Der Amoklauf von München: Mobbing und Bashing

Die schrecklichen Ereignisse des Amoklaufs in München vom 22. Juli 2016 berühren in einigen Punkten nun doch Themen, die mich als Psychiater, Therapeut und Mobbing-Autor betreffen. Deswegen und obwohl schon viel zu dieser Katastrophe geschrieben wurde und sicherlich weiter wird, auch ein paar kurze Statements von mir.

1. Mobbing: In einigen Medien war zu lesen, dass der Amokläufer David S. in der Schule gemobbt wurde. Näheres ist derzeit noch nicht bekannt. Ich bin sehr gespannt, ob wir hier detaillierte Angaben zur Vorgeschichte der Tat erfahren werden. Ganz unabhängig davon, ob hier tatsächlich Mobbing abgelaufen ist oder nicht, gefällt mir die Wortwahl einiger Offizieller nicht:
„Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft will dieses konkrete Mobbing zunächst nicht bestätigen. Er spricht aber davon, dass es „Anhaltspunkte“ für solche Schulprobleme gebe. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) spricht von Problemen im Bildungsweg.“
(Quelle: T-Online)

„Anhaltspunkte für solche Schulprobleme“ mag ja als Formulierung noch durchgehen, obwohl Mobbing kein „Schulproblem“ ist, sondern eine gezielte Quälerei einzelner Kinder und Jugendlicher durch andere vor den Augen von Lehrern und anderen Erwachsenen. Aber „Probleme im Bildungsweg“ ist eine unglaublich verschwurbelte Aussage, die das Leid gemobbter Kinder auf keine Weise erkennen lässt und deshalb mehr der Vernebelung als der Klarheit dient. Das ist mir, unabhängig von der aktuellen Tat, als ein leider typisch unbeholfener Umgang mit diesem Thema sehr unangenehm ins Auge gefallen.

2. Mobbing und Amok: In meinem „Bullying“-Buch habe ich ein Kapitel über den Zusammenhang von Mobbing und Amok geschrieben. Ich darf mich deswegen kurzerhand einmal selbst zitieren:

„Die Frage, ob Opfer von Bullying ein erhöhtes Risiko aufweisen, zum Amokläufer zu werden, kann nicht abschließend beantwortet werden. Obwohl eine diesbezügliche Gefährdung nicht ausgeschlossen werden kann, gibt es doch viele Hinweise darauf, dass es sich bei den school shooters häufig um Jugendliche mit ausgeprägten Persönlichkeitsakzentuierungen, insbesondere narzisstischer und paranoider Prägung handelt, Das Erleben eines Ausgegrenztwerdens durch Mitschüler wäre dann zum einen Produkt der paranoiden Weltsicht des Jugendlichen und zum anderen Reaktion der Mitschüler auf seinen selbst gewählten Rückzug aus der sozialen Gemeinschaft.“
(Quelle: Bullying. Peter Teuschel/ Klaus Werner Heuschen. Schattauer 2013).

Es deutet Vieles darauf hin, dass auch David S. nicht in erster Linie aufgrund seiner Opfer-Erfahrung  zur Pistole gegriffen hat, sondern dass er an einer komplexen psychischen Störung gelitten hat, die sehr zu seiner sozialen Isolation beigetragen hat. Das bedeutet nicht, dass nicht eine Mobbing-Erfahrung an der Entwicklung seines Entschlusses zur Gewalttat einen Beitrag gehabt haben könnte.

3. Patienten-Bashing: Bisher ist noch nichts darüber zu lesen, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis wieder irgend jemand aus der journalistischen oder politischen Ecke die Verbindung zwischen Amoklauf und Depression herstellt. Es gab ja bereits nach dem Germanwings-Absturz eine Diskussion darüber, ob man nicht  bei depressiven Patienten die ärztliche Schweigepflicht aufweichen sollte. Deshalb hier noch einmal in aller Klarheit: Depressionen haben mit Amokläufen nichts zu tun. Der Entschluss zu einer solchen Tat entspringt in den meisten Fällen einer Kränkung, einer paranoiden Weltsicht und dem Wunsch nach eigener Grandiosität. Ich weiß nicht, ob es bei David S. so gewesen ist, aber weder die in den Medien berichtete Depression noch die soziale Phobie, unter der er gelitten haben soll, sind Störungen, die auf eine Gefährdung für einen Amoklauf schließen lassen.

4. Gewaltspieldebatte: So sicher wie das Amen in der Kirche ertönt, so sicher setzt auch jetzt wieder die Diskussion über den Zusammenhang von „Killerspielen“ wie das von David S. offenbar präferierte „Counterstrike“ und der Bereitschaft zum Amoklauf ein. Letztlich wird diese Diskussion auch so lange immer wieder aufflammen, bis nicht verlässliche Studien hier einen kausalen Zusammenhang widerlegen. Als Arbeitshypothese kann derzeit aber gelten, dass diese Spiele eher Symptom als Ursache darstellen; dass das Spielen dieser Shooter also eher Ausdruck der inneren Anspannung und des angestauten Hasses ist als dass die Spiele selbst Gewalt im Spieler erzeugen. Die Killerspieldebatte hat insofern etwas Angestaubtes und wird bei der Beurteilung dieses aktuellen Falles nicht weiterhelfen.

5. Ärzte-Bashing: „Warum konnte diese Tat nicht verhindert werden, wenn David S. doch in Behandlung war?“ Es wird nicht lange dauern, bis diese Frage jemand stellt. Außerdem  wird wahrscheinlich der behandelnde Kollege oder die Klinik, in der David S. stationär war, verklagt werden. Genau so war es ja auch in Winnenden. Ohne natürlich die Hintergründe dieser Behandlung zu kennen, könnte die Antwort auf die eingangs gestellte Frage sein:
„Weil David S. seine Absicht verschwiegen hat.“ Genau so wenig wie manche Patienten über ihre Suizidpläne mit dem Arzt oder dem Therapeuten sprechen, genau so wenig hat möglicherweise David S. seine Amokpläne zum Inhalt seiner Therapie gemacht.
Wir tun unser möglichstes, um sowohl selbstgefährdende als auch fremdgefährdende Tendenzen zu erkennen. Bei konkreter Selbstgefährdung weisen wir den Patienten in eine Klinik ein, wenn er nicht mehr für sich garantieren kann. Glücklicherweise ist das nur sehr selten erforderlich, meist kann man zusammen mit dem Patienten auch eine ambulante Lösung finden. Es muss also keiner Angst haben, mit seinem Arzt über Suizidgedanken zu sprechen.
Fremdgefährdende Absichten werden noch viel seltener geäußert und bedürfen einer genauen Befragung des Patienten. Hat der Arzt Kenntnis von einer konkret geplanten Straftat, so muss er die ärztliche Schweigepflicht hintanstellen und die Polizei verständigen. Wenn der Patient einen solchen Entschluss aber alleine fällt und nicht mehr darüber kommuniziert, so hat auch der behandelnde Arzt keine Chance. Ich bin sehr gespannt, welche Hintergründe wir bezüglich der Therapie von David S. erfahren werden.
Also: Es gibt einen einfachen Grund, warum trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und trotz genauer und sorgfältiger Untersuchung weder Suizide noch solche schreckliche Taten wie der Amoklauf von München ausgeschlossen werden können:

Wir können nicht in die Köpfe der Menschen schauen.

