Roulette in der Psychiatrie

 

Heute im Gespräch mit einer Patientin.
Schon fünf Mal war sie in einer psychiatrischen Klinik wegen schwerer depressiver Episoden stationär behandelt worden. Vier Mal wurde ihr sehr gut geholfen, zuletzt hatte sie ein ganzes Jahr stabil verbracht, ging zur Arbeit, lebte Beziehung und Hobbys.

Als kurz vor Weihnachten im letzten Jahr eine dramatische Verschlechterung eintrat mit Stimmungseinbruch, Gefühlen von Sinn- und Wertlosigkeit sowie Suizidgedanken, war uns beiden klar, dass es ambulant nicht mehr ging.

Was lag näher, als wieder die selbe Klinik zu wählen. Die Patientin war zuversichtlich.

Nach der Aufnahme dauerte es nicht lange, bis mich die ersten emails und Anrufe der Patientin erreichten. Sie war innerhalb der Klinik verlegt worden. Warum, tut an dieser Stelle nichts zur Sache.
Worum es geht ist: Auf der neuen Station herrschte ein völlig anderer Ton. Sie sei sich wertlos vorgekommen, sagt sie, man habe sie respektlos behandelt. Die Kommunikation zwischen den Ärzten und dem Pflegepersonal sei angespannt verlaufen. Längere Gespräche mit ihr hätten nicht stattgefunden. Medikamentös sei es ein einziges Hin und Her gewesen. Es gehe ihr unter diesen Umständen schlechter als zuvor.
Sie bat mich, bei den Ärzten anzurufen.

Ich habe selbst lange genug im stationären Bereich gearbeitet um zu wissen, dass Anrufe von niedergelassenen Ärzten, die sich um Details des stationären Aufenthaltes ihrer Patienten drehen, so willkommen sind wie der Ex-Lover der Braut auf der Hochzeit.

Also rief ich an und erkundigte mich so freundlich und defensiv wie ich konnte. Ich gab das eine oder andere zu bedenken. Letztlich war mir vor allem ein Effekt wichtig: Da fragt einer nach, da macht sich einer Gedanken.
Viel bewegt hat es nicht, aber immerhin erfolgte wenig später die Verlegung zurück auf die Station, auf der sich die Patientin wieder angenommen und akzeptiert fühlte.

Nach weiteren ein, zwei Wochen ging es der Patientin im Laufe des Januars besser und sie konnte wieder entlassen werden. Bis jetzt ist alles stabil geblieben.

Ja, und heute saßen wir eben zusammen und ich wollte wissen, was Sie denn meine, warum der letzte, der fünfte Aufenthalt, so negativ verlaufen sei.

„Ich glaube nach wie vor, dass es eine sehr gute Klinik ist“, sagte sie. „Bis jetzt war ich ja vier Mal sehr zufrieden. Aber bisher wusste ich nicht, dass man auch Glück haben muss, wenn man eingewiesen wird. Glück, auf welche Station man kommt und Glück, welche Ärzte man dort trifft. Ein bisschen wie beim Roulette.“

Mich hat das betrübt, weil es in diesem Fall die Wahrheit ist.

Wäre ich Klinikchef, würde es mir nicht gefallen, dass die Patienten in „meiner“ Klinik auf dieses Glück angewiesen sein sollen.

Sollte jemals wieder eine Einweisung erforderlich sein, so sind wir heute auseinander gegangen, dann werden wir intensiv darüber diskutieren, in welcher Klinik dieser „Roulette-Faktor“ wohl am geringsten ist. Dort werde ich sie dann anmelden.

Peter Teuschel

P.S. Und nein, es handelt sich nicht um eine „schwierige“ Patientin, die überall aneckt und sich ausagiert. Sie ist nicht kompliziert im Umgang, sie macht es einem nicht schwer, sie ist einfach in manchen Phasen schwer krank. Und sie will respektvoll und wertschätzend behandelt werden.

 

5 Responses
  1. „Glück, auf welche Station man kommt und Glück, welche Ärzte man dort trifft.“; stimmt meistens, ist meine berufl. Erfahrung.

  2. 🙂 Ich musste schmunzeln, als ich Ihre Zeilen las, denn ich wusste nicht, dass SIE das nicht „wissen“ gg Der Roulette-Faktor bezieht sich nicht nur auf Stationen, sondern genauso auf die behandelnden Ärzte, an die man gelangt… Man kann eine super Station haben, auf der man schon 3 x zufrieden war, aber der neue Arzt dort, dem man zugeteilt ist, der ist halt… ein Pech..
    Sympathie und Antipathie spielen eine große Rolle, und beeinflussen den Roulettefaktor zusätzlich.

