Therapeutische Hemianopsie: Wenn Therapeuten „auf einem Auge blind“ sind

Unter einer Hemianopsie versteht man einen halbseitigen Gesichtsfeldausfall. Bei einer häufigen Form kann der Patient beispielsweise die rechte Seite seines Gesichtsfeldes nicht mehr erkennen. Es ist nicht ganz das „Auf einem Auge Blind-Sein“ aus unserem Sprachgebrauch, kommt dem aber durchaus nahe.

Was ich im folgenden schreibe, ist nicht neu. Aber immer, wenn es mir begegnet, frage ich mich, wie es dazu kommen kann.

Ein typischer Fall von Straining

Herr W. wird nach 5 Wochen aus einer psychosomatischen Klinik entlassen. Er war dort wegen einer depressiven Symptomatik mit starker Angstkomponente behandelt worden. Im Hintergrund steht bei Hern W. eine Überlastung am Arbeitsplatz. Diese wiederum steht im Zusammenhang mit Vorgängen, die alle Züge eines Mobbing-Verhaltns seitens des Vorgesetzten tragen. Herr W. ist Ende 50, lange im Betrieb (eine Versicherung) und das, was man unter einem „alten Hasen“ versteht.

Alte Hasen wissen, wo es lang geht. Manchen aber sind diese Hasen zu alt. Vielleicht wissen sie ein bisschen zu viel über den laufenden Betrieb, vielleicht lassen sie sich ein bisschen zu wenig sagen. Sie zweifeln eine Umstrukturierung an, weil sie eine ganz ähnliche bereits zwei Mal mitgemacht haben und schon ahnen, dass das nichts bringen wird.

Also muss der alte Hase weg. Er soll ersetzt werden durch ein neues Häschen, das noch dressierbar ist (und außerdem weniger Geld kostet).

Genau diesen Eindruck hat man, wenn man W.’s Geschichte hört. Der vermehrte Arbeitsanfall ist nicht zufällig oder betriebsbedingt. Er dient dazu, den langjährigen Mitarbeiter gezielt zu überlasten, um ihn auf diese Weise dazu zu bringen, das Handtuch zu werfen. Auf gut deutsch: Herr W. soll rausgemobbt werden.

Nach langer Krankschreibung, Psychotherapie und medikamentöser Behandlung ist Herr W. immer noch nicht in der Lage, wieder an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Wie auch, es erwartet ihn ja eine Fortsetzung des Mobbings. Jetzt, wo er schon mal „angeschlagen“ ist, so meint er, würde er das nicht mehr lange durchstehen.

Einen neuen Job suchen? Prinzipiell ja, aber mit Ende 50 sind die Aussichten da schlecht. Frühberentung? An sich mag er ja seinen Beruf und das Ende der Karriere hätte er sich auch anders vorgestellt.

Letztlich ist das eine typische Konstellation, wie wir sie sehr häufig in der Praxis sehen.

Der Schock am Ende der Behandlung

Von einer stationären psychosomatischen Behandlung erhofft man sich in der Regel eine Intensivierung der ambulanten Therapie. Die geschilderte Problematik und das Dilemma des Ende 50Jährigen ändern sich nicht durch die Aufnahme in eine Klinik, aber die Situation kann komprimiert und von neuen Seiten beleuchtet werden, um zur Findung der weiteren Strategie beizutragen.

Herr W. hat alles den Ärzten und Psychologen der Klinik geschildert und auch seine Schlussfolgerungen hat er mitgeteilt. Er hat Angst vor dem Arbeitsplatz, er kann sich nicht vorstellen, wieder dorthin zu gehen. Vielleicht muss er doch den Weg in die Frührente wählen, weil alle Therapie ihn nicht stabiler gemacht hat.

Gegen Ende des Aufenthaltes teilt ihm der Oberarzt mit, die Klinik werde eine Wiedereingliederung am alten Arbeitsplatz empfehlen. Herr W. müssen an seinen Persönlichkeitsanteilen arbeiten, er sei zu leicht kränkbar und zeige ein deutliches Vermeidungsverhalten.
W. schildert noch einmal ausführlich die Vorgänge am Arbeitsplatz, die bewusst vorgenommene Überlastung, die Weigerung seines Chefs, über entlastende Maßnahmen zu sprechen.
Der Oberarzt meint, er verstünde das alles, aber trotzdem sei ein weiteres Fernbleiben von der Arbeit „keine Lösung“.

