Gustl Mollath: Man darf gespannt sein!

Lieblingsthema der Presse: Gustl Mollath

Ein Thema sticht in diesen Tagen in den Medien besonders hervor, sei es im Internet oder in den Zeitungen: der Fall Gustl Mollath.

Mollath  hatte 2003 seine Frau gewürgt und die Reifen mehrerer Personen zerstochen. 2006 war er von einem Gericht nach einem psychiatrischen Gutachten für schuldunfähig erklärt worden. Seither sitzt er in der forensischen Psychiatrie ein, derzeit im Bezirksklinikum Bayreuth.

Die Schuldunfähigkeit resultierte aus einer dem Probanden damals diagnostizierten Wahnerkrankung. Mollath hatte sich allerdings geweigert, sich psychiatrisch begutachten zu lassen. So war das Gutachten nach Aktenlage erstellt worden.

Ins öffentliche Interesse gelangte der Fall jetzt, nachdem sich herausstellte, dass die damals von Mollath behaupteten Schwarzgeldgeschäfte der HypoVereinsbank mit Geldverschiebungen in die Schweiz offensichtlich der Realität entsprachen.

Glaubt man den zahlreichen Presseberichten, so waren ihm damals diese Behauptungen als Wahn ausgelegt worden.

Jetzt wird unter großem öffentlichen Druck der Fall neu aufgerollt und Gustl Mollath soll erneut begutachtet werden.

Ich bin sehr gespannt, was dieses aktuelle Gutachten ergibt und hoffe sehr, dass es einer unserer renommierten Forensiker übernimmt, vielleicht Prof. Nedopil oder Prof. Saß.

So einfach, wie gelegentlich zu lesen ist, verhält es sich nämlich nicht in diesem verzwickten Fall.

Zunächst einmal ist unklar, ob sich die Diagnose einer paranoiden Störung lediglich auf diese Schwarzgeldaffäre stützte oder ob noch andere Denkinhalte dafür herangezogen wurden.

Es ist keinesfalls ausgeschlossen, dass Mollath im Fall der HVB Recht hatte und trotzdem wahnhaft ist.

Die Kriterien des Wahns

Was ist eigentlich ein Wahn?

Nachdem es keine gültige Definition gibt, beschreibt man den Wahn meist anhand der so genannten Wahnkriterien. Diese sind nach Karl Jaspers:

– Unmöglichkeit des Inhalts

– unvergleichliche subjektive Gewissheit

– Unkorrigierbarkeit (Unbeeinflussbarkeit durch Erfahrungen oder zwingende Schlüsse)

Zum Beispiel: eine meiner Patientinnen berichtet mir, eine Geheimorganisation, die das ganze Universum beherrscht, habe ihr Blut gegen das ihres Nachbarn ausgetauscht. Woher sie das wisse? Das sei ihr einfach eines Tages klar gewesen. Von dieser Überzeugung lässt sie sich seit Jahren nicht abbringen.

Hier haben wir das Unmögliche (Blut kann man nicht austauschen), eine Gewissheit ohne hinreichende Begründung oder Erfahrung („ist mir einfach klar geworden“) und eine Unkorrigierbarkeit (sie lässt sich durch nichts davon abbringen).

Ein klarer Fall von Wahn.

Auch wenn es nicht immer so eindeutig ist, so haben Wahnideen meist etwas Bizarres, Schräges an sich, etwas, das so sehr außerhalb unserer Erfahrungen steht, dass wir meist spontan am Wahrheitsgehalt zu zweifeln bereit sind, auch wenn wir nicht überprüpfen können, ob etwas dran ist. Hinzu kommt, dass in den meisten Fällen ein Wahn nicht isoliert als einziges Symptom auftritt, sondern im Rahmen einer Erkrankung (z.B. einer Schizophrenie), die außer dem Wahn noch weitere Symptome hervorbringt wie etwa Stimmenhören oder das Gefühl, die eigenen Gedanke wären von außen eingegeben (so genannte Ich-Störungen). Diese Kombination vielfältiger Symptome führt dann meist schnell zur richtigen Diagnose.

