Anleitung zum Mobben

Blogger-Kollegin Nadja Hermann hat auf Ihrer fettlogik-Seite über einen gar seltsamen Spot berichtet.

Unter dem Vorwand, einen Preis (Ernährungsberatung) gewonnen zu haben, wurden einige junge Frauen in einen Supermarkt eingeladen und dort – nein, nicht hinsichtlich ihrer Ernährung beraten, sondern übel beschimpft. Die Reaktionen der solchermaßen Gelinkten fielen entsprechend aus, es flossen einige Tränen. Als „deus ex machina“ trat dann ein Chor in Erscheinung, der das fröhliche Lied „Bleib wie du bist“ anstimmte. War nur ein Spaß, hahaha.

Nadja Hermann hat zurecht auf die höchst fragwürdige Botschaft hingewiesen, die der Spot verbreitet. Frauen, die unter Übergewicht leiden und sich diesbezüglich gerne ernährungstechnisch beraten lassen wollen, werden zunächst vor laufender Kamera beleidigt. Dann wird ihnen signalisiert, sie sollten so bleiben, wie sie sind. Also nichts mit gesünderer Ernährung und sinnvoller Reduktion des Körpergewichtes.

Die ganze Aktion hat aber noch einen anderen Aspekt. In meinem Artikel über die „medialen Minister des grausamen Humors“ habe ich bereits über die zunehmende Tendenz berichtet, im öffentlichen Rahmen Menschen zu beleidigen und dies als witzige Aktion darzustellen.

Nichts anderes passiert hier im Spot von funk. Öffentliches Beleidigen und Demütigen von Menschen vor laufender Kamera als „großer Spaß“ und dann ein lustiges Lied als Pflasterchen auf die Seele geklebt. Lustig, oder nicht?

Es sind unter anderem solche Spots, die Kindern und Jugendlichen das Mobben in ihrem Umfeld als spaßig und „nicht so schlimm“ näher bringen. Und mit einem schulterklopfenden „Haha“ ist dann ja auch alles wieder gut, war nicht böse gemeint, du musst doch ein wenig Spaß verstehen und so weiter und so fort.

Eine Vorbildfunktion der verantwortlichen Redakteure kann ich da nicht erkennen, aber vielleicht ist ja schon das Wort „Vorbild“ etwas Antiquiertes, Gestriges, das mich als Vertreter einer abzuschreibenden Generation mit gänzlich seltsamen Werten kennzeichnet.

Vielleicht aber gehören diese Menschliches und Empathisches gering schätzenden Darstellungen ja zum allgemeinen Trend des Pöbelns, Verachtens, Herabblickens, der sich in diesen Tagen so unübersehbar breit macht.

In meinen Augen war es nie wichtiger, gerade in dieser Zeit auf solche letztlich Menschen in ihrer Berührbarkeit gering schätzenden Aktionen  mit dem Finger zu zeigen.

Peter Teuschel

Beitragsbild: ©Luis Louro – Fotolia.com

13 Responses
  1. Mega grausam 😮

    Das Schlimme ist, dass es nicht nur die (öffentlich rechtlichen) Medien (wenn es so ist, wie Sie schreiben, wir haben keinen Fernseher) ihrer Vorbildfunktion so gar nicht mehr gerecht werden, sondern äußerst zweifelhafte Inhalte zeigen oder die Vorbildfunktion sogar missbrauchen (s.o.). Ich könnte momentan als Elternsprecherin (5. Klasse Gymnasium) ständig mit der Klassenlehrerin in Konfrontation gehen. Sie führt Kinder vor, die etwas nachfragen, weil sie es inhaltlich oder auch nur akustisch nicht verstanden haben: Diese werden in fiesem Tonfall nachgeäfft, an die Tafel geholt oder ernten beleidigende Kommentare.
    Viele trauen sich nicht einmal mehr zu bitten, ob sie einen Schritt beiseite gehen könnte, weil sie die Sicht auf die Tafel vesperrt o.ä.

