Vortrag „Der Ahnen-Faktor“ auf den Stuttgarter Buchwochen: Eine runde Sache mit Ecken und Kanten

Gestern, am 1.12.2015, war ich eingeladen, im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen einen Vortrag zum Thema „Der Ahnen-Faktor“ zu halten. Veranstalter war der Schattauer Verlag, in dem mein gleichnamiges Buch erschienen ist. Die Planungen für diesen Termin haben im Juni 2015 stattgefunden und als Zeitpunkt für den Vortrag wurde 18:00 festgesetzt.

Warum schreibe ich das so ausführlich?

Weil ich – warum auch immer – in meinem geistigen Terminkalender auf 19:00 eingestellt war. Was dazu führte, dass ich so gegen 17:00 im Hotel ankam und mich dort gemütlich einrichtete. Mein Plan war, um 18:15 zum „Haus der Wirtschaft“ aufzubrechen, dort in aller Ruhe die Technik installieren zu lassen, noch ein bisschen zu ratschen und dann pünktlich um 19:00 mit dem Vortrag zu beginnen.

Bei einem immer noch sehr gemütlichen Telefonat mit meiner Frau wurde ich so gegen 18:06 vom Zimmertelefon unterbrochen und die freundliche, aber etwas verwunderte Stimme des Verlagsleiters von Schattauer klärte mich darüber auf, dass man auf mich warte, denn die Veranstaltung solle doch um 18:00 beginnen.

Nachdem es mir in meiner bisherigen Tätigkeit als Vortragender, Seminarleiter oder was auch immer noch nie passiert war, mich in der Zeit geirrt zu haben, war ich einerseits ungläubig, andererseits bereit, mich der offenbar vorhandenen Macht des Faktischen zu beugen. Gegen 18:20 kam ich im Vortragssaal an.

Von meinen lieben Zuhörern war noch keiner geflohen, auch hatte sich noch kein spürbarer Unmut breitgemacht.

Als Einstieg in den Vortrag bot sich vor diesem Hintergrund ein kurzer Exkurs über „Scham und Schuld“ als Ahnen-Faktor an.

Der Vortrag selbst hat mir dann viel Spaß gemacht. Allerdings gab es etwas Tumult von Seiten der Hausherren, die offensichtlich auf preußisch genaue Auslegung gewisser Regeln pochten. So wurde, als ein Stuhl im Gang stand, mit Abbruch der Veranstaltung gedroht. Die Vermutung von Wulf Bertram, dem Geschäftsführer des Verlages, es könne sich um „Versteckte Kamera“ handeln, erwies sich leider als falsch. Während also die äußeren Rahmenbedingungen etwas turbulent waren, kam die Botschaft des Vortrags, nämlich die Bedeutung des Ahnen-Faktors, gut an. Dies zeigte sich auch an der überaus regen Beteiligung an der abschließenden Fragerunde.

Insgesamt war es ein sehr schöner, zu Beginn etwas abenteuerlicher, zwischendurch etwas wunderlicher, aber insgesamt sehr gelungener Abend.

Zur Illustration einige Fotos, für die ich mich bei Stefanie Engelfried vom Schattauer Verlag ganz herzlich bedanke.

Der Stuhl im Gang stört? Echt jetzt?

Der Stuhl im Gang stört? Echt jetzt? (mit Wulf Bertram)

 

Manchmal hilft halt nur Humor!

Manchmal hilft halt nur Humor! (mit Wulf Bertram)

Jetzt aber wieder zurück zu den Ahnen.

Jetzt aber wieder zurück zu den Ahnen.

Weitere Bilder von der Veranstaltung sind auf der Website des Verlages zu bewundern.

Peter Teuschel

 

20 Responses
  1. Das ist der menschliche Gegenwartsfaktor!!! Egal, wo in der Welt, er stiftet Verwirrung.

    Da hilft oft nur, die Hand in der Hosentasche behalten und ein empathisches Schmunzeln aufsetzen. :mrgreen:

    Das ist wie mit der Zahnpasta, der Inhalt bringt einem zum Strahlen, nicht die Verpackung. 😉

    Wenn Ihnen das an diesem Abend für viele Ihrer Zuhörer gelungen ist, wer fragt dann noch, wie spät war???

  2. Bravo, die Hetze sieht man Ihnen gar nicht an!

    Ein Angebot für die Veranstaltung am 20. Januar 2016: wir könnten Sie rechtzeitig erinnern, abholen, begleiten… Geben Sie einfach Bescheid! 🙂

      • osterhasebiene langnase Antworten

        Das ist zwar recht zeitaufwendig, Herr Teuschel, aber so mache ich das schon lange (vor allem bei wichtigen Terminen!). Was Sie oben so schön beschreiben, ist mir nämlich schon einige Male passiert! Beruhigt mich, wenn es auch mal einem Psychiater so geht. Das Innenleben ist halt manchmal mächtiger als das Außen.