So steht es dann auch im Arztbrief: Empfohlen wird eine stufenweise Wiedereingliederung, parallel dazu soll der Patient weiterhin ambulant psychotherapeutisch begleitet werden.

Therapeutische Hemianopsie ist tief verankert

Das Ignorieren externer Belastungsfaktoren und die Übergewichtung persönlicher Anteile des Patienten ziehen sich seit Jahrzehnten durch die therapeutische Landschaft. Vielleicht ist das ja auch eine besondere Facette unserer „Ego-Gesellschaft“. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, „jeder trägt die alleinige Verantwortung für sein Tun“ ist ein Teil des großen Mosaiks, das die Überbewertung des einzelnen, seiner Befindlichkeiten und Besonderheiten abbildet.

Paradoxerweise ist eben dies, nämlich die Wertschätzung der Individualität unserer Patientinnen und Patienten, ein ganz wichtiger Faktor meines täglichen Tuns. Einfach ist diese Grenzziehung also nicht.

In Herrn W.’s Fall liegt eine paradoxe Kombi vor: In den Augen des Oberarztes liegt die Misere am Arbeitsplatz vor allem am Patienten, seiner Einstellung, seinen Persönlichkeitsanteilen. Gleichzeitig wird dieser in der Schilderung seines Erlebens und seiner Beschwerden nicht ernst genommen. Der Oberarzt kauft ihm die Situation am Arbeitsplatz nicht so ganz ab, sonst würde er keine Wiedereingliederung empfehlen.

Wie kann es dazu kommen?

Ich glaube, es zeigt sich hier eine prinzipiell misstrauische Einstellung dem Patienten gegenüber. Es wäre interessant herauszufinden, woher diese kommt. Schlechte Erfahrungen des Therapeuten oder Arztes? In der Ausbildung verankerte Übergewichtung persönlicher Anteile am Zustandekommen von psychischen Störungen? Vorurteile im Arztgehirn? Vielleicht von allem etwas.

Bei Arbeitsplatzkonflikten besteht nach wie vor bei weiten Teilen der Ärzteschaft und auch der Therapeutinnen und Therapeuten die Tendenz, die Verantwortung in erster Linie beim Patienten zu sehen. Dass externe Faktoren, wie z.B. Mobbing oder Straining, unabhängig von allen Variablen der Patientenpersönlichkeit auftreten, wird oft übersehen.
Dies erzeugt noch mehr Leid und Verunsicherung, als ohnehin schon vorhanden ist.

Herrn W. geht es nach der Klinik schlechter als vorher. Man hat ihm ganz offensichtlich nicht geglaubt, man lässt ihn im Regen stehen.

Natürlich machen wir weiter wie vorher, eine Wiedereingliederung ist keine Option, aber die Klinik hätte sich Herr W. sparen können.

Die therapeutische Hemianopsie besteht in der reflexartigen Ausblendung bzw. Untergewichtung externer Einflussfaktoren zugunsten einer Haltung, die dem Individuum ein Übermaß an eigener Verantwortung aufbürdet in Bereichen, die sich dem Einflussbereich der Patientin oder des Patienten entziehen. Dieser „blinde Fleck“ führt zu einer gefährlichen Ignoranz im Umgang mit Betroffenen. Weder entspricht diese Einstellung der allgemeinen Lebenserfahrung, noch ist sie vor dem Hintergrund moderner Diagnosemanuale (wie der ICD 11, die im Bereich der „komplexen Traumatisierung“ deutlich nachgebessert wurde) professionell.

Meine Erfahrung ist, dass sich der Blick auf die Komplexität arbeitsgebundener Störungen oft erst dann schärft, wenn man als Ärztin oder Therapeut selbst davon betroffen ist.
Die therapeutische Hemianopsie nimmt ihren Anfang bereits in der Wissensvermittlung im Studium und setzt sich dann in der beruflichen Praxis fort. Dies ist ein erhebliches Manko in der medizinischen und therapeutischen Ausbildung.

Glücklicherweise gibt es durchaus Kolleginnen und Therapeutinnen, die hier fortschrittlicher unterwegs sind und mit denen ich gut und gerne zusammenarbeite.
Ein wenig mehr dürften es allerdings sein.