    Aus meinen eigenen stat. Aufenthalt kann ich folgende Regeln bekanntgeben, um einen „angenehmen“ Aufenthalt zu erwirken, und keine Probleme zu bekommen:

    1)
    Sag dem beh. Arzt nie, dass du schon mehrere Jahre Therapie machst (denn dann wirst du zum Pat., der alles besser weiß, sich über andere Pat. „erhebt“)

    2)
    Sag dem beh. Arzt nichts von deiner eigenen Meinung, was die Krankheitsursache oder den bisherigen -verlauf angeht (denn sonst willst du nicht gesund werden, willst dich nur rausreden, oder wirst als nicht krankheitseinsichtig eingestuft).

    3)
    Komme ja nicht EINMAL zu den Visiten zu spät, das wird vorgemerkt und als äußerst uncompliant gewertet, und der beh. Arzt fühlt sich in seiner Autorität herabgesetzt. (Dass man vorher schon 45 min. stehend vor der Tür wartet, und nur schnell eine rauchen war, ist völlig irrelevant).

    4)
    Falls die Tabletten falsch eingeteilt wurden, und du nicht die falschen schlucken willst, entschuldige DICH bei der Schwester dafür (andernfalls kanns passieren, dass du auch dort als besserwisserischer Pat. dastehst)

    5)
    Wenn du wegen Mobbingfolgen stat. aufgenommen wirst, sag NIE das Wort Mobbing, damit bist du automatisch als leicht paranoider, nur so empfindender, übersensibler Pat. eingestuft, der die Arbeit vorschiebt, weil er nicht erkennen will, dass er psychisch krank ist. WENN du weißt, dass du wegen Mobbingfolgen stat. aufgenommen wirst, druck dir daheim den Artikel von Dr. Bämayr aus: http://www.aerzteblatt.de/archiv/27942/Mobbing-Hilflose-Helfer-in-Diagnostik-und-Therapie, gleich 3 x (für beh. Arzt, Therapeuten, und 1 x für Dich zum immer wieder lesen, wenn du während des stat. Aufenthaltes laufend retraumatisiert wirst).

    6)
    Eine respektvolle wertschätzende Behandlung gibt es – meiner Erfahrung – nur, wenn man zu allem JA und AMEN sagt, ja keine eigene Meinung hat, und brav jeden Tag bei der Visite den Arzt bei Laune hält. Falls Du den Ratschlag oder die Meinung des Arztes für Dich für nicht geeignet hältst, behalte es unbedingt für DICH. Andernfalls bist du uncompliant, querulatorisch, unbequem und ein anstrengender Pat., darfst bei den Visiten umso länger warten in Folge, wirst zu Therapien eingeteilt, die du gar nicht ausgesucht hast (die anderen Pat. dürfen aber wählen, was ihnen gefällt) etc..

    7)
    Falls du dich wunderst, warum du im Aufnahmeerstgespräch (das 5 min. gedauert hat), plötzlich eine neue Diagnose bekommen hast (obwohl die 7 Jahre, die du in psychiatrischer Behandlung warst, kein Arzt je attestiert hat), frag keinesfalls bei der Visite nach, warum diese Diagnose gestellt wurde, als Pat. hat man kein Recht, seine eigene Diagnose erklärt zu bekommen.

    8)
    Falls du bei der Visite doch fragst, warum die Diagnose gestellt wurde, mach dich darauf gefasst, dass du in aggressivem Ton abgefertigt wirst, und für den Rest des stat. Aufenthaltes nichts mehr zu lachen hast – ärztlicherseits.

    9)
    Wenn du bei der Entlassung mit dem Arztbrief heimkehrst, der die falsche Diagnose enthält, zusätzlich mit Angaben, die DU angeblich getätigt hast (damit der Arzt die Diagnose halten kann), trags mit Fassung. Die strukturelle psychische Gewalt in Psychiatrischen Kliniken hat ein dermaßen großes Ausmaß erlangt, dass es schon gang und gäbe ist, dass sich beh. Arzt, Psychologin und Oberärztin gemeinsam absprechen, um den Arztbrief mit „deinen Angaben“ dann zu dritt bestätigen zu können. Denn: Drei Ärzte gehen ein Psycherl. Na, wer wird da recht haben?

    Das ist das praktische an Psychiatrie:
    Sobald Ärzte Fehler machen, sich fehlverhalten, abwertend, aggressiv und arrogant gegenüber Patienten handeln, ist auf der Psych. IMMER der Pat. schuld, oder sofort unglaubwürdig. Das ist ein ganz wunderbares Muster, das dort läuft.

    Deswegen haben psychiatrische Kliniken bzw. deren Ärzte genau DADURCH einen perfekten FREIBRIEF, zu tun, zu lassen und zu intrigieren, was immer sie wollen.

    Und noch dazu: Bei vielen psychiatrischen Visiten ist man alleine mit dem Arzt… Wort gegen Wort… Aussichtslos.

