Zweiklassen-Psychiatrie: Wir sind schon mittendrin

Vor einer zunehmenden Fehlentwicklung hat der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Wolfgang Maier gewarnt. Dabei ist „Warnung“ das falsche Wort. Wir sind schon mittendrin.

Ein Dilemma ist dabei die höchst unterschiedliche Bezahlung psychiatrischer und psychotherapeutischer Leistungen. Maier betonte auf einem Symposium in Berlin, dass ein niedergelassener Psychiater für die Versorgung eines Patienten pro Quartal im Schnitt 45 Euro erhält. Das ist kein Schreib- oder Druckfehler. 45 Euro für ein Vierteljahr.

Eine psychotherapeutische Behandlung wird dagegen mit ca. 90 Euro bezahlt – pro Stunde!

Während dieser Satz in Ordnung ist, spottet die Bezahlung der Psychiater jeder Beschreibung. Es wird nämlich nicht danach unterschieden, welche Diagnose zur Behandlung führt und wie schwer diese ausgeprägt ist. Gerade Patienten mit Schizophrenie, bipolaren Störungen, schweren Depressionen oder Demenz benötigen einen ausreichenden zeitlichen Rahmen. Die 45 Euro reichen aber gerade mal für einen ausführlichen Gesprächstermin und einen kurzen Folgekontakt. Will ich mich intensiver um meinen Patienten kümmern, zahle ich automatisch drauf.

Dies führt dazu, dass sich immer mehr Psychiater der für sie wesentlich besser bezahlten Psychotherapie zuwenden. Folge ist eine zunehmende Unterversorgung der wirklich schwer Kranken und eine Tendenz zu einer Zweiklassenpsychiatrie. Außerdem dürfte dies von vielen Kollegen inhaltlich sehr bedauert werden, schließlich haben sie ja die Psychiatrie als Fach gewählt, um psychiatrische Patienten zu behandeln.

Im stationären Sektor ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Die Anzahl psychiatrischer Betten ist in den letzten 20 Jahren auf etwa die Hälfte geschrumpft, während psychosomatische Kliniken zunehmend Betten aufstocken. Das Angebot folgt der Bezahlung. Psychosomatische Patienten sind lukrativer als psychiatrische.

Die Gründe für diese Fehlanreize sind in (gesundheits)politischen Entscheidungen zu suchen, die für alle diejenigen, die sich jeden Tag mit Medizin befassen, nicht mehr nachvollziehbar sind. Wie so oft klafft eine riesige Lücke zwischen politischen Entscheidungsträgern und von deren Ideen betroffenen Wählern (in diesem Fall Patienten und Ärzten).

Das folgende Schaubild zeigt einen Vergleich zwischen Fallanteilen (also wie viele Patienten behandelt werden) und Honoraranteilen (also wofür mehr Geld ausgegeben wird).

 

Hier noch der link zum Artikel von SpiegelOnline zu dieser Thematik

 

Peter Teuschel

 

