Zwischen Kommunikation und Korruption (Buchbesprechung)

 

„Das (un)soziale Gehirn. Wie wir imitieren, kommunizieren und korrumpieren“ lautet der Untertitel eines Buches von Manfred Spitzer, das im Schattauer Verlag erschienen ist.

Ich habe mich ja bereits als Spitzer-Fan geoutet und so verwundert es hoffentlich niemanden, wenn ich auch dieses Buch wieder anpreisen möchte.

Regelmäßige Leser der Zeitschrift für Nervenheilkunde kennen die einzelnen Beiträge bereits, denn Spitzer veröffentlicht monatlich seine spannenden Artikel in dieser Zeitschrift. Nach Jahresfrist wird dann ein Buch daraus gemacht.

Bereits im Vorwort schreibt der Autor, dass seine Bücher nie zu Bestsellern wurden, weil sie doch nicht so ganz einfach zu lesen seien. Andererseits wird Spitzer wohl als einer der ganz wenigen Wissenschaftler überhaupt außerhalb der Fachszene gelesen und das hat seinen Grund.

Schon die immer witzigen und pointierten Überschriften der Beiträge deuten auf seine Fähigkeit hin, Wissenschaftliches verständlich und interessant aufzubereiten.
Auch schafft es Spitzer spielend, Nicht-Fachleuten die praktische Bedeutung der Studien begreiflich zu machen, auf denen seine Artikel beruhen.

Im vorliegenden Buch geht es in erster Linie um menschliches Miteinander. Die Gehirnfunktionen von Sprechern und deren Zuhörern werden „durchleuchtet“, wir erfahren etwas über die historische Bedeutung des Kiosks (!) für demokratische Strukturen und über „soziale Schmerzen“.

Der umfangreichste Artikel beschäftigt sich mit dem Phänomen Korruption. Schon mal was vom „Korruptions-Wahrnehmungs-Index“ gehört? Ich bisher noch nicht. Es handelt sich um eine Einteilung von transparency international, einen Vergleich der Korruptions-Häufigkeit in 183 Ländern. Die Skala geht dabei von 10 (gar nicht korrupt) bis 0 (sehr korrupt).
Spitzenreiter ist Neuseeland (9,5), Schlusslichter sind Stirn an Stirn Nordkorea und Somalia (1,0).
Wo steht Deutschland? Auf Rang 14 (8,0). (Nach den Zahlen von 2010, auf die sich Spitzer bezieht. Mittlerweile (2012) haben wir uns auf Rang 13 hochgearbeitet).

Dem Autor geht es vor allem darum, mit der Schuldzuweisung an andere aufzuräumen. Seine These: Wir sind alle korrupt – mehr oder weniger!

Ein weiterer Schwerpunkt des Buches liegt auf dem Thema „Digitale Demenz“. Eine von Spitzers Hauptthesen, die er in seinem gleichnamigen Buch darlegt, ist, dass der (übermäßige und zu frühe) Gebrauch digitaler Medien zur Verdummung führt und deshalb insbesondere für Kinder eine Gefahr darstellt.

Mehrere Beiträge in dem Buch beschäftigen sich mit der digitalen Demenz und sind deshalb für alle von großem Interesse, die sich ohnehin mit diesem Thema auseinandersetzen. Insbesondere diejenigen, die die Sendung bei Günter Jauch gesehen haben, werden Spitzers kritische Nachlese zu dieser Sendung („Digitale Demenz 2.0“) interessant finden.

Auch wenn man seine Thesen nicht in vollem Umfang teilt, so ist Spitzer aufgrund seiner Profession als Gehirnforscher doch einer der wichtigsten Skeptiker auf dem Gebiet der zunehmenden Digitalisierung.

Das (un)soziale Gehirn bringt – gut lesbar – Überraschendes, Profundes und Witziges: Eine neurowissenschaftliche Wundertüte!

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Das (un)soziale Gehirn

Wie wir imitieren, kommunizieren und korrumpieren
Wissen & Leben
Herausgegeben von Wulf Bertram

2013. 284 Seiten, 69 Abb., 8 Tab., kart.

ISBN: 978-3-7945-2918-6 (Print)
978-3-7945-6748-5 (eBook)

Peter Teuschel

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