Haudrauf der Woche: Wolfgang Thierse (Dt. Bundestag)

Interviews mit Prominenten sind oft ziemlich langweilig. Vor allem dann, wenn der Interviewer sich nur als Stichwortgeber für die Botschaft des Interviewten versteht.

Gute Interviews können dagegen richtig spannend sein. Wenn es gelingt, den Interviewpartner zu statements zu bewegen, die wirklich etwas über ihn aussagen. Bei Politikern ist das sehr selten, sind sie doch die Meister der konturlosen Antwort. Die Kunst des Reporters ist es dann, nicht locker zu lassen und so klare und griffige Aussagen jenseits des glatt geschliffenen Politiker-Blablas zu provozieren.

Nicht immer bringt diese Verdeutlichung Vorteilhaftes zu Tage.

Manches Mal sieht man auch den Interviewten mit ganz anderen Augen und wundert sich sehr.

So ging es mir bei dem Interview von Wolfgang Thierse mit ZEIT Online.

Es drehte sich um Religion. Ein schwieriges Thema. Aus der täglichen Arbeit weiß ich um die Wichtigkeit, die der Glaube für viele Menschen hat und bin der letzte, der sich anmaßt, den einzelnen in diesem Punkt kritisieren oder bevormunden zu wollen.

Allerdings sollte man als Bundestagsvizepräsident seine Worte zu diesem Thema schon mit Bedacht wählen.

Ich zitiere mal aus dem Interview:

„Es gibt aber nicht nur Fundamentalismus im Islam oder bei den Evangelikalen, es gibt auch eine Art atheistischen Fundamentalismus. Der gegenwärtige Streit über die Beschneidung bringt jedenfalls eine beträchtliche antireligiöse Militanz an den Tag.“

Über die Annahme eines „atheistischen Fundamentalismus“ will ich mich gar nicht auslassen. Und eigentlich hatte ich  mir vorgenommen, auch nichts zur Beschneidungsdebatte zu schreiben.

Aber: Ärztliche Einwände gegen einen schmerzhaften chirurgischen Eingriff ohne Narkose bei nicht zustimmungsfähigen kleinen Kindern ohne jegliche medizinische Indikation als „antireligiöse Militanz“ zu bezeichnen, lässt mir ehrlich gesagt doch den Atem stocken.

Und weiter geht’s:

„In der DDR gab es keinen Religionsunterricht an den Schulen, keine Militärseelsorge, keine öffentlichen Bekenntnisse. Und siehe da, das Ding ging unter!“

Okay, dann wäre jetzt auch das geklärt: Die DDR war zum Untergang verdammt, weil sie keinen Reli-Unterricht und keine Militärseelsorge geboten hat.

Aber nicht nur die DDR:

„Tatsache ist, Religionslosigkeit kann gefährlich sein. Denken Sie nur an die schlimmsten religionslosen Verbrecher des 20. Jahrhunderts: Stalin, Hitler, Mao Zedong, Pol Pot.“

Also das ist die entscheidende Gemeinsamkeit zwischen diesen monströsen Figuren: die gefährliche Religionslosigkeit! Wie gut, dass alle „religiös“ motivierten Herrscher immer nur Frieden über die Welt gebracht haben. Sorry für den Zynismus, aber bei diesen Aussagen fällt es schwer, sachlich zu bleiben.

Das gesamte Interview gibt es hier.

Wahrscheinlich falle ich auf den alten Irrglauben herein, dass man von Politikern irgendwie erwarten kann, dass sie halbwegs ausgewogene und religiös wertneutrale Aussagen von sich geben. Dass sie Werte wie Menschlichkeit, Toleranz und Friedensliebe nicht im selben Atemzug wie „Religion“ nennen müssen. Dass sie uns nicht erzählen, dass Religion zum Frieden und Religions-Freiheit zu Krieg und Mord und Totschlag führen.

Aber vielleicht will ich diesen Glauben noch nicht ganz aufgeben und verleihe deshalb Wolfgang Thierse für seine anschaulichen Ausführungen zum religiösen Fundamentalismus den „Haudrauf der Woche„.

Peter Teuschel

Und bei diesem Thema darf das hier auch nicht fehlen:

(ich weiß, dass alle Beatles-Fans sie hassen, aber ich liebe es, wie sie hier das Licht reinlässt   :))

 

2 Responses
  1. Ich liebe IMAGINE…. Danke!

    Mein Gott, was Menschen so von sich geben… es ist förmlich sensationell.
    Man beachte die äußerst differenzierte Sichtweise. Es fasziniert mich immer wieder, wie EINFACH die Welt für manche Personen zu sein scheint. Wenn man sich vorstellt, wie differenziert solche Menschen auch andere Problematiken sehen, verwundert es nicht mehr, dass die Welt unter solchen Politikern „den Bach runtergeht“…
    Es bleibt mir wiederum nur, mit offenem Mund & ungläubigem Kopfschütteln die Geistesverfassung mancher Menschen zu bestaunen…
    Best Regards! Eva

  2. Da servier ich dem guten Mann doch gleich noch einen Extranachschlag
    „Wenn der ,der zuhört nicht weiß,
    was der,der spricht meint,
    und wenn der spricht selbst nicht weiß was sein sprechen bedeutet,
    dann ist das Politik deren mehrfach geschöntes Verfallsdatum,
    dem geistigen Zersetztungsprozeß nicht Herr werden konnte.

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