Haudrauf der Woche: Der österreichische Werberat

HdW

Gut, um der political correctness zu ihrem Recht zu verhelfen:

Anstößige Formulierungen in der Werbung, die mit für Jugendliche ungeeignetem Sprachgebrauch operieren, lehne ich ab.

Allerdings habe ich gelegentlich den Eindruck, man sollte die Werbung vor der unter Jugendlichen verbreiteten Sprache schützen. Damit nicht Erwachsene, die dieser Sprache nicht gewachsen sind, Anstoß oder gar Schaden nehmen.
Aber gut, das ist ein anderes Thema.

Vor ein paar Wochen hatte ich das Vergnügen, in Wien im 25hours-Hotel abzusteigen und einige Tage dort zu verbringen.
Ein Design-Hotel, das diesen Namen wirklich verdient. Alle Zimmer haben andere Motive aus dem Zirkus-Milieu.
Schreibtisch und Stuhl in meinem Zimmer, die ich ausgiebig nutzte, hatten den Charme von Campingplatz-Möbeln. Der Papierkorb war ein veritabler Eimer:

IMG_0342

Kurz, eine Umgebung, die so richtig Spaß macht und zusammen mit der grandiosen Aussicht fürs Schreiben bestens geeignet ist.

Das hoteleigene Lokal heißt 1500 foodmakers und bietet super Nudelgerichte und prima Pizza.

[Und nein – dies ist keine Schleichwerbung für dieses Hotel. Ich bekomme nichts für diesen Artikel und werde auch nicht dazu erpresst, ihn zu schreiben. Aber gute Erfahrungen gibt man eben gerne weiter.]

Komm zum Thema, Teuschel! höre ich jetzt einige fordern.

Dabei bin ich doch gerade dabei.
Das Lokal des Hotels wirbt mit dem Slogan – nein, zuerst sollte ich noch etwas anderes erwähnen. Vor der Eröffnung des Hotels nahmen offensichtlich einige Anwohner Anstoß an dem Namen und wähnten ein fünfundzwanzig-Stunden-Etablissement, also einen mehr als rund um die Uhr geöffneten Sündenpfuhl.
Nachdem auch noch über dem Eingang steht „we are all mad here“ kannte die Besorgnis keine Grenzen mehr. Rotlicht und Irrsinn – diese Assoziationskombi brachte die Volksseele in Wallung. (Den Original Brief hat 25hours auf facebook veröffentlicht).

Ja, was wollte ich noch mal sagen? Ach ja, der österreichische Werberat!
Der hat jetzt das Hotel aufgefordert, in Zukunft bei der Gestaltung von Werbemaßnahmen oder einzelner Sujets sensibler vorzugehen.“

Diese Abmahnung bezieht sich auf den Slogan, mit dem das Restaurant 1500 foodmakers wirbt:

Fuck it. Eat Pizza.

Also jetzt mal ganz ehrlich: Gibts denn  keine wirklich beanstandenswerten Werbe-Slogans mehr? Die Bedeutung von „fuck it“ hat sich mindestens genau so weit von der ursprünglichen Verwendung des Begriffes entfernt wie das häufigste Adjektiv/ Adverb der Teenie-Sprache: „Geil“.
(Wurde eigentlich Saturn wegen „Geiz ist geil“ abgemahnt?)

Für mein Empfinden ist das nicht nur übertrieben, sondern es offenbart eine gewisse Rückständigkeit in Bezug auf die Entwicklung unserer Sprache.
Klar, man sollte nicht alles einfach so akzeptieren und die Geschichte mit „geil“ finde ich selber uncool endkrass ätzend ziemlich doof.

Jedenfalls muss ich mich jetzt mal outen:

IMG_3712

 

Dieses verräterische Foto zeigt mein Essbesteck während eines Abendessens.

Gut, ich gebs zu:

Been there. Fucked it. Ate Pizza.

Ich hoffe, dass jetzt nicht der österreichische Werberat meinen Blog beanstandet.
Zur Besänftigung verleihe ich ihm wegen seiner schräg daneben liegenden Bemühungen um Sitte und Anstand den „Haudrauf der Woche“.

Peter Teuschel

6 Responses
  1. Ach – wie herrlich: Ein Hotel mit dem Slogan: “we are all mad here” – da würd ich mich sofort zuhause fühlen !
    Das Besteck ist der Überhit *lol*
    Und da Vienna nicht weit ist – DANKE für den geilen Tipp *gg*.
    Und für die allerbeste Abendunterhaltung – ich liebe Ihre Art zu schreiben! thx for making me smile!

  2. Ein guter Tipp von Ihnen für Wien! 25Hours ist eine Hotelkette von der es allein in Deutschland ca. 8-10 gibt. Zwei davon in Hamburg.

    Was die gewisse Rückständigkeit der österreichischen Politiker angeht, so hätte ich damit keine Probleme dieses bei meiner nächsten Werbekampagne auszuschlachten und ins Marketing einzubauen. Kostenlose Werbung – sozusagen!

    Leider am falschen Ort – nämlich in Wolfsburg. Wann kommt man da schon mal hin – ist das Hotel „einschlaf“ (bitte klein geschrieben!).
    Es ist das wohl kleinste 3-Sterne komfort Hotel in Deuschland. Viele Zimmer gibt es wirklich nicht.
    Ich hatte dort mal die Gelegenheit zu übernachten, als ich zu einer Familienfeier nach Wolfsburg eingeladen war. Allein das Frühstücksbuffet ist eine Wucht. Vermutlich so an die 50 verschiedene Variationen von Müsli, angerichtet auf der linken Seite es Buffets. Zur rechten Seite geht es dann erst richtig los mit fast allem was das Herz begehrt. Eigentlich schon fast ein Brunch Buffet.