Eine genaue Analyse aller für diese Tat relevanten Hintergründe, der Täterpersönlichkeit, seiner psychischen Störungen, sozialer Variablen und weiterer Faktoren wird sicher in einigen Wochen mehr Klarheit bringen, was alles zu diesem Amoklauf beigetragen hat. Wie so oft gilt aber: Man sollte es sich nicht zu einfach machen. Vorschnelle Einordnungen und die Suche nach dem einen, alles erklärenden Grund für eine solche Tat werden in die Irre laufen.

Amoklauf: Ein kompliziertes Geflecht verschiedener Ursachen

Amoklauf: Ein kompliziertes Geflecht verschiedener Ursachen

Peter Teuschel

Bild: ©Peter Teuschel

24 Responses
  1. Lieber Dr. Peter Teuschel

    Ich glaube nicht, dass Sie sich und Ihre Kollegen für vermeintliche Fehleinschätzungen rechtfertigen müssen. Bei Kenntnis von Fremdgefährdung wird wohl jeder Psychiater, Psychologe angemessen professionell reagieren.
    Ehrlich gesagt habe ich in den Moment nach einem Statement Ihrerseits gesucht und wollte gerade nachfragen, als ich die E-Mail-Benachrichtigung kam.

    „Wir können nicht in die Köpfe der Menschen schauen.“

    Das können wir alle nicht und obwohl wir nun mal als Menschen so gestrickt sind, vorschnelle Urteile zu fällen, um uns abzugrenzen und in Sicherheit zu wiegen, möchte ich folgende Frage noch einmal aufwerfen?

    http://www.schwarzeherde.de/ist-das-schwarze-schaf-gefaehrlich/

    Kann man sich denn mit so hasserfüllten Ideen bei geschulten Personen outen, gibt es überhaupt Möglichkeiten für Laien solche Taten im Vorfeld antizipieren zu können?

    Sind solche schwarzen Schafe noch schwärzer? Können wir nicht alle in so eine Ausnahmesituation geraten?

    LG Sophie

  2. Herzlichen Dank. Ich bin froh über jeden Artikel, der dazu beiträgt, Stigmatisierung von psychisch kranken Menschen zu vermeiden bzw. aufklärisch wirkt. Es macht mir große Sorge, was in den Köpfen der Menschen über psychische Erkrankungen herumspukt und wie wenig Bereitschaft besteht, sich damit zu beschäftigen.

  3. osterhasebiene langnase Antworten

    Mit Stigmatisierungen kommt man nicht weiter, wie wir ja alle wissen. Mich interessiert das Thema Traumatisierung immer mehr und lese gerade ein aufschlussreiches Buch von Franz Ruppert „Seelische Spaltung und innere Heilung“. Abgespaltene Persönlichkeitsanteile, die nebeneinander bestehen ohne voneinander zu wissen bzw.miteinander zu kommunizieren sind bei nahezu jedem Menschen vorhanden. Daraus entstehen die Projektionen und Realitätsverzerrungen (Feindbilder ect). Es scheint so, dass zur Zeit immer mehr Menschen einfach so „austicken“, der soziale Kitt fängt weniger auf, viele machen nur ihr „Ding“. Ich glaube schon, dass es auch ein insgesamt gesellschaftliches Problem ist, dass unsere Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft zu viele Menschen zu wenig integriert und somit komplett abhängt. Das sich gegenseitig immer wieder korrigieren und die Spur einstellen, könnte möglicherweise mehr auffangen, als ein Therapeut, der einmal pro Woche für eine Stunde konsultiert wird, vor allem dann, wenn diese Besuche von außen „verordnet“ werden.

  4. Wie einfach wäre es wohl wenn man in die Köpfe der Menschen schauen könnte. Ja manches wäre einfacher, anderes wäre aber vielleicht wieder erschreckend.
    Meiner Ansicht nach müsste das komplexe Thema Mobbing viel mehr Stellung in unserer Gesellschaft erhalten.
    Der umgang und die Betreung von Betroffenen gehört in proffessionelle Hände und nicht in unwissende wie etwa Psychologische Berater oder Heilpraktiker für Psychotherapie oder ähnliches.
    Menschen die von Mobbing betroffen sind gehören in Fachärtztliche Behandlung und nicht zu einem COACH oder Wochenendberater.
    So lange hier im Vorfeld nicht schon einmal mehr getan und unternommen wird sind solche vorfälle mit Sicherheit weiter an der Tagesordnung.
    Somit sind auch den Fachärzten damit die Hände gebunden.
    Vergleichbar wäre es wenn man mit einer Hüft OP zum niedergelassenen FLEISCHER ginge und er die OP durchführte.
    Das Netzwerk für Mobbing sowie eine vernünftige Definition über Mobbing, Ihre Behandlung ; Vorsorge sowie die Prävention in Schulen und Unternehmen sowie die geschulte Ausbildung von Beratern, TP und Ärzten gehört seitens der Regierung als Gesetz erlassen.

    • Guten Tag Tam Tam,

      m.E. kann man über den 84 (2) SGB IX in Sachen Mobbing etwas machen. D.h. ein Mitarbeiter, der auf Grund Mobbings krank wird, könnte theoretisch das BEM nutzen, die Mobbingproblematik zu adressieren. Nur, dass klappt vermutlich nicht sehr häufig, da der Gemobbte in aller Regel allein steht. Das kann soweit gehen, dass bestritten wird, dass das Mobbingproblem Gegenstand eines BEM ist.

