„Hexenjagd“ auf Tebartz-van Elst?

Bild: dpa

 

In den letzten Tagen häufen sich mahnende Stimmen, die davor warnen, den mittlerweile durch alle Gazetten geisternden Limburger Bischof medial zu attackieren.

Von kirchlicher Seite wurde bereits das Wort „Mobbing“ benutzt.

Die Musiker Konstantin Wecker und Wolfgang Niedecken sprechen unabhängig voneinander von einer „Hexenjagd“. Wecker meint, es wäre eine unchristliche Vorgehensweise, Niedecken gefällt nicht, dass man auf einen, der am Boden liegt, noch weiter eintrete.

Für mich bleibt bei diesen Vergleichen ein negativer Beigeschmack.

Wie mag sich jemand fühlen, der an seinem Arbeitsplatz oder in seiner Schule schikaniert, fertig gemacht und gedemütigt wird, der also echtem Mobbing ausgesetzt ist und jetzt gleichgesetzt wird mit einem auf Lebenszeiten zum Bischof geweihten Verschwender, gegen den noch diverse andere Anklagen anhängig sind? Von dem darüberhinaus berichtet wird, er selbst habe äußerst hart durchgegriffen gegen ihm unliebsame Mitarbeiter? Der, keineswegs machtlos wie jedes Mobbing-Opfer, mit einer Machtfülle ausgestattet ist, die es ihm erst ermöglicht hat, über Jahre hinweg eben diese Macht zu seinen Zwecken zu missbrauchen?
Ich sehe auch nicht, dasss Tebartz-van Elst am Boden liegt, wie Niedecken es formuliert.

Im Gegenteil hört und liest man bis dato nichts von Einsicht, von Reue, von Wiedergutmachung. Der Bischof klebt an seinem Stuhl und ich bin sehr gespannt, ob und welche Sanktionen gegen ihn vom Papst verhängt werden.

In meinen Augen ist hier weit und breit nichts von Mobbing zu sehen. Tebartz-van Elst steht öffentlich am Pranger, es läuft ein medialer Shitstorm gegen ihn und das hat durchaus seinen Grund.

Sollte er Fehler einräumen und Konsequenzen ziehen, wäre ich der erste, der sagt, jetzt lasst ihn in Ruhe. Aber im Amt fest verankerte Funktionäre welcher Institution auch immer, die öffentlich lügen, veruntreuen, verharmlosen und nicht verstehen können, was man von ihnen will, müssen uns zunächst mal nicht sehr leid tun, wenn ebenso öffentliche Kritik, auch Häme, über sie hereinbricht.
Das trifft für Parteipolitiker ebenso zu wie für Religionspolitiker.

Warum also erheben jetzt Wecker und Niedecken ihre Stimmen als zwei alte Haudegen, die es immer verdient haben, dass man ihnen zuhört, auch wenn man anderer Meinung ist?

Kann es sein, dass ganz tief drinnen doch noch so eine kleine Beisshemmung existiert, wenn es sich um kirchliche Würdenträger handelt? Ich denke, dass beide diese Behauptung weit von sich weisen würden und gleich zehn Textstellen aus eigenen Liedern zitieren könnten, in denen sie den Klerus anklagen.
Aber das sind unpersönliche und allgemein formulierte Seitenhiebe auf die Kirche.

Tut ihnen Tebartz-van Elst wirklich so sehr leid?

Oder wollten sich beide nur das Bonmot von der „Hexenjagd gegen den Bischof“ nicht entgehen lassen?

(Auch da frage ich mich, wo die Parallele zu den rothaarigen Frauen sein soll, die im Mittelalter ohne jede eigene Verfehlung und vor allem ohne jede mögliche Gegenwehr aus ihren Häusern gezerrt und auf den Scheiterhaufen gestellt wurden.)

 

Peter Teuschel

 

10 Responses
  1. Hi,
    ich bin bei der ganzen Sache etwas nachdenklich(er). Ich hab einen Moment nachgedacht, ob ich hier posten will, aber ich stelle mich mal der Gefahr, hier in Grund und Boden getrollt zu werden.
    Einer Verwandten ist in einem ähnlichen Kontext auch so etwas passiert. Sie war Verantwortliche, als in ihrem Zuständigkeitsbereich zwanzig Jahre alte Kindesmissbrauchsfälle herauskamen. Ihre Bitte – nicht einmal als Anweisung formuliert – an diejenigen, die kirchenintern damit zu ihr gekommen sind, war, das Ganze anzuzeigen und abzuwarten, ob an den Vorwürfen (damals waren es noch Vorwürfe, die Polizei hatte nicht ermittelt) etwas dran war, bevor weitere Schritte unternommen wurden.
    Das Ganze war zwar „nur“ kirchenintern und regional eine große Sache und hat es nicht bis auf die Spiegel-Online-Startseite geschafft (meine Verwandte ist nicht Maria Jepsen, die währenddessen in den Mainstream-Medien auf eine ähnliche Art geschlachtet wurde wie sie im Kleinen), hat sie aber sehr mitgenommen. Sie hat ihren Job an den Nagel gehängt und war lange in Therapie. Das eigentlich Perverse daran ist, dass ihr einziger „Fehler“ der war, auf der Unschuldsvermutung zu bestehen und zu versuchen, die Situation vorschrifts- und gesetzesgemäß zu regeln, anstatt hasspredigend auf die nächste Kanzel zu springen und dem geifernden Mob Fackeln und Heugabeln auszuhändigen.

