Schwuler werden

Manchmal zuckt es ganz spontan in den Fingern, zu einem Thema etwas zu bloggen. Aber nicht zu jedem Thema kann/ soll/ muss ich meinen Senf dazugeben. Das dachte ich zuerst auch, als ich Ulf Poschardts Text in der WELT las:

Unser Ehrgeiz sollte geweckt sein. Die Verteilung globalen Wohlstands wird von den USA künftig aggressiv zu ihren Gunsten entschieden werden – wenn wir uns nicht wehren und besser, mutiger, fleißiger, innovativer, freier, offener, schwuler, multikultureller werden. It‘s the economy, stupids.

Natürlich bin auch ich am „schwuler“ hängengeblieben. Eine Irritation beim Lesen, ein Stolperstein. Dann habe ich kurz darüber nachgedacht, fand es herzerfrischend, musste lächeln und weiter ging´s mit der Lektüre anderer Dinge.

Dann bin ich ein zweites Mal darauf gestoßen, als der Text geändert wurde. Aus „schwuler“ wurde „kreativer“. Ein Shitstorm gegen Poschardt soll der Grund gewesen sein, so hieß es. Nach dieser Korrektur kamen dann negative/ enttäuschte Kommentare aus mehreren Richtungen, z.B. auf taz.de und queer.de.

Da wollte ich dann doch was schreiben, hatte aber noch keine Zeit dafür.

Mittlerweile gibt es ja die nächste Wendung. Jetzt heißt es wieder „schwuler“, aber es wurde auch „lesbischer“ ergänzt:

„… wenn wir uns nicht wehren und besser, mutiger, fleißiger, innovativer, freier, offener, schwuler, lesbischer, multikultureller werden. It‘s the economy, stupids.

Und jetzt schreibe ich was dazu.

Die Kritiker, die Ulf Poschardt seine erste Version vorgeworfen haben, kann ich nicht verstehen. Poschardt schreibt nicht, wir sollten alle schwul werden, sondern schwuler. Da sollte doch eigentlich jedem auffallen, dass da was nicht stimmen kann. Schwul, schwuler, am schwulsten? Geht ja wohl nicht. Entweder schwul oder nicht schwul. Also muss Poschardt mit seinem Kunstwort „schwuler“ ja etwas anderes gemeint haben. Was könnte das sein? In der zweiten Version wurde „schwuler“ durch „kreativer“ ersetzt, aber das trifft es in meinen Augen nicht.

Also: Was ist „schwuler“?

Die Kreativität ist vielleicht eine Eigenschaft, die man mit diesem Wort verbinden kann, aber ich habe meine ganz eigenen Assoziationen dazu.
Schwule Männer sind in aller Regel angenehme Männer. Sie sind gepflegt, zivilisiert, gefühlvoll, empathisch. Ja, ich weiß, es gibt auch andere, aber das verbinde ich persönlich mit „schwul“. Im Gespräch mit einem schwulen Mann fehlt fast immer dieses anstrengend Rivalisierende, Kräftemessende. Gespräche mit schwulen Männern sind weich und die Atmosphäre ist nicht trennend, sondern verbindend.
Wenn ich mir also überlege, was ich mit „schwul“ assoziiere und dann weiß, dass Poschardt seine Zeilen als Reaktion auf Donald Trump geschrieben hat, schließt sich für mich der Kreis. All das, was ich mit Trump verbinde, das lächerlich Gockelhafte, das unerträglich Sexistische, das Dominieren- und Herrschen-Müssen, all das schreit ja nach einer gegenteiligen Einstellung, nach einer bewusst un-trumpischen Attitüde, das schreit nach „schwuler sein“.

In meinen Augen hat Ulf Poschardt einen Geistesblitz gehabt. „Schwuler werden“ heißt anders sein als Trump. Eine bewusste Abkehr von diesem Zerrbild des Männlichen. „Schwuler sein“ bedeutet für mich „männlicher sein“.

Dass er seinen Text  geändert hat, ist für mich ein Zeichen, dass Poschardt die Deutschen in dieser Hinsicht überschätzt hat und – natürlich – einen Tribut zahlen musste an den Willen und die Ängste seiner Verleger. Dass jetzt neben dem ursprünglichen „schwuler“ auch „lesbischer“ steht, erlebe ich als political correctness. Das finde ich schade.

