Von allen verlassen. Und das Auto streikt auch noch.

Es ist immer wieder Thema in den Gesprächen mit meinen Patienten. Gerade heute habe ich über diesen Punkt mit vier Frauen und Männern gesprochen.

Was mache ich, wenn ich völlig allein dastehe?

Keiner dieser Menschen lebt isoliert von jeglicher Gemeinschaft. Im Gegenteil, manche sind von einer ganzen Menge an Zeitgenossen umgeben. Was heißt dann alleine Sein?

  • Keiner versteht meine Lage
  • Keiner interessiert sich für mich
  • Allen anderen scheint es gut zu gehen
  • Alle tun so, als wäre nichts
  • Keiner fragt mich, wie es mir geht
  • Die anderen diskutieren banale Themen, während mir das Wasser bis zum Hals steht
  • Ich habe mächtige Gegner, aber keine oder schwache Helfer

Das Gefühl, in einer bestimmten Situation oder Notlage alleine und auf sich selbst gestellt zu sein, ist eine der schwierigsten menschlichen Erfahrungen, es kann wie Blei auf einem liegen und jeglichen Mut rauben.

Eigenartigerweise kommt in solchen Lebenslagen oft auch noch etwas anderes hinzu: das Versagen technischer Geräte. Nach meiner Erfahrung sind es vor allem Autos, die in Notzeiten ihren Dienst quittieren. Sie springen nicht mehr an, bleiben auf der Autobahn liegen, haben einen Platten und ähnliches mehr. Manchmal handelt es sich auch um Waschmaschinen, Geschirrspüler oder andere Haushaltsgeräte. Da fällt der Strom aus, wenn man online eine wichtige Rechnung zahlen muss. Bei der Anfahrt zum Arzt, der einen krankschreiben soll, hat die Ubahn eine Panne.

Was jetzt vielleicht etwas eigenartig klingt, ist ein Mysterium, das ich mir auch nicht erklären kann. Die These, dass sich der überforderte Patient nicht um seine Maschinen kümmern konnte, bringt uns meist nicht richtig weiter und endet spätestens beim Strom und der Ubahn.

All diese zusätzlich zu der menschlichen Enttäuschung auftretenden Erfahrungen, dass mich die Geräte und Maschinen auch noch im Stich lassen, verfestigt eine Einstellung, dass sich „alles gegen mich verschworen hat“. Aus dieser Haltung resultieren eine meist irrationale Überzeugung, gegen die Widrigkeiten des Lebens keine Chance zu haben und  eine Entwicklung hin zur Verbitterung.

Wie so oft hilft hier nur eins: Distanz zu all diesen Vorfällen. Egal ob man die Einstellung hat, das sei alles Zufall, oder glaubt, die eigene negative Gestimmtheit übertrage sich in obskurer Weise auf die Technik, in jedem Fall sollte man sich nicht dazu verleiten lassen, hinter all diesen Dingen eine Verschwörung des Lebens gegen die eigene Existenz zu vermuten. Und dass die „unbeseelten Dinge“ ihre ganz eigene Bosheit entwickeln können, möchte ich auch in den Bereich der Gespenstergeschichten verweisen …

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Das Leben ist kein Gegenüber, bei dem man etwas einfordern, einklagen oder ertrotzen kann. Es schmiedet keine finsteren Pläne gegen uns.

Also: Wen nach dem letzten Freund auch noch das Auto im Stich lässt, tut gut daran, sich eines ins Bewusstsein zu rufen:

Der entscheidende Rückhalt im Leben kommt von mir selbst. Erst wenn auch noch ich mich  aufgegeben habe, bin ich am Ende. In Zeiten wie diesen sollte ich mich von allen zurückziehen, die mir nicht gut tun und den Kontakt zu Menschen (und Dingen) suchen, die mir die Stange halten, mich unterstützen oder mir Kraft geben. Das kann der Partner sein, ein Freund, der Therapeut, notfalls auch mal ein Buch oder ein Song.