      Solange jedoch die Unternehmen weder überwacht noch wirklich Probleme bekommen, wenn sie z.B. die psychische Gefährdungsbeurteilung nicht machen, wird sich kaum etwas ändern.

      Gesetze kann man machen soviel wie man möchte. Manchmal würde schon genügen, die vorhandenen Gesetze richtig auszuschöpfen. Aber in einer Ellenbogengesellschaft wie der unseren, einer Kultur des Wegsehens, des Konkurrenzkampfes, ja ich möchte sagen in einer Welt des Sozialdarwinismus, wird sich nichts verbessern, solange die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ursachen so sind, wie wir sie erleben.

      Ich habe auf vielfältigste Art und Weise gelernt, dass unsere Hochglanzbroschürenwelt der Träger der Sozialversicherung, Krankenkassen und dergleichen mehr sich sehr krass von der Lebensrealität unterscheidet.

      Was die Psychotherapie angeht, so ist auch da das Thema: Geld. Mir sagte mal eine Psychiaterin, für Einzeltherapie sind sie zu teuer, maximal Gruppentherapie.

      Auch die Darstellung der psychischen Erkrankungen, die Vermittlung von Wissen darüber, muß komplett auf den Prüfstand gestellt werden. Ein Werbespruch im Radio der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist: Depressionen sind behandelbar. Sicher, doch was bringt das, wenn die Leute monatelang auf Termine warten? Hilft es gegen das Stigma, das einer psychischen Erkrankung anhaftet? Nein. Auch ein AGG hilft nicht und was es da so alles gibt. Es wird immer ein Weg gefunden, den Erkrankten in eine Ecke zu stellen. In dem Moment, wo man sich outet ist nach meiner Erfahrung die berufliche Zukunft vorbei. Zumindest, wenn man sich einbringen, engagieren oder auch vielleicht mehr erreichen möchte. Das kann man vergessen. Und die Patienten, die das Outing vermeiden, die sind u. U. verhaltensauffällig oder schlagen im schlimmsten Fall auch noch auf andere Erkrankte ein.

      Wie viele verbergen ihre Schwerbehinderung, haben Angst vor Nachteilen… Daran ändert auch die 999. Konvention nichts und das 1000ste Programm zur Inklussion.

      Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ursachen bekämpfen heißt auch, Krankheiten zu bekämpfen. Doch die Gesellschaft ist m. E. nicht bereit dazu. Also werden wir auf diesem Stand verbleiben und uns mit den Tabletten über Wasser halten.

      Grüße

  5. osterhasebiene langnase Antworten

    Gedankenanregung: @Tam Tam: Wäre es eventuell eine Option selbst zum „Spezialisten“ für sich selbst zu werden (Eigenverantwortung), statt auf die Hilfe anderer „Spezialisten“ zu hoffen, sonst könnte es noch am Ende passieren, dass unsere Gesellschaft weiter gespalten wird in „Spezialisten“ und „Unfähige“. Oder wir müssen das Medizinstudium/Psychologiestudium ect. irgendwann für alle öffnen. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass Gemobbte die größten Mobber überhaupt sind…

    • @ osterhasebiene langnase:

      1.) Es gibt Situationen, in denen Menschen nicht mehr die Kraft haben, zum „Spezialisten“ für sich selbst zu werden (wie Sie es nennen). Sie sind deshalb nicht unfähig, sondern bedürftig und auf Unterstützung von Spezialisten angewiesen. Das dient als Hilfestellung, um wieder Kraft zu schöpfen und sich eigenverantwortlicher und eigenständiger um sich selbst kümmern zu können, als das in einer akuten Krise oder bei fortgeschrittener Erkrankung möglich ist. Da hälfe auch ein absolviertes Medizin-/Psychologiestudium dem Betroffenen nicht weiter.

      2.) Wie meinen Sie das: dass Sie der Verdacht beschleicht, dass Gemobbte die größten Mobber überhaupt sind? Dass sie, weil sie sich nicht selbst zu helfen wissen, mit selben Mitteln zuhrückhauen? Oder wie? Ich möchte hier gar nicht weiter spekulieren, daher wäre ich froh, wenn Sie diese Anmerkung ein wenig genauer erläutern könnten. Danke schon im Voraus!

      • osterhasebiene langnase Antworten

        @rosalita
        zu Ihren Fragen: Es ist niemals eine Niederlage schwach und hilfsbedürftig zu sein. Sich in dieser Situation Unterstützung zu suchen verdient Respekt und zeugt von großer Eigenverantwortung. Konkret hat mich an dem Kommentar von TAMTAM die pauschale Abwertung von Heilpraktikern, Coaches, psychologische Berater und „Wochenendberater“ gestört. Natürlich kann und soll sich jeder seinen „Spezialisten“ suchen. Ich sehe es als gesamtgesellschaftliches Problem, wenn Menschen allzu autoritätsgläubig „nur“ den Herrschaften in Weiß folgen. Darin steckt auch eine ganze Portion Selbstabwertung. Den Vergleich mit der Hüft-OP fand ich ziemlich schräg, dass man da wohl auch nicht zu einen Fleischer (groß geschrieben) gehen würde. Auch andere Berufsgruppen außer Ärzte/Diplompsychologen leisten hervorragende Arbeit. Sie haben sich ihr Wissen teilweise autodidaktisch angeeignet und in der Praxis erarbeitet. Das ist oft der unbequemere Weg zur Erkenntnis. So, jetzt sind wir auch schon beim Mobbing: nämlich diese Menschen grundlos zu diskreditieren. Wozu soll dies gut sein? Wollte sich der Autor des Kommentars dadurch bei bestimmten Leuten beliebt machen? Ich verstehe es nicht. Und das ist für mich ein Zeichen von Mobbing: das eine gegen das andere ausspielen. Hier hält sich mein Mitleid in Grenzen. Dass Mobbingopfer Hilfe benötigen steht außer Zweifel. Für meine etwas zu polemische Formulierung möchte ich mich entschuldigen. Im Übrigen finde ich es gut, wenn Mobbingopfer anfangen, sich zu wehren, am besten im geschützten Rahmen einer Therapie. Ich hoffe, Ihre Fragen ausreichend beantwortet zu haben.

