Wilde weiße Pferde

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Vor ein paar Tagen im Gespräch mit einem Patienten.

Typische Mobbing-Konstellation: Er scheint mir ein sehr befähigter Mitarbeiter, macht den Job schon lange, hat Erfolg. Irgendwann macht er sich unbeliebt, weil er seine eigene Meinung hat. Recht zügig wird er isoliert, ausgegrenzt, schikaniert.
Schlafstörungen, Selbstzweifel, Depression. Arbeitsunfähigkeit.

Mittlerweile ist klar, ins Unternehmen zurück führt kein Weg.
Wir besprechen die verschiedenen Aspekte seiner Erfahrung mit dem Arbeitgeber. Die Schwierigkeit, das Ganze „so stehen zu lassen“, sein Problem damit, dass „die damit durchkommen“.

Dann wird er nachdenklich. „Von einigen meiner Kollegen hätte ich gedacht, dass wir befreundet sind. Nur ein, zwei, nein, einer im besonderen, dem habe ich wirklich viel Persönliches erzählt. Und er mir ebenso. Ich dachte schon, dass er mein Freund ist. Aber genau wie alle anderen hat er sich nicht mehr bei mir gemeldet, seit ich krank geschrieben bin. Vor einigen Tagen habe ich ihn mal angemailt, ob er mir ein Rundschreiben aus der Firma weiterleiten kann, das mich  interessiert hätte. Aber er will das nicht tun, er sagt, er ist sich nicht sicher, ob er das darf. Verstehen Sie das?“

Lange sprechen wir über die Bedeutung persönlicher Beziehungen am Arbeitsplatz.

„Das ist ja nicht nur die Arbeit, das sind ja auch die Menschen dort“, sagt er.
Jetzt will keiner mehr mit ihm gesehen werden, will keiner mehr eine mail an ihn schreiben, damit nicht der eigene Absender auf einer email an den „Ausgestoßenen“ steht. Der Grund für dieses Verhalten?

Angst essen Seele auf„, schlage ich vor. Wer sich nicht gegen ihn stellt, ist auf der internen Abschussliste der nächste. Wer mit ihm kommuniziert, steht in Verdacht, ebenfalls ein „fauler Apfel“ im Korb der willfährigen Mitarbeiter zu sein.

Mein Patient zieht Parallelen zum Verhalten von Menschen in totalitären Systemen. Ich widerspreche ihm nicht.

„Eine meiner wichtigsten Fragen im Moment ist: Wie würde ich mich in so einer Situation verhalten?“ sagt er, „würde ich mich auch in Sicherheit bringen und die gute Beziehung zu meinem Kollegen verleugnen? Muss ich Verständnis dafür haben, dass man mich verrät, aus Angst, selbst ins Fadenkreuz der Mobber zu geraten?“

Auch im Treibsand der eigenen Mobbing-Erfahrung kann man sich gute Fragen, wichtige Fragen stellen.

Was hat Bestand? Wozu kann mich meine Angst treiben? Woran kann ich noch glauben?

Peter Teuschel

Bild: annaintheuk.de

4 Responses
  1. Das ist eine der traurigsten Tatsachen bei Mobbing.
    Selbst die, von denen man es nie gedacht hätte, wenden sich ab und entziehen einem jedes Menschsein. Es ist eine massiv traumatisierende Erfahrung.

    Auch ich habe sie erlebt. Meine beste Freundin, wir haben im Abstand von 1 Monate im Jahr 2000 gemeinsam in der Abt. angefangen. Sie war über Jahre meine allerbeste Vertraute. Ich wusste eines in diesem Schlangenkäfig-Firmensystem eines mit Gewissheit: Auf SIE konnte ich mich immer verlassen. Wir tauschten uns vertrauensvoll aus – über Jahre. Nie hat sie etwas weitererzählt. Ich ebenso. Was unser war, war unser. Und wir verstanden uns mit Blicken.

    Auch sie.

    Verließ mich im Laufe des Mobbinggeschehens. Fiel dem Rufmord anheim. War nicht mehr präsent. Ich versuchte noch den Kontakt zu halten. Aber nur mehr Versprechungen. Ja, ich melde mich, wenn ich Zeit habe, sagte sie.
    Sie meldete sie nie.
    Aber mit der Mittäterin der Mobberin sah ich sie oft, in der Kantine, lachend beim Kaffee.
    Es war, als würden mir 1000 Messer in mein Herz stoßen.
    Auch heute weine ich noch, wenn ich dies schreibe. Denn… selbst heute .. kann ich es nicht glauben, dass es so ist, wie es ist.
    12 Jahre wirkliche Freundschaft.

    Dahin.

    Nein, nie hätte ich DAS gedacht.

    Mein Herz blutet.

    Ja, woran, lieber Herr Dr. Teuschel, woran glauben wir noch?

    Es bleibt eben nicht mehr viel.

    Und das ist es, was Mobbing macht.

    Es zerstört Menschen, auf jeder Ebene.

    Nachhaltig.

    Und es ist so, wirklich soo unendlich traurig.

    Meine Rosemarie… sie ist immer noch in meinem Herzen. Und ich danke ihr für die Zeit, und für alle Vertrautheit, die ich haben durfte, all die Jahre. Es hat mir so gut getan. Es hat mich so sehr gehalten. Ich danke ihr, dass die WAR.

    Verstehen aber werde ich es nie. Aber ich habe ihr verziehen.
    Weil ich sie immer noch so lieb hab.

  2. ich war mehr als ein Jahr wegen Mobbing durch den Arbeitgeber und anschließend durch die Krankenkasse zu hause war. Hab mich nun einigermaßen berappelt.Gestern habe ich von der AOK ein Schreiben erhalten worin steht wielange in meinem Fall längstens Krankengeld geleistet wird. Absatz – wir weisen Sie drauf hin, dass Ihre Mitgliedschaft zum 07.12.2013 endet.

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