Peter Teuschel

14 Responses
  1. Ähnlich ging es mir in einer psychosomatischen Reha. Mobbing in der Familie war nicht Bestandteil des Computerprogrammes, das die Therapeutin während des ersten Gesprächs ausfüllte ohne mich auch nur einmal anzusehen. „Was jetzt? Mobbing oder Familie, zusammen geht das nicht. Entscheiden Sie sich endlich!“
    Pech gehabt, nachdem ich nun nicht ins Schema passte, wurden die anschließenden Gespräche so geführt, das ich mich jedesmal fühlte wie ein Schuhabtreter. Meine Zimmernachbarin mit der gleichen Therapeutin ist übrigens von der Brücke gesprungen, weil auch ihr nicht zugehört wurde. Ein anderer Therapeut wurde mir zugewiesen, der nach dem Erstgespräch drei Wochen Urlaub hatte, Ersatz war nicht vorgesehen.
    In meinem Anschlussbericht stand: „Die Patientin konnte und wollte die angebotenen Inhalte der Therapien nicht annehmen, deshalb war eine Verbesserung des Zustandes nicht zu erreichen. “ Wir hatten exakt 15 Minuten Gespräch, dann schrieb er den Bericht.
    Ich bin ja die „Problematische“ und der Arzt hat ja immer Recht und Papier ist geduldig. Nie wieder so eine Reha!

    • Computerprogrammes, das die Therapeutin während des ersten Gesprächs ausfüllte ohne mich auch nur einmal anzusehen. „Was jetzt? Mobbing oder Familie, zusammen geht das nicht. Entscheiden Sie sich endlich!“

      Das ging mir schon beim dem schriftlichen Ausfüllen eines Persönlichkeitsfragebogen vor 40 Jahren so – immer wenn man nicht ja oder nein Antworten soll, war das schon schwierig. Das ist ja noch perfider!

      Ich habe meinen Vater geliebt – ja/nein

      Als ich fragte, ob ich meinen Erzeuger (der gestorben war, als ich 4 Jahre alt war) oder meinen Stiefvater dort einordnen sollte, wurde mir Renitenz und Querulanz unterstellt.

      Witzig, dass sich in der wissenschaftlichen Statistik Dinge wiederholen oder nicht mitgedacht werden. So können sich Diagnosen auch festfressen und wie wir jetzt wissen, auch durch nette Diagnosen von fachfremden Mediziner, die die Abrechnungsgarantie durch die Krankenkassen dadurch erhöhen, mutwillig gestellt werden.

      Es lebe die EPA 🙁

  2. Das beste zum Thema, das ich je gelesen habe. Mir ist es genauso gegangen, hatte allerdings einen guten Psychotherapeuten: er konnte allerdings auch das Grunduebel nicht beheben: die Verantwortlichen hatten eine festgemeisselte Meinung: Argumente zaehlten nicht. Ich bin voll auf der Seite des Opfers. Bitte gerne ihm sagen.

  3. Hallo Peter,
    ich bin Oberarzt in einer Psychosomatischen Klinik und sehe die andere Seite. Fälle wie den von Dir geschilderten sehe ich jede Woche (ich leite den Schwerpunkt Burnout). Meine erste Frage ist: Was ist denn das Ziel der stationären Therapie? Was will der Patient, was denkt sich die Therapeutin? Bei Psychotherapie geht es ja letztlich immer um Verantwortungsübernahme für sich selbst, das Umfeld können wir nicht ändern. Wir sind auch machtlos, wenn ein Patient nur über Mobbing (oder den Partner, oder die Eltern, …) klagt und keine Veränderungsmöglichkeit sieht. In dem geschilderten Fall: Natürlich können wir anerkennen (und tun das auch), dass hier ein externes Problem vorliegt, und das validieren. Und gleichzeitig stellt sich die Frage: Was tun? Wie umgehen damit? Was will der Patient? Wir haben extrem viele verdeckte Rentenbegehren, gerade in Fällen wie dem geschilderten, weil das als die einzige Lösung erscheint. Im Einzelfall mag es die beste Lösung sein, aber wir können als Gesellschaft doch nicht alle mit 60 in Rente gehen lassen, wir werden die Renten ja sowieso in einigen Jahren nicht mehr zahlen können. Was wäre Dein Vorschlag? Wie arbeitest Du mit so einem Patienten? Was ist ein sinnvolles Therapieziel für Dich? Aus meiner Sicht kann es nur sein, den Mut zu fassen, trotz allem zu kündigen (bzw. sich kündigen zu lassen) und sich was anderes zu suchen. So, wie das 90% der Bevölkerung dieser Welt tun muss, weil es überhaupt keine Sozialsystem gibt.
    Also: Das Problem anerkennen, akzeptieren und gleichzeitig schauen, was den Patient hindert, an der Situation etwas zu ändern. Was denn sonst?