    Da ich so eine Situation aus erster Hand miterlebt habe, bin ich skeptisch, wenn „die Presse“ unisono auf jemanden einprügelt. Ob an den Vorwürfen etwas dran ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen, weil die Fakten mir nicht vollständig vorliegen (wahrscheinlich genausowenig wie denjenigen, die fleißig dabei sind, den Bischof mit Steinen zu bewerfen). An der Stelle möchte ich zu seiner Entlastung zwei Fakten anführen: Sein Vorgänger galt als sehr bescheiden und hat wahrscheinlich der Renovierung des Bischofssitzes wenig bis gar keine Aufmerksamkeit geschenkt, und die Wiederinstandsetzung eines – auch nur gering – vernachlässigten alten Gebäudes ist furchtbar teuer. Klar hätte man das Geld besser dazu benutzen können, Flüchtlinge vor Lampedusa aus dem Meer zu fischen oder Witwen und Waisen zu füttern. Aber so, wie ich öffentliche Würdenträger der katholischen Kirche erlebt habe, ist deren Papst wahrscheinlich der einzige von ihnen, bei dem solche Punkte oben auf der Agenda stehen.

    Die ausführliche Berichterstattung ist ja eine Sache, aber ist es wirklich die Aufgabe der Presse, öffentliche Personen so lange zu bashen, bis sie ihr Amt hinwerfen? Und wenn ja, warum passiert das Leuten wie meiner Verwandten, die sich nichts haben zu Schulden kommen lassen, und nicht zum Beispiel der Kanzlerin, deren Gesetzgebung offensichtlich gerade von BMW gekauft wurde?

    gruß

  2. @vivec:
    In der Presse kommen viele öffentlich unter die Räder, andere werden geschont. Manche werden das verdient haben, andere nicht. Eine höhere Gerechtigkeit gibt es nicht, nur die weltliche. Den Fall Ihrer Verwandten wollen Sie – so wie Sie ihn geschildert haben -, doch nicht ernsthaft auf eine Stufe mit dem Elst(er)-Fall stellen? Die Kritik richtet sich doch gerade dagegen, dass die tatsächlich unschuldigen Mobbingopfer verhöhnt werden, wenn man die öffentliche Berichterstattung über den Bischoff als Mobbing bezeichnet. Der wird nunmal für sein Handeln und dessen Konsequenzen in die Verantwortung genommen. Das ist der Nachteil an so hohen Ämtern wenn man Mist baut und die Presse davon erfährt.

    Im Fall von Tebartz van Elst finde ich persönlich, dass ein Rücktritt noch das mildeste Mittel wäre. Und gerade wenn jemand für sich eine besonders hohe moralische Position beansprucht, fällt er tief, sobald es ernsthafte Hinweise gibt, dass es mit der persönlichen Integrität doch nicht ganz so weit her gewesen sein kann. Darauf beruht ein Großteil der öffentlichen Häme. Mal ganz davon abgesehen, welchen finanziellen Schaden der werte Bischoff zu verantworten hat.

    Bin mal gespannt, ob ihn die Staatsanwaltschaft auch noch „schickanieren“ möchte, indem sie ein Ermittlungsverfahren wegen der Untreue- & Betrugsvorwürfe gegen Mr. TvE einleitet. Der Strafbefehl wegen der falschen Versicherungen an Eides statt in der anderen Sache (Flugreise) wird ja noch gerichtlich geprüft.

