Hanau: Undifferenzierte Abwertung psychisch Kranker spielt nur Rassisten und Neonazis in die Hände

Zu den Morden von Hanau möchte ich als Psychiater einige Bemerkungen machen.

Zum einen kursieren derzeit Stellungnahmen berufener und weniger berufener Personen im Netz, die sich mit der zu vermutenden Diagnose des Täters befassen. Prinzipiell ist es außerordentlich schwierig, ohne Untersuchung eine psychiatrische Diagnose zu stellen. Nachdem Tobias R. tot ist, werden wir uns auf Vermutungen beschränken müssen.

Immerhin: Ein ausgeprägtes Wahnsystem alleine macht noch keine Schizophrenie aus. Das Hören von Stimmen (und zwar keine „inneren Stimmen“, die alles mögliche sein können, sondern konkret akustisch wahrgenommene Stimmen im Äußeren) und insbesondere so genannte Ich-Störungen weisen aber doch sehr auf diese Diagnose hin. Bei psychotischen Ich-Störungen werden eigene Empfindungen oder Gedanken als von außen gesteuert erlebt. Auch hier muss man sich das bitte wieder ganz konkret vorstellen: Nicht irgendeine Meinungsmache, der Einfluss der Eltern oder etwas Vergleichbares ist hier gemeint, sondern ein Eindringling in die eigene Psyche, der sozusagen mit einem „Mausklick“ meine Gedanken erzeugen oder blockieren kann.

Nach allem, was über Tobias R. zur Zeit in den Medien kursiert, könnte er tatsächlich an einer Schizophrenie erkrankt gewesen sein. Dafür sprechen vor allem die bizarren Wahninhalte.

Dagegen spricht der geordnete Gedankengang, der sich wohl in seinen Manifesten zeigt. Schizophrene haben neben der Störung des inhaltlichen Denkens (das sind die Wahnsymptome) sehr häufig auch Störungen des formalen Denkens (nämlich einen ungeordneten Gedankengang mit nicht mehr nachvollziehbaren Verknüpfungen zwischen den einzelnen Gedankensträngen).

Mir ging bei der Diskussion immer wieder Anders Breivik durch den Kopf, über den auch unterschiedliche psychiatrische Gutachten erstellt wurden. Manchmal ist es sehr schwierig, die richtige Diagnose zu stellen.

Die diagnostische Einordnung ist das eine, was mir aber an dieser Stelle wichtig erscheint, ist der Begriff „Pathoplastik“. Das meint den Einfluss aktueller, in unserer vernetzten Zeit oft weltweiter Themen auf den INHALT des Wahns. Dass überhaupt eine Wahnstörung auftritt, hängt mit der Erkrankung zusammen. Was der Inhalt des Wahns ist, rekrutiert sich oft aus einer aktuellen, in der gesellschaftlichen Diskussion sehr präsenten Strömung, die großes Angstpotential beinhaltet. In der Vergangenheit waren Rinderwahnsinn und AIDS solche global wahrnehmbaren Themen.
Am besten lässt sich das an den alten Witzen beschreiben, bei denen drei oder vier gleichzeitig auf einer psychiatrischen Station behandelte Patienten alle überzeugt sind, Napoleon zu sein. Diese Witze stammen aus einer erkennbar früheren Zeit, denn heutzutage wird kaum jemand einen Napoleon-Wahn haben. Heute werden wir eher Obamas und Trumps auf den Stationen finden.

Und damit sind wir bei den rechtsextremen Denkinhalten von Tobias R. Die gegenwärtig in Deutschland grassierenden rassistischen Strömungen, die in Zusammenhang mit rechten Verschwörungstheorien Tagesgespräch sind, haben die Ausgestaltung von Tobias R.´s Wahninhalten zu verantworten.
Die Erkrankung stellt den Raum zur Verfügung, neonazistische Parolen statten ihn aus.
Wer weiß, gegen wen oder was sich Tobias R.´s zerstörerische Dynamik gewendet hätte in einer anderen Zeit und unter anderen Umständen. Dass eine rechtsextreme Tat daraus geworden ist, ist all denen zuzuschreiben, die mit diesen Themen unsere Zeit prägen, aus welchen Gründen auch immer. Die Behauptung, dass Tobias R. neben seiner zu konstatierenden Schizophrenie auch von seiner Einstellung her rechtsradikal gewesen sein könnte, lässt sich nach meinem Dafürhalten kaum belegen. Wer derart krude Wahngedanken hat, dessen „normale“ Anteile sind oft nicht mehr beurteilbar.

Leider wird gerade in den sozialen Netzwerken jetzt wieder vom „Irren“ und „Wahnsinnigen“ geschrieben. Meine Angst ist, dass dadurch auch nur wieder der Ausgrenzung psychisch Kranker Vorschub geleistet wird. Natürlich muss alles getan werden, um solche Taten möglichst in ihrer Entstehung zu erkennen und zu unterbinden. Gänzlich gelingen kann dies aber nie, wie auch niemals jedes Verbrechen zu verhindern ist. Wer das abwertende Vokabular alter Zeiten verwendet, sollte sich im klaren darüber sein, dass in dieser Ausgrenzung psychisch Kranker genau die Gefahr lauert, die wir gerade verhindern wollen: Dass Schizophrene und andere psychiatrische Patienten unter Generalverdacht gestellt werden, der dann irgendwann wieder in der Schublade „unwertes Leben“ gipfelt.

