für den psychiatrischen Gutachter leitet sich davon ab, dass zwar jeder dritte seiner Probanden davon spricht, gemobbt zu werden, aber Mobbing doch eigentlich gar nicht existiert. Für den Gutachter. Ein Modebegriff, ein Unding, eine Unverschämtheit, ihm damit zu kommen.

„Sind Sie wirklich so ein sensibler Mensch?“ hat der Gutachter Herrn C. gefragt und dieser wusste nicht so recht, was er darauf antworten sollte.

Danach dauerte die Untersuchung nicht mehr lange. Als Herr C. ging, saß der Gutachter immer noch mit Falten auf der Stirn und leichtem Kopfschütteln hinter seinem Schreibtisch. Vielleicht musste er sich erst noch von dem ganzen Stress erholen.

Vielleicht hatte er sich aber auch bei seiner typischen Handbewegung etwas gezerrt.

 

Peter Teuschel

 

10 Responses
  1. Oh, Herr Dr. Teuschel! Es ist wieder mal die bitterste Realität… das wieder lesen zu müssen.. Und der nächste traumatisierte Patient, der – statt adäquater Hilfe – Beschuldigungen bekommt, dass seine Persönlichkeit die Ursache davon ist, dass er sich gemobbt FÜHLT (!!). Es ist einfach wahrlich UNGLAUBLICH, was für Verbrechen im Namen des Hippokratischen Eides verübt werden.
    Man könnte ja direkt noch anschließen, dass man alle Gemobbten doch einfach lobotomiert, damit sie nicht mehr so sensibel sind.. und ihren Frieden finden. Alle Probleme gelöst. Allen voran natürlich: dass der Arzt nicht mehr nachdenken muss, von mitfühlen rede ich gar nicht mehr..
    Aber da dieser Patient SIE offenbar als behandelnden Arzt hat, wird es möglicherweise doch keinen Suizid geben.. Aber wenn ich daran denke, wie viele Mobbingopfer keinen Teuschel oder Bämayr haben.. ist die Suizidrate plausibel.

    Ich kann nur jedem Mobbingopfer raten, vorab an den Hausarzt, Psychiater oder Psychiatrischen Gutachter per Post den „Hilflose Helfer“-Facharzt-Artikel (http://www.aerzteblatt.de/archiv/27942/Mobbing-Hilflose-Helfer-in-Diagnostik-und-Therapie) zu senden, denn wenn man ihn mitbringt, liest der Arzt es mit Sicherheit nicht mehr vor der Untersuchung.. So besteht eine geringe Chance, dass man nicht völlig traumatisiert nach der Untersuchung von dannen wankt… Abgestürzt ins nächste Schwarze Loch.. das vielleicht das Letzte ist…
    Bitte entschuldigen Sie, Herr Dr. Teuschel, dass ich diesen Artikel versenden würde – aber anlässlich der KÜRZE besteht die Chance, dass er auch gelesen wird… Wenn wir alle vorab Ihr hoch geschätztes Buch „Mobbing“ senden würden, würde es wohl, weil es ein Buch ist – nicht gleich gelesen werden – zumindest nicht vor der Untersuchung…
    Somit reicht es, wenn der Pat. es am Untersuchungstag übergibt!!! Mit mahnenden Worten ggg.

    Falls es hier Menschen gibt, die von Mobbing betroffen sind – können sie auch auf der Website von http://www.selbsthilfegruppe-mobbing-graz.at nachlesen – für Betroffene (hier wird eindrücklich geschildert, dass Mobbing KEIN Problem der Persönlichkeit des Opfers ist, sondern wesentlich andere Faktoren Mobbing zu- und gedeihen lassen. Ich hoffe, dass dies allen Mobbingopfern helfen kann!

    Ja, und besonders Ärzte sollten sich dort auch mal umschauen!!!