    • Liebe Osterhase Langnase, erst einmal Danke für deinen Kommentar. Mit Sicherheit hast Du recht in einigen Punkten. Ja ich bin heute ebenfalls zu einem Spezialisten geworden für Mobbing das ich auch beruflich ausübe. Auch leite ich eine SHG für Betroffene von Mobbing. Ich bin in insgeamt 4 Netzwerken von Selbhifeförderung registriert und bekomme täglich anfragen von betroffenen.
      Selber war ich 10 Jahre Opfer dieser Schikanen die sich über Körperliche und Seelische gewalt ausdehnen.
      Ich habe das Stigma in der ARGE sowie auch die Erfahrung der Krankengeldfallmanager und der KK hinter mir.
      Ja und auch ich suchte in meiner Situation damals verzweifelt nach einem Spezialisten den ich “ GOTT sei DANK “ dann auch fand und “ ER “ mir sehr viel geholfen hat.
      Ich habe einen sinnlosen Prozess geführt von dem Ich heute jedem Opfer abraten würde.
      Ja und ich habe Psychologische Berater oder Heilpraktiker für Psychotherapie; COACHES und Wochenendberater kennen gelernt die für Ihre Dienstleistung sogar noch GELD verlangen. Meine eigene Erfahrung die ich heute keinem Mobbingbetroffenen mehr raten oder zumuten würde ! Auch wenn betroffene noch jeden so kleinen Strohhalm annehmen würden.
      Ja und ich kenne sehr viele die von diesem “ MOBBINGKUCHEN “ etwas abhaben möchten.
      Selbst aber von dem Opfer oder seiner Situation nichts darüber wissen oder wissen wollen. Solche Erfahrungen berichten auch Mitglieder der SHG.
      Ich höre Opfer von Mobbing übrigens kostenlos zu und Berate SIE nicht ! Ja und ich gebe Ihnen oft den Ratschlag sich dann in professionelle Hilfe zu begeben oder eine Klinik aufzusuchen. Ein Opfer sollte zu den Herren in “ WEISS “ !
      Ein Mobbingopfer leidet sehr oft unter einem TRAUMA das es sein Leben lang begleitet. Dieses so zu erkennen bedarf eindeutig professioneller HILFE.
      Mobbing selbst zu erkennen ist schon eine sehr grosse herausforderung die man teilweise nur an sehr kleinen Dingen festmachen kann.
      Ein Mobbingopfer besitzt fast oder gar kein Selbstwertgefühl mehr.
      Dieses leider auch aus eigener ERFAHRUNG…
      Ich hoffe deinen Kommentar somit ein wenig LICHT gegegeben zu haben.

      LG TAM TAM

      • osterhasebiene langnase Antworten

        @Tam Tam nun doch noch ein paar Worte zu Ihrem Statement aus meiner Sicht: Ich kann mir das Leid gemobbter Menschen gut vorstellen, da ist maximaler Leidensdruck, ganz bestimmt. Mobbing ist jedoch nur ein Symptom einer zugrundeliegenden bereits vorhandenen Erkrankung oder Störung und zwar auf beiden Seiten (Mobber/Gemobbte), nicht die Störung selbst. Ähnlich verhält es sich auch mit Burnout. Daher besteht m.E. der Weg zu Heilung 1. in der „dankbaren“ Annahme des Symptoms und 2. in der Bearbeitung der zugrundeliegenden Störung. Sich im Symptom einzurichten heißt auch, die Störung zu manifestieren. Warum verlässt eine von ihrem Ehemann geschlagene Frau den Mann nicht, lässt sich viele Jahre fast totschlagen? Ich denke, weil sie dort vermutet ihre zugrundeliegende Störung heilen zu können. Nur funktioniert das so nicht, sondern erst durch die Bewusstmachung kann Heilung erfolgen. Daher halte ich es auch nicht für die richtige Methode Mobbingopfer „nur“ in Watte zu packen und zu bemitleiden. Sie haben sich in einer Erwachsenenwelt auch wie Erwachsene zu verhalten und müssen für ihre Entwicklungsdefizite Eigenverantwortung übernehmen. Beißen sie nur wild um sich, werden sie dasselbe auch zurückbekommen. Mobbing ist – wie alles im Leben – kein Zufall, davon bin ich überzeugt.

        • @osterhasebiene langnase! Nun gut ich kann sehr gut mit Ihrem Statement leben. Nur hierbei zeugt es wieder einmal für mich das es immer wieder unwissende Menschen gibt. Was kann ein Mobbingopfer dafür das er gemobbt wird ? Oder eine Frau im Kopierraum sexuell belästigt wird ? Ich denke einmal körperliche Gewalt hat nichts mit der Erwachsenenwelt zu tun. Vergleiche wie ein BURN OUT..sind hier wohl nicht ganz angebracht. Das ein Opfer nichts anderes tun kann wie an sich selbst zu arbeiten wie z.B. Steigerung des Selbstbewusstseins oder ähnliches das behaupte ich nicht. Dazu bedarf es aber erts einmal das Opfer aus dieser Situation zu befreien.
          Nur wenn Sie an einen Narzisstischen Vorgesetzten gelangen, ein Koleriker mit einem patriarchalischer Führungsstil; Frisch von der UNI mit seinen nicht wissen an Menschenkenntnis, dann Denke ich muss man die Schuld nicht unbedingt beim Gemobbten suchen.
          Zumal Sie solche Menschen nicht ändern werden ausser Sie begreifen endlich das es besser ist zu gehen ! Und bitte sehen Sie auch dort wieder nicht die verletzte “ Ehefrau “ sondern einen Menschen der Ü 50 sein könnte; seit 30 Jahren im UN ist und dann auch noch evtl. an Existenzängsten leidet.
          Mobbingopfer muss man nicht in Watte packen, aber man muss Ihnen helfen diese Situation zu meistern.

          • osterhasebiene langnase

            @Tam Tam: Ein Mobber „erspürt“ wen er mobben kann und wen nicht, ein Narzisst „findet“ seinen Anbeter und Diener, ein Vergewaltiger „erkennt intuitiv“ eine wehrlose Frau. Tja, es kommt sogar vor, dass irrigerweise unehrliche Menschen ungewöhnlich oft bestohlen/betrogen werden ect. Auch auf psychosomatischer Ebene kann beobachtet werden, dass z.B. manipulative Menschen schwere Arthritis in den Händen bekommen… Es ist keine Frage von Schuld und Moral. Es ist schlicht eine beobachtbare Tatsache aufgrund eines universellen Gesetzes der Kausalität. Ohne Verklärung kann Menschen viel besser und nachhaltiger geholfen werden. Auch wenn der Mobber (der nicht besser oder schlechter ist) zunächst in der Gewinnerposition zu sein scheint, ist es nur eine Frage der Zeit, wann er strauchelt. Beide brauchen Hilfe. Gerade das „Kleben“ an derartigen Situationen ist ein Indiz für eine zugrundeliegende (Persönlichkeits)Störung. Der Volksmund sagts: Warum gehst du nicht einfach, bist du gestört! Echte Hilfe darf diese nicht weiter zementieren und zudecken. Wer die Welt als Spiegel für sich zu nutzen weiß, der kommt viel schneller ans Ziel. Manchmal entspricht das Bild im Spiegel eben nicht den Idealvorstellungen, die man von sich hat.