    Sie forderte nach der Zeugniskonferenz von mir Absolution, weil sie doch nicht so schlimm sei und es ihr Leid täte, wenn es so rüberkomme, wie ich es geschildert hätte. Sorry…
    Und danach? Momentan droht sie der gesamten Klasse, weil es im Unterricht oft laut und unruhig wird (nur bei ihr und einer weiteren Lehrerin), mit Sanktionen wie eine Stunde Sportverzicht, nur noch Frontalunterricht oder kollektive Abstufung um eine Note…

    Ich weiß wirklich nicht, wie ich an sie herankommen soll. Sie bemerkt das offensichtlich gar nicht 🙁 Pädagogin?????
    Traurig!

    • Was sagt denn der*ie Rektor*in? Geht ja gar nicht…Die Gute scheint überfordert und inkompetent zu sein…So vermiest man den kids die Schule und den Spass am Lernen….

      • Das ist einer der wichtigsten Punkte bei allen Formen von Mobbing. Irgendwo sitzt eine(r), der alles beenden oder zumindest dagegen vorgehen könnte. Dieses Versagen der Hierarchie ist bei den allermeisten Mobbingfällen darstellbar. Entsprechend sollte man in jedem Fall als Eltern sich an die oder den Vorgesetzten wenden, wenn der Lehrer nicht kooperativ ist. Dann gehts weiter zum Ministerium etc. Nicht, dass man damit immer Erfolg haben würde, aber man kann Druck auf das System ausüben, so dass es unter Umständen für die Schule angenehmer sein kann, etwas zu ändern, als ständig Druck von außen zu bekommen.

  2. Hallo Peter Teuschel,

    „Verstehen Sie Spaß?“ – Quoten-Check: 4,09 Millionen Zuschauer aller Altersgruppen generierten einen für Das Erste hervorragenden Marktanteil von 17,4 Prozent. In der Zielgruppe sorgten 0,78 Millionen Zuschauer für sehr gute 10,5 Prozent Marktanteil. Der gleiche Beitrag in dieser Sendung und keiner hätte sich aufgeregt. Die beteiligten waren mit der Sendung einverstanden. Jeder mag seine eigene Meinung zu „Verstehen Sie Spaß“ haben. Letztendlich gehe ich davon aus, dass öffentlich rechtliche Sender sich die Veröffentlichung schriftlich vom Betroffenen genehmigen lassen. Interessant die Aussage eines der „Opfer“:

    … Die Szenen waren im Kasten und ich wurde mit einer Mütze, ein paar Billigkopfhörern und einer Werbegeschenkladestation abgefertigt, dann noch kurz verstecken, damit mich die nächste Kandidatin nicht sieht und Tschüss! …

    … Denise hat sich nach dem Dreh auch an die Produktionsfirma gewendet und geschildert, wie es ihr mit dem Dreh ging, die Antwort war allerdings wenig hilfreich:
    „Die Antwort war (wie ich befürchtet habe) sehr oberflächlich und sie sind überhaupt nicht auf die Punkte eingegangen die ich in dieser Mail geschrieben hatte.“ …

    Siehe: https://fettlogik.wordpress.com/2017/01/28/are-you-funking-kidding-me/

    Fakt ist – jeder hat ein verbrieftes Recht auf sein Bild:

    … Ist die Person erkennbar, greifen die Regelungen der §§ 22 ff. KunstUrhG ein. Danach dürfen Bildnisse nur mit Einwilligung der abgebildeten Person veröffentlicht werden. In den §§ 23, 24 KunstUrhG finden sich jedoch einige wichtige Ausnahmen.

