lustfeuerkunst. Buchbesprechung; „wo der stockzirkel bollt …“

Eigentlich müsste man ja schon beim Verlag stutzig werden.

„Schrägverlag“

Klingt abschüssig. Hat was von „Schräglage“. Und der Name ist Programm.

Welcher andere Verlag würde wohl ein Buch herausgeben, das „wo der stockzirkel bollt …“ heißt.

Das Buch von OliverJung-Kostick ist ein gutes Beispiel dafür, dass man in manchen Fällen geeignete Literatur nicht suchen muss, sondern von ihr gefunden wird. [Nebenbei bemerkt habe ich einen Patienten, der das geradezu zelebriert. Wenn ihm danach ist, geht er in einen Buchladen und lässt sich finden – von passenden Büchern. Wunderschön.]

Mir selbst ist das Buch über einen meiner facebook-Kontakte (eben Oliver J._K.) zugelaufen. Ich weiß nicht mehr, ob es in irgendeiner Autorengruppe war oder in der freien fb-Wildbahn. Aber ein Buch mit diesem Titel aus diesem Verlag muss natürlich einfach her.

szb

An dieser Stelle sollte ich aber wohl eine Warnung aussprechen. Man sollte Grundkenntnisse in Dada haben oder zumindest Ernst Jandl schätzen, wenn man sich an den stockzirkel wagt. Ist man beidem nicht abgeneigt, sondern sogar zugetan, so erweisen sich die „schrägen texte zu ehren des „allgemeinen deutschen reimlexikons“ von peregrinus syntax“ (so der Untertitel) als erfrischende Infusion lautmalerischer Literatur.
Beispiel gefällig?

ich will ein griesgram sein, ein späller.

eine prunkversammlung,
in die man heimlich schnauft.

flammernd, quinquelierend,
der strammste arbeitsamste seigicht,
den man je erdachte.

ein balg im rapse.

dem sturcheln einer winkelhure entsprossen,
mit klammen schuren,
gewandt,
dem absurden comitat
der schnirkelung
beileibe nicht abgeneigt.

tugendschirme brauch ich nicht,
wenn´s stirle regnet.

ich bin mein eigener bezirk,
weidenhopfend
über alle körperstoffe,
lustfeuerkunst
auf allen meinen 
gespunsten.

sie schreien gold
im hanften.

Beim ersten Lesen kamen mir ganz spontan die beiden oben erwähnten Assoziationen: Dada sowieso, aber eben auch Jandl, der am besten laut gelesen wirkt. Dieses Vergleichen und nach bereits Bekanntem Suchen ist wohl die spontane Reaktion auf diese Art von Lyrik, die den Verstand ganz schnell austrickst und sich direkt in den schattig feuchten Bezirken unserer Psyche einnistet. Sollte es Rezeptoren für unterschwellig unbewusste Ungehörigkeiten geben, so dockt der stockzirkel direkt an diese an.
Der dadurch eintretende Effekt ist die „Entbollung“, wie mir der Autor im Vertrauen verraten hat.

Wo der stockzirkel bollt …“ ist eine sinnliche und manchmal auch erotische Reise durchs assoziative Dada-Land. An den Haltestellen winkt uns gelegentlich Ernst Jandl als Bahnwärter zu, aber Oliver Jung-Kostick ist und bleibt der Reiseführer.

ojk

Bitte einsteigen, Alltagshirn abschalten, Entbollung tut not und nicht weh.

Peter Teuschel

P.S. Es sei nicht verschwiegen, dass mit Lisa Weichart´s „Weihnachtsbratensätze“ ein Gastautorenbeitrag im Buch enthalten ist, der nur scheinbar die epische Waagschale befüllt, in Wahrheit aber ein schönes Beispiel reimloser Lyrik darstellt.

P.P.S. Was ich mir natürlich wünschen würde, wären ein oder zwei oder drei Gedichte auf youtube, vorgetragen vom Autor.

P.P.P.S. Ich wollte es erst nicht schreiben, aber je öfter ich die Texte lese, desto häufiger blickt mich an manchen Stellen Ernst Trakl an. Das wäre dann natürlich wieder eine ganz andere Geschichte.

P.P.P.P.S. Und das wollte ich erst recht nicht schreiben, aber nachdem ich mehrfach darauf hingewiesen wurde, dass es Georg Trakl heißen muss, darf ich als Erklärung nachliefern:
Ernst Jandl x Georg Trakl = Ernst Trakl. Alles Dada?

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