15 Responses
  1. Ein disclaimer vorweg: ich bin (angehender) Psychotherapeut.
    Wie erklären Sie sich dann, dass ein niedergelassener Psychotherapeut angeblich die Hälfte an Jahreseinkommen erzielt? Im letzten September gabe es dazu eine veröffentlichte Statistik, in dieser werden Psychiater mit 128.000 € angegeben (http://www.focus.de/finanzen/news/drohender-aerztestreik-das-verdienen-die-deutschen-aerzte_aid_812834.html), Psychotherapeuten hingegen nur 60.000 € pro Jahr (leider finde ich die Tagesschaugrafik nicht mehr, hier: http://www.derwesten.de/wirtschaft/mediziner-wollen-mehr-geld-das-verdient-ihr-arzt-wirklich-id7058143.html wird das selbe mit anderen Zahlen ausgedrückt, Monatseinkommen eines PPT 2600 €)?
    Es könnte daran liegen, dass ein Psychotherapeut keine (nennenswerten) anderen Einnahmequellen als seine 50-minütigen Sitzungen hat, während ein Psychiater auch lukrativere Einheiten abrechnen kann, oder nicht? Zumindest wurde mir dies so von (in Krankenhäuser arbeitenden, also nur bedingt auskunftsfähigen) Psychiatern berichtet. Von mehreren Klienten habe ich im Übrigen schon gehört, dass Psychiater Psychotherapie rundheraus als nicht lukrativ genug ablehnen. Auch dies würde zumindest unterstreichen, dass es eben durchaus deutlich finanziell attraktivere Optionen für Psychiater gibt.
    Schlussendlich könnte man noch anführen, dass Psychotherapeuten nach dem Psychologiestudium noch 4200 Stunden auf das Erlernen ihrer psychotherapeutischen Tätigkeit verwenden, und damit deutlich mehr als Psychiater, welche PT neben anderen Dingen erlernen, insofern könnte man argumentieren, dass PPT in dem eng abgesteckten Bereich der PT die „spezialisierteren Spezialisten“ sind, was wiederum eine höhere Entlohnung (zumindest in gewissem Rahmen) rechtfertigen würde.

    • Lukrativere Einheiten? Welche sollen das sein? Bin für Anregungen immer dankbar.

      Was Sie als niedergelassener Psychiater machen, ist Quersubvention der desaströsen Kassen-Bezahlung durch Einnahmen bei Privat-Patienten. Manche Kollegen machen auch 5-Minuten-Medizin.

      Und wenn Sie die Einnahmen vergleichen, vergleichen Sie bitte auch die Kosten.
      Die unterscheiden sich nämlich ganz extrem zwischen einer psychotherapeutischen und einer psychiatrischen Praxis.

      Das Problem, um das es hier geht, ist aber die drohende Unterversorgung schwer psychisch Kranker. Diese sind nämlich bei Psychotherapeuten deutlich unterrepräsentiert. Patienten mit z.B. Schizophrenie oder Demenz können wir nur in seltenen Einzelfällen an Therapeuten vermitteln und das in einer Stadt wie München! Da fehlt es sowohl an der Bereitschaft als auch an der Kompetenz der Therapeuten.

      Dass psychologische Psychotherapeuten die „spezialisierteren Spezialisten“ sein sollen, lasse ich jetzt mal unkommentiert.

      In jedem Fall wünsche ich Ihnen einen guten Start als Therapeut!

      • Ich frag einfach nochmal: wie erklären Sie sich die vermeintlichen Einkommensunterschiede (Kosten waren in den genannten Statistiken bereits rausgerechnet)? Die genannten 130.000 € jedenfalls sind für einen PPT nicht mal theoretisch zu erreichen.
        Zu den spezialisierteren Spezialisten: ich meine dies nicht im Sinne einer generellen Überlegenheit, und ich stimme zu, dass es etwa hinsichtlich schizophrener Patienten deutlichen Verbesserungsbedarf auf Seiten der PPT gibt was die Behandlungsbereitschaft angeht. Dennoch kann man glaube ich mit Recht behaupten, dass PPT für eine etwa kognitive VT einer Angststörung umfangreicher ausgebildet und mit Approbationserlangung erfahrener sind.
        Weitere bedenkenswerte Punkte: PPT gehen mit privater Bezahlung ihrer Ausbildung ohne adäquater gleichzeitiger Verdienstmöglichkeit auch ein stück weit in Vorleistung; alternative Anstellung zur Niederlassung, die ja nun durchaus nicht für jeden erreichbar sind, sind für PPT zweifelsohne schlechter, oder wäre ein Arzt bereit für TVÖD13 zu arbeiten? Aus meinem Klinikjahr heraus zu urteilen verdienen bereits in der Facharztausbildung befindliche Ärzte mehr.