    Lassen Sie Ihren Patienten von mir von Herzen grüßen, und sagen Sie ihm schlicht:

    a greife ich mir an den arsch, weil der kopf mir dafür zu schade ist.
    albert einstein

    eva

    • Leider gibt es immer noch viel zu viele Gutachter, die immer noch viel zu wenig über das Thema Mobbing informiert sind.
      Aber auch abseits dieses Themas sind Vorgehensweise und Einstellung vieler Gutachter nach meiner Einschätzung sehr fragwürdig.
      Auch darüber ließe sich ein Buch schreiben …

      • Wie wahr, wie wahr!
        Und wie tragisch wenn man in diesem System gefangen ist! 🙁

        Danke, das Sie so offen die Wahrheit sagen – dazu gehört sehr viel Mut, den viele leider nicht haben!
        Verkommenes System…

  2. Ich frage mich, was wohl die typische Handbewegung in meinem Berufsstand ist… Ich tippe auf eine Hand am Kinn – alternativ an der Stirn mit einem entweder verzweifelten oder belustigten Gesichtsausdruck – und die andere Hand in einer Akte…
    Im Kontakt mit Klienten ist es nun wieder anders.. ich werde die Tage mal meine Körpersprache im Gespräch reflektieren… =)

  3. BERLIN. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat ein Modell vorgestellt, mit dem künftig die Anzahl der Arztbesuche in Deutschland besser gesteuert werden sollen.

    http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/berufspolitik/default.aspx?sid=834791&cm_mmc=Newsletter-_-Newsletter-O-_-20130305-_-Berufspolitik

    Ja, die Versichten dürfen aus 3 Tarifen wählen…. zahlen, zahlen oder zahlen…

    Die Frage ist nur, ob, wenn man die Supervollkasko-Krankenversicherung wählt, man dann einen Arzt bekommt, der sich mit Mobbing auskennt…
    ziemlicher sicher nicht….

    also – draufzahlen IMMER….

    • Stimmt! Dieser Vorschlag zielt auf eine Regelung dessen, um was es in der Gesundheitspolitik geht:

      GELD!

      Nicht dass das nicht wichtig wäre. Gerade für den „Vertragsarzt“ der Kassen ist eine Neuregelung der Bezahlung dringend erforderlich. Ohne „Quersubventionierung“ der Kassenpraxis durch Privatpatienten, Selbstzahler, Gutachten usw. müssten wohl die meisten Ärzte zusperren. Das ist nicht sinnvoll und macht keinen Spaß.

      Was außen vor bleibt ist die Qualität der Beratung und Behandlung. Gerade im sensiblen Bereich „Mobbing“ gibt es keine definierten Standards. Mangelnde Informiertheit, Vorurteile und Subjektivismus berherrschen die Landschaft.

      Stand heute: Wollen Sie Erfahrung und Kompetenz in dieser Angelegenheit, müssen Sie lange suchen. In Bezug auf Anwälte gilt übrigens das Gleiche. Juristen mit Kenntnissen/ Erfahrung in Mobbing-Angelegenheiten sind dünn gesät!

      An dieser Situation wird kein Wahltarif oder ähnliches etwas ändern!

  4. Ja danke 😉 !
    Der Vorschlag ist so grenzgenial lächerlich… das es fast schon als Faschingsscherz durchgeht.
    Abgesehen davon, dass sie einerseits sagen, die Pat. gehen viel zu spät zum Arzt und nehmen keine Vorsorge-Unt. in Anspruch, wollen sie jetzt die Arztbesuche über Geld limitieren und „steuern“, anstatt dass sie das Ärztekontingent aufstocken, das bei uns in Ö „eingehende Arztgespräch“ vermehrt abrechnen lassen (damit psychosomatische Erkrankungen früher erkannt und dementsprechend gut behandelt werden können), statt die Pat. jahrelang durch alle somatischen Untersuchungsreihen durchzuschleusen – für nichts..
    Und letztich sind wieder die finanziell schlechter Gestellten, die bekanntlich größere gesundheitliche Probleme haben (Armut macht krank), wieder die letzten in dem ganzen System.

    Dann will ich gar nicht davon anfangen, dass Mütter mit ihren Kindern nicht mehr zum Arzt (Facharzt) gehen, weil sie kein Geld haben, oder glauben, dass es was kostet etc…

    Die WELT ist KRANK. Und für solche Vorschläge bekommen die noch BEZAHLT!

    Es ist ein JUX!

  5. UND DAS passt doch gleich gut dazu:

    Das höchste Gehalt beziehen – nach KBV-Chef Dr. Andreas Köhler – die Vorstände der KV Bayerns. Der Vorsitzende, Dr. Wolfgang Krombholz, erhält 257.360,40 Euro.

    und so weiter und so fort….

    http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/berufspolitik/default.aspx?sid=834877&cm_mmc=Newsletter-_-Newsletter-O-_-20130306-_-Berufspolitik

    Sag ich ja- für solche Vorschläge kriegen die NOCH BEZAHLT – statt dass man sie verbannt auf St. Helena!!!!

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