Denn so läuft es bei uns; „Wir müssen schwuler werden“ ruft alle auf den Plan. Die „echten Männer“, die entrüstet reagieren, weil sie doch nicht schwul sein wollen, die Frauen, die sich grämen, weil etwas im Text „nur männlich“ formuliert ist. Sie alle reagieren persönlich gekränkt, gereizt und übersehen, dass „schwuler werden“ ein lyrischer, ein poetischer Begriff ist, der eine bestimmte Geisteshaltung beinhaltet.

Ich glaube, dass Ulf Poschardt Recht hat. Als Reaktion auf Trump sollten wir alle schwuler werden.

Für mich hat sich Poschardt mit seinem Text als Poet positioniert. Seine weiteren Reaktionen waren  dann dominiert von allen möglichen Rücksichtnahmen. Nicht sehr heldenhaft. Mich stört das nicht.
Wir brauchen ohnehin mehr Poeten und weniger Helden.

Herrscht ein ganz Großer,
so weiß das Volk kaum, daß er da ist.
Mindere werden geliebt und gelobt,
noch Mindere werden gefürchtet,
noch Mindere werden verachtet.
Wie überlegt muß man sein in seinen Worten!
Die Werke sind vollbracht, die Geschäfte gehen ihren Lauf,
und die Leute denken alle:
»Wir sind frei. «

(Laotse)

Peter Teuschel

 

11 Responses
  1. osterhasebiene langnase Antworten

    Gefällt mir sehr gut, der Text, Herr Dr. Teuschel! Ich bin vollkommen Ihrer Meinung. „Schwuler“ ist genial und aus dem Bauch raus getroffen. Ich verstehe nicht, was die Leute immer für Probleme mit der Sprache haben. Schade, dass der Autor das korrigieren musste. Ein wenig mehr Schwul-Sein, weniger Konkurrenz und Aggression, mehr Verbundenheit könnte auch generell nicht schaden, auch wenn man das Wort nicht auf Trump bezieht sondern wörtlich nimmt.

  2. Crumpelstilzchen Antworten

    Ich freue mich immer auf Ihre Artikel, Herr Dr. Teuschel, aber ueber diesen habe ich mich besonders gefreut. Auch ich verbinde „Schwul-sein“ mit den in Ihrem Artikel genannten Eigenschaften. Ich fuehle mich in der Gesellschaft meiner schwulen Freunde immer unsaeglich wohl und geborgen, teilweise sicher auch weil ich mich als Frau nicht mit diesem ewigen „Drang zur Maennlichkeit“ auseinandersetzen muss, sondern einfach gute, empathische Begleiter finde, die aber dennoch anders sind als Freundinnen……eine zusaetzliche Bereicherung in meinem Leben. Ich denke, dass ein bisschen schwuler sein viele Situationen verhindern koennte, die nicht nur manche Maenner sondern die ganze Welt kaputt machen. Es ist schade, dass die, die ueber dieses Wort gestolpert sind, sich den Stein des Anstosses nicht von Ihrer Seite angesehen haben, sondern, wie ich glaube, einfach nur auf ein Wort reagiert haben ohne das gesamte Bild zu sehen und zu durchdenken. Vielleicht haetten sie ein bisschen schwuler damit umgehen sollen. 🙂

  3. „schwuler“, das heißt für mich nicht nur kreativ sondern frei und selbstverständlich zu mir stehen, weniger abhängig von dem, was die anderen denken. Vielleicht war dieser Aspekt auch gemeint im ursprünglichen Artikel.