        • Ein Psychiater verdient mehr, weil er mehr Patienten versorgt. Das bedeutet, er behandelt pro Zeiteinheit deutlich mehr Patienten als der Psychotherapeut.
          Wenn das jetzt immer wieder neue Patienten wären, weil alle nach dem zweiten Termin geheilt von dannen ziehen, wäre es ein gutes Geschäft. Da dies aber in den allerwenigsten Fällen so funktioniert, behandelt der Psychiater so etwa ab dem dritten Termin umsonst. Warum? Weil für den dritten Termin des schizophrenen Patienten Herrn Maier kein Geld zur Verfügung gestellt wird. Dieses Geld (siehe obiges Schaubild) fließt nämlich in die Psychotherapie von Herrn Huber, der mit einer Anpassungsstörung auch gerade seinen dritten Termin beim Therapeuten nebenan hat.
          Am Ende dieses Tages hat Herr Huber mit seinem Therapeuten insgesamt 150 Minuten (3x 50 min) in drei Wochen gesprochen. Herr Maier mit der Schizophrenie insgesamt vielleicht 60 (3x 20 min) Minuten. Diese Zeit bekommt der Therapeut voll bezahlt. Der Psychiater behandelt so ab Gesprächsminute 30 bis 40 umsonst.
          Herr Huber kommt übrigens nächste Woche wieder zum Therapeuten. Dann sinds schon 200 Minuten, die er behandelt wird und das wird auch noch bezahlt. Wenn Herr Maier dagegen jede Woche in die Sprechstunde kommt, vielleicht weil ihn seine Stimmen plagen oder sein Wahn sich verschlechtert hat oder er suizidal ist, muss der Psychiater selbst zum Therapeuten, weil er nur noch umsonst arbeitet.
          Das ist die Zweiklassen-Psychiatrie.

          • Ich will nicht aufsässig sein, ich will es wirklich nur verstehen: wie kann ein Psychiater in einer theoretischen 40-h-Woche (und damit der selben Zeit wie ein PPT mit einem Kassensitz maximal abrechnen kann) einen Teil seiner Arbeitszeit nicht bezahlt bekommen, diese dann auch noch schlechter, und am Ende einen deutlich höheren Monatsumsatz gemacht haben? Ich verstehe es wirklich einfach nicht. Auch für Psychiater wird es ja eine Obergrenze an maximal abrechenbarer Arbeitszeit geben, oder? Die Privatpatienten allein können es nicht sein, die haben PPT ja auch.

  2. Schnappen Sie sich einen Taschenrechner und tippen Sie los: Pro Patient bekommt der Facharzt 45 Euro im Quartal. Jetzt rechnen Sie aus, wie viele Patienten er im Quartal sehen muss, um auf diese oder jene Summe zu kommen.
    Sie werden auf Folgendes kommen: Der Psychiater verdient mehr als der Psychotherapeut, weil er deutlich mehr Patienten behandelt. Und er arbeitet einen großen Zeil seiner Zeit umsonst, nämlich immer dann, wenn er keinen neuen Patienten sieht, sondern einen, der in diesem Quartal schon mehr als zwei Mal in der Praxis war.
    Heißt im Endeffekt: Dieses System führt entweder zu einer medizinisch schlechten Versorgung psychiatrisch schwer kranker Patienten (die öfter als zwei Mal im Vierteljahr einen Termin brauchen), nämlich dann, wenn sie diesen Termin nicht bekommen würden. Da dies nicht geht, führt es zu einer Benachteiligung psychiatrischer Fachärzte, die gezwungen sind, umsonst zu arbeiten, sobald sie ihre Patienten nach deren medizinischer Erfordernis behandeln.
    Besser kann ich es Ihnen nun wirklich nicht erklären.
    Damit schließe ich diese Enkommensdiskussion, die am Thema meines Artikels letztlich vorbei geht, nunmehr ab.