    Bevor man nach einem Ausnahmetatbestand sucht, noch einmal gedanklich ein Sprung zurück: Liegt eine Einwilligung vor, ist die Veröffentlichung unproblematisch. Diese Einwilligung kann formlos, sogar stillschweigend erteilt werden. Dabei kommt es immer auf die konkreten Umstände an. Auf der sicheren Seite ist der Filmhersteller, wenn eine schriftliche Einwilligung der jeweiligen Person vorliegt. Sobald die gefilmte Person für die Aufnahmen eine Bezahlung erhält, stellt das Gesetz die Vermutung auf, dass eine Einwilligung vorliegt. …

    Sind die Annahme von Mütze und Billigkopfhörer schon eine Einwilligung? Wenn ich etwas nicht will, muss ich mich wehren! Dazu gehört, sich schlau zu machen und zu handeln! Den meisten wird dies aber erst bewusst, wenn das Kind im Brunnen liegt. Es stellt sich auch die Frage: Wie viele Takes mussten gedreht werden um 4(!) senden zu können/dürfen. Und – keines der „Opfer“ war wirklich zu „fett“! Eher hatten diese – sieht man sich sich auf den Straßen um – eine „normale“ Figur.

    Ich denke, wer in unserer Zeit „so sein will, wie er ist“, muss auch mit sehr viel „Gegenwind“ rechnen – und dies auch ertragen können. „Wer so ist, wie er ist“ – braucht keine Vorbilder! Schon gar nicht die Verantwortung eines Redakteurs! Wer so ist, wie er ist, muss dafür den Mut aufbringen, positive und(!) negative Auswirkungen in Kauf zu nehmen. Ansonsten muss er sich der Masse anpassen – versuchen „normal“ sein – der Norm zu entsprechen. Sich in einer Welt der Schubladen einordnen. Ich möchte das nicht! Wahre Freiheit bedeutet, die Verantwortung für sein Handeln nicht an Dritte abzugeben, sondern selbst zu übernehmen.

    Die Rose kümmert sich nicht darum,
    welchen Namen ihr die Botaniker geben.
    (Walter Ludin)

    Gruß
    Manfred

  3. shgmobbinggraz Antworten

    Sehr geehrter Herr Dr. Teuschel! Vielen Dank für Ihren Beitrag und die klaren Worte! Es ist unfassbar, was Menschen einfällt, um andere zu demütigen, und noch 1000.000e „Lacher“ auf seiner Seite zu haben. Interessant, dass es offenbar im Zeitalter der Schadenfreude nicht 1000.000e Mail an diese Redaktion gibt, solcherart Beiträge einzustellen. Danke für das Sichtbarmachen der psychischen Gewalt unter dem Deckmäntelchen der Quoten!

  4. Das kenne ich sehr gut und es ist sehr unverschämt.
    Denn damals haben die in der Klasse, als ich gemobbt wurde, mir auch gesagt, dass „es nur Spaß“ ist und dass „es gut gemeint war“.
    Hiermit möchte ich selbstverständlich auf meinen Online-Comic „3/11“ hinweisen, der die ganze grausame destruktive Macht des Mobbings zeigt und anders herum meinen großen Mut – was ich damals (1997) nicht benennen konnte – was heute weithin als „Resilienz“ bezeichnet wird.

  5. @ Lea Tätivit: Man muss den Gegner an seiner Schwachstelle packen. Bei Schulen ist das das öffentliche Ansehen.

    Also z.B. eine coole Aktion machen (die drei Klassenbesten wechseln vorübergehend zur Hauptschule, um ihre Kompetenzen zu regenerieren) und dann Lokalzeitung, Lokalradio etc. informieren. Oder diejenigen wechseln publikumswirksam auf die Realschule, denen das Gymnasium eh zu schwer ist, und schieben diese Lehrerin vor. Dann bleibt das Image der ehrgeizigen Eltern gewahrt und man hat auch noch ein gutes Werk getan.

