Gebrüllte Wahrheit

Als vor 10 Jahren Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt wurde, liefen hierzulande einige junge Menschen mit T-Shirts durch die Gegend, auf denen der charismatische Amerikaner mit Hitler-Bart abgebildet war. Das ging mir seither nicht mehr aus dem Kopf.

In ein vergleichbares Horn stießen jetzt Journalisten, Theaterleute und AfD-Politiker in seltsam vergleichbarer Tonlage. Was war geschehen?
Herbert Grönemeyer, der heisere Röhrer unter den deutschen Sängern, hatte sich politisch geäußert – nicht zum ersten Mal übrigens. Neben seinem aktuellen „Keinen Millimeter nach rechts!“-Statement gibt es ja bereits seit Jahren auch ein Lied von ihm, das sich klar und eindeutig gegen Neonazis und sonstige rechtsradikale Auswüchse wendet: „Die Härte“.

Wenn sich jemand öffentlich politisch verortet hat, so ist das Grönemeyer. Wer jemals auf einem Konzert von ihm war, auf Youtube ein Live-Video gesehen oder auch Live-CDs von ihm im Schrank stehen hat, der weiß: Grönemeyer ist spätestens nach einer Stunde Konzert heiser geschrieen. Nicht, weil seine Lieder vom Brüllen leben, sondern weil er neben seiner ganzen Poesie und der Zärtlichkeit in seinen Versen ein leidenschaftlicher Mensch ist. Seine Fans lieben ihn dafür.

Wie kann es passieren, dass ihm jetzt nach einem politischen Statement, das er vor einer jubelnden Menge getätigt hat, plötzlich Misstrauen entgegenschlägt.? „Wie ein Redner vor 1945“ soll der Autor Bernd Stegemann getwittert haben. (Den Tweet habe ich nicht gelesen, zitiere aber voll Vertrauen in die journalistische Sorgfalt von SPON.)
Auch die ZEIT und die WELT haben ähnliche Bedenken angemeldet. Reflexartig kam natürlich auch aus Reihen der AfD Getöse.

Die beste Erklärung für diese Hirnverdrehung hat bereits der Journalist Johannes Schneider (ZEIT Online) geliefert: Die Deutschen, schreibt er sinngemäß, erleben Faschismus nicht durch den Inhalt, sondern durch die Form. Eine geniale Formulierung! Sie erklärt, warum Grönemeyer jetzt mit Goebbels verglichen wird und es damals Abnehmer für die Hitler/Obama-T-Shirts gab.

Wenn jemand laut ist, heißt das, ist er verdächtig. Denn, so weiß es eine geläufige Formulierung: Wer schreit, hat Unrecht. Wenn jemand die Massen begeistern kann, so kann er nichts Gutes im Schilde führen. Woher diese eigenartige Verkrampfung und Banalisierung kommt, weiß ich nicht, das wäre sicherlich ein spannendes Thema für Soziologen.

Mit diesem Generalverdacht gegen alles Laute und Mitreißende überlassen wir die Megafone aber samt und sonders den echten und rechten Agitatoren. Wenn wir uns nur noch in gemessener Lautstärke äußern dürfen und das Schreien denen überlassen, die es für ihre dunklen Ziele einsetzen, dann werden wir irgendwann wieder flüstern müssen, wenn wir unsere Meinung sagen wollen.

Wir Menschen haben die seltsame Eigenschaft, Dingen eine Bedeutung zuzumessen, die wir uns ausgedacht haben. Und wir haben es gerne einfach. Leise ist gut, laut ist schlecht. Um noch mal Grönemeyer zu zitieren: „Was soll das?“
Wenn wir den Blick einmal zur Seite wenden, weg von unserem ebenso überheblichen wie lächerlichen „Krone der Schöpfung“-Standpunkt, dann hören wir das leise Zirpen der Grille und das Brüllen des Löwen, das Rascheln des Windes im Herbstlaub und den Donner des sich über uns entladenden Gewitters. Wer käme auf den Gedanken, dass die Grille und der Wind im Recht sind, der Löwe und der Donner aber suspekt?