    • Ja, genau das ist das Thema… In Ö wollen sie auch die PsychiaterInnen nicht ausbauen, dafür werden die Hausärzte jetzt vermehrt „eingesetzt“, noch mehr (… ) darauf zu achten, ob jemand depressiv etc.. oder psychiaterbehandlungsnotwendig ist.. Das kostet Zeit. Die Krankenkassen bezahlen aber ärztliche Gespräche nicht extra – oder nur im Ausnahmefall mit genauer Begründung… Also – Hausärzte sollen mehr arbeiten – umsonst, und die Psychiater haben überfüllte Praxen und schleusen durch und durch und durch.. NUR psychiatrische Krankheiten BRAUCHEN Zeit. Wenn man von der Wahrnehmung/Empathie weggeht und nur mehr unter Zeitdruck ist, dann kann man sich den Psychiatertermin gleich sparen.. Denn .. psychisch Kranke sind sehr sensibel, was solche Wahrnehmungen betrifft… Und wenn ich jemand, dem s schlecht geht, und der Hilfe braucht, dann beim Psychiater vorkommt, dass er überflüssig ist und dem nur Zeit stiehlt.. nun.. dann ist das bei Depressiven gar nicht gut… (sprich.. sehr schlecht).

      Fakt: in dem System, wie Sie es beschreiben, bleiben die stark psychiatrisch Eingeschränkten auf der Strecke – oder Sie… 😉

      Wie krank ist ein System, dass die ZEIT eines Arztes dahingehend abgilt, WIE OFT ein Pat. im Quartal da war? Der Pat. wird bestraft, weil er schwer krank ist und folgedessen mehr Betreuung braucht. Oder der Arzt wird bestraft, weil er menschlich handelt.

      *Kopfschüttel*

      Wenn ich durch mein Mobbing-Buch reich werde, geht die erste Überweisung an SIE!!!

  3. @spyra – wenn Sie 90 Euro pro Sitzung erhalten, kommen sie bei in der Woche auf 2700 Euro bei täglich 6 Sitzungen. Bei 46 Wochen Arbeit im Jahr, da Urlaub auch sein sollte, kommen Sie auf 124.200 Euro. Dann kommen noch Private und letztlich sind sieben Patienten am Tag auch kein Problem (eigene Erfahrung). Also 130.000 Euro per anno schaffen Sie allemal. Außer man scheut es, das Arbeitspensum der Durchschnittsangestellten zu 90% selbst mal zu leisten … hihi

  4. Ich lese diese Komentare und bin nur noch wütend. Nach meiner Facharztprüfung zum Psychiater und Psychotherapeut war ich Oberarzt in einer psychiatrischen Klinik und möchte behaupten, dass ich im Laufe meiner Ausbildung viel mehr gemacht habe als nur seminare zu besuchen und meine psychotherapeutische Patienten durch einen erfahrenen Therapeuten oder Psychiater supervidieren zu lassen. Durch die Nachtdienste, wofür ich übrigens auch 25 Euro pro Nacht bekommen habe, musste ich viele Krisensituationen bewältigen und mich diagnostisch und therapeutisch immer weiterbilden. Das schon mal zur Spezialisierung. Seit Anfang 2013 habe ich meine eigene Praxis. Die psychotherapeuten behandeln in der Tat eine Anpassungsstörung nach der nächten und wenn es akut und schwierig wird oder der Pat. Suizidgedanken äußert, schicken sie die Patienten zu mir und ich muss es richten. Wenn die Patienten Bescheinigungen brauchen, werden sie ebenfalls zu mir geschickt. Ich schreibe manchmal das ganze Wochenende. Ich bekomme pro Patient und pro Quartal 40 Euro. Bei schwerwiegenden Diagnosen noch Paar Euro dazu. Ca. 580 Patienten im Quartal werden bezahlt. Bei dieser Fallzahl habe ich letztes Quartal 25500 Euro verdient. Ich habe 2 Arzthelferinnen mit jeweils einer halben Stelle. Damit habe ich monatlich mindestens 5500 Nebenkosten. Das rechnen überlasse ich Ihnen. In den letzten Monaten habe ich genug gerechnet. Letztes Jahr haben in dem Kreis, wo ich arbeite, 2 Psychiater ihren Sitz ohne Nachfolger aufgegeben und sind in die Klinik zurück. Ich habe heute nur auf diese Seite gelandet, weil ich mich informieren wollte, ob ich meinen Sitz nur als Psychotherapeut nutzen darf. Wenn die Privetpatienten nicht wären, wäre ich jetzt schon insolvent. Momentan habe ich 80000 Euro Schulden wegen dieser Praxis. Ich bekomme noch 20000 Euro von der Bank, dann ist es vorbei. Ich werde ab nächstem Quartal wie Sie sehr geehrte Frau Psychotherapeutin nur noch psychotherapeutisch arbeiten müssen und meine sichere 80 Euro pro Stunde kassieren und hoffen, dass ich so die Praxis ohne Personalkosten retten kann. 6 Jahre Medizinstudium, 5 Jahre Arbeit als Assistenzarzt, mehrere Hundert Nachtdienste und die Leitung verschiedener Akutstationen und Institutsambulanz hat sich doch wirklich geloht. Ich bin damit sehr glücklich. Noch Fragen? Alles Gute für Ihre Zukunft.

