Serotonin und die Blut-Hirn-Schranke

Spiegel Online brachte gestern einen Bericht über unsinnige Speicheltests zur Überprüfung der Hormonsituation.

Aber nicht nur Speicheltests sind (bei unkritischer Anwendung) ein „Paradies für Quacksalber“, wie SPON es nennt.

Auch im Bereich der Bluttests tummeln sich so einige wenig aussagekräftige Bestimmungen, die dem Patienten immer wieder von manchen Ärzten oder Heilpraktikern angeboten und nahegelegt werden.
In der psychiatrischen Praxis taucht in diesem Zusammenhang wohl am häufigsten die Frage auf, ob der gerade eben (auf Kosten des Patienten) im Blut festgestellte erniedrigte Serotonin-Spiegel nicht ein Hinweis auf eine Depression sein könnte und ob da nicht entsprechende diätetische Präparate helfen würden.

Natürlich helfen sie. Aber nur dem, der sie verkauft.

Dass eine der wichtigsten Wirkprinzipien der Antidepressiva auf einer Erhöhung des Serotoninspiegels im synaptischen Spalt (das ist der Raum zwischen den Zellen des Gehirns) beruht, ist vielen Menschen bekannt. Weniger bekannt ist aber, dass das im Blut vorhandene Serotonin und sein Pendant im Gehirn in keinerlei Beziehung zueinander stehen. Schuld daran ist die so genannte Blut-Hirn-Schranke. Sie verhindert, dass es zum Austausch von im Blut vorhandenen Stoffen mit dem Hirnstoffwechsel kommt. Alles im Gehirn vorhandene Serotonin wird auch dort gebildet.

Schnappschuss aus dem Gehirn: Serotonin im synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen

Schnappschuss aus dem Gehirn: Serotonin im synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen

Der Blutspiegel sagt also rein gar nichts über die Serotoninkonzentration im Gehirn aus.

Auch auf diätetischem Wege lässt sich nicht wirklich viel für eine Erhöhung des antidepressiv wirksamen Hirn-Serotonins unternehmen.

Deshalb ist weder die Diagnose noch die Behandlung einer krankheitswertigen depressiven Störung auf diesem Wege möglich.

 

Peter Teuschel

Bild: © Sebastian Kaulitzki – Fotolia.com

5 Responses
    • Im Hinblick auf das Thema Depression nicht wirklich …
      Das im Fisch enthaltene Tryptophan ist dort in viel zu niedriger Konzentration enthalten und seine Verstoffwechslung im Gehirn zu Serotonin zu unberechenbar, als dass man daraus die Empfehlung ableiten könnte, dass viel Fisch Depressionen vorbeugt. Vor allem aber kann man eine bereits aufgetretene Depression nicht mit einer Fisch-Diät bekämpfen.

      • Hallo, es geht bei Fisch nicht um Tryptophan, sondern um Omega 3 und hier gibt es eindeutige Zusammenhänge (siehe Literaturliste des Papiers auf der verlinkten Seite) http://dr-bieger.de/omega-3-fettsaeuren. Während sich Tryptophan mit diversen anderen Aminosäuren einen Transporter an der BHS teilt und man recht hohe Dosen und besondere Einnahmeumstände (am besten nüchtern vorm Sport) benötigt, passiert 5-Hydroxytryptophan, die direkte Vorstufe von Serotonin recht problemlos die BHS und beeinflusst den Serotoninspiegel (Birdsall 1998: 5-Hydroxytryptophan: A Clinically-Effective Serotonin Precursor). Vor dem Aufkommen der neueren Antidepressiva (SSRIs & co), wurden solche Neurotransmitter-Vorstufen meines Wissens nach in der Psychiatrie verwendet und erst abgelöst, als eine versuchte Charge von Tryptophan aus Japan einige Todesfälle hervorrief. Danach verkauften sich die SSRIs wie geschnitten Brot. Ein Schelm, wer böses dabei denkt, denn weder Tryptophan noch 5-HTP sind patentierbare Substanzen, ganz im Gegensatz zu denen, die sie ablösten.

  1. Ich halte persönlich diese ganzen Spinnereien, die so auf dem Medomarkt angeboten werden für genau das: Spinnereien.

    Pillchen hier, Wässerchen da, bisschen Homöopathisches Gesundbetzeug und natürlich: Diagnosen über Diagnosen.

    Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen, persönlich halte ich viele Angehörige ihrer Zunft für Menschen mit Problemen, die deshalb Psychologie/Psychiatrie studiert haben, um ihre eigenen Macken kurieren zu können 😉

    Mir sind davon zuviele begegnet.

    Wir sind überdiagnostiziert aber dadurch nicht gesünder geworden. Wir lauschen ängstlich darauf, ob der Herzschlag auch genau so ist und rennen wegen jedem WehWehchen direkt zum Arzt. Wenn man mal ein Tief hat, ist man depressiv und bekommt Antidepressiva. Wenn man etwas unangepasster ist, bekommt man ebenso eine Diagnose verpasst und dann auch gleich die entsprechenden Medikamente dazu.

    Ich spreche hier ausdrücklich nicht von denen, die *wirklich* krank sind. Sondern von denen, die durch dieses Schubladendenken und die Überdiagnostizierung krank gemacht werden. Denen man einredet, dass man „seltsam“ ist und man sich doch mal behandeln lassen sollte.

    Dabei gibts sowas wie den menschlichen Mainstream nicht. wir sind 8 Mrd. Menschen auf der Welt – mit 8 Mrd. Charakteren und jeder einzelne ist eher wie eine Schneeflocke. Wie soll man da feststellen, was „normal“ ist?

    Solange der Mensch keinem was tut, nicht gefährlich ist und selbst offensichtlich zufrieden, muss man ihm doch nicht einreden, dass er krank ist, weil er „Dinge tut, die sonst keiner tut“.

    Menschen passen in keine Schublade und nicht jeder Husten braucht eine Diagnose.

    Wäre schön, dass mal umzusetzen.

  2. heute entdeckt! dass wusste ich nicht!
    ich wusste nur, dass das hirn die stoffe der medika selbst umwandelt in das, was es braucht 😉
    bzw. dass die zugeführte dosis NICHT GLEICH dem ist, was IM HIRN ist ggg
    danke für die super gute erklärung!
    eva

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