Rettung in der Not: Heroische Psychotherapie

Vor ein paar Tagen erschien auf ZEIT Online ein Bericht über eine Paartherapie.

Über diesen Artikel habe ich mir so einige Gedanken gemacht, die ich hier mal in den Text hineinschreiben möchte:

„Eine Ehe retten

Ein Mann hat Sex mit der Nachbarin – hinter dem Rücken seiner Frau. Julia Vinarski ist in der Ausbildung zur Therapeutin. Kann sie dem Paar helfen?

Jedes Mal, wenn er den Namen der Nachbarin sagt, zuckt seine Frau zusammen. Er ist Mitte 30 und hat sie mit der Nachbarin betrogen. Die Nachbarin ist jung und attraktiv. Sie heißt Julia, genauso wie ich, das ist mir unangenehm. Seine Frau und er sind im selben Alter, beide arbeiten in Führungspositionen, verheiratet, ein Kind. Und ich soll ihre Ehe retten.“

Ist das wirklich der Auftrag für eine Paartherapie? Eine Ehe retten? Wieso eigentlich? Die Psychotherapeutin ist doch nun wirklich kein Feuerwehrmann, der in ein brennendes Haus stürmt, um irgend jemanden zu retten.

„Die beiden sitzen vor mir auf zwei bequemen Sesseln, neben mir ein kleines Tischchen für meine Aufzeichnungen. Am Anfang mache ich mir Sorgen, ob ich ernst genommen werde. Ich bin 26, wirke wie eine Studentin, ich trage keinen Kittel, der mir Autorität verleihen könnte, sondern Jeans.“

Naja, die wenigsten Psychotherapeuten dürften einen Kittel tragen. Und verleiht der wirklich Autorität? Was ist eigentlich Autorität, wenn es um Psychotherapie geht? Fragen wir mal Wikipedia:
„Autorität ist im weitesten Sinne eine soziale Positionierung, die einer Institution oder Person zugeschrieben wird und dazu führt, dass sich andere Menschen in ihrem Denken und Handeln nach ihr richten.“

Ist vielleicht ganz gut, dass hier kein Kittel „Autorität verleiht“ und die Patienten sich nicht in Denken und Handeln nach der Therapeutin richten müssen …

„Natürlich verstehe ich mein Fach: Ich habe ein abgeschlossenes Psychologiestudium und mache gerade eine Zusatzausbildung an der TU Braunschweig zur Psychotherapeutin, um später eine eigene Praxis aufzumachen.“

Natürlich versteht sie ihr Fach. Immerhin hat sie Psychologie studiert. Auch hier schauen wir wieder bei Wikipedia nach:
Psychologie ist eine empirische Wissenschaft. Sie beschreibt und erklärt das Erleben und Verhalten des Menschen, seine Entwicklung im Laufe des Lebens und alle dafür maßgeblichen inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen.“

Also kann unsere angehende Therapeutin Erleben und Verhalten des Menschen beschreiben und erklären.
Kann sie ihm dann auch helfen?
Nein, dazu braucht es die erwähnte Zusatzausbildung Psychotherapie.

„Nach der Hälfte der Ausbildung – seit Februar 2011 – darf ich selbstständig Paare therapieren.“

Diese hat sie immerhin bereits zur Hälfte absolviert. Natürlich versteht sie ihr Fach …

„Wie so oft ist auch bei meinem Paar das Geld die kleinste Sorge. Die beiden erzählen vom Leistungsdruck und davon, dass durch das Baby alles komplizierter geworden ist. Ihre Beziehung war nicht mehr liebevoll, sie sagen, sie hätten sich auseinandergelebt. Er fühlte sich vernachlässigt, und die Nachbarin machte ihm Komplimente. Schließlich wurde daraus eine Affäre. Über mehrere Monate. Getroffen haben sie sich im Hotel, nach der Arbeit. Wenn er sagte: »Schatz, heute komme ich später heim«, fiel es nicht auf. Er hat immer viel gearbeitet. Erst später, als sie merkte, wie abwesend er war, machte sie sich Sorgen. Auf seinem Handy fand sie dann eine SMS, von Julia. Statt es zuzugeben, leugnete er alles. Während er davon erzählt, weint seine Frau immer wieder. Als sie davon spricht, wie verletzt sie war, als alles aufflog, schaut er bloß regungslos geradeaus und sagt nichts mehr.

Immerhin schreien sie sich nicht an. Ich habe von Fällen gehört, bei denen nach zehn Minuten die ersten Gläser geflogen sind. Was mache ich bloß, wenn sie sich direkt trennen?“

Ja, was soll man da machen? Die Angst der Therapeutin ist verständlich. Schließlich ist sie ja jetzt voll verantwortlich für alle Entscheidungen, die die beiden Eheleute treffen. Oder etwa nicht?

„In der Ausbildung hatten wir alles tausendmal besprochen und mit Schauspielern geübt. Aber wenn da vor einem ein richtig verkrachtes Ehepaar sitzt, ist das doch etwas anderes.“

Ja. So ein echter Patient aus Fleisch und Blut ist was anderes als ein Schauspieler, der eine Krise mimt. Hoffentlich helfen da die erlernten Techniken.