    Unspezialisierter Psychiater

    • Auch das ist leider kein Einzelfall. Es scheint, als wäre qualifizierte psychiatrische Behandlung nicht unterstützenswert. Ich halte Ihnen die Daumen, dass es mit der PT hinhaut und Sie wieder mit Freude Ihrem Beruf nachgehen können.

  5. Tja, genauso sieht es wohl aus, ich wollte eine Praxis übernehmen, aber wenn ich 1000 Scheine/Quartal machen muss, gehe ich vor die Hunde, dann doch lieber Psychotherapie und Gutachten… dabei machte mit die Psychiatrie selbst eigentlich mal richtig Spass :/

  6. Zufällig bin ich auf diese Seite geraten, da ich als niedergelassener Facharzt für Psychiatrie und
    Psychotherapie erfolglos über die Mitgliederseite der KV-Westfalen Lippe die entgültige Bezahlung (Regelleistungsvolumen pro Patient im Quartal) für das 3. Quartal 2015 erfahren wollte. Der vorläufige Fallwert pro psychiatrisch behandelten Patient wurde mit 49,09 € für Patien-
    ten jünger als 59 Jahre und 43,10 € für Patienten die älter sind von der Kassenärztl. Vereinigung
    Anfang Juli 2015 angegeben. Darüber hinaus gibt es pro Patient noch ein qualitätsgebundenes
    Zusatzvolumen pro Patient von 0,26 € für erbrachte besondere ärztliche Leistungen ( z.B. psycho-
    somatisches Gespräch, was pro 15 MIn. Gesprächsleistung mit lächerlichen 15,61 € vergütet wird.
    Obwohl wir Ärzte unsere Arbeit im 3. Quartal erbracht haben, wissen wir, wie alle Quartale zuvor
    nicht, was wir entgültig dafür vegütet bekommen. Erfahrungsgemäß wird von den oben genannten
    Fallwerten von ca. 49 bzw. 43 € noch etwas von der KV abgezogen. Warum für Patienten die älter
    als 58 Jahre sind für die gleiche ärztliche Leistung dauerhaft deutlich weniger als für jüngere Pat.
    bezahlt wird, kann nur mit Altersdiskriminierung der Kassenärztlichen Vereinigung und Ärzte-
    kammer erklärt werden. Fast alle Fachärzt erhalten für ältere Patienten weniger vergütet, ob das
    mit dem Altersdiskriminierungsgesetz vereinbar ist, wage ich zu bezweifeln. Jedes Quartal erbringe
    ich Leistungen die ich zwar abrechnen kann, aber von der KV nicht bzw. prozentual nur mit 7-10%
    vergütet bekommen. Behandele ich in einem Quartal mehr Patienten als im Jahr zuvor, werden die
    zusätzlich behandelten Patienten nicht vergütet (Fallzahlvergütung erfolgt nur maximal für die Pa-
    tientenzahl aus dem Vorjahresquartal, triff für Hausärzte u. sonstige Fachärzte auch zu)
    In der Regel versuche ich meine psychiatrischen Patienten, auch denen die z. Zt. psychisch rela-
    tiv stabil sind, im Quartal mindestens 30 MIn. Behandlungszeit einzuräumen, da ich in Kurzkon.-
    takten veränderte negative Bedingungungen und beginnende psychische Verschlechterungen
    selten erkennen könnte und nicht rechtzeitig entgegen wirken kann. Daraus resultiert, dass ich für