  4. Lieber Herr Dr. Teuschel, Sie haben in Ihrem Kommentar alles gesagt, besser geht nicht. Ich möchte dennoch eine Anmerkung machen: Mich stört es selber auch, wenn andere einen oder andere glauben in die Schranken weisen zu müssen und glauben sagen zu müssen, daß man sich an die Norm zu halten hat. Erstens, wer gibt die Norm vor, was ist die angebliche Norm? Solange man bei seinem täglichen Tun,Handeln und Reden die anderen nicht verletzt oder deren Grenzen überschreitet, soll sich jeder in seinem Rahmen bewegen dürfen. (Wie war das noch einmal mit den „Bunten Schafen“?)
    Und was ist mit denjenigen, die aufgrund einer Behinderung z.B. sich anders als die anderen bewegen, müssen wir uns dann berufen fühlen selbige mit Mißachtung zu strafen? Siehe gestern Abend im „Nachtcafé“ , „Jenseits der Norm“…..
    Und was den elected President of the USA angeht, sollten wir erst recht, soweit möglich, auf die Barrikaden gehen und uns das Wort nicht verbieten lassen. Was bildet sich der Kerl denn ein, wie er glaubt z.B. mit der Presse umgehen zu können? Er bestimmt wer reden darf und was gesagt werden darf?! Alles andere sind in seinen Augen Fake- News. Justina

  5. Meinungsfreiheit FIRST

    All jene die einen eloquenten Journalisten mit einem Shitstorm überziehen, weil er ein Wort benutzt, das doppeltdeutig verstehbar ist, sie diese Doppeldeutigkeit jedoch nicht erkennen, benehmen sich meiner Meinung nach nicht anderes als Herr Trump selbst, der Journalisten das Wort verbietet, weil sie schreiben, was im nicht passt.

  6. Genau, alle Schwulen sind ja bekanntlich charakterlich gleich. /ironie

    Positive Diskriminierung kann auch negativ diskriminierend sein..

    • Prinzipiell haben Sie mit Ihrem Einwand natürlich Recht. Aber nicht in Bezug auf meinen Artikel: „meine ganz eigenen Assoziationen “ … „Ja, ich weiß, es gibt auch andere, aber das verbinde ich persönlich mit „schwul“.“
      Das ist also zum einen ganz subjektiv meine Assoziation (die Ihnen natürlich nicht gefallen muss). Zum anderen geht es nicht darum, wie schwule Männer sind, sondern darum, was ich mit Poschardts „schwuler werden“ verbinde.
      Außerdem sind Komparative (auch der an sich nicht korrekte von Poschardt) ja gerade da, um abzugrenzen. Wenn ich einen Artikel „Erwachsener werden“ geschrieben hätte, wäre da Ihr Einwand auch gewesen, dass nicht alle Erwachsenen gleich sind?

      • Was „schwul“ ist, ist eindeutig definiert – außer man benutzt das Wort für irgendwelche persönlichen (Auf- oder Ab-)Wertungen. So wie ich es früher bei Gleichaltrigen mitbekommen habe (vorzugsweise Jungen), dass „schwul“ in etwa als Synonym für „unmännlich“, „verweiblicht“, „pussyhaft“ gebraucht worden ist.

        Es ist einfach eine sexuelle Orientierung; weder besser noch schlechter und es hat nichts mit dem Charakter zu tun, welche sexuelle Orientierung man hat (jedenfalls nicht so, wie Sie das assoziieren). Und das wissen Sie sicher auch – warum also dieser Artikel?

        „Schwul“ heißt weder „unmännlich“ noch „männlicher sein“. Meinen Einwand hätte ich auch gleichermaßen geschrieben, wenn Sie einen äquivalenten Artikel „Heterosexueller werden“, „Asexueller werden“ o. ä. geschrieben hätten und da die jeweilige Sexualorientierung mit solchen Assoziationen dargestellt hätten. Ich verstehe nicht, warum eine bestimmte Sexualpräferenz für alle als erstrebenswert dargestellt wird, egal welche Orientierung die haben, und mit „besonders männlich“ o. ä. belegt wird (sind Lesben bei Ihnen als besonders „weiblich“ assoziiert und Bisexuelle als „ausgeglichen männlich-weiblich“? Und wie assoziieren Sie Heterosexuelle oder Asexuelle dann?). Warum auch immer Sie das so assoziieren.

        Erwachsen-Sein ist dagegen zwar auch definiert, aber begrifflich „schwammiger“ umgrenzt und schließt auch gerade den Charakter mit ein (z. B. bzgl. der geistigen Reife). Ihre Assoziiationen zu „schwul“ sind rein auf den Charakter gemünzt. So als wäre Schwul-Sein eine charakterliche Orientierung/bestimmte Persönlichkeit.

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