Tabledance und Psychotherapie

Ein Kollege, langjährig in einer bundesweit aufgestellten Organisation tätig, kann nicht mehr. Wegrationalisiert (Auflösung des Standortes) und rausgemobbt („Fensterarbeitsplatz“ ohne echte Aufgaben, keine sinnvollen Gespräche über Möglichkeiten eines würdevollen Ausscheidens etc.), gerät er in die typische Abwärtsspirale aus Verunsicherung, Angst, Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit.

Bereits vor Jahren hat er, zum Ausgleich und mit Billigung seines Dienstherrn, eine Ausbildung zum Psychotherapeuten absolviert. Stundenweise hat er Angehörige des selben Vereins, in dem auch er tätig war, therapeutisch betreut. Das hat allen geholfen: seinen Patienten, die sich von ihm, einem aus dem „eigenen Stall“, besonders gut verstanden fühlten. Und ihm selbst, weil er neben seiner täglichen ärztlichen Routine eine ebenso erfreuliche wie anregende Nebentätigkeit hatte.

Jetzt, mit all den Symptomen, die man zusammengefasst als Burnout bezeichnet, geht nicht mehr viel. Aus gesundheitlichen Gründen wird er in den vorzeitigen Ruhestand befördert. Das hätte es auch ohne Erkrankung gegeben, wenn man sich rechtzeitig und in aller Fairness von ihm getrennt hätte. Aber wie so oft in großen Organisationen wartet man einfach ab, bis der Mitarbeiter zusammenbricht.

Jetzt kam die Angelegenheit vor Gericht. Es ging um die Genehmigung, stundenweise noch Psychotherapie durchführen zu dürfen, auch im Zustand der Dienstunfähigkeit. Inhaltlich an sich keine große Sache, zu so ein paar Stunden PT pro Woche reicht die Kraft noch immer. Und um aus dem tiefen Tal der Depression wieder aufzutauchen, ist eine geregelte Tätigkeit, die darüber hinaus ein positives Feedback durch die Patienten sowie eine Selbstbetätigung darstellt, ja immer empfehlenswert. Aber der Arbeitgeber hat was dagegen, warum auch immer.

Also bescheinige ich das in einem ausführlichen Attest. Konzentration, Antrieb, Durchhaltevermögen, all das reicht nicht mehr aus, um den normalen Dienstbetrieb absolvieren zu können, aber es reicht, um psychotherapeutisch einige Stunden in der Woche zu arbeiten.

Jetzt kam die ernüchternde Rückmeldung: Der Richter habe das Attest ignoriert. Statt dessen habe er einige Fälle zitiert, in denen eine Nebentätigkeit im Krankheitsfall gerichtlich abgelehnt wurde und an denen er sich orientiert.

Der Höhepunkt dieser Vergleichsfälle: Eine Polizistin, die während ihrer Krankschreibung mit Tabledance ihr Geld verdient hatte. Das durfte die auch nicht, hatte ein Gericht entschieden.

Klar, wenn die das nicht durfte, dann darf der Kollege auch keine Psychotherapie durchführen. Ist ja auch das Gleiche, also so irgendwie jedenfalls.

 

VERBOTEN bei Krankschreibung: Tabledance (Foto: dpa)

Achtung Polizistinnen: während Krankschreibung bitte nicht als Tänzerin arbeiten!
(Foto: dpa)

 

Ärzte: Bei Dienstunfähgigkeit bitte nicht als Therapeuten arbeiten! (Foto: © Adam Gregor - Fotolia.com)

Achtung Ärzte: Bei Dienstunfähigkeit bitte nicht als Therapeuten arbeiten!
(Foto: © Adam Gregor – Fotolia.com)

 

Peter Teuschel

10 Responses
  1. Also, wenn’s nicht so traurig wäre, könnte der Vergleich lustig sein.

    Bzgl. nicht gelesener Gutachten – da erinnere mich an den Fall Mollath – da hatte doch auch ein Richter einfach keine Zeit ein Gutachten zu lesen. Das macht schon Angst solch oberflächlichen Juristen selbst einmal begegnen zu müssen. 🙁

