Zum Tod von Sophie Hingst: Sternschnuppe im Zerrbild

Sternschnuppe

Am 17.07.2019 starb Sophie Hingst in Irland. Über die Umstände ihres Todes ist mir nichts Näheres bekannt. In den Medien, seien es analoge oder digitale, geht es jetzt heiß her.

Der Redakteur des Spiegels, der die Betrügereien der Bloggerin aufgedeckt und publik gemacht hatte, sieht sich ob ihres Todes Vorwürfen ausgesetzt. Wie ich bereits hier gebloggt habe, lockt so ein Ereignis alle aus ihren Löchern, die sich berufen fühlen, hier „schon immer alles gewusst“ zu haben oder die auf dem Feuer des scheinbaren Mitgefühls ihr eigenes für die meisten von uns unbekömmliches Süppchen kochen.

Ferndiagnosen sind unseriös; sie werden auch dadurch nicht besser, dass sie von psychiatrischen Laien und Selbstberufenen gestellt werden.

Diese schillernde mediale Eruption erscheint mir wie der Widerschein einer Sternschnuppe auf einem See. Wir sehen die durch den Wellengang in Schwingung versetzten Lichtphänomene und manche von uns glauben, dadurch einen Rückschluss auf die Schnuppe selbst wagen zu können. Nein, sie wagen es nicht , sie verkünden es mit der Sicherheit dessen, der sich selbst nicht zu erkennen vermag, aber sein Urteil über andere schnell bei der Hand hat.

Ich kannte Sophie Hingst nicht. Ich verfüge nicht über mehr Informationen über sie und ihre Motivation als alle anderen. Ihre Familie, ihre eventuellen Therapeuten (hatte sie welche? Darüber wird jetzt auch spekuliert) könnten eine Aussage treffen über diese Frau, diesen Menschen. Wir anderen können nur spekulieren. Wir können uns aber auch eingestehen, dass wir nichts wissen über Sophie Hingst und nur die Auswirkungen ihrer Handlungen erkennen können. Unser Urteil betrifft eben diese Handlungen, die wir missbilligt haben. Wir urteilen nicht über einen Menschen, wir verteufeln ihn nicht, stilisieren ihn aber auch nicht als Opfer. Dazu wissen wir zu wenig.

Jeder, der Sophie Hingst ebenfalls nicht kannte, jetzt aber seine Stimme erhebt, um Anklage gegen wen oder was auch immer zu führen, dem misstraue ich. Dem unterstelle ich eigene Motive und ich kann ihn in dieser Sache nicht ernst nehmen.

Das schillernde Zerrbild einer Sternschnuppe auf der Wasseroberfläche verleitet manche zu Urteilen über den Meteor selbst. Wie nahe am Missbrauch das angesiedelt ist, sehen solche Leute nicht. Oder es ist ihnen vor dem Hintergrund eigener Interessen egal.

Peter Teuschel

Foto: © marcin jucha (Adobe Stock)

5 Responses
  1. Diese Geschichte ist traurig, doch niemandem kann ein Vorwurf gemacht werden. Der „Spiegel“ hat sich der Aufdeckung von Unwahrheit verschrieben und muss seine Arbeit tun, das ist seine Funktion. Ich stehe dieser Wahrheitsfindung skeptisch gegenüber, wenn psychisch Angeschlagene ausgeschlachtet werden – und das hätte man erkennen müssen. Wem nutzt solche Wahrheit? Alle Mitleidsbekundungen im Nachhinein wirken hier eher unecht. Die Bloggerin hat sich -vermutlich- in der Fantasie immer weiter von der Wirklichkeit entfernt, in der sie vielleicht nie heimisch war und keinen Weg zurück ins reale Leben finden können. Wie kann man ihr im Nachhinein vorwerfen, sich keiner Therapie unterzogen zu haben/Hilfe nicht angenommen zu haben? Das ist vermessen. An welchem Punkt hätte man sie abholen und erreichen können? Das wäre die Kunst gewesen. Man hätte sich wahrscheinlich ganz tief in ihre Welt hineinbegeben müssen, um ihr dort zu begegnen.
    Es ist Schuldabwehr – in meinen Augen. Ich persönlich habe weder den Spiegelartikel, noch die Geschichten von Frau Hingst gelesen.

