Mobbing? Endcool!

Die coolen Mobber in der Schule …

Wenn man sich einmal anschaut, wer in einer Schulklasse am häufigsten als Mobber identifiziert werden kann, dann wird man vor allem Jungen finden. Mädchen mobben auch, aber erstens seltener und zweitens anders (meistens indirekter).

Wirft man jetzt noch einen genaueren Blick auf diese männlichen Jung-Mobber, dann erstaunt es doch den einen oder anderen, dass es vor allem die Coolen, die Beliebten, die „Kings“ der Klasse sind, die sich durch das Schikanieren hervortun.

Es ist nämlich keineswegs so, dass ein „Bully“ daherkommt als finsterer Pausenhof-Schläger, von allen gemieden und gefürchtet. Die gibt es schon auch, aber meistens (und vor allem auf den Gymnasien) sind es die gefeierten Cracks der Klasse, die als Demonstration ihrer Macht den einen ihre Gunst gewähren und andere drangsalieren.

Dazu gehört natürlich eine große Schar an Zuschauern und Beifall-Klatschern wie auch an solchen, die sich bewusst raushalten.

Dieser Typus des coolen, bewunderten Jugendlichen, der sich einen Spaß daraus macht, andere zu piesacken und zu demütigen, hat in meinem Empfinden eine mediale Entsprechung. Je länger ich mich mit Mobbing beschäftigte, desto auffälliger finde ich die Parallelen zwischen Klassenzimmer und TV-Tummelplatz.

… und ihre medialen Vorbilder

Ein gutes Beispiel ist Stefan Raab.

Mann ist der gut drauf. Immer locker, immer witzig. Außerdem kann er fast alles. Wok-Rodeln, Boxen, Turmspringen, Schlag den Raab … der Typ ist wirklich endcool.
2001 fand er es unglaublich lustig, sich in seiner Sendung über Lisa Loch, damals 16 Jahre, lustig zu machen. Die als running gag inszenierten Schlüpfrigkeiten in Bezug auf ihren Namen führten dazu, dass das Mädchen belästigt und angepöbelt wurde. Sie musste sich in therapeutische Behandlung begeben.
Raab wurde schließlich zur Zahlung von 70000 Euro verurteilt. In seiner Begründung schränkte das Gericht die (zu Recht) weit gefasste Freiheit satirischer Beiträge dahingehend ein, dass niemandes Persönlichkeitsrechte verletzt werden dürfen.

Braucht es dazu wirklich ein Gericht, dass ein Moderator erkennt, wie sehr er sich da im Ton vergriffen hat? Sich über jemanden lustig zu machen, indem ich ihn auf plumpe Weise demütige, seinen Namen in den Schmutz ziehe oder dumme Witze auf seine Kosten mache, kann doch nicht im Ernst gute Unterhaltung sein.

Für manche ist es das aber wohl doch, denn Raab bedient damit ja auch ein breites Publikum.

Ein weiterer Kandidat ist Oliver Pocher.

Er hat sich ja das Image des rotzfrechen enfant terrible zugelegt. Respektlosigkeit ist bei ihm Programm. Okay, in einem gewissen Rahmen mag das ja ganz witzig sein.

Ein weibliches Opfer seiner „Scherze“ fand es allerdings gar nicht lustig, dass Pocher ihr eine Schönheitsoperation empfohlen hatte. Die Live-Sendung sahen etwa 1,4 Millionen Zuschauer. Das war 2006 und auch in diesem Fall folgte eine Verurteilung zur Zahlung von 6000 Euro.

Pocher wurde 2008 erneut und von der selben Frau verklagt, nachdem er sich (wieder im TV) über das Urteil lustig gemacht hatte.

Es gibt mittlerweile eine unselige Tradition in Radio und Fernsehen, auf Kosten Einzelner fragwürdige Späße zu machen, die Opfer für billige Lacher vorzuführen und sich auf diese Weise das Image eines coolen Hundes zu verschaffen.

Wer jetzt hier auf Parallelen zum Cyber-Mobbing hinweist, dem widerspreche ich nicht.