    Nach einer ganz schlimmen Visite mit meiner beh. Ärztin habe ich nach einer deswegen schlaflosen Nacht mich nicht mehr zu ihr getraut, ohne Zeugen. Ich kontaktierte deshalb auch die Psychologin (die mit dieser Ärztin befreundet ist, was ich aber nicht wusste), ob sie mit zur Visite geht. Na, das wurde natürlich abgelehnt. Und die Frage: „Beziehen Sie sonst auch alles auf sich“ wurde noch lächelnd angehängt….

    Tja… Dort kommt man nicht aus… Wenns mal „schief“ läuft, kannst dich eingraben…

    PS: Mein Fall ist bereits bei der Patientenanwaltschaft, die Fehldiagnose lasse ich einfach nicht stehen. (die bereits von psychiatrischer und psychologischer Sicht widerlegt ist).

    Ich wünsche allen viel Glück beim Roulette!
    Eva

    • hi comicfreak!
      ich danke dir von herzen..
      ich bin nur saufroh, dass ich schon so viel ICH bin, und bei MIR bin, dass ich daran nicht endgültig verzweifelt bin.. sondern „nur“ 2 monate meines lebens am rande des suizids danach war.. und es aber – dank dessen, dass ich nach 2 versch. anläufen einen psychiater fand, der mir half und mir zuhörte, und wo ich spürte, dass er mir glaubte… – aufarbeiten konnte. (obwohl das ja wirklich eine blöde situation ist… psychiater mögen es nicht, wenn man andere psychiater kritisiert gg und so weiter… aber mein arzt war soviel, dass er meinen erzählungen glauben schenkte, und mich das auch durch kleine bemerkungen immer wissen ließ..)
      mein leben wurde dadurch gerettet, und auch dadurch, dass ich schon viele jahre therapieerfahrung hatte, dass ich MICH nicht verließ. ZUR THERAPIE konnte ich gar nicht gehen, weil ich die 2 mon. danach dermaßen schlecht beinander war, dass ich nicht mal das haus verlassen konnte.. ich kämpfte um die nächsten 10 min.. oder den nächsten tag..

      aber nach all dem erfahrenen weiß ich leider auch, dass das nicht allen menschen, denen so was passiert, möglich ist… und die – so grauslich das ist – sind die opfer des systems, im wahrsten sinne des wortes…

      deswegen gehe ich auch zur schlichtungsstelle: nicht, weil ich rachsüchtig bin, oder ich mich von – ev. ein bissl schmerzensgeld – besser fühle.. nein…

      es muss aufgezeigt werden, wie dinge laufen… und wie extrem destruktiv sie wirken.. die systematisierte psych. Gewalt.. auf der Psych (eine Ironie eigentlich..).

      ich will nicht schweigen. ich empfinde immer, wenn ich schweige, mache ich mich mit schuldig. weil ich nichts GETAN habe. ich kann das system nicht ändern, aber ich kann meinen teil dazu beitragen, es nicht zu tolerieren oder zu dulden.

      wie sagte schon konstantin wecker – weiße rose – für sophie & hans:

      ES GEHT UMS TUN – UND NICHT UMS SIEGEN…..

      http://www.youtube.com/watch?v=7hvR5Mp2JQo&feature=related

      und: für sophie & hans scholl… fest in meinem herzen

      http://sinnesseele.jimdo.com/sophie-hans/

      stellvertretend für alle, die namenlosen, die tagtäglich ihren kampf kämpfen, wohlwissend, nie siegen zu können, aber.. ihre menschlichkeit nie verlassen!

      eva

  3. Eigensinn-Aufbruch in der Psychatrie

    was wir von unbehandelten und unkoperativen Patienten lernen könnnen
    (PD Dr. Thomas Bock, Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, Graz 16.5.2003)

    auszüge:

    -Nicht nur die Chemie der Substanz, sondern die Chemie der Beziehung (zwischen Arzt
    und Patient) entscheidet.

    -Psychoseerfahrene Menschen spüren besonders sensibel, ob ihnen Respekt
    entgegengebracht wird, ob ihre Individualität gewürdigt wird, ob sie als Person
    oder als Symptomträger gemeint sind.

    -Rückfälle zu vermeiden ist ein wichtiges, aber kein unbedingtes Ziel.

    Das Leben bringt Krisen mit sich, das um jeden Preis vermeiden zu wollen, kann
    bedeuten das Leben zu verpassen.

    Eine solche absolute Strategie kann Negativsymtome und Depressionen gerade
    zu bedingen.

    ich bin nicht der meinung das man seinen Arzt etwas verheimlichen sollte,
    da der Arzt, wenn ihm Informationen fehlen, mir nicht adequat helfen kann.

    lg tomas

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