Peter Teuschel

Bild ©Peter Teuschel

9 Responses
  1. Leider muss ich Ihnen in diesem Fall widersprechen, Form und Inhalt sind generell nicht so einfach zu trennen – denke ich, weil auch die Form eine eigenständige Aussage beinhaltet (oft mehr als das gesprochene Wort). Ideologisches Gedankengut hat sich seit je lautstark Gehör verschafft, das war im 3. Reich so und ist auch in manchen „guten“ Bürgerinitiativen nicht anders. Zum Beispiel bei den Naturschützern kann man oft dieses „Kampfgeschrei“ beobachten. Ich frage mich, wer sich hiervon überzeugen lässt, es verbreitet eher Angst, als zu sinnvoll-besonnenem Tun zu motivieren. Leidenschaft schön und gut – aber: das verstehende, überzeugte Handeln ist letztendlich ausschlaggebend. Nicht selten werden die „Leidenschaftlichen“ als Stellvertreter für eigenverantwortliches Handeln vorgeschoben. Ein gutes Beispiel ist auch Greta Thunberg. Die Leidenschaft ist ihrem Alter angemessen. Wir Erwachsenen sollten besonnener vorgehen – denke ich. Man schließt sich oft und gern bedenkenlos an, um nicht selbst tätig werden zu müssen. Ein weiteres Beispiel ist Fußball. Stellvertreterhandlung par excellence – in meinen Augen. Ich sehe hier eher Gefahr in Vollzug.

    • Prinzipiell bin ich ganz bei Ihnen – aber nur prinzipiell. Im Falle von Musikern auf großen Bühnen und ganz speziell im Fall von Grönemeyer (der kann nur röhren) sehe ich es aber anders. 🙂 Und dass dem Leisen immer die Wahrheit anhängt und dem Lauten die Verführung, Bedrohung oder Lüge sehe ich auch nicht, auch wenn es in vielen Fällen stimmen mag.

  2. Rudolf Scheutz Antworten

    Greta Thunberg ist leidenschaftlich, gerade weil die Erwachsenen nicht besonnen waren: sie haben geschlafen.

    • Nein, es muss nicht ein 16-jähriges Mädchen kommen, um die Menschheit aufzuwecken. Wir sollten dieses Mädchen wieder Mädchen sein lassen, psychologisch gesehen wäre das sogar ein krasser Fehler.
      Leidenschaftliche gibts allerorten. Das wirklich kaum lösbare Problem ist: Wie überzeugen wir die Weltbevölkerung davon, nicht unserem kapitalistisch-materialistischem Weg zu folgen? Tja, kaum lösbar…

  3. Sehe ich auch so. Dem Leisen hängt bestimmt nicht automatisch die Wahrheit an! Und es darf auch das Richtige mal mit Nachdruck lautstark geäußert werden. Ich habe eher das Massenphänomen der geistigen Hypnose gemeint, wenn einem der brüllt andere bedenkenlos nachfolgen. Wir Menschen neigen offensichtlich dazu. Grönemayer ist bestimmt kein Demagoge, auf keinen Fall!

  4. „Dann liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat“ ist schon starker Tobak. Das, in Verbindung mit dem „kämpferischen“ Redestiel, hat für mich sehr starke radikale Tendenzen.

    Merke: Es gibt nicht nur rechten Terror. Auch linker Terror führt zu Gewalt. Dem Opfer ist es egal, wer die Waffe führt, die verletzt oder tötet. Wir sollten aus der Geschichte lernen und jede Art von Extremismus ablehnen.

    Gerade Grönemeyer fällt meiner Meinung nach zu regelmäßig als „bad guy“ auf. Wahrscheinlich auch ein Art von „bad publicity is better than no Publicity“. Anders kann ich mir es nicht erklären, das er zum Beispiel eine Sondersteuer für „reiche Deutsche“ fordert, sich selbst aber nach London abgesetzt hat. Für mich ist er jemand, der den Zeitgeist folgt um so maximale Aufmerksamkeit für sich selbst zu generieren und somit nicht glaubwürdig. Aber wen interessiert schon Glaubwürdigkeit?
    Gruß Tarja

  5. Rudolf Scheutz Antworten

    Tatsache ist, dass unsere Gesellschaft sehr ungerecht ist: Leistung zaehlt wenig. Dies ist mit der Demokratie unvereinbar. Da bin ich froh, dass Groenemeyer darauf hinweist – bei geaenderten Verhaeltnissen waere er ja dann auch Verlierer.

  6. Das Problem bei der Sache ist, dass das „gute“ Gebrüll (wie auch immer die positive Botschaft lauten mag) durch die Masse sehr leicht und schnell umgedeutet und in gewalttätige, extreme Handlung umgesetzt wird. Das Fußballstadion ist hier wieder ein gutes Beispiel. Was Herrn Grönemayer persönlich antreibt, weiß ich nicht. Er vertritt offensichtlich eine deutlich individualistische Position. Dabei kann man aber schnell das Ganze aus dem Auge verlieren und Revolution wollen wir doch eigentlich alle nicht, sondern vernünftige, ausgleichende Reformen. Somit gießt er Öl ins Feuer, wo´s eh schon hochbrenzlig ist.

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