Haudrauf der Woche: Lucien Favre

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An sich kann es mir als Fan des FC Bayern ja egal sein, was die Gladbacher machen. Aber irgendwie mag ich diese Borussia. Das liegt sicher zum Teil an Max Eberl, dem Manager der Fohlen. Als gebürtiger Niederbayer hat er von Haus aus meine Sympathien, aber auch darüber hinaus ist er aufgrund seiner offenen Art und seiner ehrlichen Analysen ein Gewinn für jedes Interview.

Ganz im Gegensatz zum Trainer Lucien Favre. Ja, er hat die Gladbacher im Abstiegskampf  2011 übernommen und dann gings nur noch bergauf. Bis hin zur Qualifikation für die Champions League, in der sie diese Saison spielen. In der Rolle des gefeierten Helden gefiel sich Favre offensichtlich. Sie schmeichelte dem Ego des immer etwas humorlos erscheinenden Schweizers.

Jetzt, da die Borussen alle bisherigen Spiele der laufenden Saison verloren haben, wirft Favre hin. Er sei nicht mehr sicher, ob er noch der beste Trainer für diesen Verein sei, ist seine offizielle Begründung.

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Lucien Favre (Wikipedia Commons)

Na und, mag man sagen. Seine Sache. Auch ein Cheftrainer darf kündigen.

Klar, jeder darf das. Auch der Chefarzt der Chirurgie. Aber vielleicht nicht gerade dann, wenn ein komplizierter Fall auf dem OP-Tisch liegt und eine Blutung schwer zu stillen ist. Da zu sagen: „Ich glaube, ich bin nicht mehr der richtige Mann für diese Operation“ und seinen Job hinzuschmeißen, nein, das geht gar nicht.

Was mich an Favres Entscheidung stört, ist, dass er mit der Art und Weise seines Rücktritts ein denkbar schlechtes Vorbild abgibt. In meinen Augen wird er seiner Verantwortung, die er mit Unterzeichnung seines Vertrages eingegangen ist, nicht gerecht. Er stellt seine eigene Befindlichkeit über die Aufgabe, zu der er sich verpflichtet hat. Er macht sich aus dem Staub zu einem Zeitpunkt, wo er am meisten gebraucht würde. Mag sein, dass irgend eine Kränkung dahinter steckt, das macht es aber auch nicht gerade besser.
Er haut seinem Verein mit seinem Abgang ordentlich eins drauf und verdient sich damit den „Haudrauf der Woche„.

Ja, ich weiß. Was jetzt kommt, ist schlimm. Schlimmer als jeder Kalauer. Tut echt weh. Aber Assoziationen sind Assoziationen und die haben ihre ganz eigenen Regeln. Außerdem wollte ich diese wunderbare schottische Version des alten Klassikers immer schon mal posten:

You picked a fine time to leave us, LUCIEN!

Peter Teuschel

 

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7 Responses
  1. You have done it at right time! Bleibt ein toller Song. Mit Ukulele viel besser als Marilyn es je gekonnt hätte. Gibt es wirklich falsche Zeiten? Sind es nicht eher falsche Gründe und Umstände?

  2. … nix für ungut, lieber Herr Teuschel – aber was mich am Fußball viel mehr aufregt ist der Umstand, daß da Menschen mit oftmals wenig Licht im Oberstübchen für eine Tätigkeit mit null Verantwortung eine unsägliche Menge Geld verdienen. Ob da einer als Trainer seine verantwortungsfreie Tätigkeit für verantwortungsfreie Spieler irgendwo aufgibt, um dann woanders keine Verantwortung zu übernehmen, ist schnurz. Ist nicht heutzutage Fußball das Opium fürs Volk, die Ersatzreligion schlechthin? Was interessieren mich die Dealer?

    • Wenig Licht im Oberstübchen? Nicht alle, lieber Herr Nunhofer:

      Und die Trainer der Mannschaften der Fußball-Bundesliga stehen nun mal im Fokus des öffentlichen Interesses. Sie haben eine Vorbildfunktion, ob uns das gefällt oder nicht.

      • osterhasebiene langnase Antworten

        Schöne Rede…gefällt mir sehr gut. Authentisch und richtig – meiner Meinung nach. Es eine Freude Menschen zuzuhören, die frei weg ohne Gekünsteltheit ihre Meinung sagen.

    • osterhasebiene langnase Antworten

      Im Großen und Ganzen stimme ich Ihnen, Herr Nunhofer, schon zu. Ich denke, der Wunsch der Fans nach den großen Vorbildern ist ein Spiegelbild unserer vielbesungenen vaterlosen Gesellschaft, eine Suche nach Orientierung und Halt gebenden Instanzen. Ein Religionsersatz, wie sie sagen. Es geht „ihnen“ um den Profit, die Menschen wollen aber Werte. Diese sind nicht im Außen zu finden, in Wahrheit werden all diese „Anhänger“ verarscht und emotional missbraucht. Das Geschäft mit unseren Gefühlen und Sehnsüchten boomt. Wir kaufen keine Waren sondern Emotionen (wie Liebe und Geborgenheit). Die Lösung ist aber nicht darin zu finden, alles und jeden zu verteufeln, sondern differenzierter den einzelnen Menschen zu betrachten. Es gibt die Menschen noch, die die väterliche Instanz in ihre Persönlichkeit integriert haben und sie daher nicht in den großen „Führern“ im Außen suchen müssen. Man erkennt sie an ihrer Authentizität und Sprache.

  3. Christian Tanner Antworten

    Sehr geehrter Dr. Teuschel, vielen Dank für Ihren Haudrauf der Woche. Ich finde aber, dass der Vergleich mit dem Chefarzt der Chirurgie ein wenig hinkt: Frei nach den Sportfreunden Stiller, geht es beim Fußball doch nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr ! 😉 Beste Grüße, Christian Tanner

  4. Der Christian Streich erreicht mit seinem Interview ein Publikum,das wohl normalerweise weghört bei solchen Statements . Genau das, finde ich, ist doch das Interessante am Fußball, dass man hier quasi klassenlos, Schichten übergreifend ins Gespräch kommen kann.
    Hätte Joschka Fischer oder ein Philosoph etwas ähnliches gesagt, wäre es vielleicht in der „Zeit“ abgedruckt worden oder in der SZ, wäre aber vom eigentlichen Zielpublikum ignoriert worden.
    Hat mir Spaß gemacht ihm zuzuhören, sowas macht Freude und Lust aufs Weiterleben.

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