Ois anders

heißt die letzte Folge der „Münchner G´schichten“, die in den 1970er Jahren ausgestrahlt wurden. (Damals hieß das wirklich „ausgestrahlt“, heute würden sich allein um diesen Begriff wahrscheinlich 5 bis 6 Verschwörungsg´schichten ranken.) In dieser Folge wird, so viel darf ich nach fast 50 Jahren spoilern, alles schlechter. Die Oma muss ins Altersheim, Tscharli muss selbst Geld verdienen, er verliert seine große Liebe (an ihren neuen Freund) und seinen besten Kumpel (an dessen neue Freundin). Ein typisch böser Dietl eben, bei dem die subjektiv-kreative Welt eines Lebenskünstlers auf die harte Realität trifft.

Natürlich bedeutet „ois anders“ nicht immer, dass alles schlechter wird. Manchmal wird auch alles besser. Oder zumindest manches. (Sobald mir ein Beispiel dafür einfällt, reiche ich es hier nach.)

Es gibt aber auch den Fall, da ist alles anders, aber keiner weiß, wie.

So einen Fall haben wir gerade in der Praxis. Dazu muss ich etwas ausholen:

Es gibt immer mal wieder Medikamente, die helfen einigen Patienten sehr gut, sind aber nicht für die Erkrankung dieses Patienten zugelassen. Das nennt sich dann „off-label-use“. Das heißt, ich darf diese Medikamente der Patientin oder dem Patienten verschreiben und sie oder er bekommt sie auch in der Apotheke.
Dann kann es aber leider passieren, dass die Krankenkasse mit einem off-label-Scanner auf dieses Rezept stößt und sagt: „Moment mal, da hat der Teuschel was verschrieben, was für diese psychische Störung gar nicht zugelassen ist.“ (Ein Beispiel ist das Medikament Quetiapin, das in niedriger Dosierung oft sehr gut gegen Schlafstörungen und Grübeleien hilft, aber für diese Indikation keine Zulassung hat.) Stößt die Krankenkasse auf so ein Rezept, so besteht die Gefahr, dass sie sich die Kosten dafür von mir zurückholt. Das ist kein Schauermärchen, sondern tatsächlich schon passiert. Trotz Bestätigung, dass in diesem Einzelfall der Einsatz des Medikaments sinnvoll ist, mussten wir einiges an Geld an die Kasse zurückzahlen.

Will der Patient ein bestimmtes (für ihn geeignetes) Medikament trotzdem haben, bleibt nur, es auf Privatrezept zu verschreiben. Damit kann ich verhindern, dass ich selbst die Medikamente für meine Patienten bezahlen muss.

Natürlich kann man auch versuchen, bei der Krankenkasse die Kostenübernahme für ein off-label-Medikament zu beantragen. In Einzelfällen kann das auch mal klappen und die Kasse bestätigt schriftlich, dass sie die Kosten für das Rezept übernimmt. Meist lässt sie sich aber nicht darauf ein und schiebt den schwarzen Peter wieder an den Vertragsarzt zurück.

Es gibt aber auch den Fall, da wird es philosophisch. Da ist dann ois anders.

In vorliegendem Fall haben wir die Übernahme der Kosten für ein Medikament bei der Kasse beantragt. Dieser Antrag wurde dann dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) vorgelegt. Der hat den Fall geprüft und folgenden Entscheid an uns geschickt:

Das Ergebnis der Prüfung heißt „Andere Antwort“. Auf Seite 2 wird ausgeführt, dass dieses Ergebnis aus der Diskrepanz zwischen formaler Beurteilung und medizinischer Beurteilung resultiert. Deswegen „ois anders“. Jetzt stellt sich natürlich die Frage „wie anders“? Anders als erwartet, anders als bisher, anders als von allen vorausgesagt?

Wir wissen es nicht.

Natürlich, unser Bedürfnis nach Eindeutigkeit und Klarheit wird dazu führen, dass wir irgendwann einmal nachfragen, ob das Medikament jetzt von der Kasse bezahlt wird oder nicht. Aber zunächst will ich den Blick zum nächtlichen Sternenhimmel wenden und einen Moment verweilen im Gefühl, dass nicht nur der Kosmos unergründlich ist, sondern manchmal auch der MDK.

Peter Teuschel

3 Responses
  1. Für den/die Patientin warscheinlich nicht ganz lustig, da das Medikament sicher nicht in Äonen von Jahren, sondern bald eingesetzt werden soll.
    Mir fällt dabei ein, dass es immer mehr Bots gibt, die dann keine individuellen Antworten geben und somit auch schon mal Verwirrung verursachen. Das spart Mitarbeiter, die ja ihr Gehalt bekommen für ordentliche Arbeit, aber solch ein Bot-`Arbeiter` spart letzlich nix.

  2. Walter Plausch Antworten

    Ein Phaenomen unserer Zeit: man sagt nichts, damit man niemandem wehtut bzw keine Verantwortung hat.

  3. Das gesamte Gesundheitssystem sollte doch langfristig entindividualisiert werden, um Kosten zu sparen. Das ist mit eine Folge der Kostenexplosion in der Vergangenheit – ein kollabierendes Schneeballsystem m.E. Bin gespannt, wo das noch hinführt. Immer mehr Regeln und Vorschriften, immer weniger echte Leistung. Ich rate jedem, auf seine Gesundheit achtzugeben, um nicht unter die Räder zu kommen. Mich beschleichen schlimme Dystopien.

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