  2. „Also, wenn’s nicht so traurig wäre, könnte der Vergleich lustig sein.“ Dito. Im weitesten Sinne könnte man wohl beides irgendwie als Dienstleistung auffassen. Also warum nicht Äpfel und Käse vergleichen? :ugly:

    Auch auf die Gefahr hin, mich hier auf dünnes Eis zu begeben, weil Laiin: Dieser Fall ist traurig, auf die Art aus dem Berufsleben gedrängt zu werden, tut mir sehr leid für den Mann. Dass ihm die gelegentliche Arbeit aus dem Burnout helfen könnte, klingt für mich ebenfalls sehr schlüssig. Was mir allerdings etwas Bauchschmerzen bereitet, ist die Tätigkeit, die ausgeübt werden soll. Psychotherapie ist doch eine sehr sensible Angelegenheit, und ich persönlich würde denke ich ungern von einem depressiven Therapeuten behandelt werde. Denn ein Therapeut ist ja keine Maschine, sein eigenes Empfinden spielt doch sicher auch eine Rolle bei der Ausführung. Und das Denken ist nunmal ein anderes mit Depressionen. Ist es möglich, dass das in der Therapie völlig in den Hintergrund tritt? Ist es nicht (in Ermangelung eines besseren Wortes) „riskant“, einem Menschen zu psychischer Gesundheit verhelfen zu wollen, wenn die Eigene nicht vorhanden ist?

      • Hm.. ich glaube, es gäbe kaum mehr Therapeuten, wenn diese nicht auch mal depressiv sein dürften… *lächel*.
        Sehr oft es ist überhaupt so, dass Menschen den Beruf Psychologe, Therapeut etc. wählen, gerade WENN sie psych. Schwierigkeiten haben oder hatten, oder leidvolle Erfahrungen. Ich halte das für sehr gut, da ich glaube, dass Menschen mit viel Lebenserfahrung (oder auch Leidenserfahrung) sich wesentlich besser in andere einfühlen können. Und diese zu reflektieren bzw. zu verarbeiten lernen Menschen ja in diesen Ausbildungen.
        Unser sehr bekannter Psychiater in Graz, der wirklich einer der respektvollsten zu den Patienten war, ist vor einigen Jahren gestorben. Offiziell: Herzinfarkt. Aber die Wahrheit ist, dass er sich in seiner Praxis erhängt hat. Was natürlich für die Patienten, die dies erfahren haben, schon sehr belastend war… Aber..
        GERADE unter Ärzten sind Suchterkrankungen sehr häufig, ebenso wie Suizide. „Interessanterweise“ sind Frauen- und Männersuizidraten unter Ärzten ca. 50:50 (im Gegensatz zur „Normalbevölkerung“, wo 75 % der Suizide männlich sind).
        Soweit ich weiß, sind die Suizidraten unter Ärzten bei Zahnärzten am höchsten, gefolgt von Psychiatern…

        Ich selbst kann nur sagen, dass ich über 20 Jahre in Ordinationen gearbeitet habe, davon ca. 5 Jahre beim Psychiater/Neurologen, und nach 5 Jahren von all diesem Patientenleid… tagtäglich – da muss man innerlich schon SEHR gut gestärkt sein, dass das „an einem vorbeigeht“…
        Und das Blöde ist: Wenns WIRKLICH vorbeigeht, ist man kein guter Arzt mehr.
        Wenn man sich aber zuviel einlässt, auch nicht mehr… Denn mitleiden kanns auf Dauer auch nicht sein…

        Es ist ein täglicher „Kampf“ um das richtige Maß der Abgrenzung, bzw. des Mitgefühls…

        Nein, sicherlich nicht einfach.

        Und wohl jeder Mensch hat ein Recht auf Depressionen gg

        Herzlich
        Eva

  3. In einer Selbsthilfegruppe helfen sich Betroffene gegenseitig, oft mit gutem Erfolg.
    Warum sollte also ein Therapeut nicht von der gleichen Krankheit betroffen sein dürfen, wie sein Patient? Ich denke, von der Krankheit selber betroffen zu sein, schließt nicht aus für andere gute und hilfreiche Arbeit leisten zu können.