        • Schuld – Unschuld? Frei nach Watzlawik: „Man kann nicht Nichthandeln!“. Gerade bei Mobbing ist es manchmal gut zu handeln, manchmal vielleicht auch besser die Beine ruhig zu halten um etwas Ruhe in die Situation zu bekommen. Was gut ist für ihn ist, sollte der Betroffene selbst entscheiden. Er ist der einzige, der seine Situation – wenn auch subjektiv – einschätzen können sollte.

          Das größte Problem ist, dass sich scheinbar jeder unter Mobbing etwas anderes vorstellt. Mobbing ist zu einer „Worthülse“ verkommen, die nach Bedarf gefüllt wird. Schon die Tatsache, dass mit Begriffen wie Straining, Bullying, Bossing verschiedene Begriffe verwendet werden, zeigt deutlich, wie groß die Bandbreite ist. Warum sollte jemand, der Personalabbau aus dem Unternehmen gemobbt wird selbst daran schuld sein? Kann sein! Liegt aber strategisches Mobbing vor, dann hat derjenige keine Chance – soll ihm jetzt noch eine Schuld wegen Problemen in der Kindheit eingeredet werden?

          Aus meiner Sicht – und meiner Erfahrung mit strategischem Mobbing, vergleichbar bei France Telecom/Telekom Austria – spielt oft die Person keine Rolle. Sie ist in großen Unternehmen ein Personalnummer. Wie France Telecom zeigt – mit 35 Suiziden von Mitarbeitern 2008/09 ; ca. 60 insgesamt – spricht es dafür, dass Mobbingopfer eher sich selbst das Leben nehmen, statt Amok zu laufen. Auch dürfte die aktuelle Anklage der Staatsanwaltschaft interessant werden:

          „… Mehr als sieben Jahre nach einer Reihe von Suiziden bei France Télécom hat die Staatsanwaltschaft von Paris einen Prozess gegen den französischen Telekommunikationskonzern gefordert.

          … Die Ermittlungen wegen des Verdachts auf strategisches Mobbing waren 2012 eingeleitet worden. Sollte es zu einem Verfahren kommen, wäre es das erste dieser Art gegen eines der 40 größten börsennotierten Unternehmen Frankreichs.

          … Sie wurden in Frankreich von der Gewerkschaft wegen fahrlässiger Tötung angezeigt“

          Dutzende Suizide in einem Unternehmen – da überrascht ein aktuelles Beispiel aus der Huffington Post:

          Fett gedruckt: „Opfer von Mobbing können zu Amokläufern werden“

          Im Text: „… Erstens: Opfer von Mobbing können in seltenen, extremen Fällen zum Amokläufer werden. Zweitens: Nicht jedes Mobbingopfer wird automatisch zum Amokläufer, deshalb dürfen wir Betroffene auf keinen Fall stigmatisieren. Drittens: Wir müssen uns mit einer weiteren unbequemen Wahrheit anfreunden: Mobbing in der Schule darf als gesellschaftliches Problem nicht länger unterschätzt und verschwiegen werden.

          Der Autor ist Gründer von Schüler gegen Mobbing. …“

          Die Headline suggeriert: Jedes Mobbingopfer ein potentieller Amokläufer! Stigmatisiert nicht schon so eine Überschrift Menschen die von Mobbing betroffen sind. Und warum fehlt der Hinweis, dass wohl der größte Teil der Betroffenen den Suizid wählt? Jeder gemobbte Schüler eine tickende, zu behandelnde Zeitbombe?

          Aus meiner Sicht/Erfahrung hat „Mobbing“ mit einer Zwangssituation zu tun, der man sich nicht einfach, kurzfristig entziehen kann. Zweitens kann meist nur versucht werden, den Leidensdruck für den Betroffenen zu mildern. Love it – change it – leave it! Auch hier wird jeder selbst entscheiden müssen – wie lange er die Situation ertragen kann oder es an der Zeit ist auszusteigen. Egal wie man sich entscheidet, das Problem wird wohl immer bestehen bleiben: Weil einem deutlich ein „krankes Systems“ vor Augen geführt wurde! Dazu ein Zitat:

          „.. Im Gegenteil: In einer Wirtschaftsordnung, die auf Eigennutz und Konkurrenz setzt, erklärt Neuberger, kann man Personen, die diese Haltung leben, nicht plötzlich als pervers oder abartig stigmatisieren; sie sind vielmehr diejenigen, die die Konstruktionsprinzipien des Systems am konsequentesten verinnerlichen und leben. …“

          Die Folgen: Kognitive Dissonanz? Emotionale Dissonanz = wir wissen, dass etwas falsch läuft – machen aber trotzdem so weiter!

          Deshalb sollte jeder mal „in seinen eigenen Kopf schauen“ welche Prinzipien dieses Systems er verinnerlicht hat. „Mobbing“ zwingt zum Blick hinter die Fassade einer Freiheit, die für die meisten von uns eine Fiktion ist. Wer sich gegen „Mobbing“ auseinandersetzt, wird schnell erkennen müssen, dass viele Gesetze nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Trotzdem möchte ich Tam Tam widersprechen: Klagen kann helfen – auch wenn man verliert! Nur sollte man sich selbst mit dem Thema auseinandersetzen. Fakten zusammentragen. Sich in Gesetze und Urteile einlesen. Das Internet macht’s möglich. Sicherlich nicht einfach, wenn der ständige Wechsel aus Wut, Angst, Resignation und Verzweiflung einen Grübelzwang auslöst, der die Konzentration massivst einschränkt und ein „normales“ Denken/Leben fast unmöglich macht. Man sollte seine Rolle eines Akteurs in einem – letztlich perversen – „Spiel“ nicht auch noch komplett mit der eines passiven Zuschauers tauschen.