    viele meiner Patienten mehr Zeit als die o.g. 30 MIn. erbringe. Perfide ist im Abrechnungsystem
    auch, dass niedergelassene Ärzte (nicht ausschließlich als Psychotherapeut tätige Ärzte) pro Pat.
    immer weniger bezahlt bekommen, je mehr Patienten der Arztgruppe (hier Fachärzte f. Psychia-
    trie u. Psychotherapie) sie im Vorjahresquartal behandelt haben. Das zu verteilende Einkommen
    wird durch die Anzahl aller behandelten Patienten im Vorjahresquartal der niedergelassenen Fachärzte für Psych. u. Psychoth. im KV-Bereich geteilt, was dann die Vergütung pro Patient aus-
    macht. Also, je mehr Patientin wir in diesem Jahr unvergütet behandeln, desto weniger bekommen
    wir niedergelassenen Ärzte (alle Fachgruppen) im kommenden Jahr pro Patient bezahlt. Die Folge
    ist, immer mehr Patienten pro Arzt für die gleiche Bezahlung und immer weniger Zeit für den Pa-
    tienten. Über die Arzt-Pat.-Kontanktzeit hinaus fällt noch Zeit für unbezahltes Erstellen von Arzt-
    briefen, kollegialem Austausch mit Hausärzten, Anfordern von alten Entlassungsberichten u.
    durchlesen usw. an, was bei eine deutlich höheren Fallzahl natürlich zeitlich viel aufwendiger ist,
    als wenn man ausschließlich ca. 30-50 Psychotherapiepatienen mit jeweils mindestens 25 Sitzungen, teilweise sogar bis 100 Sitzungen (für PT-Verländerungen sind schlecht bezahlte
    Psychotherapie-Gutachten notwendig)
    Durch hartnäckige Klagen der viel besser organisierten psychologischen Psychotherapeuten
    und jahrelange Klagewege bis zur letzten Instanz wurde vor Jahre erreicht, dass psychothera-
    peutische Gesprächsleistungen mit festen Vergütungssätzen bezahlt werden müssen, z. Zt.
    pro 50 Min. genehmigter Psychotherapiebehandl. für Erwachsen (zu Glück egal ob 58 oder älter)
    mit 84.13 €. Probatorische Sitzungen vor Antrag bei der Krankenkasse, max. 5 x, werden mit 63,79 € geringer bezahlt. Darüber hinaus gibt es pro Quartal, pro Patient, eine Vergütung eines Orientierungswertes von ca. 20 €. Als ausschließlich psychotherapeutisch tätiger Arzt oder
    Diplompsychologe finden in der Regel 50-minütige Gespräche statt, so dass die Anmeldung nicht
    besetzt sein muss, der Psychotherapeut oft Zeiten angibt, in denen er telefon. erreichbar ist, was
    erhebliche Personalkosten spart. Würde ich ausschließlich psychotherapeutisch tätig sein, könnte
    ich bei gleichem Zeitaufwand ca. 30% mehr verdienen als jetzt, da ich ca. 2/3 meiner Patienten
    psychiatrisch behandele, in der Vergangenheit noch weniger Richtlinienpsychotherapien durch-
    geführt habe, aus wirtschaftlichen Gründen bei ständig sinkender Bezahlung für psychiatrische
    Leistungen aber zu Veränderung gezwungen bin.