„Wer ist der letzte Freund, der mir noch geblieben ist? Ich sag´s nicht gerne, aber wahrscheinlich bin ich das selbst“:

Peter Teuschel

 

5 Responses
  1. das berühmte „gesetz der serie“ kann einen wirklich umhauen…

    ps: trifft punktgenau gaaaaaaaaaaaanz viele mobbingopfer genau in der konstellation:
    Keiner versteht meine Lage
    Keiner interessiert sich für mich
    Allen anderen scheint es gut zu gehen
    Alle tun so, als wäre nichts
    Keiner fragt mich, wie es mir geht
    Die anderen diskutieren banale Themen, während mir das Wasser bis zum Hals steht
    Ich habe mächtige Gegner, aber keine oder schwache Helfer

    gut dass es IHREN blog gibt!! – denn:
    – hier wird man verstanden
    – andere interessieren sich für mich
    – den anderen scheints auch nicht immer gut zu gehen
    – manchmal fragt mich wer, wi es mir geht
    – hier ist nichts banal
    – ich hab zwar mächtige gegner – aber große und kleine helfer!

    danke!!

  2. osterhasebiene langnase Antworten

    Jaaaa, lieber Herr Dr. Teuschel, sie haben wieder mal den Nagel auf den Kopf getroffen. Genau so ist es und da hilft nur eins: Menschen meiden, die einen sowieso nicht verstehen und einem nicht gut tun, sich das im Leben suchen, was unterstützt und sich auf sich selbst verlassen. Rückzug und Sammlung und Besinnung auf die eigenen Ressourcen. Im Leben kann man nichts einfordern. Mit sich selbst aushalten lernen und sich selbst mögen lernen, dann treten auf einmal auf magische Art und Weise die „Helfer“ in Erscheinung. Dinge erledigen sich plötzlich wie von selbst. Vielleicht ist es das Nicht-Mehr-Gegen-den-Strom-Schwimmen. Im Märchen Aschenputtel sind es die Helfer-Tiere. Einsam und alleine sind zwei ganz verschiedene Stiefel.

  3. Ich denke, das ist gar kein Mysterium – es ist normal, dass technische Geräte kaputt gehen und als regelmäßige Bahnfahrerin kann ich die Zahl der „Technische Störung“-Durchsagen gar nicht mehr zählen. Aber solange sonst alles in Ordnung ist, nimmt man das eben als „So ist das eben“ hin und ärgert sich drüber, und am nächsten Tag ist das eine Anekdote, die man den Kollegen erzählt. Nur wenn ohnehin alles schlecht ist, nimmt man viel mehr Notiz von solchen Dingen und lässt sich davon stärker belasten – dann denkt man nicht dran, dass vor nem Jahr auch schonmal das Auto stehengeblieben ist.

  4. Das Gefühl, in einer bestimmten Situation oder Notlage allein und auf sich selbst gestellt zu sein, das erinnert stark an das eigene Schicksal, ein schwarzes Schaf in der eigenen Familie gewesen zu sein. Sie haben die Gefühle der Menschen, die das erlebt haben, sehr genau beschrieben! Jedes schwarze Schaf kann wahrscheinlich genau nachfühlen, was Sie so treffend beschreiben! Keines der schwarzen Schafe lebte isoliert von jeglicher Gemeinschaft. Im Gegenteil, sie waren umgeben von Geschwistern, Eltern, anderen Verwandten, Bekannten, Nachbarn und Schulfreunden und vielen anderen mehr. Obgleich sie nie wirklich Waisen oder ganz alleine waren, sah niemand ihr Leiden. Niemand hat ihre schwierige Lage gesehen. Sie aber sehen und verstehen diese Lage und schrieben ein Buch darüber, wenngleich Sie diese Menschen persönlich nicht kannten. Wie fühlten sich die schwarzen Schafe einst in ihren Familien?