          Leider kann nur jeder für sich selbst entscheiden, was er psychisch und physisch aushalten kann – und nicht zu vergessen – was er sich finanziell leisten kann. „Lieber ein Ende mit Schrecken ….“. Da es aus meiner eigenen Erfahrung kein „Ende“ gibt, muss man wohl versuchen, mit dem Schrecken leben zu können.

          Gruß
          Manfred

      • osterhasebiene langnase Antworten

        @TamTam: Sie sagen: Es gibt viele, „… die von diesem Mobbingkuchen etwas abhaben möchten…“ – darin gebe ich Ihnen vollkommen recht. Ich kenne leider Ärzte mit Zusatzausbildung Psychotherapie, deren „Therapie“ darin besteht (oder besser: bestehen würde), Sie erst jahrelang zu bedauern und zu bemitleiden, um Ihnen dann, wenn Sie sich so richtig klein und unkompetent fühlen, einen Hausmeisterjob in ihrem von der Krankenkasse finanzierten Imperium anzubieten. Ist doch die ideale Lösung für alle Beteiligten, oder nicht? Also passen Sie besser auf, in wessen Hände Sie sich vertrauensvoll begeben…oder coachen Sie sich selbst! In diesem Sinne, ist es mir ein Anliegen, darauf zu verweisen, dass man beim Coaching/Therapie auf den persönlichen Reifegrad einer Person achten sollte und weniger auf deren erworbene Titel. Alles Gute.

  6. Sie schreiben „Fremdgefährdende Absichten werden noch viel seltener geäußert und bedürfen einer genauen Befragung des Patienten. Hat der Arzt Kenntnis von einer konkret geplanten Straftat, so muss er die ärztliche Schweigepflicht hintanstellen und die Polizei verständigen.“

    Das gilt nicht nur für Ärzte. Das gilt für alle Menschen, die Kenntnis von so etwas erlangen. Ich habe das am Wochenende hinter mir und fand so eine Ankündigung bei Facebook unter einem Artikel einer großen Tageszeitung. Dabei ging es darum, Amok zu laufen mit dem Ziel, von der Polizei erschossen zu werden. Eine Art Suizid mit Hilfe der Polizei.

    Es gab ein paar wenige Kommentare von anderen dazu, doch scheinbar hat niemand wirklich reagiert. Vermutlich auch deshalb, weil viele denken, es sei Spinnerei oder wer seinen Suizid ankündigt, begeht keinen. Oder was passiert, wenn ich jetzt die Polizei informiere, was für Konsequenzen hat das für mich. Ich habe dennoch die 110 gewählt, kurze Zeit später stand die Polizei vor meiner Tür und hat mit mir zusammen sich das angesehen, weiter recherchiert und versucht herauszufinden, wie ernst das sein könnte. Ohne ins Detail zu gehen, es gab Indizien, dass es kein „Scherz“ war. Leider werde ich wohl nie erfahren, was daraus geworden ist.

    M. e. ist es unser aller Aufgabe, solche Dinge den Behörden zu melden, nicht nur seitens der Ärzte. Sollte es ein Fehlalarm sein, so hat es doch auch positive Effekte: Nach einem Besuch durch die Polizei dürfte die Person das nie wieder machen…

  7. Lieber Herr Teuschel,

    mir ging es wie Sophie: ich hatte auch bereits nach einem Statement von Ihnen gesucht. Nun ist er da – und ich möchte Ihnen danken für Ihren ausgesprochen differenzierten Beitrag zu der aufgeheizten Diskussion!
    Ich sehe es wie Sie: wenn Mobbing-Erfahrungen oder „Probleme im Bildungsweg“ Auslöser wären für einen Amoklauf, könnte man sich ja jeden Morgen fürchten, wenn man einen Fuß in ein Büro oder eine Schule setzt. Die Schablonen, die nun herausgeholt werden, um das Unerklärliche erklärbar zu machen und irgendwie einen Schuldigen bzw. den (wie Sie es nennen) alles erklärenden Grund für diese Tat zu finden, sind haarsträubend. Da finde ich persönlich die Haltung der „mürrischen Indifferenz“ (Herfried Münkler) wesentlich angemessener.

    In der Süddeutschen Zeitung war gestern ein Interview mit Klaus Hurrelmann zu lesen, der das Vorwort zu dem Amoklauf-Buch von Peter Langman verfasst hatte, das im Zimmer von David S. gefunden wurde. Hurrelmann zitiert als gemeinsamen Nenner aller in dem Buch untersuchten Amokläufe (wohl 10 an der Zahl), dass jeder der Täter psychisch krank gewesen sei. Der Brückenschlag von „psychisch krank“ zu „depressiv“ ist kein großer mehr, da hier oft nicht weiter differenziert wird, sondern unterschiedlichste Erkrankungen in einen (Psycho-)Topf geschmissen werden. Das ist fatal und wird zwangsläufig zu weiterer Stigmatisierung führen.

    Nochmals vielen Dank für Ihren Beitrag.
    Rosalita

  8. Ganz abgesehen davon, dass David S. wohl weniger aufgrund seiner „Mobbingerfahrungen“, sondern aufgrund schwerer psychischer Erkrankungen, Amok gelaufen ist, finde ich es immer wieder erschreckend, wie die Opfer von Mobbing / Bullying in der Presse bzw. Öffentlichkeit dargestellt werden. Dass derartige Erfahrungen bereits im Kindes- / Jugendalter einen Menschen dauerhaft schädigen können, weiß ich aus eigener Erfahrung. Obwohl das Ganze bereits mehr als 25 Jahre zurückliegt, kämpfe ich bis heute mit den Folgen, die meine Psyche damals dauerhaft geschädigt haben. Was m.E. als Folgen von Mobbing völlig außer Acht gelassen wird und wovon nicht geschrieben wird, sind die volkswirtschaftlichen Schäden, die dadurch entstehen können (Stichwort: Frühverrentung aufgrund psychischer Erkrankungen, Arbeitslosigkeit, Schwerbehinderung, mangelnde Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz). Dies geht vermutlich in die vielfachen Millionen Euro die den deutschen Staat belasten.

    Ich möchte an dieser Stelle den Psychiatern und Psychotherapeuten danken, die ganze Arbeit leisten und dadurch vermutlich viele weitere Amokläufe etc. verhindern!! Dies ist jedoch nichts, das irgendwann einmal in der Presse thematisiert wird.