Schwierig: der isolierte Wahn

Allerdings gibt es Wahnstörungen, die wirklich nur den Wahn als einziges Symptom haben. Hier sollte man dann schon sehr genau hinschauen, ob die Berichte des Patienten nicht doch einen Wahrheitsgehalt haben.

In diesen Fällen wären Gewissheit und Unkorrigierbarkeit ebenfalls gegeben (schließlich sind wir uns unserer Realitäten gewiss und lassen uns auch nicht darin korrigieren), so dass man sich um das dritte Wahnkriterium, die Unmöglichkeit, schon etwas mehr Gedanken machen muss.

Noch ein Beispiel: Ich bin mir sicher, dass ich Peter Teuschel heiße und Psychiater bin. Da lass ich mich auch nicht davon abbringen. Also zwei Wahnkriterien erfülle ich schon mal (Unkorrigierbarkeit und Gewissheit). Nachdem es jetzt aber durchaus möglich ist, dass ich wirklich Peter Teuschel und auch noch Psychiater bin, ist das dritte Kriterium nicht gegeben. Kein Wahn. Noch mal Glück gehabt, Teuschel.

[Okay, ein bisschen gemogelt ist das Beispiel schon. Die subjektive Gewissheit meint streng genommen eben diese Unmittelbarkeit des Erlebens wie bei der oben erwähnten Patientin, die sich nicht aus der Lebenserfahrung ableiten lässt, sondern die auf einer plötzlich auftretenden Gewissheit beruht, die nicht näher hinterfragt wird. Und die Unkorrigierbarkeit wird besonders deutlich, wenn man dem Patienten Gegenbeweise vorlegt (also wenn mir z.B. jemand meinen Ausweis mit einem ganz anderen Namen vorlegen würde). Aber knifflig ist die Sache trotzdem.]

Mobbing und Wahn

In meiner täglichen Arbeit mit Mobbing-Betroffenen taucht gelegentlich auch diese Frage auf. Mitunter kommen Patienten in die Praxis, weil sie von der Mobbing-Spezialisierung gehört haben. Das „Mobbing“, das sie schildern, findet dann z.B. durch die Nachbarn statt, die seit Monaten den Patienten traktieren: mit nächtlichen „Einflüsterungen“, telekinetisch erzeugten Herzrhythmusstörungen und schädigenden Gamma-Strahlen, die als Brennen auf der Haut gespürt werden.
In den allermeisten dieser Fälle ist die Diagnose schnell zu stellen: Es handelt sich nicht um Mobbing, sondern um eine handfeste Psychose mit Wahnsymptomen, akustischen und taktilen Halluzinationen und Fremdbeeinflussungserlebnissen. Der Begriff „Mobbing“ wird vom Patienten verwendet, weil er damit seine Erlebnisse am besten umschrieben glaubt.

Andererseits sind gerade Erfahrungen im Rahmen von realen Mobbing-Erlebnissen hin und wieder so eindrücklich und „unglaublich“, dass ein Untersucher, der hier wenig Erfahrung hat, auch geneigt ist, an einen Wahn zu glauben. Diese Fälle können dann sehr schnell wirklich knifflig werden.

Und an diesem Punkt sind wir wieder bei Gustl Mollath.

Vielleicht hat er ja eine wahnhafte Störung, die ihn schuldunfähig und gefährlich macht. Vielleicht hat er sich aber nur extrem aufgeregt, weil ihm keiner seine Geschichte glauben wollte.

Mir geht es hier gar nicht um seine Straftat (Würgen der Ehefrau, Zerstechen von Reifen), sondern darum, ob die „Unmöglichkeit“ bei ihm vielleicht das entscheidende Kriterium war, durch das seine Aussagen als Wahn deklariert wurden. Dass seine Denkinhalte sich jetzt doch nicht nur als möglich, sondern sogar als wahr herausgestellt haben, rechtfertigt in jedem Fall die erneute Begutachtung.

Wie gesagt: Ich bin sehr gespannt.

Peter Teuschel

One Response
  1. Rein logisch erschließt sich mir nicht, warum sich Blut nicht austauschen lassen soll – gewisse Restmengen an eigenem Blut und die Eigenproduktion mal vernachlässigt.

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