    • Hallo Daniel,

      schön, dass Du hier kommentierst.

      Bei Psychotherapie geht es ja letztlich immer um Verantwortungsübernahme für sich selbst, das Umfeld können wir nicht ändern.

      Das ist aber ein Problem der Psychotherapie. Verantwortung für die durch Mobbing entstandenen Gesundheitsschäden trägt der Mobber, nicht der Patient.

      Was tun? Wie umgehen damit?

      Im geschilderten Fall wäre es schon mal gut gewesen, nicht etwas Kontraproduktives zu empfehlen, nämlich den Patienten in die krankmachende Umgebung zurückzu“beordern“. Primum nil nocere.

      wir können als Gesellschaft doch nicht alle mit 60 in Rente gehen lassen

      Das ist aber ein Allgemeinplatz und hat mit dem Einzelfall nichts zu tun. Außerdem finde ich im hippokratischen Eid nichts über die Verpflichtung, die Gesellschaft vor Leuten mit „Rentenbegehren“ (ein problematischer Ausdruck) zu schützen.

      Wie arbeitest Du mit so einem Patienten?

      Ich habe das Glück, nicht nur 4 bis 6 Wochen zur Verfügung zu haben, sondern viele Jahre, in denen ich den Patienten begleite. Manche kehren zurück an den alten Arbeitsplatz, andere finden einen neuen, wieder andere gehen in Frührente. Wenn ich wüsste, was im Einzelfall das beste ist, würde ich es dem Patienten sagen. Aber weil ich es nicht weiß, bleibe ich ergebnisoffen, schütze den Patienten aber vor Gesundheitsschäden am Arbeitsplatz. Das ist natürlich eher meine Rolle als Psychiater, als Therapeut gehört das logischerweise nicht dazu.

      Aus meiner Sicht kann es nur sein, den Mut zu fassen, trotz allem zu kündigen (bzw. sich kündigen zu lassen) und sich was anderes zu suchen.

      Mach das mal, krank und mit Ende 50. Viel Erfolg dabei …

      Also: Das Problem anerkennen, akzeptieren und gleichzeitig schauen, was den Patient hindert, an der Situation etwas zu ändern. Was denn sonst?

      Klar, und wenn es ein „toxischer“ Arbeitsplatz ist, der Patient krank und Ende 50? Wenn ihn das hindert, was machst Du dann?

      Deinen Satz mit der Machtlosigkeit kann ich nachvollziehen. Aber wir haben immer die Macht, im Sinne unserer Patienten zu handeln.