Trauriger Höhepunkt dieser ach so witzigen und für das Opfer demütigenden und entwürdigenden Pseudo-Späße ist sicherlich Jacintha Saldanha, die sich nach neuesten Erkenntnissen in Folge eines solchen „Scherz“-Anrufes erhängt hat.

Mit Schuld an solchen Katastrophen hat eine Entwicklung, die die öffentliche Herabwürdigung und Demütigung Einzelner im TV als unterhaltsam und „cool“ darstellt.

Mit Schuld haben Moderatoren, die auf diese Weise medial unterwegs sind.

Mit Schuld haben Zuschauer, die solchen Leuten Quote bescheren.

Peter Teuschel

 

10 Responses
  1. Ja, es ist traurig, dass solche „Scherze“ ein Millionenpublikum begeistern können. Was sind das für armselige Menschen, die sich auf Kosten Anderer halb tot lachen?!? Und es sind nicht nur Kinder oder Jugendliche, es sind auch etliche Erwachsene, die sich daran ergötzen.

    Besonders widert mich an, dass diejenigen, die sich über den „Scherzanruf“ köstlich amüsiert haben, die den Link zu dem Youtube-Video angeklickt und an ihre Freunde verschickt haben, nun auf die „bösen“ Moderatoren einschlagen… Gäbe es kein Publikum für solchen Müll, dann gäbe es solche Scherze nicht.

  2. Ja, ein Zeichen der Zeit… Ob das immer so war, und heute „nur“ der Schaden größer ist, da durch die Un- und Vielzahl an Medien alles und jedes breit & lang getreten wird… Ich weiß es nicht.
    Pocher & Raab sind ja beileibe nicht die einzigen… Auch in der vielgepriesenen Kabarettszene ist es anscheinend seit Jahren üblich, immer AUF KOSTEN von anderen witzig zu sein. Je mehr man andere in den Dreck zieht, denunziert oder öffentlich bloßstellt, desto mehr Lacher erhofft man sich. Und leider: bekommt man diese dann auch oft. Ich habe solche Sachen nie witzig gefunden. Sie stoßen mich ab, oder sie stoßen bei mir auf Unverständnis. Es ist mir schier schleierhaft, wie gut Menschen damit Geld verdienen können.
    Dabei gibts so unzählige Dinge, die so lustig sind… Und ohne solche Dinge auskommen…

    http://www.youtube.com/watch?v=_F3i1U2xm6Y

    Man sagt, dass man mit anderen Menschen so umgeht, wie selbst mit einem umgegangen wurde..
    Ob die Menschen, die das abwerten so zutiefst für ihr Leben „brauchen“, Menschen sind, mit die auch so abgewertet wurden?

    Es ist schade, dass Menschen so wenig ihr eigenes Verhalten überdenken, reflektieren…
    Vieles, was ich so sehe, scheint ein automatisches Funktionieren zu sein, kein bewusst gewählter Weg.. „Mach mas halt so, wie s immer schon war…“ ? Oder „erst kumm i, dann lang nix, dann die anderen“ ? Ich vermisse so oft den Gemeinschaftsgeist zwischen Menschen, die natürliche Selbstverständlichkeit, sich gegenseitig mit Achtsamkeit zu begegnen.

    Das Ereignis, dass sich diese Krankenschwester suzidiert hat, ist wirklich was ganz Furchtbares.
    Ich muss ganz ehrlich gestehen, ich habe die genaue Geschichte des Telefonates nicht verfolgt, und wie es medial präsentiert wurde.
    Die „Idee“, sich als Queen auszugeben, und zu versuchen, „durchgestellt“ zu werden, finde ich persönlich nicht sooo schlimm. Ich denke, dass die Moderatoren davon ausgingen, dass es eh nicht klappt. DASS sie dann so großes „Glück“ hatten, dass es so „leicht“ ging, ich glaube, das kann jeder Mensch nachvollziehen. Wenn jemand am Telefon überzeugend ist, einen Stress im Pflegeberuf hat, und dann so mir nix dir nix zum Telefon gerufen wird… Na, wer würde das NICHT verstehen, und Auskunft geben? Als Alternative gäbe es ja nur, zu sagen: „Ich glaube Ihnen nicht, dass Sie die Queen sind….“ Und alleine die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, wenn sie auch noch so gering ist, dass es doch die Queen sein könnte.. und man eine Königin beleidigt… schließt diese Verhaltensweise wohl aus.

