Kollektiv und Individuum: „Refugees“ von Roland Fischer

Über den Fotografen Roland Fischer habe ich vor knapp einem Jahr bereits einmal einen Beitrag geschrieben. Das damals erwähnte Projekt ist im letzten Jahr fertig gestellt worden und es ist ein Bildband dazu erschienen.

Grund genug, dieses fotografische Werk noch einmal zu würdigen.

Mit seinen Fotografien von Flüchtlingen könnte Roland Fischer aktueller nicht sein. In der öffentlichen Darstellung in den meisten Medien und wohl deshalb auch in der öffentlichen Wahrnehmung bilden „die Flüchtlinge“ eine homogene Gruppe, der man je nach Gesinnung und Geisteshaltung (gast)freundlich oder ablehnend bis feindselig gegenüber steht.
Hat man dagegen wie ich Kontakt zu Menschen, die konkret mit einzelnen dieser Flüchtlinge zu tun haben, sei es als Lehrer, Betreuer oder im Rahmen sonstiger ehrenamtlicher Arbeit, so erfährt man von diesen über das Schicksal und die Eigenheiten der jeweiligen Frau, des jeweiligen Mannes. Da sind es nicht mehr „die Flüchtlinge“, da sind es der Amir, der Sayad, die Zakia.

In gleicher Weise stellt der renommierte Fotograf Fischer seine „Refugees“ dar: Einerseits als Gruppe in einem gigantischen, über 8 m langen Kollektivportrait und andererseits in frontal aufgenommenen Einzelportraits vor rein weißem Hintergrund. Neben jedem Foto stehen der Name, das Alter und die Herkunft der Abgebildeten. Das Hemd, das T-Shirt oder der Schleier lassen ein wenig erahnen vom sozialen oder religiösen Kontext. Der Gesichtsausdruck ist durchgehend neutral, keiner lacht, weint oder zeigt sonst eine erkennbare Regung. Aber alle blicken unverwandt in die Kamera. Durch diesen Augenkontakt entsteht eine Nähe, die sich (zumindest bei mir) unmittelbar in Emotionen umsetzt. Einige der Portraitierten fand ich sympathisch, andere rätselhaft und ja, einige auch bedrohlich. Der Blick auf Roland Fischers Refugees ist der Blick in den Spiegel eigener Projektionen, eigener Vorurteile, eigener spontaner Meinungsbildung aufgrund des ersten äußeren Eindrucks.

Beim zweiten oder dritten Durchblättern des Buches stellte sich dann ein anderer Effekt ein. Während ich erst von der Unterschiedlichkeit der einzelnen Individuen gefesselt war, von den verschiedenen Färbungen der Haut, den ungewöhnlichen Frisuren und teils wilden Bärten, blieb der Blick mehr und mehr am Ausdruck der Augen hängen. Und wie bei einem dieser mehrdeutigen Vexierbilder, bei denen man irgendwann nicht mehr sagen kann, ob es eine Vase oder zwei menschliche Gesichter zeigt, empfand ich gleichzeitig Fremdheit und Vertrautheit beim Anblick dieser Menschen. Fremdheit aufgrund ihrer ungewohnten Äußerlichkeit und Vertrautheit aufgrund der Wirkung, die sich beim Blick in die Augen eines anderen Menschen hin und wieder einstellt:  Die plötzliche Erkenntnis, dass die oder der andere und ich zur selben Zeit hier auf dieser Erde am Leben sind. Und dass dieser Tatsache eine Bedeutung zukommt, die mich alle geographischen Einteilungen und politischen Grenzen als eigentümlich und grotesk wahrnehmen lässt.

 

 

 

 

 

 

Juni Hamu, 13 Jahre, aus Afghanistan

 

 

 

 

 

 

 

 

Der eindrucksvolle Bildband „Refugees“ von Roland Fischer wird abgerundet durch zwei Essays (jeweils in deutsch und englisch) von Bernhard Waldenfels und Stephan Lessenich. Die philosophisch und soziologisch ausgerichteten Texte sind lesenswert,  die Botschaft des Buches kommt für mich aber aus den Bildern.

Peter Teuschel

Alle Bilder © Roland Fischer

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