  9. Und vielleicht sollten es sich auch und gerade die Psychiater nicht allzu einfach machen: Deren, auf die engen Grenzen der eigenen Erkenntnisfähigkeit pochende, allfällige (Selbst-)Exkulpierungsformel: „Wir können nicht in die Köpfe der Menschen schauen“, ist erstaunlicherweise immer erst dann zu hören – dann aber stets sehr verlässlich – , wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, und es nur noch darum gehen kann, die Kausalität des Geschehens aufzuklären und die hierfür verantwortlichen Akteure respektive Handlungsbeiträge zu identifizieren. Bei ausreichendem (Sicherheits-)Abstand zu fatalen Schadensereignissen ist von psychiatrischer Bescheidenheit bei der Beurteilung der eigenen Fähigkeit, in fremde Köpfe zu schauen, meistens gerade nichts zu erkennen, vielmehr wird genau die Kompetenz, fremde Erlebnisstrukturen und Verhaltensdispositionen entschlüsseln zu können, geradezu als Markenkern der eigenen Profession reklamiert und mit entsprechend Selbstbewusstsein zum Ausdruck gebracht. Der Fall Mollath mag ein beredtes Beispiel hierfür sein. Ist die Tragödie der Schadensfall jedoch da, heißt es, „rette sich wer kann“, und die Verantwortung für die nunmehr erwiesene untaugliche Schadensprävention – sei der Schaden nun Suizid oder Homizid – wird zu Lasten der bereits benannten – bedauerlicherweise nur sehr beschränkten eigenen Erkenntnismöglichkeiten – oder aber des Tatausführenden und der von ihm listigerweise verschwiegenen Tatbegehungsabsichten wegerklärt. Etwaig verbleibende Erklärungslücken z..B. im Zusammenhang mit der Frage, weshalb eigentlich immer wieder von Psychiatern als depressiv diagnostizierte und medikamentös entsprechend behandelte Patienten mit vehementen, gegen sich und/oder andere gerichtete Gewalttaten (Amokläufe, Terroranschläge, Germanwings-Absturz etc.)in Erscheinung treten,und psychiatrische Koryphäen wie Prof. Dr. Hegerl im nachhinein erklären, Depressive täten so etwas nicht, bleiben unthematisiert. Die auf Beipackzettel und Fachinformation gleichermaßen warnend aufgeführte „Feindseligkeit“, die nach Gabe der antriebssteigernden Antidepressiva der Klasse SSRI besonders bei jungen Menschen unter 25 Jahren auftreten können, scheint den sich öffentlich äußernden Psychiatern jedenfalls keinen Erkärungsansatz zu bieten.

    • moralundvernunft Antworten

      Liebe Frau Beck, gerade bastelte ich an einem ähnlichen Kommentar wie dem Ihren. So gut hätte ich es allerdings nicht auf den Punkt bringen können. Wäre schön, wenn sich hier ein paar Leute vom Fach dazu äußern würden. Über diese Seite der Medaille liest und hört man in der öffentlichen Diskussion leider sehr wenig. Spricht schon mal für Dr. T., dass er Ihren Artikel nicht als „antipsychiatrische Ideologie“ wegmoderiert hat.

      • Machen wir uns doch nichts vor. Niemand hat ein Interesse daran, dass reihenweise Patienten das Vertrauen in ihre Medikamente verlieren bzw. gar nicht erst bekommen. Wenn das Thema von den Medien hochgeputscht würde, dass Antidepressiva (u.a. psychoaktive Substanzen) Aggression hervorrufen können, gäbe es eine mittlere bis größere Katastrophe. Das diese Probleme mit den Wirkstoffen bestehen können, ist doch bekannt und publiziert. Nur ist es zum Glück (hoffentlich) kein Massenphänomen. Es liegt in der Verantwortung der Patienten und der sie behandelnden Ärzte, zu erkennen, wenn etwas mit der Psyche passiert. Jeder Patient muß so mündig und erfahren sein, der vor allem über längere Zeit Medikamente nimmt, sich zu beobachten und ggf. SOS zu funken.

        Die Medien würden sofort von Killerpillen schreiben, die Pharmakritiker so richtig loslegen und wir hätten ein totales Desaster. Wie viele Patienten wären ohne die Medikamente nicht mehr lebensfähig?

        Ich nehme seit 13 Jahren ADs und habe auch einiges bemerkt und dann mit meinem Arzt besprochen, der dann bei den Wirkstoffen und Dosierungen Veränderungen vorgenommen hat. Ohne die Medikamente wäre ich längst hinüber, sie helfen mir zu überleben. Aber: Es braucht den aufgeklärten, mündigen und aufmerksamen Patienten, der auch Verantwortung für sich selbst übernimmt.

  10. Bestimmte Positionierungen werfen bestimmte Fragen auf und eine drängende scheint mir beispielsweise folgende zu sein: Woher nehmen eigentlich Psychiater im Wissen darum, „nicht in die Köpfe der Menschen schauen“ zu können, gleichwohl die Beherztheit, in selbige massiv neurochemisch manipulierend einzugreifen …? Handlungshemmende Bedenken im Hinblick auf etwaig negative Konsequenzen eines derartigen „Blindflugs“ scheinen nicht allzu verbreitet zu sein bzw. durch Aufklärung seitens der Hersteller subjektiv hinreichend zerstreubar.
    Meine Ideologie heißt Verantwortung, nicht Anti-Psychiatrie. Aber für einen verantwortlichen Einsatz von Psychopharmaka braucht es ein Maß an Risikobewusstsein, kritischer (Selbst-)Reflexion und nichtzuletzt Kenntnis von nicht nur pharmafinanzierten Studiendaten, das wohl nicht mehrheitlich als gegeben vorausgesetzt werden kann. Als diesbezüglich differenzierte und reflektierte Vertreter ihres Faches nehme ich z.B. die Psychiater David Healy und Henry A. Nasrallah war.
    Unlängst hörte ich den Podcast des Psychiaters und Chefarztes Jan Dreher – u.a. Verfasser von „Psychiatrie to go“ – zum Thema Antidepressiva. Von seinem Gesprächspartner gebeten, zu erläutern, in welchen Fällen er mit welcher Intention und Wirkungserwartung welches Antidepressivum verordnet, hob er zu einer launigen kleinen Rede an, in der er diesen Entscheidungsprozess mit der individuellen Auswahl des bevorzugten Rotweins beim Grillabend verglich. Angesichts solcher Analogien mag der Blick auf die z.B. SSRI immanenten Gefahrenpotentiale wohl schon mal weichzeichnend unkritisch verschwimmen.