„Die haben ja wirklich ein Problem, das ich lösen muss.“

Wirklich? Also nicht dass die beiden kein Problem hätten, aber muss es der Therapeut lösen?

„Ich achte darauf, keine Position zu beziehen. Paartherapie ist manchmal wie eine Soap im Privatfernsehen. Dann würde ich am liebsten fragen: »Krass, das haben Sie echt gemacht?«“

Jetzt schau ich ja keine Soaps im Privatfernsehen, aber vielleicht sollte ich das mal tun. Aus Fortbildungsgründen.

„Als das Paar mit den Nachbarn im Skiurlaub war zum Beispiel: Während sie Skifahren war, gab er vor, auf das Kind aufzupassen. Stattdessen schlief er mit der Nachbarin. Doch ich bleibe konzentriert und versuche, beide gleich zu behandeln. Ich bin keine Richterin, sondern Moderatorin.“

Immerhin eine klare Standortbestimmung. Aber halt, war der Auftrag nicht zuerst „Rettung der Ehe“? Und jetzt nur „Moderatorin“?

„Ich beschließe, Distanz zur Vergangenheit zu schaffen, um den Gedanken an die Nachbarin für die Frau erträglicher zu machen. Durch geschicktes Fragen hole ich aus dem Mann das heraus, was die Frau für eine Annäherung braucht: Die Nachbarin sei Geschichte, sagt er, er wolle seine Ehe retten. Ich atme auf.“

Da bin ich ja schon beim Lesen erleichtert. Na Gott sei Dank. Ist ja dann doch alles gar nicht so schlimm. Ist ja vorbei, aus, Geschichte.
Merke: vorbei = vergiss es!

Dass ein Ehemann, der seine Frau mit der Nachbarin betrogen hat, jetzt seine Ehe retten will, ist eine echte Überraschung. Gut, dass die Therapeutin das „durch geschicktes Fragen“ aus ihm rausgeholt hat. Vielleicht wollte er es nicht so recht rauslassen. Vielleicht wusste er es auch selber noch nicht, dass er die Ehe retten will. Die Kunst der Psychotherapie.

„Julia wird zur Außenbeziehung, er zum involvierten Partner und seine Frau zur verletzten Partnerin. Sie hört auf zu zucken.“

Daran merkt man, dass es ihr besser geht. Zucken ist immer ein schlechtes Zeichen.

„Wir vereinbaren, uns einmal die Woche zu treffen, jeweils für 50 Minuten. Doch gleich am Anfang gibt es Probleme. Die Betrogene soll ihrem Mann einen Brief schreiben, ihm erzählen, was sie verletzt hat. Und ihm den Brief in der Sprechstunde vorlesen. Er muss ihre Wut und Trauer dann aushalten.“

Ja, das sind so die Spielregeln in der Therapie. Die Therapeutin sagt einem vorher, was man aushalten muss.

„Und soll – im Idealfall – Empathie entwickeln, fühlen, wie es ihr geht. Doch der Brief und die Stimme, die ihn vorliest, sind seltsam emotionslos und gefasst. Ich frage mich, ob dieses misslungene Manöver meine Schuld ist: Hatte ich den Sinn des Briefes falsch erklärt? Im Einzelgespräch sagt die Frau mir dann, dass seine Kälte im ersten Gespräch sie abgeschreckt hat. Sie will ihn nicht kränken. Ich mache ihr klar, wie wichtig es ist, dass sie ihm alles erzählt. Und tatsächlich: Ihr zweiter Brief ist besser. Er ist kraftvoller, er klingt verletzter und trauriger. »Meine Welt ist zusammengebrochen. Durch Dich verliere ich den Glauben an die Liebe«, schreibt sie. Als sie das vorliest, nimmt er sie in den Arm. Von da an machen wir Fortschritte, auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt, die viel Fingerspitzengefühl erfordern. Als wir uns nach einem Jahr zum Abschlussgespräch wiedersehen, sagen sie mir, sie seien glücklich. Mit Julia haben sie abgeschlossen. Und sind wieder eine Familie.“

Mission erfüllt. Ehe gerettet. Heldenhafte Psychotherapie.

Auch wenn es nicht so klingt, irgendwie mag ich diese Therapeutin, Julia Vinarski. Sie ist wenigstens ehrlich und traut sich, offen über ihre Therapeuten-Gefühle schreiben. Hut ab.

Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr jemand ein paar Sachen über Psychotherapie erzählt hat, die ein wenig schräg rüberkommen. (Vielleicht ihre Ausbilder?)

Ich glaube, wenn sie erst einmal diesen ganzen Unsinn von wegen „Ehe retten müssen“ und „Probleme für den Klienten lösen“ und so hinter sich gelassen hat, wird sie eine richtig gute Therapeutin sein, die ihre Grenzen kennt und die ihren Patienten helfen wird, den für sie jeweils richtigen Weg zu finden. Auch wenn der nicht harmonisch verlaufen sollte, sondern „echt krass“. So wie in der Soap.

