Was ist neutrales Aussehen?

Manche meinen ja, das Medizinstudium würde die kommenden Ärzte deswegen nur unzureichend auf ihre späteren Aufgaben vorbereiten, weil die Prüfungen über weite Strecken nach dem multiple choice Verfahren aufgebaut sind.

Weit gefehlt!

In Wahrheit ist mit die wichtigste Fähigkeit für den Mediziner, schnell und entschlossen Kreuze auf Fragebögen zu setzen.
Insofern schult gerade das Ankreuzen im Studium den Arzt perfekt für eine seiner wesentlichen Aufgaben: das Ausfüllen von Berufsunfähigkeitsversicherungsantragsformularen.

Als ich vor ein paar Tagen gerade mit zurückgekrempelten Ärmeln (das steigert die Geschwindigkeit enorm!) wieder einmal einen solchen Fragebogen in der Mangel hatte, kam ich überraschend ins Stutzen:

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Die meisten Parameter sind vertraut und bekannt. Aber was ist das da unten?

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Dieses Kriterium für Berufsunfähigkeit war mir bislang noch nicht untergekommen:

„neutrales Aussehen“

Denkt man darüber nach, so ist schon klar, worauf das abzielt. Ist beispielsweise ein Patient entstellt (nach Unfall, Tumor o.ä.) und arbeitet in einem Beruf mit Publikumsverkehr, so kann das durchaus dazu führen, dass die Berufsfähigkeit dadurch eingeschränkt ist, dass dieser Patient nur noch schwer eine Anstellung finden wird.

Trotzdem bleibe ich an so etwas hängen.

Sicherlich ist das zunächst mal eine politisch korrekte Formulierung, nachdem „normales Aussehen“ (was wohl gemeint ist) ja gar nicht geht und sofort die Frage „Was ist normal?“ nach sich ziehen würde.

Jetzt denke ich aber die ganze Zeit darüber nach, was wohl „neutrales Aussehen“ ist.
Fragt man Wikipedia, so bedeutet neutral „unparteiisch, geschlechtslos, ungeladen, ausgewogen“. Lassen wir „ungeladen“ als physikalischen Begriff mal beiseite, bleiben noch die anderen drei. „Unparteiisches Aussehen“ gibt keinen rechten Sinn, also muss es wohl  geschlechtslos oder ausgewogen sein.

Für zu vermutende Berufsunfähigkeit infolge maximal reduzierten geschlechtslosen Aussehens hier einmal zwei Beispiele aus der Praxis:

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Duke Nukem

lc

Lara Croft

Nachdem nun aber sowohl Lara Croft als auch Duke Nukem lange Jahre erfolgreich in ihrem Beruf als Videospielcharakter tätig und insofern sicher nicht berufsunfähig waren, bringt uns diese Definition auch nicht weiter.
(Nebenbei bemerkt würde ich mir wahrhaft geschlechtsloses Aussehen am ehesten als Gestaltwerdung der Idee von lann hornscheidt vorstellen.)

Nein, es bleibt als letztes das ausgewogene Aussehen als beste Definition von „neutral“.

Der Duden (duden.de) definiert das als „genau, sorgfältig abgestimmt, harmonisch; sich in einem bestimmten Gleichgewicht befindlich“.
Für ein solches Aussehen habe ich nur ein Beispiel gefunden:

 

 

smi

Sollte Ihr Aussehen nicht der hier abgebildeten neutralen Vorlage entsprechen, empfehle ich die Beantragung der Berufsunfähigkeitsrente.

 

Peter Teuschel

5 Responses
  1. Eigentlich war ich gerade fast schon im Begriff einzuschlafen, als eine Mail auf dem Smartphone aufploppte und auf einen neuen Beitrag von Ihnen hinwies…
    Nun hab ich sogar meinen neben mir schlummernden Hund wachgelacht, mich sowieso.

    Und nicht genug mit Ihren abendlichen Überlegungen! Nein, das Ganze wird noch gekrönt mit „zweigendernden Anreden“ von Lann Hornscheidt. 🙂

    The doctor at his best.

    Trotzdem gute Nacht.
    Rosalita

    PS: Leider komme ich im Augenblick nicht für die Berufsunfähigkeit in Frage, weil ich – bis auf das Gelb – der Vorlage entspreche.