  3. Die Aussage der beiden von mir sehr geschätzten Musiker befremdet mich. Das hier ist keine Hexenjagd, ein seltsamer Kommentar vom Autor des Songs “Kristallnacht”. Der Begriff “Mobbing” wird leider mittlerweile inflationär gebraucht, verbraucht und missbraucht. Das ist schade, denn es verharmlost unterschwellig eine für das betroffene Individuum bisweilen bedrohliche oder sogar lebensbedrohliche Situation. Trittbrettfahrer bedienen sich hier in verwerflicher Art und Weise. Lasst gefälligst die echten Opfer in Ruhe!, der Bischof ist kein Opfer sondern Täter! Die Kirche muss im Dorf bleiben! So kann ich leider Ihren Gedankengängen nicht wirklich folgen, @Vivec, Kindesmissbrauch ist kein Kavaliersdelikt, und darum kann auch jemand der eine solche Straftat deckt oder auch nur verschleiert wohl kaum als Mobbing-Opfer bezeichnet werden. Oder hab` ich da was missverstanden?
    Beim Bischof spielen die Straftaten ( so es denn welche gibt ) kaum eine Rolle , hier geht es hauptsächlich um Moral und Ethik und eine Institution , die sich solcher Werte bedient und sich auch über solche Werte identifiziert, kann durchaus angegriffen werden, ja sie muss sogar angegriffen werden, wenn sie so offensichtlich gegen ihre eigenen Wertvorstellungen handelt. Die Presse nimmt das auf und berichtet, das hat nichts mit Mobbing zu tun, das ist, meiner Meinung nach, notwendige Aufklärung.

  4. @jazzfeeling: Ja, das hast du in der Tat falsch verstanden, da wurde nichts versteckt oder verschleiert, sondern nur darum gebeten, nicht auf Grundlage von Hörensagen zu handeln.
    Und ich vergleiche das aus dem Grund, dass der Mechanismus, der hinterher ansprang – die Hetzjagd der Presse – durchaus derselbe ist.

  5. mann hexen

    sind rar

    dahin flehend in der luxusbadewanne

    rosenblätter am rand ergattern

    die beichte vor gott und gold

    marmorieren die katholische gegebenheit

    heiligtun für die bessere welt

  6. Ja, Mobbing ist was andres. Aber Hexenjagd beschreibt es schon sehr gut. (So billig das Wort Hexenjagd im Zusammenhang mit der Kirche auch ist – Bildniveau)

    Es geht den beiden Musikern vielleicht viel mehr um die Qualität mit der die Presse, aber auch insbesondere das Fernsehen mit der Sache an sich umgehen. Das kann man keinesfalls mit Aufklärung betiteln sondern nur mit Quoten-Geilheit und Vorverurteilung!

    Und auch hier wird leider mal wieder mit Erwartungen herumgeworfen was der Papst jetzt tun solle – nach der gestern bekannt gegebenen Entscheidung hat’s ja auch nicht wirklich lange gedauert bis die entsprechenden Stimmen in den Nachrichtensendungen zu Wort kamen.

    Jaja, Qualität kann man leider nicht messen, und schon gar nicht in einen monetären Vorteil umwandeln!

    Sehr bedenkenswert halte ich was vivec am Ende noch sagt: offensichtliche Bestechlichkeit der Kanzlerin (in mehr Fällen als nur dieser BMW-Spende), persönliche Vorteilsnahme durch den letzten Mann in diesem Amt, und und und – das alles bleibt eine Randnotiz die nicht gesellschaftlich über die Medien diskutiert wird… oder werden darf?

    X

  7. Mobbing ist das Schikanieren und verletzen (meisten seelisch) von Personen die sich in der Regel nichts zu Schulden kommen lassen, sondern nur – nach Meinung der Mobber – nicht in das Bild passen.

    Ob man hier also von „Mobbing“ sprechen sollte oder von „am Boden liegen und nachtreten“ halte ich für zu weit hergeholt. Der auslösende Punkt schwelt schon seit Jahren – es war also ebenfalls jahrelang Zeit für Offenheit und Transparenz zu sorgen.

    Verständlich also, dass das Vorgehen härter wird. Verständlich wohl auch, dass jemand der jahrelang verzweifelt versucht vielleicht auf einen Missstand hinzuweisen und scheitert in dem Moment wo sich das Puzzle zusammenfügt und der Missstand beweisbar scheint all seine Wut und all den Frust kanalisiert und damit vielleicht etwas zu viel des Guten tut.

    Die Presse ist manchmal hart und manchmal unfair – aber solange eine Seite anscheinend nicht den Ansatz von Reue oder Einsicht zeigt und ebenso nicht gewillt ist die unklaren Fragen offenzulegen bleibt wohl auch keine andere Wahl.

    Solange man sich unter dem Schoß des Vaters versteckt und das Land verlässt um keine unbequemen Fragen zu beantworten – solange liegt man auch nicht am Boden.

  8. heute bin ich mal richtig vorurteilsvoll:
    ich find den bischof einfach total unsympathisch.. und seine prunkburg ist einfach das letzte…
    amen.
    😉

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