    Hier der LInk: http://www.einschlaf.de/

  3. Ich hab lange überlegt, ob ich hierzu kommentieren soll, weil zwei Herzen in meiner Brust schlagen …
    Ja, es ist lustig. Und ja, fuck ist semantisch nullwertig, insofern ein recht harmloser Ausdruck. Ich als Erwachsene hätte damit genau kein Problem.
    Ich widerspreche Ihnen allerdings, was diese Bemerkung angeht:
    „Die Bedeutung von “fuck it” hat sich mindestens genau so weit von der ursprünglichen Verwendung des Begriffes entfernt wie das häufigste Adjektiv/ Adverb der Teenie-Sprache: “Geil”.“
    Nein, genau das hat sie bei Jugendlichen meiner Erfahrung nach eben nicht.
    Dem Wort „geil“ gab man genug Zeit, dass es eine Bedeutungsveränderung durchmachen konnte. So richtig „gekippt“ ist die Bedeutung, würde ich sagen, irgendwann in den 80er-Jahren. Zumindest war „geil“, als ich jung war, schon noch ein bisschen verrufen. Heutzutage kratzt das keinen mehr.
    Dem Wort „fuck“ hat man diese Zeit (noch) nicht gegeben. Ja, in England „darf“ man das. Und kann es völlig harmlos mit „verflixt“ oder so übersetzen. Fucking weather usw., was weiß ich.
    Jugendliche benutzen es aber noch oft genug provokativ im eigentlichen Sinn, wörtlich übersetzt also ungefähr als „verfickt“. Und da ist bei mir die Grenze erreicht, wo ich das nicht mehr toleriere, sondern als ungut empfinde. Und so harmlos es Erwachsene empfinden mögen, Bemerkungen wie „fucking bitch“ und dergleichen sind leider eben nicht harmlos gemeint.
    Deshalb kann ich die Herren vom österreichischen Werberat zumindest ein bisschen verstehen, auch wenn es mir als Weit-Ü-30/Knapp-U-40 gar nicht aufgefallen wäre, weil ich an „fuck it“ soweit eben auch nichts Schlimmes finden kann.
    Ich glaube, das war jetzt ein bisschen wirr. Ich hoffe, es kam rüber, was ich damit ausdrücken wollte.

    • Was die kids angeht, da sind Sie natürlich näher dran als ich.
      Und „fucking bitch“ würde ich auch als no go sehen.

      Bei „fuck it“ glaube ich aber mittlerweile an ein Idiom, das sich von der ursprünglichen Bedeutung weg und hin zu einem zwar derben, aber eben inhaltlich entsexualisierten Begriff gewandelt hat.

      Der Duden hat übrigens das „geil“ schon ziemlich verdaut, während bei „fuck“ als erster Begriff noch „Muckefuck“ auftaucht.

      Der Werberat ist da wohl eher traditionalistisch, wahrend die 1500 foodmakers sich eher futuristisch positionieren.

      Hey, ich glaube, wir sind gerade Zeugen einer semantischen Evolution!

  4. Liebe Frau Hilde, Lieber Hr. Dr. Teuschel, ganz so freizügig wie in Deutschland sind eben nicht alle Länder und die semantische Evolution läßt nicht gerade zuletzt in England noch auf sich warten. Nachdem meine Schwester einen Briten vor über 30 Jahren geheiratet hatte und ich nun dort auf der Insel Familie habe, denke ich das ich dazu etwas sagen kann.
    In England wird noch immer strickt im Radio oder Fernsehen das Wort Fuck, Shit usw. überpipst. Falls es mal sein sollte, das es im gedruckten erscheint wird es in etwa so geschrieben: F***
    Hätten Sie also Hr. Dr. Teuschel ihr Pizza in einem der 25hours Hotels in England gegessen, hätten Sie diesen Spruch so nicht auf Ihrem Messer gefunden. Da bin ich mir sicher.
    Es ist schon einige Jahre her, da las ich in der Sunday Express (bin mir des Namens der Zeitschrift nicht mehr sicher) folgendes. Eine Rockband wollte unbedingt auf ihrem Cover (CD/LP) das Wort „Fuck“ abgedruckt haben. Da man das auf der Insel nicht so einfach drucken lassen darf, klagten Sie vor Gericht. Deren findiger Rechtsanwalt konnte dann einen Kompromiss herausschlagen. Das Druckbild wurde abgeänder so einer Schreibweise, die nun nicht mehr rechtswidrig war. Es wurden Punkte zwischen die Großbuchstaben gesetzt, so daß es nun kein Wort mehr war (im rechtlichen Sinne), sondern für eine Abkürzung die für eine Ansammlung von Worten stand. F.U.C.K.
    – und darunter stand dann noch
    „for unlawful carnal knowledge“.
    Ich meine die Überschrift der Zeitung lautete auf Deutsch in etwa: Wie blöd sind wir eigentlich.

    Ich habe ja keine Kinder, aber generell finde ich es bei Kindern und Jugendlichen nach wie vor nicht so gut, wenn diese eine Sprache herausbilden, die aus Kraftausdrücken und sexuellen Anspielungen steht. Da sind für mich in erster Linie die Eltern in der Pflicht mit geeignetem Beispiel voranzugehen.

Leave a Reply

Kommentar verfassen