      Kollegiale Grüße von der Praxis in die Klinik

      Peter Teuschel

      • Hallo Peter,
        ich bin mir nicht sicher, ob wir tatsächlich unterschiedlicher Meinung sind oder gerade nur unterschiedliche Perspektiven haben.
        „Das ist aber ein Problem der Psychotherapie. Verantwortung für die durch Mobbing entstandenen Gesundheitsschäden trägt der Mobber, nicht der Patient.“
        Ein „Problem“ der Psychotherapie ist ja grundsätzlich, dass wir meistens nicht direkt am Wunschziel des Patienten arbeiten können (Schmerzen sollen weg, Chef soll sich anders verhalten, ich möchte mehr Lebensfreude), sondern erstmal mit dem Patienten eine Schleife gehen müssen zur Frage: Was können wir in der Therapie denn ändern? Und die Antwort ist logischerweise: Nur der Patient selbst kann etwas ändern. Um es etwas zuzuspitzen: Wenn der Mobber zur Verantwortung gezogen soll, muss der Patient zum Anwalt, nicht zum Psychotherapeuten.
        Selbstverständlich spielen externe Faktoren eine riesige Rolle, das ist ja nicht erst bekannt, seit systemische Therapie eine Kassenleistung ist. Und möglicherweise wird in vielen Psychotherapien das Problem zu sehr in der „Psychodynamik“ gesucht als im System/Kontext. Und gleichzeitig bleibt der Patient in der Verantwortung, etwas zu verändern, wenn es ihm schadet. Und möglicherweise heißt das, auch mit Ende 50 nach einem neuen Job zu suchen. Was ist denn die Alternative? Ihn jahrelang krankschreiben und damit die Krankheit zu stabilisieren („der einzige Weg, nicht wieder in die Arbeit zu müssen, ist krank zu sein“)? Ihn für erwerbsunfähig zu erklären, obwohl er das nicht ist – es ist ja dieser spezielle Arbeitsplatz, der ihn krank macht.
        Mir ist nicht ganz klar, was Deine Botschaft ist. Schaut mehr auf das System als nur auf den einzelnen/die „Psyche“? Da bin ich sofort dabei. Wir erklären jedem Patienten, dass wir als Akutklinik keinerlei Aussagen zur Erwerbsfähigkeit machen und keinerlei Begutachtung zur längerfristigen Arbeitsfähigkeit. Eine Wiedereingliederung empfehlen wir dann, wenn es mit dem Patienten so besprochen wurde. Ansonsten heißt es z.B. „eine Rückkehr an den aktuellen Arbeitsplatz würde aus therapeutischer Sicht mit dem hohen Risiko eines Rückfalles einhergehen, wir empfehlen daher …“ (z.B. bei großen Unternehmen oder Beamten). Oder „ein Ende der Arbeitsfähigkeit ist aktuell noch nicht abzusehen“.
        Die spannende Frage ist ja, was ist „im Sinne unserer Patienten“. Manchmal ist es nicht das, was sie sich wünschen.

        Viele Grüße aus der Klinik

        Daniel

        • Hallo Daniel,

          so, wie Du es am Ende beschreibst, kenne ich das auch aus guten psychosomatischen Kliniken. Im vorliegenden Fall wurde Wiedereingliederung empfohlen, obwohl das keine sinnvolle Option ist. Das wäre in etwa so, als ob die orthopädische Klinik bei Entlassung Sport empfehlen würde, obwohl der Bruch noch nicht richtig verheilt ist (ich weiß, Vergleiche hinken). Das ist kontraproduktiv und in meinen Augen unärztlich. Und ich frage mich, was der Grund dafür sein könnte. Wessen Interessen werden da vertreten? Sich seinen Patienten verpflichtet zu fühlen, hat nichts mit Wunscherfüllung zu tun, wir sind ja nicht der Weihnachtsmann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass oft mehr weltanschauliche/ gesellschaftliche/ wirtschaftliche/ politische Einstellungen dem Patienten gegenüber dominieren. Gerade in unserem Fach der Psychiatrie und Psychotherapie. Wenn man das weiter denkt, kommt nichts Gutes am Ende dabei raus.
          Mein Verdacht der „therapeutischen Hemianopsie“ ist noch die wohlmeinendste Variante. (Ich kenne auch Kollegen, die aus ihrer Abneigung gegen bestimmte Patientengruppen kein Hehl machen.)

          Schöne Grüße

          Peter

      • Wenn jemand Anzeige erstatten möchte, muss er zur Polizei oder zum Anwalt gehen, nicht zum Psychotherapeuten. Psychotherapie kann ihn allenfalls ermutigen und bekräftigen, das zu tun.

    • „Bei Psychotherapie geht es ja letztlich immer um Verantwortungsübernahme für sich selbst, das Umfeld können wir nicht ändern.“
      Das ist aber ein Problem der Psychotherapie. Verantwortung für die durch Mobbing entstandenen Gesundheitsschäden trägt der Mobber, nicht der Patient.

      Klassisches Eigentor – wir haben Patienten, die wir nicht ernst nehmen, weil wir ihre Probleme nicht erst nehmen können – nicht unser Problem und die Gesellschaft muss dann kurzfristig nicht dafür zahlen – welch langfristig dumme Gedanken.

      • Man kann es das „Problem“ der Psychotherapie nennen, es ist aber schlicht das Wesen von Psychotherapie. Ich mache auch den Mechaniker nicht verantwortlich für den Zustand der Straße.