  4. Warum nicht, ich sehe keinen Grund! Depressives Denken ist ja nicht böse, noch ist es gefährlich für andere.
    Wahrscheinlich wäre mir jemand suspekt, der die Krankheit nur aus wissenschaftlichen Büchern kennt. Mir wäre so ein Teilzeitpsychologe, wie oben beschrieben, gar nicht unheimlich. Ganz im Gegenteil.
    Der Vergleich von Ruth Gramit mit der Selbsthilfegruppe ist passend .

  5. Oh, da habe ich ja was angestoßen.
    Selbstverständlich ist depressives Denken nicht „böse“. Mein Punkt ist eher: Wenn der Therapeut so depressiv ist, dass er nicht mehr nur für sich, sondern auch für Andere schwarz sieht (und das ist eben genau meine Frage – ob es nicht einen Punkt geben kann, wo das bei aller Professionalität trotzdem eintritt), wird er mir als Patient _womöglich_, ob bewusst oder nicht, den Eindruck vermitteln, meine Prognose sei nicht gut. Er wird _womöglich_ manche Optionen, die eigentlich realistisch wären, ausschließen, und mir damit potentiell hilfreiche Behandlungsmöglichkeiten unabsichtlich verwehren.
    Wie gesagt, das ist nur ein Gedankenspiel, von dem ich, weil ich nie in der Rolle des Therapeuten war, nicht zu sagen vermag, wie realistisch es ist. Und das ist meine Frage.

    Den Vergleich mit der Selbsthilfegruppe finde ich gerade nicht stimmig. Denn dort begegnen sich die Betroffenen auf Augenhöhe, und es geht um Erfahrungsaustausch. In der Psychotherapie gibt es ein „Machtgefälle“ (was sich auch treffend in der therapeutischen Couch niedergeschlagen hat – ich weiß, dass das nicht mehr allzu üblich ist). Ich mache mich vor dem Behandler (im übertragenen Sinne) „obenrum frei“, damit er mich untersuchen kann. Er behält seine Kleidung aber bitteschön an, sonst sind wir schnell auf Augenhöhe und im sexuellen Bereich.
    (Um das klarzustellen: Ich erwarte von keinem Therapeuten „reine“ Professionalität im Sinne von einer Maschinenartigkeit. Natürlich ist es gerade im Psychotherapiebereich absolut hilfreich, wenn der Therapeut nicht nur intellektuell, sondern auch emotional nachvollziehen kann, wovon der Patient spricht. Aber ich halte es für _möglich_, dass in einem solchen Fall wie dem oben Beschriebenen das (akut „krankhafte“) emotionale Empfinden die rationale Betrachtung verdeckt, überlagert. Was in einer Selbsthilfegruppe komplett in Ordnung ist. Nicht aber in einem Abhängigkeitsverhältnis wie in der Psychotherapie (und damit meine ich nicht eine übersteigerte Fixierung des Patienten auf den Therapeuten als „dem Einzigen, der ihn wirklich versteht“ o. Ä.).)

    Aber darüber kann ich herumrätseln, wie ich will, es ist, als wollte ich beurteilen, ab welcher Länge Fingernägel für einen Gitarristen hinderlich sind. Ich bin keiner, ich weiß es nicht. Punkt.

    Und darum würde mich die Sicht eines Therapeuten dazu interessieren.

    • Es kommt sicherlich auf das Ausmaß der Depression an. Beim Vorliegen einer schweren Depression besteht in den meisten Fällen Arbeitsunfähigkeit, meist durch erhebliche Konzentrationsstörungen, eine Hemmung des Antriebs, eine tiefe Niedergeschlagenheit und eine Einengung des Denkens auf belastende und negative Inhalte. Leidet jemand an einer solchen Symptomatik, kann er nicht arbeiten, weder als Kellner noch als Sekretärin noch als Therapeut. Den von Ihnen beschriebenen Punkt, ab dem „nichts mehr geht“, gibt es sicherlich auch für Therapeuten.

