20-Millionen-Aktion gegen Schul-Mobbing: Was davon zu halten ist

Es ist ja an sich immer erfreulich, wenn das Thema „Mobbing in Schulen“ von der Politik ernst genommen und seriös angegangen wird.

Nein, ich merke schon, ich habe völlig falsch angefangen. Richtig ist folgendes:

Es wäre ja an sich erfreulich, wenn das Thema „Mobbing in Schulen“ von der Politik ernst genommen und seriös angegangen würde.

(Hätte man den Konjunktiv nicht, man müsste ihn erfinden.)

Ganz aktuell macht ein Anti-Mobbing-Vorstoß unserer neuen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey in den sozialen Medien die Runde. Dort ist zu lesen, man habe jetzt erkannt, dass Mobbing an vielen Schulen ein Problem sei. (Mir persönlich gefällt ja die Formulierung besser, dass Mobbing ein Problem IN den Schulen ist, denn AN den Schulen … also so außen dran … aber lassen wir das.)

Bei solcherlei Erkenntnissen würde mich wirklich sehr interessieren, woher die auf einmal stammen. Was hat den Ausschlag gegeben, dass Frau Giffey jetzt auf dieses Thema gestoßen ist und sich sagt: „So geht es wirklich nicht weiter AN den Schulen“. Aber ich werde es nie erfahren.

Interessant ist dann allerdings der Plan, wie man dem Thema beikommen will: Mit 170 Anti-Mobbing-Profis! Ha! Coole Sache! Diese 170 Profis gehen also an die Schulen und setzen sich gegen Mobbing ein. Nur: Wo findet man auf die Schnelle 170 professionelle Antimobber? Was macht einen eigentlich zum Profi in dieser Hinsicht?
Die Antwort auf diese Frage erlaube ich mir im Original zu zitieren:

„Es geht darum, Frauen und Männer zu finden, die in der Jugendsozialarbeit ausgebildet sind, oft selbst einen Migrationshintergrund haben und sich sehr für diese Aufgabe interessieren.“ (Zitat aus obigem Artikel)

Um im Schuljargon zu bleiben: Geilo!

Man sucht also in den Jugendmigrationsdiensten nach Personen, die „in der Jugendsozialarbeit ausgebildet sind“ (Was heißt das? Haben die einen Abschluss? In was?) und sich „sehr für diese Aufgabe interessieren“. Potzblitz! Da plagt sich manch einer mit Ausbildung und so was rum und dann wird man Profi, weil man sich sehr für eine Sache interessiert. Gut, ich gehe mal davon aus, dass hier eine Schulung das Interesse ergänzen wird (Wer führt die durch? Was wird da gelehrt?). Interessant ist dann aber vor allem das letzte Kriterium: Die zukünftigen Profis haben „oft selbst einen Migrationshintergrund“. Was soll das nun bedeuten? Das kleine Wörtchen „selbst“ suggeriert in diesem Fall, dass auch die in einen Mobbing-Konflikt Verstrickten einen solchen haben. Und da wird es ganz kurios:

Warum in aller Welt wird Mobbing hier in die Ecke „Migrationshintergrund bzw. mangelnde Integration“ gestellt? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Mobben in der Vorstellung von Frau Giffey die Migranten die Deutschen? Oder die Deutschen die Migranten? Oder die Migranten sich gegenseitig?

Ein schräges Bild vom Phänomen Mobbing scheint sich da eingenistet zu haben.

Ich persönlich glaube, dass mit diesem Aspekt einfach die eigene Wählerschaft bedient werden soll. Wäre die Familienministerin aus der CSU, müssten die Anti-Mobbing-Profis wohl alle ein Kreuz um den Hals tragen.

Bei der SPD ist es eben die Migrations/ Integrations-Karte, die gespielt werden muss.

Für mich zeigt sich hier weder ein ernsthaftes Interesse am Thema Mobbing noch die Bereitschaft, sich im Vorfeld solcher Planungen ernsthaft zu informieren. Denn hätte man echte Anti-Mobbing-Profis gefragt (ja, die gibt es!), wäre etwas anderes dabei herausgekommen als diese schon im Ansatz verfehlte und 20 Millionen schwere Aktion.

Es gefällt mir zwar selbst nicht, aber manchmal kann ich die Politikverdrossenheit vieler Menschen verstehen.

Peter Teuschel

Bild ©pressmaster- Fotolia.com

4 Responses
  1. Da war sie wieder, die nicht-konstruktive Sprechblase aus Berlin…
    Was mich umhaut, ist die Sorglosigkeit, mit der solche Zusätze wie „selbst Migrationshintergrund“ rausgehauen werden. Kein Gedanke, dass Leute aus den gelben Seiten (also die, die was davon verstehen) vielleicht sofort starke Zweifel an der Ernsthaftigkeit und der Expertise der Äußernden bekommen.
    Also: Alles wie immer.

  2. Hallo Herr Teuschel,
    können Sie mir die Quelle des Originaltextes nennen? Danke schon mal und

    Herzliche Grüße, Torsten Gottschall
    Mobbing-und Konfliktberatungsstelle
    „FairKom“ in Kiel

    • Hallo Herr Gottschall, in diesem Fall ist der Orginaltext der link im Text. Es handelt sich um ein Interview von Frau Giffey mit der WELT, aus dem Äußerungen wörtlich zitiert sind.
      Hier: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/dr–franziska-giffey-schickt-ueber-170-anti-mobbing-profis-an-schulen/122930
      finden Sie die Pressemeldung des Ministeriums. In dieser wird noch einmal deutlich, dass diese Aktion im Rahmen eines „Nationalen Präventionsprogrammes gegen Islamismus“ stattfindet. Sicherlich lobenswert, aber die Vermischung mit Mobbing ist Unsinn bzw. eine sehr einseitige Sichtweise. Offensichtlich hat man hier „religiöses Mobbing“ im Auge. Höchst bedauerlich, dass man alle anderen Mobbingfälle damit ausblendet.

  3. Die gute Franziska scheint sich von ihrer Neuköllner Bürgermeisterrolle noch nicht lösen zu können. Das Gespräch bei Maybrit Illner spiegelt das meines Erachtens sehr gut wider.

    Mit AN Schulen sind wohl die Schulhöfe gemeint, dort lässt es sich ungehinderter als IN Schulen mobben.

    Ein Projekt das wieder einmal Millionen von Steuergeldern in den Sand setzen wird. Gut gemeint, nicht durchdacht, schlecht gemacht.

    Migrationshintergrund – ein diskriminierendes und völlig überflüssiges Wort.
    Ich SELBST habe auch einen, sozusagen einen Hinterhintergrund. Meine Vorfahren waren Böhmen, Hugenotten, Chatten – Germania magna halt.

    Ich bin ich jetzt auch prädestiniert für den Job?

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.