    Trotzdem glaube ich, dass sich diese Krankenschwester nicht wegen des Anrufes suizidiert hat, oder wegen des medialen Echos. Ich glaube, dass die Führung des Krankenhauses ihr ordentlich die Hölle heiß gemacht hat.. So: Wie das Krankenhaus jetzt da steht, dass es medizinische Daten an fremde Anrufer weitergibt etc… Das ist ja eine massive Rufschädigung für DAS Krankenhaus, in dem die Royals liegen… Ich glaube, dass die Vorgesetzen diese Schwester ordentlich betoniert haben… Und sie sich deswegen suizidiert hat.
    Wonach man einen Mobbing-Toten mehr in die Statistik zählen darf.

    • „Man sagt, dass man mit anderen Menschen so umgeht, wie selbst mit einem umgegangen wurde..“
      Dem Konzept ist man doch nicht hilflos ausgeliefert. Und ich finde auch nicht, dass es so wahnsinnig viel entschuldigt.
      Ich wurde gemobbt, in der Schule. Und missbraucht, zu Hause.
      Und unter keinen Umständen will ich an ein Weltbild glauben, in dem ich deswegen dazu prädestiniert bin, meine Mitmenschen zu mobben oder später Kinder zu missbrauchen. Das ist nicht mein Schicksal, sondern meine Entscheidung dagegen.

  3. Das ist es ja gerade, was mich an diesem Anruf so stört: Die Krankenschwester wird in eine wirklich üble Falle gelockt. „Ich glaube Ihnen nicht , dass Sie die Queen sind“ geht nicht und das wahrscheinlich korrekte „Wie kann ich feststellen, dass Sie wirklich die Queen sind?“ mit der Bitte um Verständnis fällt einem in der Situation auch nicht unbedingt ein.
    Also stellt sie durch zur Kollegin, womöglich mit dem Hinweis „Du, da ist die Queen dran“, was die nächste Schwester auf die falsche Fährte lockt.
    Aber dieses Dilemma ist mir doch bewusst, wenn ich anrufe. Genau so wie wir es jetzt im Nachhinein rekonstruieren können, was da der Schwester zugemutet wird, genau so kann ich mir das auch überlegen, bevor ich zum Hörer greife.
    Aber das ist halt so sehr verlockend, mit diesem Queen-Fake-Anruf durchzukommen.
    Ich gebe Ihnen Recht, dass möglicherweise die Klinik der armen Schwester die Hölle heiss gemacht hat. Vielleicht gibt es ja da auch klare Verhaltensregeln, wenn jemand anruft und behauptet, die Queen zu sein.
    Die beiden Moderatoren haben sicherlich nicht in böser Absicht gehandelt und man sollte sie jetzt nicht dämonisieren. Soweit ich weiß, sind sie in therapeutischer Betreuung. Die brauchen sie auch.

    • Ich gebe Ihnen völlig recht.. bis auf den Punkt mit der falle. zumindest in der klinik in der ich gearbeitet hatte fiel es unter die schweigepflicht überhaupt keine infos am telefon rauszugeben. die Frage wäre gar nicht gewesen „Können sie mir bestätigen dass sie die Queen sind?“ sondern „Es tut mir leid, wir dürfen aufgrund unserer schweigepflicht keine Informationen über das Telefon herausgeben.“ Ich weiß nicht wie es in england ist, ich vermute aber, es wird dort ähnlich sein.

  4. Es gibt sehr viel Multimedialen Abfall den man entsorgen müsste,
    aber wohin damit?
    Da braucht es wohl eine neue Version des Sondermülls,
    Aber wer will diesen hochtoxischen verbalen Erguß der dieser „Klientel der Antikultur“ anhaftet
    noch haben?
    Da mach ich mir die Hände nicht dran schmutzig,
    Die entsorgen sich selbst,Blödheit kann man nur bedingt überbieten.
    Mit Dummheit,und die ist anscheinend bei Mobbern breit gesäht,
    wird mal schnell das eigene Ego aufgepumt;ist ja defintiv nur Luft drin.
    Aber die ist ja bekanntlich auch nur dünn…

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