Schach und Schubert vs. 1150 Tweets

Vor ein paar Tagen ist die Schach-WM zu Ende gegangen. Keine Angst, ich werde hier nicht die Partien analysieren. Dafür reicht meine Spielstärke bei weitem nicht und ich will hier ja niemanden verprellen, der sich nicht für Schach interessiert.

Deshalb in aller Kürze: Der alte Weltmeister ist auch der neue: Magnus Carlsen aus Norwegen ist der derzeit stärkste Schachspieler der Welt. Er hat seinen Herausforderer Fabiano Caruana in einem (nach meinem Geschmack) mitreissenden und hochklassigen Match im „Tiebreak“ besiegt.

Konkret gesprochen: Alle 12 Partien des Wettkampfes mit regulärer Spielzeit endeten unentschieden. In den darauf folgenden Schnellschach-Partien ließ Carlsen seinem Kontrahenten keine Chance und gewann mit 3:0.

In der Schachwelt entbrannte bereits während des Wettkampfs eine hitzige Diskussion darüber, ob wir gerade einen langweiligen oder einen spannenden Fight sehen.

Wer sich das genau angeschaut hat, war plötzlich mitten in einer Zeitgeist-Diskussion. Das (wiederum in meinen Augen) hochklassige Schach wurde von vielen kritisiert, weil jede Partie unentschieden endete. Der deutsche Großmeister Robert Hübner (einer der in vergangenen Zeiten stärksten deutschen Spieler und der letzte, der beinahe die Gelegenheit bekommen hätte, um den WM-Titel zu spielen), hat sich mit der Bemerkung zu Wort gemeldet, dass es nicht Aufgabe der WM- Kämpfer sei, für Spannung zu sorgen, sondern möglichst gutes und genaues Schach zu spielen.

An dieser Stelle gabelt sich wohl die Beurteilung. Manch einer geht davon aus, dass alles, was öffentlich ausgetragen wird, einen Unterhaltungswert wie etwa eine Netflix-Serie haben sollte. Kurzfristig hoch gekocht und kulminierend in jeder Folge, damit wir uns voller Spannung mit Chips und Cola (respektive Rotwein) auch morgen wieder vor dem Fernseher versammeln mit der spannenden Frage: „Wie geht es weiter?“

Andere sehen in den Schachpartien mit regulärer Bedenkzeit die ganze Tiefe und Schönheit eines Spiels repräsentiert, das sich trotz der langen Tradition von Turnieren und Meisterschaften seine Unberechenbarkeit bewahrt hat.

Diese Spaltung hat Conrad Schormann für Chessbase.de in seinem Artikel „Respekt, Magnus“ sehr schön ausgeleuchtet. Geradezu auf den Punkt bringt es dabei eine Diskussion auf Twitter zwischen Vidit Gujrathi und Marco Baldauf, die ich hier zitieren darf:

Vidit bemängelt, dass sich zwei Spieler sieben Stunden an ein Schachbrett setzen und es dann noch nicht mal einen Sieger gibt und das in einer Welt, in der man in einer Minute durch Hunderte von Tweets scrollen kann.

Marco sieht das Format demgegenüber als „Antithese“ zu einer Welt, die immer schneller wird.

Ich halte es hier doch sehr mit Marco Baldauf. Als jemand, der in einer Welt groß geworden ist, die sich deutlich langsamer bewegt hat, bin ich durchaus ein großer Fan aller neuen Medien, die mich mit Informationen in einer Fülle und Aktualität  versorgen, die mir das Gefühl geben, am Puls der Zeit zu sein. Ich finde es höchst beruhigend, schnell Bescheid zu wissen und nichts zu versäumen.

Aber wenn ich mir das Violinkonzert von Beethoven anhöre, dauert es immer so rund eine Dreiviertelstunde und ich würde mir nie wünschen, dass die Interpreten schneller spielen. Und ein gutes Abendessen möchte ich auch nicht in Rekordzeit runterschlingen.

Nicht alles wird besser, wenn man Gas gibt.

Vielleicht liegt es daran, dass mein Lebensgefühl nicht durch quantitative, sondern qualitative Dimensionen bereichert wird.

Möglicherweise sehe ich auch in dem von Vidit zitierten „something which lasts for 7 hours and ends without a result“ irgendwie ein Gleichnis für unser Leben.

Wir versuchen, unser bestes Schach zu spielen, machen Fehler, nutzen Chancen, hoffen, wägen ab und wagen etwas. Und am Ende haben wir weder gewonnen noch verloren. Sondern gespielt, so gut wir konnten.

Peter Teuschel

(Ich weiß, dass dieses Video für manch einen eine Zumutung sein wird. In elfeinhalb Minuten könnte man nach obiger Rechnung 1150 Tweets durchscrollen. Oder Schubert zuhören. Kleiner Trost: Wer nur fünf Minuten durchhält, kann immer noch 650 Tweets lesen.)

One Response
  1. …und genau wie bei Schach und klassischer Musik muss ich mich auf das Leben einlassen und mich auch etwas intensiver damit beschäftigen, um in den vollen Genuss zu kommen und die Schönheit in manchen Zügen und Kompositionen zu erkennen.

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