    Oder die Eltern setzen sich abwechselnd als Mobbing-Beobachter in den Unterricht. Die Schule will doch nicht, dass die Eltern von der Polizei gewaltsam entfernt werden und dann Fotos in die Zeitung kommen, oder? Das sieht dann ja aus wie in Gorleben. Na also, dann einigt man sich darauf, dass das das Beste für alle ist.

    An welcher Schule war die Lehrerin vorher, was ist das Sündenregister, das ggf. zur Versetzung geführt hat?

    Lesetipp, um in Stimmung für weitere Ideen zu kommen: „Mobbt die Mobber“ von Holger Wyrwa. Geht zwar um die Arbeitswelt, ist aber sehr kreativ an den Grenzen des Erlaubten unterwegs, was recht inspirierend sein kann, wenn die etablierten Wege nichts gebracht haben. Hat mir mal bei der Verdauung von übler Nachrede geholfen.

    Die meisten Lehrer haben übrigens nicht Pädagogik, sondern Didaktik studiert. Das ist die Wissenschaft davon, wie man anderen was beibringt.

    • @Irene – Coole Anregungen, danke!
      Ganz so extrem werde ich es wohl nicht so umsetzen, um meinem Kind nicht zu schaden.
      Aber die Ansätze sind gut erdacht und ein prima Denkanstoß.
      Das Buch finde ich bestimmt in der Bücherei – ich MUSS da jetzt einfach reinschau’n!

      Danke.

  6. osterhasebiene langnase Antworten

    Die größte Gemeinheit dabei ist das Gut-Meinen (andere vor etwas bewahren wollen), das macht die Täter auch noch moralisch zu Gewinnern. Dem Opfer bleibt der beschämte Rückzug oder richtig Rabatz machen. Da letzteres viele aber scheuen, bleibt die doppelte Beschämung (weil man sich nicht gewehrt hat). Das ist psychische Grausamkeit! Schlimmer geht nicht!

  7. Nachtrag:

    Oder die Eltern setzen sich abwechselnd als Mobbing-Beobachter in den Unterricht. Die Schule will doch nicht, dass die Eltern von der Polizei gewaltsam entfernt werden und dann Fotos in die Zeitung kommen, oder? Das sieht dann ja aus wie in Gorleben. Na also, dann einigt man sich darauf, dass das das Beste für alle ist.

    Falls die Lehrerin narzisstisch gestört sein sollte, sind ständige Beobachter die beste Methode. Dann wird nämlich konsequent die Musterlehrer-Maske aufgesetzt, sobald Erwachsene im Raum sind (und wieder abgenommen, sobald sie weg sind). Lesen Sie mal im Netz über Narzissmus, falls Sie den Feind näher studieren wollen, dann sehen Sie schon, ob es eventuell passen könnte.

    An welcher Schule war die Lehrerin vorher, was ist das Sündenregister, das ggf. zur Versetzung geführt hat?

    Und vor allem – wie ist man sie los geworden?

    Wir hatten damals so einen ironisch-arroganten Lehrer an der Schule (promoviert), der wurde irgendwann versetzt. Ich kannte den nur als Vertretungslehrer und erinnere mich, dass er in dieser Stunde alle Mädchen „Susi“ nannte. Da das eine eher flüchtige Erfahrung war, habe ich die Geschichte nicht weiter verfolgt.

    Die FDP will übrigens die Verbeamtung von Lehrern abschaffen, vielleicht können Sie sich ja von denen einladen lassen und lokale Argumente liefern.

  8. Ach, schön, noch ein Aspekt für meine Masterarbeit unter dem Thema Körperbilder und Diätverhalten von Frauen 50+…
    Was ist das nur für 1 Gesellschaft….

    • Ich bin in einem ADHS-Forum aktiv, es ist erschreckend und erschütternd, wie stark das Thema Mobbing und Ausgrenzung von Kindern von Lehrern und Schulen verharmlost wird, aber auch wie wenig Ahnung Eltern haben, was zu tun ist oder auch welche Tragweite diese Hänseleien in der Schule haben…

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