  11. Das Psychiater nicht in die Köpfe anderer schauen können, hat sich jetzt ja wohl grausam in der Charité bestätigt. 🙁
    Scheinbar war der betroffenen Arzt weder über die Fremd- noch Selbstgefährdung dieses Menschen informiert.

  12. Zu Mobbing:

    Es sollten mehrere, bzw. verschiedene Stellen aufgesucht werden, nicht nur ein Psychotherapeut, sondern auch die betriebliche Sozialberatung, der Betriebsrat (wenn vorhanden), die Personalabteilung, Vorgesetzte des mobbenden Chefs und ein Rechtsanwalt.
    Die Betonung der Hilfe auf den Psychotherapeuten kann zur Folge haben, dass sich ein mehr oder weniger bewusster Verdacht einschleicht, den Fokus der Ursache und den Tatbestand des Mobbings auf eine psychische Krankheit BEIM MOBBINGOPFER zu beschränken. Das wird der Sache nicht gerecht, lenkt vom Gesamtzusammenhang ab und kann zur Folge haben, dass nicht nur das Umfeld, sondern das Mobbingopfer selbst sich als psychisch krank betrachtet. Daraus folgt, dass der Blick der Beteiligten und die darauf folgende Stigmatisierung sich ausschließlich auf das Mobbingopfer richtet. Das ergibt sich schon daraus, dass die Positionen in einer aktiven Mobbingsituation sich unverrückbar zeigen und dadurch eine Veränderung und Auflösung der Situation nicht möglich wird. Das Stigma gegen den Gemobbten verfestigt sich bis es letztlich zur „Wahrheit“ der Mobbingtäter wird und damit die Machtpositionen gefestigt werden. Das Antipathien und unzureichende Bildung der Mobbingtäter beim Mobbing eine wichtige Rolle spielen können, zeigt, dass dieser Bereich mehr umfasst als „nur“ eine psychische Erkrankung. Selbstwertprobleme, Angst u.a. bei den Tätern werden dabei leicht übersehen. Genauso ein wegsehendes (betriebliches) System.
    Auch aus diesen Gründen halte ich es für wichtig fachanwaltliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es dient nicht nur einer möglichen Korrektur der Stigmatisierung und Falschdarstellungen der Mobber, sondern weist nachhaltiger das Verhalten der Mobber und des Systems zurück. Das Einschalten eines Rechtsanwalts kann den Ernst der Sache innerhalb des Systems und bei Mobbern deutlicher werden lassen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Mobbingtäter eine „grobmaschige“ Persönlichkeit haben und erst bei der Aufwartung „schwererer Geschütze“ die Angelegenheit als ernst wahrnehmen. Dies gilt auch für eine mögliche rückständige Haltung zum Thema Mobbing bei der Geschäftsführung, die ihre Vorstellungen von Unternehmensführung nach unten weitergibt und von vielen unterstellten Vorgesetzten kritiklos oder gar angstbesetzt hingenommen wird. Hier kann sich bereits das betriebliche System als fehlerhaft herausstellen.
    Mit der Erscheinung eines Rechtsanwalts wird der Fokus auf die RECHTSLAGE gebracht und kann den ausschließlichen Blick auf die unverhältnismäßig hervorgehobene psychische Krankheit beim Mobbingopfer mindern. Mit der Unterstützung eines Fachanwalts kann sich der Fokus von psychischer Krankheit gegenüber dem Mobbingopfer plötzlich ändern. Es könnte erstmalig ernst genommen und nicht mehr als krank abgestempelt werden. Die Benennung von persönlichen Defiziten bei den Mobbingtätern und fehlerhaftes Reagieren der beteiligten Abteilungen durch einen Rechtsanwalt haben dann mehr Gewicht. Auf diese Weise können psychische Auffälligkeiten im Mobbingumfeld und fehlerhaftes Handeln im System sichtbar gemacht werden. Das bedeutet das der Fokus nicht mehr ausschließlich auf der Psyche des Mobbingopfers liegt, sondern auch auf die der anderen, am Mobbinggeschehen Beteiligten.
    Mobbing hat seine Ursache bei ALLEN Beteiligten und im fehlerhaften System. Durch das Mobbingopfer als Symptomträger werden die Probleme ALLER erkennbar. Alle Beteiligten handeln psychisch motiviert (auch wenn bevorzugt rational argumentiert wird).

  13. Es kann auch helfen aufmerksam zu sein und Menschen, mit denen man täglich oder oft zu tun hat gut zu beobachten. Manche von ihnen zeigen sich verändert, ohne das die anderen Menschen die
    sie umgeben, den Grund dafür kennen. Die meisten Menschen haben Gewohnheiten und Eigenarten, eine bestimmte Verhaltensweise, eine Persönlichkeit, die ein Gefühl der Vertrautheit vermittelt: wenn ein Mensch plötzlich davon abweicht und nicht wiederzuerkennen ist, dann kann
    das auch ein Warnzeichen für andere Menschen in der Umgebung sein. Eine plötzliche Veränderung im Verhalten oder der Persönlichkeit eines Menschen, den man ganz anders kennt, das zeigt meist an,
    das etwas nicht stimmt, diese Person vielleicht Probleme hat, mit denen sie allein nicht fertig wird oder ein Erlebnis, dass diese Person erschüttert hat.
    Hat man es mit sehr verzweifelten Menschen zu tun, dann kann man versuchen, etwas zu finden, was ihnen wieder Mut macht. Ein gutes Gespräch über die Dinge, die ihnen wichtig sind, oder von
    denen sie überzeugt sind und die einst wichtig für sie waren, zu führen, verschwiegen zu sein und
    über die Zukunft zu spekulieren, die bestimmt lebenswert sein wird.
    Wenn man Glück hat, kann man einen Menschen über seine Menschlichkeit, sein Gewissen oder seine Überzeugungen erreichen. Ein Informant (ein potentieller Selbstmordattentäter) schreckte
    vor einer solchen grauenhaften Tat im letzten Moment zurück, er begründete das mit seinem Gewissen und dem Wissen, dass seine kleine Tochter einen Selbstmordattentäter zum Vater
    gehabt hätte. Dieses Wissen und diese Erkenntnis hielten ihn zurück, vielleicht gab es jemanden in seiner Umgebung, der ihm das bewusst gemacht und damit viel Leid verhindert hat.

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