  4. Ich kann nur zustimmen – Der beste Beitrag zum Thema!
    24 Jahre überfällig https://www.aerzteblatt.de/archiv/mobbing-hilflose-helfer-in-diagnostik-und-therapie-3912fd4f-5728-4839-995c-b91358f96f8c
    Therapeutische Hemianopsie: Wenn Therapeuten „auf einem Auge blind“ sind

    Gut, dass es Therapeuten wie Sie gibt, die Klarsehen!
    Das Problem scheint mir hier ein anderes – die Abrechnung durch Kranken- oder Rentenkassen bei solchen Reha-Therapien sind vorgegeben.
    Vorgegeben durch Diagnosesysteme, die finanzielle Grenzen öffnen oder schließen.
    Vorgegeben durch dümmliche Restriktionen und persönliche Erfahrungen.
    Nach einer Retraumatisierung war ich bei einer Reha und ich habe dem Therapeuten gesagt, ich kann schon seit 1 Monat nichts mehr essen. Habe ihm aber beim ersten Gespräch auf die Hand versprochen, jeden Tag 3 Mal bei den Mahlzeiten anwesend zu sein. Ich konnte nur noch trinken. Und darauf habe ich geachtet, mit allen Nährstoffen minimal versorgt zu sein. Das habe ich nachweislich getan, aber nie etwas zum Mittagessen bestellt. Das fiel nach 6 Wochen in der Küche auf, während sich meine Kameraden mit Reis- und Obstfasten ver-oder- begnügten. In den fast 10 Wochen bis zur Bestätigung der Reha hat meine Therapeutin eine unabdingbare persönliche Vertrauensarbeit geleistet. Ohne diese, wäre ich gar nicht in der Lage gewesen, irgendwie an mich selbst zu glauben.

    Nach dem „Gruß aus der Küche“ war mein Therapeut sehr erobst. Nachdem ich ihn an unsere Vereinbarung erinnerte, nicht zu essen, aber 3 x täglich im Speisesaal anwesend sein würde und trotzdem darauf zu achten, genug zu trinken und Nährstoffe meinem Körper zuzuführen. Stimmte er mir zu.
    Nicht zur erwähnen, dass der Oberarzt der Klinik mich eine in eine Medikamentenstudie von Dr. xy (Edit: Name entfernt. PT) einband.

    Auch, wenn es mich sehr berührt hat, dass der Therapeut mir nach 11 Wochen gesagt hat, ich sei der 1. Patient, der nicht versucht hätte, ihn in der ersten Stunde zu manipulieren, frage ich mich heute immer noch, ob es daran lag, dass ich seine erste Patientin aus dem Osten war.

    Therapie kann so viel Gutes bewirken, aber wenn Therapie im Voraus darauf angelegt ist, Dir die Deine Defizite aufzuzeigen und keine Lösungen, dann vertraue immer auf Therapeuten in Schräglage.

  5. Hallo Herr Dr. Teuschel, wieder einmal haben Sie ein hochaktuelles und brisantes Thema aufgegriffen. Ich lese zur Zeit das Buch „Posttraumatische Belastungsstörung“ von Pete Walker, also über die Komplexe PTBS. Ich bin durch die Youtuberin Julia Krawitz auf dieses Buch aufmerksam gemacht geworden. Ich bin davon überzeugt, dass es Ihnen und Ihrem Patienten helfen würde. Ebenso wie die Videos von Hubert Hafner, Prof. Ashok Riehm und auch die Videos bis ca. 2022 von Susanne Lohrey. Möglicherweise hat Ihr Patient Freude am Malen oder anderen kreativen Beschäftigungen. Dann wäre auch der Mal-Kanal von Karin Henningsen etwas für Sie und ihn. Auch das Arbeiten mit der Achtsamkeit ist sicher ein Puzzle-Teil in einer Therapie, die mehr an den Bedürfnissen und den frühen Traumatisierungen Ihrer Patienten orientiert ist. Insgesamt dürften wir alle uns intensiver mit den Themen NARZISSMUS, PSYCHOPATHIE, MACHIAVELLISMUS und SADISMUS, der sog. „Dunklen Tetrade“ beschäftigen. Egal in welchem Alter ist es meiner Meinung nach in der heutigen Zeit um so wichtiger, den eigenen Selbstschutz, die Selbstliebe, das Selbst-Mitgefühl zu trainieren. Die Blindheit viele Therapeuten gehen auf ihre eigenen narzisstischen Persönlicheitsstörungen und -Anteile zurück, die aber nach wie vor sauber geleugnet werden. Soll das in der näheren und weiteren Zukunft so bleiben? Ich hoffe es nicht. LG von KK

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