      Andererseits sind gerade eigene Erfahrungen mit psychischen Krisen eine wertvolle Selbsterfahrung, die die Qualität der eigenen therapeutischen Arbeit durchaus steigern kann.
      Man darf auch nicht vergessen, dass Therapeuten in ihrer Ausbildung jede Menge Supervision erhalten. Gerade das Trennen eigener Themen von den Problemen des Patienten nimmt einen großen Raum ein.
      Ein weiterer Vorteil ist auch die Möglichkeit, sich diese Supervision auch nach Beendigung der Ausbildung immer dann zu „gönnen“, wenn man entweder eigene Themen hat, die einem im Kopf umgehen und einen von der Arbeit ablenken oder wenn man bei einem bestimmten Patienten nicht recht weiterkommt.

      Also : ein Therapeut mit eigener (Lebens)erfahrung, meinetwegen auch mit durchgemachten Depressionen, kann durchaus hilfreiche Therapien durchführen, wenn er

      a) nicht akut und schwer selbst erkrankt ist und
      b) selbstkritisch genug ist, sich Supervision zu holen, wenn es haken sollte.

      In meiner Praxis kenne ich Psychotherapeuten als Patienten in allen Abstufungen von schwer depressiv und arbeitsunfähig über „angeschlagen“ und vermindert belastbar bis hin zu „war mal depressiv und ist jetzt wieder fit“.

      • Danke für Ihre Ausführungen.
        „ein Therapeut mit eigener (Lebens)erfahrung, meinetwegen auch mit durchgemachten Depressionen, kann durchaus hilfreiche Therapien durchführen, wenn er

        a) nicht akut und schwer selbst erkrankt ist und
        b) selbstkritisch genug ist, sich Supervision zu holen, wenn es haken sollte.“
        Das war mein Punkt, letztlich.
        Und natürlich sollte man wohl voraussetzen können, dass ein Therapeut sich selbst auch hinterfragt und (ggf. mit Hilfe von außen) richtig einschätzt. Das habe ich wohl etwas außer Acht gelassen (oder hatte nur die „schwarzen Schafe“ im Blick, die es mit der Selbstreflexion nicht so haben).

  6. Schwarze Schafe gibt es überall, aber hier sind sie besonders heimtückisch und hinterhältig, du brauchst lange bis du so einen unreflektierten, spielenden Therapeuten mit Beamtenmentalität durchschaust und es schmerzt sehr wenn die Erkenntnis wächst, dass du Objekt bist, unverstanden , ungehört und irgendwie wissenschaftlich abgehandelt. Das genügt nie und nimmer !Gerade wenn man unbedarft ist und sich in einem “Abhängigkeitsverhältnis” ( Zitat EGO ) wieder findet, sollte man schreien: “ Stopp it or I`ll bury me alive”
    Ich finde ,@ Ego, wenn man sich nicht auf Augenhöhe fühlt mit dem Therapeuten sollte man eine Therapie gar nicht erst beginnen.
    Deswegen, glaube ich, ist Erfahrung, auch Erfahrung an der eigenen Seele, oder eben einfach Empathie nicht zu ersetzen.Auch und geradenfür den ambitionierten Therapeuten.
    “ Der Genius eines Mannes ( Menschen ) befindet sich da wo seine größte Wunde ist “ ( R., Bley/Eisenhans)
    Im Übrigen ist das Wort und der Begriff “Abhängigkeitsverhältnis” für mich immer negativ konnotiert, zumindest wenn es um Beziehungen zwischen Erwachsenen geht und was anderes sollte ja auch eine therapeutische Beziehung nicht sein. Und was bitte soll dieser Halbsatz bedeuten, @ego:…” sonst sind wir schnell auf Augenhöhe und im sexuellen Bereich” Das versteh` ich ja nun gar nicht, das klingt schon sehr sehr nach Freud,aber was soll das bedeuten ?
    Ich möchte Ihnen nicht zu Nahe treten, @ego, aber diesen Zusammenhang begreife ich auch nach längerem Nachdenken nicht, vielleicht bin ich engstirnig aber vielleicht können sie mir auch auf die Sprünge helfen.

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