    Abschließend möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich die Vergütung der ärzlichen und psycho-
    logischen Psychotherapeuten für nicht überhöht halte, sogar die probatorischen Sitzungen gleich
    gut vergütet sehen möchte, da sie zeitlich gleich und inhaltlich z. T. anstrengender als spätere
    Therapiesitzungen sind. Ich würde mir wünschen, dass die niedergelassenen Psychiater, u.a.
    auch durch ihre Verbände (die reden viel, machen aber nix), sich besser organisieren und so wie
    die psychologischen Psychotherapeuten eine Klage bis zur letzten Instanz vor den Sozialgerichten
    durchziehen würden. Aufgeteilt auf alle niedergelassenen Psychiater, ggf. auch in Kombination
    mit anderen nervenärztlich schlecht bezahlten Kollegen (Neurologen, FÄ für Neurologie u. Psychiatrie, Nervenärzte) wären die Klagekosten für den Einzelnen mit weniger als max. 1500 €
    überschaubar. Vorrangig geht es mir nicht mehr um eine bessere Bezahlung für mich, da ich in
    ein paar Jahren, nach Herzinfarkt in 2013 evtl. unfreiwillig eher, altesbedingt in den Ruhestand
    gehen werde, sondern um die finanzielle Anerkennung und Würdigung der zukünftig tätigen
    Psychiater und um eine menschenwürdige und nicht wie heute mangelhafte psychiatrische Ver-
    sorgung mittel-schwerkranker Patienten.
    PS, mein maximales Nettoeinkommen, auch bei 60-65 Std.-Wochen lag in der Vergangenheit
    mtl. bei unter 4400,– €, in der Regel zwischen 2500- 3500,– €. Meine Altersrentenansprüche
    werden nach Abzug meiner Krankenkassenbeiträge ca. 1500,– € betragen, nachdem unsere
    Ärzteversorung vor Jahren die Sterbetafel neu berechnet hat und Freiberufler, dazu zählen auch
    Ärzte, im Durchschnitt älter als 90 Jahre werden. Wichig:!!!
    Es ist ok, es geht mir bestimmt nicht ums „Jammern“ sondern um Information, Richtigstellung
    von den Verantwortlichen (Ärztekammer, Kassenärztlichen Vereinigungen, Krankenkassen, Lan-
    des und Bundespolitikern, Gesundheitsministerium) bewusst gestreuten Fehlmeldungen, vielleicht auch weil immer mehr an der Börse notierte Unternehmen den Gesundheitsmarkt als zukünftiges wirtschaftliche Einnahmequelle entdeckt haben.
    Würde ich noch einmal Facharzt für Psychiatrie werden. – Nein- ich hatte das Ideal als Arzt meine
    Patienten gut, zumindest zufriedenstellen, behandeln zu können-dies ist trotz häufiger unentgeld-
    lich erbrachter ärztlicher Leistung unter heutigen Abrechnungskriterien, ohne sich wirtschaftlich
    zu ruinieren, nicht mehr möglich. Die Vorgabe vom Gesundheitsministerium, KV und Ärztekammer
    lautet für uns Ärzte. Behandlung: soll ausreichen, wirtschaftlich und zweckmäßig sein (wörtlich),
    sonst droht Regress und Strafzahlung. Also noch nicht einmal befriedigende Behandlung der
    Patienten, wofür die meisten heutigen Ärzte und alle zukünftigen Anwärter eine Abiturnotenschnitt mit einer 1 vor dem Komma für ihre Medizinstudienzulassung benötigen ist für mich dann auch
    nicht mehr nachvollziehbar.

    • In diesem Zusammenhang empfehle ich Ihnen (falls Sie nicht ohnehin schon dort sind) die Seite facharzt.de, auf der diese und andere Themen weitaus umfangreicher diskutiert werden als das hier der Fall sein kann.

      Schöne Grüße aus Bayern

      Peter Teuschel

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