Peter Teuschel

11 Responses
  1. Wie war es damals bei Ihnen, als Sie am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn standen? Wie groß war damals ihr Idealismus? Meine berufliche Ausbildung liegt zwar auf einem ganz anderen Gebiet, aber begeistert und idealistisch war ich schon auch. Damals! Aber Sie geben der jungen Kollegin ja eine durchaus gute Prognose. (Smile)
    Ansonsten hätte es sich für mich so gelesen:
    junger Idealismus v. routinierter Desillusion

    • Erstaunlicherweise (?) ist mein Idealismus nicht geringer geworden, aber ich sehe heute Vieles gelassener und distanzierter. Helfen kann man psychotherapeutisch immer nur ergebnisoffen, zumindest wenn es um zu treffende Entscheidungen geht. Eine Paartherapie zu beginnen mit dem Ziel, die Ehe zu retten, halte ich schon für verwegen. Wenn die Wahrheit dieses Paares die Fortsetzung der Beziehung ist, dann wird es so kommen. Wenn nicht, wird es der Therapeut bereuen, wenn er sich schon vor der Therapie auf das Ergebnis festgelegt hat.
      Ich hoffe, die Psychologin hat einen guten Supervisor, der ihr den Leistungs-Druck nimmt.
      Aus Ihrer abschließenden Formel würde ich für mich gerne den „routinierten Idealismus“ als Selbstbeschreibung wählen. Jugendlich passt nicht mehr und desillusioniert schon gar nicht (wenn wir mal den Blick auf das Gesundheitssystem beiseite lassen).
      🙂

      • Hat man denn am Anfang noch diese „Ich muss die Ehe retten“-Gedanken bzw. das Denken, es läge allein am Therapeuten, dass alle Beteiligten glücklich aus der Situation kommen, und sucht die Schuld bei sich, wenn die Klienten nicht so „funktionieren“?

        • Ich kann nur für mich sprechen: Anfangs hatte ich schon das Gefühl, sehr viel „machen“ zu müssen. Bei einer meiner ersten Therapien erschrak ich innerlich so um die fünfte Stunde herum: „Oje, ich habe ja gar kein Konzept, was ich mit diesem Patienten machen will.“
          Die Stunde darauf sagte mir dieser Patient, wie wohl er sich in der Therapie fühle, wie sehr er angekommen sei, sich angenommen wusste und dass es ihm bereits ein Stück weit besser ginge. Darüber habe ich lange nachgedacht.
          Der größte Fehler ist in meinen Augen, ein bestimmtes Konzept am Patienten „anzuwenden“ und nicht ergebnisoffen zu behandeln. So viele individuelle Probleme, so viele individuelle Lösungen.

        • Ich glaube schon, dass man am Anfang unter dem Druck steht, irgend etwas Besonderes, etwas „Therapeutisches“ zu tun und dadurch an Gelassenheit und Souveränität verliert. Zumindest wars bei mir so.
          🙂

    • Chr. Mathias Sand Antworten

      Desillusion ist aber nicht das Gegenteil von Idealismus und Idealismus im Sinne von Alleindieweltretten ist Gift für jede Form der professionellen Beziehung.

      Junge Therapeut/innen, Ärzt/innen, Lehrer/innen, Pädagog/innen oder meinetwegen Pastor/innen sollten den Anspruch haben, im Rahmen der Möglichkeiten ihren Job gut zu machen. Mehr geht ohnehin nicht.

  2. Hmmm, so recht sympathisch finde ich dieses „durch geschicktes Nachfragen“ und den Wunsch nach einem schönen, autoritären Kittel nicht^^ Aber vielleicht bin ich auch nur neidisch weil ich noch keine Ehe gerettet habe.

  3. Nicht nur die Psychologin setzt sich selbst unter Druck. Sie setzt auch ihre Klienten unter Druck. Denn die spüren, dass ihre Therapeutin ein Erfolgserlebnis erwartet. Das kann dann dazu führen, dass das Paar versucht, den Zielen der Therapeutin gerecht zu werden und dabei aus den Augen verliert, was es selbst will. Nicht in jedem Falle dürfte eine „Rettung“ der Ehe das richtige Ergebnis sein. Wenn ein Paar sich auseinandergelebt hat und es keine Gemeinsamkeiten mehr gibt, dann wäre eine solche „Rettung“ nur von kurzer Dauer und das Paar schon bald wieder an dem Punkt, an dem vor Beginn der Therapie war.

    Ist es Idealismus, was die Therapeutin zu diesem Verhalten treibt? Oder ein Helfersyndrom?

  4. Danke für den praxisnahen Artikel. Ich gebe Marmotta recht. Eine auf diese weise „gerettete“ Ehe wäre nur von kurzer Dauer. Mache selber gerade eine Psychologie Ausbildung an einer Akademie. Würde mich über weitere Beiträge dieser Art freuen 🙂

  5. Der erste Schritt, um eine Ehe retten zu können, ist die Bewusstmachung der eigenen Bedürfnisse. Denn nur, wenn Sie diese auch selbst kennen und es Ihnen gelingt, sie in Worte zu fassen, kann Ihr Partner darauf eingehen.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.