  2. Hmm,ein ziemlicher Hammer! Ich habe weder den Blog gelesen noch von Fräulein Read on vorher etwas gekannt. Aber Genie und Wahnsinn liegen manchmal eng beieinander. Ich denke nicht, dass sich seriöse Journalisten einen Vorwurf machen sollten, wenn sie Tatsachen aufdecken. Frau Hingst hätte man eher wünschen können, das ihre Bewusstheit ihre Talente in die Literatursparte geleitet hätte, wäre es ihr um Erfolg gegangen, hätte sie den dort vielleicht ebenso gefunden? Die Konsequenzen eigenen Handelns erkennen ja weder Kranke noch vermeintlich Gesunde oft nicht mal, trotzdem ist jeder selbst für sein Handeln verantwortlich. Ich bin leider, auch wenn viele da buhen, ein wütender Gegner von Suizid, auch, wenn ich schon mal die Motivation nachvollziehen kann, mich so in jemanden reinversetzen kann, als wäre er es selbst. Das ist für mich Stehlen aus der Verantwortung und Leidbringend für die Angehörigen, egal, welchem Schicksal Jemand ausgesetzt ist. Aber auch das muss man sicherlich viel differenzierter und je nach Person unterschiedlich betrachten.

  3. Um die Diskussion nicht auf Facebook zu führen, möchte ich kurz erklären, warum ich Filme wie „Meine fremde Freundin“ (im ARD Archiv anzuschauen) nicht hilfreich finde, um ein Phänomen (das Lügen) zu erklären. Derartige Filme (kurz: eine Lügnerin wird von ihrem Vorgesetzten „verfolgt“) erklären keine Psychodynamik und sonst auch wenig. Sie gehören m.E. in die Kategorie Psychopathenfilm.
    Das ist Geschmacksache. Der verfolgende Chef ist in meinen Augen genauso „gestört“ wie die „Lügnerin“ selbst. Einerseits ist es Definitionssache, ab wann etwas als Lüge angesehen wird (ich bin kein Befürworter des Lügens!). Wenn man z.B. zu einem Fremden sagt, dass man mit ihm verwandt ist, wird er sagen, dass das eine Lüge ist. Im sehr weiten Sinn sind jedoch alle Menschen miteinander verwandt. Wahrheit und Lüge sind gesellschaftliche Übereinkünfte.
    Zum anderen wird die Psychodynamik ausser Acht gelassen: Je mehr die Lügnerin verfolgt wird, umso schlimmer wird das „Lügen“. Es entsteht ein Bild von „gut“ (=Wahrheit/Chef) und „böse“ (=Lüge/Mitarbeiterin). Ein „Problem“ haben m.E. beide (ein Symbolisierungsproblem?).
    Der Film wirkt gestellt, unecht, verzerrt.
    Ich denke, jeder Mensch hat in gewissem Ausmaß seinen eigenen Mythos, „belügt“ sich selbst und andere unbewusst. Auffällig wird das erst ab einer gewissen Entfernung zur Realität. Dieses „Lügen“ ist eine symbolische Leistung der Psyche zur Abwehr vor Selbstverlust und zur Stabilisierung der Identität. Auch das krankhafte Lügen ist zu aller erst eine psychische Leistung, um Schlimmeres (Selbstfragmentierung u.ä.) zu verhindern. Es ist eine bestimmte Art mit einer ganz bestimmten Realität umzugehen.
    Moralisierende Ansätze finde ich hier überhaupt nicht sinnvoll und konstruktiv.
    Die „Lügnerin“ kann die Wahrheit nicht sagen, natürlich nicht, und sie wird von einem psychopathischen Chef noch mehr in die Lüge hineingetrieben. Anfangs ist sie möglicherweise nur ein wenig aufschneiderisch/unsicher, was den „Verfolger“ anlockt.
    Ich konnte den Film gar nicht zu Ende anschauen. Das Ende der Geschichte wird in der Eingangsszene gezeigt. Vielleicht ist es auch gerade diese Erkenntnis, die den Film sehenswert macht, wenn man sich das antun möchte.

    • Ich kenne besagten Film leider (noch) nicht. Dass Lügen eine „psychische Leistung“ ist und psychodynamisch gedeutet werden sollte, dürfte aber nur in Ausnahmefällen zutreffen. Die meisten Lügner wissen, dass und warum sie lügen: Um sich einen wie auch immer gearteten Vorteil zu verschaffen. Angst vor Konsequenzen, Vorteile aller Art, was auch immer.

      • Ich könnte mir vorstellen, das Lügen fängt an, wenn man keinen Zugang zu seiner eigenen Geschichte hat, also mit einem falschen Selbst. Eine Form von Abwehr und Verdrängung. Die absolute Wahrheit gibt es m.E. nicht, aber etwas, das sich für ein Individuum wahr anfühlt (Authentizität), eine Identität, ein Ego, ein Bild von sich. Das ist eine Integrationsleistung. Der Mensch muss sich damit wohlfühlen können. Ein falsches Selbst entsteht aus einem Defizit, einer Lücke. Solche Menschen zu „stellen“ bringt niemals Erfolg. Sie werden schlimmstenfalls bösartig oder töten sich selbst, wenn die Schlinge zu eng wird.

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