Zu einer differenzierten Sichtweise auf die schrecklichen Taten von Hanau gehört für mich auch die genaue Betrachtung des Täters: War er an einer Schizophrenie erkrankt und hat diese Erkrankung ursächlich zu diesen Taten geführt, so gilt mein Mitgefühl neben den Opfern und ihren Familien auch ihm, dem Kranken. Bei einem Täter mit Persönlichkeitsstörung, der ohne psychische Erkrankung solche Taten plant und vollumfänglich zu verantworten hat, wäre das anders.
In beiden Fällen sollten wir aber einen Scheinwerfer auf volle Leistung stellen und einschalten: Den auf die zersetzende und menschenfeindliche Fraktion rechter Agitatoren. Sie wissen, was sie tun, auch wenn sie jetzt jede Verantwortung an dem, was in Hanau geschehen ist, zurückweisen.

Die schreckliche Tat bleibt die schreckliche Tat. Die Einordnung sollte aber nicht nur der Psychiater differenziert treffen. Das Vokabular vergangener Zeiten hilft hier nicht weiter.

Dummheit und Ignoranz können nie mit Dummheit und Ignoranz bekämpft werden.

Peter Teuschel

6 Responses
  1. Danke, daß Sie das so deutlich auf den Punkt bringen und sich die Zeit nehmen, uns Mitlesenden Einblicke zu geben, an die wir anders nicht so leicht kommen würden. Einen schönen Sonntag Ihnen.

  2. Das „unwerte Leben“ schwebt ein wenig wie das Damoklesschwert über unserer Gesellschaft. So ist zumindest mein Eindruck. Eigentlich undenkbar, doch Menschen können so etwas Furchtbares nicht nur denken, sondern auch tatsächlich tun.
    Am Wichtigsten scheint mir aber der Schlusssatz des Autors „Dummheit und Ignoranz können nie mit Dummheit und Ignoranz bekämpft werden“. Exakt!
    Ich denke, wir sollten in unserer Gesellschaft generell viel stärker die Geisteswissenschaften fördern. Dort lernt man kreativ und ganzheitlich, in größeren Zusammenhängen zu denken, sich selbst als Teil eines Ganzen sehen, sich in andere einzufühlen und analog zu denken, aber auch die weitgehend wertfreie Analyse bzw. Interpretation.
    Das simple Wenn-Dann-Denken führt zu oft einfach nur in die Sackgasse und manchmal sogar in die Katastrophe.

  3. „… Den auf die zersetzende und menschenfeindliche Fraktion rechter Agitatoren. …“: genauso ist es. Bitte europaweit schauen. Grossdeutschland spukt wieder durch die Koepfe.

  4. Lieber Herr Dr. Teuschel, Warum veröffentlichen Sie Ihren Kommentar nicht auch noch in anderen Foren bzw. intelligenten Zeitungen? Die „roten Socken“ werden Sie nirgends erreichen, dafür ist dieser Artikel zu intelligent und zu differenziert. Deren Sachkompetenz und Intelligenz steht diametral zu ihrer Verbohrtheit, Kurzsichtigkeit, ihrem Größenwahn und ihrer Zerstörungswut. Aber Denkanstöße werden von den anderen mit Sicherheit aufgenommen.
    Vielleicht ist sogar mal wieder ein Politiker dabei, der sich bei diesem Thema mit dem Essentiellen auseinandersetzt, statt sich nur mit anderen Themen wie mit dem Corona-Virus in Szene zu setzen mit Hinblick auf die Aussicht einer künftigen Kanzlerschaft. Dieses Thema ist selbstverständlich hoch wichtig, man sollte aber mit den eigenen klugscheißerischen Bemerkungen (Herr Spahn) etwas zurückhaltend sein und mehr Gewicht auf die Aussagen der Wissenschaftler (wie z.B. vom Robert-Koch-Institut ) hören und den Bürgern einen Verhaltenskatalog an die Hand geben (z.B. selber Fieber messen. Damit Selbige nicht gleich in die Kliniken rennen und dort ihre eigene Verantwortung abgeben). Justina

    • Danke für das Lob! Der Beitrag ist noch bei DocCheck erschienen. Wenn ihn noch jemand haben will, gerne. Aber ich habe leider keine aktuellen Kontakte zu Foren oder Online-Medien wie der ZEIT oder SPON.

      • JusstinatinaJus Antworten

        Aber vielleicht in Form von einem Leserbrief? Dies ist natürlich wieder Extra-Zeitaufwand und in Ihrem stressigen Alltag vielleicht nicht so ohne weiteres unterzubringen?
        Justina

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