  2. Guten Morgen Lieber Dr. Teuschel,
    ich denke Sie haben es einmal wieder nicht ganz richtig erkannt aber Ihre Deutung hierfür ist doch auch für die Patienten sehr Hilfreich.
    Bei dem ganzen Fragebogen handelt es sich doch hierbei auch für manche Ärztliche Gutachter nur um einen “ Ärztlichen Lottoschein “ !
    Den ja auch die Sprechstundenhilfe oder Ihre Putzfrau ausfüllen könnte und Ihren Spass daran hätte.
    Der Spaß hierbei das Scheinchen anzukreuzen muss einem ja auch genehmigt sein.
    Ich persönlich deute die Frage nach dem Aussehen, eher als die Frage nach dem Hauptgewinn für den Arzt.
    Richtiges Kreuz an richtiger Stelle: Der Patient bekommt keine BU, der Arzt dafür umso schneller sein Honorar.
    Deshalb auch meine Antwort hierzu 🙂

  3. Willkommen Peter Teuschel,

    in unserer Welt der Phrasen, Floskeln, Schlagworte und Dogmen. Neutral = Normal? Worthülsen die bei Bedarf gefüllt werden können? Ein Problem nur, wenn man hinterfragt, was es wirklich bedeutet. Zitierung:

    „… Sicherlich stellte sich derjenige eine große Aufgabe, der es unternehmen wollte, die Macht des Schlagwortes erschöpfend zu schildern. Denn es wird weniges in der Welt geben, was so suggestiv wirkt wie das Schlagwort, und dessen Wirkungen so geheimnisvoll sind. Die Hauptsache ist, dass das Schlagwort in aller Munde ist, dass es jeder bedeutungsvoll ausspricht, ohne dabei etwas zu denken, und dass es ebenso jeder bedeutungsvoll anhört, wieder ohne das geringste dabei zu denken. Es muss nur sowohl der Sprechende wie der Hörende davon überzeugt sein, dass etwas Bedeutendes gemeint ist. Gleichzeitig muss derjenige für töricht gelten, der es einmal unternimmt, nach dem Sinne des Schlagwortes zu fragen. Denn ein solcher würde die Wirkung des Schlagwortes zerstören. Er muss sie zerstören. Denn einen Sinn hat das Schlagwort natürlich. Einfach deswegen, weil jedes Wort einen Sinn hat im Munde desjenigen, der es zuerst in einem gewissen Zusammenhange gebraucht. Auf diesem Sinn aber beruht die Wirkung nicht. Sie beruht auf etwas, was mit dem Sinn nichts zu tun hat.

    Man kann ruhig behaupten: ein Wort muss erst seinen Sinn verlieren, wenn es zum Schlagworte werden soll. Denn nichts liebt die große Menge so wie die Worte; und für nichts ist sie so wenig zu haben als dafür, den Sinn der Worte zu verstehen. Die Sprachwerkzeuge der Menschen sind von einem ungeheuren Tätigkeitsdrange beseelt, die Denkwerkzeuge sind die trägsten Organe, die ein Organismus besitzt. Die Menschen wollen recht viel sagen und recht wenig denken. Deshalb soll es möglichst viele Schlagworte und Phrasen geben, bei denen man eine starre Wirkung verspürt, ohne etwas zu denken zu haben. …“

    Am Beispiel Hartz IV: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – Trotzdem kann das Existenzminimum per Gesetz gekürzt oder ganz gestrichen werden. Der Grundbaustein unserer Verfassung eine Phrase – eine nichtssagende Floskel!? Was bedeutet „Freiheit“ in einer Gesellschaft, deren Großteil von abhängiger Beschäftigung lebt? Kann jemand der abhängig ist wirklich frei sein? Ein Teil der Portion kognitiver Dissonanz, die man uns täglich einflößt. Phrasen und Floskeln als Placebo. Unhinterfragt geschluckt! Man hat sich schon daran gewöhnt.

    Weil es so schön ist – ein passendes Zitat:

    Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin,
    daß er tun kann, was er will,
    sondern daß er nicht tun muß,
    was er nicht will.

    Jean-Jacques Rousseau

    Möge sich jeder daran erinnern, wenn montags – im Stau – „I don’t like mondays …“ aus dem Autoradio schallt!

    Gruß
    Manfred

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