    Oft hatten sie das Gefühl, niemand würde sich für sie interessieren, häufig ging es ihnen schlecht obgleich es allen anderen in der Familie und dem Bekannten- und Freundeskreis meist gut zu gehen schien. Niemand sah ihr Leiden, alle taten so, als wäre nichts. Hatten sie in einer bestimmten Situation oder Notlage, wo ihnen das Wasser bis zum Hals stand, Angst und fürchteten nicht allein damit fertig zu werden, dann diskutierten die Menschen die sie umgaben, banale Themen. Machten sie ihre Notlage oder ihre Angst ohne Hilfe zu bleiben deutlich, dann wurde ihnen meist nicht oder nur wenig geholfen. Menschen, die ihnen manchmal halfen waren meist andere Kinder, die selbst kaum Macht oder nur wenig Einfluss hatten, ihre Freunde eben, mit denen sie spielten, die ihr Leiden und ihre Notlage manchmal gesehen und verstanden haben.
    Ihre Benachteiligung ging von (viel machtvolleren) Erwachsenen aus, gegen die sie sich nur schwer, oder kaum wehren konnten. Das ist ein hartes Schicksal und viele der schwarzen Schafe fühlten sich als Kinder verlassen, einsam und angesichts ihrer schwierigen Lage auch sehr mutlos. Und dennoch ließen sie sich weder entmutigen, noch von diesem harten Schicksal unterkriegen.
    Sie haben sogar einen Therapeuten gefunden, der ihr Leiden sieht, ein Buch darüber schrieb und eine Webseite zum gegenseitigen Austausch bereitstellt. Das ist aller Achtung wert! Die schwarzen Schafe haben sich nicht aufgegeben und Menschen wie Herr Doktor Teuschel helfen ihnen, das auch heute nicht zu tun, insbesondere dann, wenn es mal wieder hart für sie wird: Ja, es ist verständlich, sich von allen verlassen und den Widrigkeiten des Lebens hilflos ausgeliefert zu fühlen. Wenn in Momenten wie diesen auch Geräte und Maschinen das schwarze Schaf im Stich lassen, dann kann sich auch das Gefühl, das alles sich gegen das schwarze Schaf verschworen hat, einstellen und entstehen.

    Wenn wir uns von allen verlassen oder den Widrigkeiten des Lebens hilflos ausgeliefert fühlen, dann kann es helfen daran zu denken und uns selbst in Gedanken zu sagen: so war es für mich als Kind, so war es oft in meinem Leben, genauso hat es sich angefühlt. Das alles habe ich immer wieder erleben und alleine durchstehen müssen. Das ist etwas, worauf ich als Mensch jedoch auch stolz sein kann, es erforderte Stärke, Mut, Beharrlichkeit und eine gewisse Intelligenz mit einem solchen harten Schicksal (schwarzes Schaf der Familie zu sein) allein fertig werden zu müssen.

    Das Leben erinnert uns immer wieder an dieses Schicksal und wie es sich einst für uns alle angefühlt hat. Herr Doktor Teuschel hätte es nicht treffender beschreiben können!

  5. osterhasebiene langnase Antworten

    Das Gefühl mit allem alleine fertig werden zu müssen, ist vielleicht sogar das Hauptcharakteristikum des schwarzen Schafes. Meine Schwester sagte mal zu mir: „Na, dann bist du ja wenigstens selbständig geworden.“ Das klingt zynisch in meinen Ohren. Mut und Kraft braucht es viel als schwarzes Schaf, auch Intelligenz. Dabei sind die „Täter“ eigentlich die wahren „Verlassenen“, sie haben sich (zunächst wehrlose) Opfer gesucht und ihr Schicksal auf sie projiziert, um so scheinbar damit fertig zu werden und um die Verlassenheitsgefühle weniger spüren zu müssen. Doch dieser „Verarbeitungsweg“ ist nur eine kurzfristige Erleichterung, denn am Ende verlassen auch die schwarzen Schafe das sinkende Schiff und die „Täter“ werden nun doppelt verlassen. Von „Verlassenen“ ist keine Hilfe zu erwarten. Ohne Stärke wird man nicht zum schwarzen Schaf gemacht, dazu bedarf es fast übermenschlicher Widerstandskraft und Überlebenswillen. Schwache Menschen taugen nicht für diese Rolle. Oft dachte ich, ich könnte anderen dadurch helfen, dass ich mich schwach/klein und wehrlos mache, so dass sie sich stark fühlen können. Das ist der falsche Weg. Es gibt nur einen einzigen Weg: Das eigene Schicksal annehmen, die Stärke und die Schwäche.

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