Haudrauf der Woche: Kurt Beck (SPD)

Diese Woche wars nicht einfach, den Haudrauf zu küren.

Nicht, weil es so wenige Kandidaten gegeben hat, nein, da herrscht wahrlich kein Mangel.
Beispiele gefällig?

Da hätten wir einmal dieRedaktion der Zeitschrift VOGUE, die eine Fotostrecke mit Models im „Obdachlosenlook“ herausgebracht hat – die Kleidungsstücke an den Obdachlosenmodels alle jeweils im Wert von mehreren tausend Euro.
Ok, Freiheit der Kunst.
Ziemlich daneben meine ich.

Dann Joachim Witt, der sich gleich mit der ganzen Bundeswehr angelegt hat. In seinem Musikvideo „Gloria“ zeigt er Bundeswehrsoldaten, wie sie in einem Kriegsgebiet eine Frau vergewaltigen.
Ok, Freiheit der Kunst.
Auffallen um jeden Preis. Muss nicht wirklich sein, meine ich.

Ich habe mich aber letztlich doch für Kurt Beck entschieden. Anlässlich einer Feier zum Tag der Deutschen Einheit in München wurde er während eines Interviews durch die Zwischenrufe eines Passanten unterbrochen. Anstatt darauf souverän zu reagieren, drehte er sich um und fuhr den Mann an:

„Können Sie mal das Maul halten, wenn ich ein Interview gebe? Einfach das Maul halten.“

 

Kurt Beck ist schon früher aufgefallen durch eine gewisse ruppige und unbeherrschte Art, nicht das erste Mal ist er damit in den Schlagzeilen.

Die Entscheidung für den Haudrauf aber brachte die Reaktion auf die Kritik an seinem Ausraster. Über seine Sprecherin ließ er ausrichten:

„Auch ein Politiker muss sich nicht alles gefallen lassen“

Stimmt. Aber ein Politiker steht in besonderem Maße im Blickpunkt und kann sich nicht aus seiner Rolle als Vorbild herausreden und auf Allgemeinplätze verweisen.

Natürlich muss er sich nicht alles gefallen lassen. Aber er sollte die Form und den Ton wahren. Ein prolliger Umgangston ist und bleibt ein prolliger Umgangston. Immerhin ist Kurt Beck derzeit noch Ministerpräsident eines Bundeslandes.

Nun ist niemand dagegen gefeit, einmal die Nerven zu verlieren. Aber dann sollte er mit ein paar Tagen Abstand klarstellen, dass er sich im Ton vergriffen hat.

Das Totschlagsargument „auch ein … muss sich nicht alles gefallen lassen“ kann man sonst für jeden verwenden und damit alle primitiven Verhaltensweisen rechtfertigen.

Nicht für seinen Aussetzer, sondern für die fehlende Einsicht, worum es hier eigentlich geht, erhält Kurt Beck von mir den „Haudrauf der Woche“.

Peter Teuschel

3 Responses
  1. Sie, Herr Dr. Teuschel,

    ich lese ja Ihr Blog durchaus gerne, auch wenn ich mich an dem für mich politisch korrekten Haudrauf der Woche immer etwas reiben kann. Wobei ich das öffentlich politisch korrekte mal Ihrem Berufsstand zuschreibe und es daher „gut stehen lassen kann“ 🙂

    Wenn Sie aber bei Ihrem Haudrauf der Woche nun diese menschlich komplett unsägliche und falsche Zeichen setzende Aktion zum einen präsentieren. Dazu zeigen Sie zum anderen auf diese eklige leider viel zu ästhetisch gezeigte Vergewaltigung. Und nennen beides lapidar Freiheit der Kunst.

    Und dann entscheiden Sie sich für einen Ministerpräsidenten, der sich einem Menschen gegenüber komplett im Ton vergriffen hat, der davor die ihm gesetzten Grenzen mehrfach nicht eingehalten hat…

    Also Vorbild hin oder her. Emotionen kennen wir alle. Seine Reaktion war unmöglich, aber irgendwie noch für viel nachvollziehbar. Und er stand immerhin dazu, egal was man davon halten mag.

    Aber daß Sie dann daraus mehr Vorbild oder Meinungsbildung Schlußfolgern, als bei schön und ästhetisch fotografiertem und gefilmten Schmerz und Leid??? Da interessiert mich tatsächlich schon, warum Sie sich „letztlich“ für den Ausraster entscheiden haben?

    Ein interessierter Gruß

    • So, das hab ich jetzt davon, dass ich diesmal die Plätze 2 und 3 mit aufgeführt habe …

      🙂
      Aber nein, die Frage ist berechtigt und gut.

      Zum Einen ist der Haudrauf eine zutiefst subjektive Angelegenheit, da kommt bei mir viel aus dem Bauch, ohne dass ich es analysiere.

      Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, ja, was mag den Ausschlag gegeben haben?

      Vielleicht bin ich bei Fotografen, Modemachern, Musikern und anderen Künstlern einfach toleranter, vielleicht „dürfen“ die bei mir mehr. Das mit der Freiheit der Kunst meine ich schon sehr ernst, auch wenn ich die beiden Beispiele völlig daneben finde.

      Und ist die Auswahl nicht gerade ein Beleg dafür, dass es mir nicht um die politische Korrektheit geht (wenn ich die hätte bedienen wollen, wäre der Witt der Reflex gewesen)?

      Also: ganz subjektive Geschichte der Haudrauf!

      Schöne Grüße

      Peter Teuschel

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