Neue Zahlen für Mobbing? Leider nein!

In diesen Tagen macht eine Pressemitteilung der Techniker Krankenkasse (TK) die Runde durch diverse Redaktionen.

Unter dem Schlagwort „Mehr als zwei Millionen Mobbing-Opfer in Deutschland“ bezieht sich die TK auf eine Studie von Eurofound über die Arbeitsbedingungen in verschiedenen europäischen Ländern aus dem Jahr 2010.

So erfreulich es ist, wenn überhaupt neue Untersuchungen zum Thema Mobbing durchgeführt werden, so muss man doch kritisch anmerken, dass die Methode, mit der diese Mobbing-Häufigkeit ermittelt wurde, unzureichend ist.

Betrachtet man sich die allgemein akzeptierte Definition von Mobbing, so sind neben dem Vorhandensein von Mobbing-Handlungen auch eine Dimension der Häufigkeit dieser Handlungen (mindestens einmal pro Woche) sowie eine Dimension der Dauer (mindestens mehrere Monate, i.d.R. ein halbes Jahr) zu berücksichtigen, damit von Mobbing gesprochen werden kann.

Ein Blick auf die in der Studie gestellten Fragen zeigt, dass diese Kriterien nicht ausreichend berücksichtigt wurden:

„Sind Sie in den letzten 12 Monaten bei der Verrichtung Ihrer Arbeit mit folgenden Situationen konfrontiert worden?

A – körperlicheGewalt

B – Mobbing/Schikanierung

C – sexuelle Belästigung“

Hier wird keinerlei Wert auf Regelmäßigkeit und Wiederholung der Mobbing-Attacken gelegt, so dass auch bei einer einmaligen Schikane innerhalb eines Jahres an dieser Stelle B angekreuzt werden könnte.

Außerdem sollte man nicht davon ausgehen, dass alle Arbeitnehmer unter „Mobbing“ dasselbe verstehen. Nach meiner Erfahrung wird der Begriff höchst uneinheitlich verwendet, bis hin zu einem Gebrauch, damit alles zu bezeichnen, was einem an den Arbeitsbedingungen nicht behagt.

Ähnliches gilt auch für folgende Frage:

„Sind Sie im letzten Monat bei der Verrichtung Ihrer Arbeit mit folgenden Situationen konfrontiert worden?

A – Verbale Beleidigung?

B – Unerwünschte Aufmerksamkeit aus sexuellem Interesse?

C – Drohungen und erniedrigendes Verhalten?“

Hier wird nach einem Vorkommen im letzten Monat gefragt – das Kriterium einer längeren Dauer und einer Wiederholung der Attacken bleibt wiederum unberücksichtigt.

[Schon Zapf und Groß (Uni Frankfurt) haben im Jahr 200 eine Untersuchung zu diesem Thema veröffentlicht. Durch die offen formulierte Frage „Wie häufig sind Sie in den vergangenen sechs Monaten gemobbt worden“ können Mobbing-Häufigkeiten zwischen 10 und 25% (!) erzielt werden]

So ergibt sich ein schwammiges Bild eines „gefühlten Mobbings“.

Für mich ist das eine der größten Gefahren bei diesem Thema, nämlich durch mangelnde Berücksichtigung der Definition zur inflationären Ausbreitung des Schlagwortes „Mobbing“ beizutragen.

Schade, aber mit dieser Untersuchung kann ich nicht wirklich etwas anfangen.

Bis eine sauber durchgeführte Studie vorliegt, ist weiter von Zahlen zwischen 1, 2 bis 4%  Mobbing-Häufigkeit in Deutschland auszugehen (nach Erhebungen von Zapf und Groß aus den Jahren 1999 und 2000).
Das sind immerhin mehr als eine Million Mobbing-Opfer.

Peter Teuschel

Quellen:

1. Pressemitteilung der TK

2. Questionnaire der Eurofound-Studie für Deutschland

2 Responses
  1. Auch in Ö gibt es keine veröffentlichten Zahlen zum Thema Mobbing, Statistik über Mobbingbetroffene, Suizide bei Mobbing etc…
    Meine Vermutung ist dahingehend, dass die Zahlen so gestiegen sind, dass eine Veröffentlichung gar nicht mehr möglich ist… Die Suizidrate unter Mobbingopfern ist seit JAHRZEHNTEN bekannt – an die 20 % (Dunkelziffern liegen weit höher!).
    Reaktion von Politikern, Bundesministerien? KEINE – und Anti-Mobbing-Gesetzgebung wurde ABGELEHNT!
    Siehe auch:
    http://www.selbsthilfegruppe-mobbing-graz.at/gesellsch-polit-aspekte/

    Wie heißt es so schön:

    WAS ES NICHT GEBEN DARF, GIBTS NICHT.

    Es lebe die heile Welt.

    Und die Mobbingopfer, die sich suizidieren? Nun ja… die waren ja vorher schon psychisch krank….
    sonst tut man doch so was nicht…. (alles sehen sie zu!! von der gesetzlichen ArbeitnehmerInnenvertretung habe ich VERBOT, dass ich die Folder der SHG Mobbing dort auflegen darf!! Ich durfte nicht mal einen Termin haben, um vorsprechen zu dürfen – wurde von vorneherein nicht gestattet!!!) – es ist unglaublich!

    Eva
    SHG Mobbing Graz
    http://www.selbsthilfegruppe-mobbing-graz.at

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