  3. Lieber Peter, Kompliment für diesen schönen und charmanten Bericht. Nur einen Einwand: „…preußisch genaue Auslegung gewisser Regeln“ klingt für außerbayrische Leser viel zu euphemistisch fals Beschreibung des Verhaltens der Mitarbeiter vom Haus der Wirtschaft in Stuttgart. Aber als selber Preuße (genauer gesagt Westfale, aber das gehörte mal zu Preußen!), der lange in München gelebt hat, weiß ich, dass „preussisch“ so ungefähr die schlimmste Charakterisierung ist, die man jemand verpassen kann. So erzählt man sich die Geschichte der Viktualien-Marktfrau, die einen asiatischen Besucher, der einen ihrer Salatköpfe befingert und dann wieder weggelegt hatte, mit den Worten beschimpfte „du Saupreiss, chinesischer!“.
    Freue mich schon auf Deinen nächsten Vortrag im Hospitalhof in Stuttgart. Da geht es bestimmt anders zu!
    Herzlich, Wulf

    • Lieber Wulf,

      das genau ist die bayerische Doppelbödigkeit. Was an sich harmlos klingt, ist in Wirklichkeit eine verbale Exekution. Ich persönlich glaube ja, dass über die Jahre hinweg der „Preiß“ den „Saupreiß“ quasi implosiv kannibalisiert hat, dass also solchermaßen die ersten drei Buchstaben überflüssig geworden, die Wortbedeutung aber erhalten geblieben ist. Ein semantischer Tarnmantel sozusagen, ein Hyper-Euphemismus. Wir sagen „preußisch genau“ und meinen etwas ganz ganz Schlimmes …

      Herzliche Grüße nach Stuttgart

      Peter

      • Eena muss ja de Schuld kriegen.
        Als waschechter Berlinaa übernehme ick jern de Faantwortung, wenns denn dem allgemeinen Bajuwaren hilft. 😉
        Kann ick mir jetze noch hia blicken lassen?

      • osterhasebiene langnase Antworten

        „Genau“ und „preußisch genau“: dazwischen liegen Welten. Genau zu sein ist eine wundervolle Eigenschaft, die viel zu wenige haben, also das Gegenteil von Wischiwaschi und alles über einen Kamm scheren.

  4. Zum Preußischen ist mir so manches eingefallen. Wulf ist mir mit seinem passenden Kommentar zuvor gekommen. Aus dem Preußischen kommend habe ich einen guten Vergleich. Die Genauigkeit hat meiner Erfahrung nach etwas sehr schwäbisches. Als größtes Dorf Deutschlands bekannt, werden wohl die präzisesten Grabenkämpfe um den Gartenzaun im Selbigen „gepflegt“. Jedenfalls habe ich diese in dieser Ausprägung woanders nicht gesehen. Wo anderorts über den Diebstahl eines Apfels aus Nachbars Garten hinweg gesehen wird, wundert man sich im „Ländle“ nicht, wenn ein zermürbender Kleinkrieg ausgefochten wird. Im Einhalten öffentlicher Fußgänger-Verkehrsregeln ist diese Genauigkeit allerdings noch nicht angekommen.
    Nichtsdestotrotz hat es den Vortrag nicht gemindert. Mir hat er gut gefallen. Machen Sie doch mal in S. einen Vortrag über die Steigerung der seelischen/emotionalen Lebensqualität unter dem Aspekt Großzügigigkeit als Entwicklungsschritt. 🙂

      • Ha ha :-))
        Und mir gefällt verbale Exekution! Das trifft so oft messerscharf den Nagel auf den Kopf! Mit diesem Begriff haben Sie mir einen Stein vom Herzen herunterfallen lassen. Danke!

      • Was kann Indianer „Großer Zug“ also tun? Das Kriegsbeil schwingen? Nein. „Kleine Stirn“ hat einen folgsamen und gefügigen Stamm und eine kriegerisch-anfeindende Überangst und ist ein weisheitsferner dummer Häuptling mit ebensolchem Stamm.
        Auf in unbekanntes Terrain? Dem Mustang die Freiheit schenken und zu Fuß weiter gehen? Wo sind die entschlüsselbaren Rauchzeichen in dieser unbekannten Steppe? …

  5. Kryptisch sehr kryptisch….. aber Großzügigkeit ist natürlich ein grosser Entwicklungsschritt, wenn sie denn echt ist, das klingt und ist richtig sehr richtig !

  6. osterhasebiene langnase Antworten

    „Verbale Exekution“ – ..solange niemand persönlich angegriffen, beleidigt, bloßgestellt ect. wird, was Herr Teuschel hier vermutlich sowieso nicht dulden würde, finde ich, dass man die Dinge schon auch in aller Deutlichkeit beim Namen nennen darf. Es wird immer im Ermessen des Betrachters liegen, wann eine (persönliche) Grenze überschritten ist, ist somit also auch eine Geschmacksfrage. Nur Süßholzraspeln bringt m.E. auf Dauer auch nichts und führt vor allem nicht wirklich zum Dialog. Auch sollte m.E. nicht ein Einzelner bestimmen wie der „Ton“ zu sein hat, denn das wäre ebenfalls unterschwellige Tyrannei und würde ein vielstimmiges Konzert verhindern.
    Der „(Sau)Preiß“ ist für mich, grad wo ich aus Bayern bin, schon eindeutig ein Schimpfwort. Da könnte man synonym auch „Volltrottel“ sagen. So sind die Bayern halt.
    Einen Begriff aus der Psychologie, den ich persönlich sehr spannend finde ist „Trennungsaggression“ (Jemand will sich trennen, kann aber nicht loslassen und gibt einem anderen unbewusst die Schuld für die nicht ausgelebten Autonomie-Wünsche). Diese drückt sich z.B. in latenter Unzufriedenheit, Nörgelei, Zickigkeit, auch verweigerter Anerkennung, Ausweichen usw. aus, also gerade im nicht direkten Ansprechen dessen, was einen stört oder am Herzen liegt. Das finde ich persönlich viel unangenehmer, weil hier einem anderen die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse untergeschoben wird.
    Ja, Großzügigkeit drückt sich u.a. auch in der Toleranz der verschiedenen Formen des Selbstausdrucks aus. Man muss ja nicht mit jedem können.

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