Die medialen Minister des grausamen Humors

Nachdem ich auf meinen letzten „Haudrauf der Woche“ doch einiges an feedback bekommen habe, lässt mich das Thema noch nicht ganz los.

Gerade in Zeiten der mitunter heftigen Diskussion um die Aufnahme von Flüchtlingen, wie sie gerade auf Facebook und Twitter mit hohem Wellengang geführt wird, stößt mir eine ganz andere Art der Diskriminierung ziemlich auf. Nicht nur im letzten Haudrauf, sondern auch in diesem Beitrag habe ich darauf hingewiesen, dass sich eine Form des Lästerns, des Sich-lustig-Machens eingenistet hat, die mich zutiefst abstößt. Dies um so mehr, als sie mit einer gewissen Coolness daherkommt, mit Meinungsmachern wie Böhmermann, Raab und Pocher. Es scheint eine Art medialer Konsens zu sein, deren Humor als modern, trendsetzend und anerkannt lustig zu akzeptieren.
Klar, die Jungs machen Quote. Dass jubelnde Massen nicht unbedingt ein Maßstab für Qualität und Integrität sind, muss ich hier nicht näher ausführen.

Wenn man da nicht mitmacht und mitlacht, trifft einen erstaunlicherweise der Zorn derjenigen, die sich in diesem Zwangsmodell des medial bejubelten Humors befinden.

Was mich stört, ist überhaupt nicht der mitunter krude Spaß, um den es da geht. Der Meister dieser Form des Entertainments ist ohnehin Harald Schmidt, der gezielt Grenzüberschreitungen begangen hat, aber das in einer Weise, dass man als Zuschauer jederzeit genau das empfinden konnte: Boah, jetzt haut er wieder über die Stränge, der Schmidt. Die Grenze, die er überschritten hat, war immer definiert.

Ganz anders bei den oben genannten Show-Größen. Deren Erfolg gründet sich zu einem gewissen Teil auf gezieltes Abwerten und Lächerlichmachen einzelner Menschen. Sei es die Affäre um Lisa Loch bei Raab, seien es Pochers Entgleisungen gegenüber einer Zuschauerin bei „Wetten Dass“ oder seine rassistischen Äußerungen beim Wiener Opernball.

Es scheint eine seltsame Form der Unangreifbarkeit für diese Menschen zu geben, eine Art medialer Immunität, die zwar durch gerichtliche Entscheidungen aufgehoben werden kann, interessanterweise aber der Popularität keinen Abbruch tut.

Jüngstes Beispiel ist der Fake-Account „Kundendienst“ auf facebook, der mit mittlerweile über 75000 „likes“ viele begeisterte Anhänger hat.  Ich möchte hier nicht wiederholen, was ich bereits im letzten „Haudrauf“ angeprangert habe, nämlich die gezielte Diskriminierung psychisch kranker Menschen.

Wo ist der Unterschied zwischen tumben Rechtsradikalen, die gegen Ausländer hetzen und den coolen Diskriminierern vom Schlage des Facebook Kundendienstes?

Ehrlich gesagt fällt mir die Grenzziehung immer schwerer.

Mir drängt sich eine Assoziation auf: Betrachtet man sich die Situation von Mobbing-Konstellationen an Schulen, so erkennt man, dass nicht der intellektuell begrenzte Schläger auf dem Pausenhof der Standard-Mobber ist. Vielmehr sind es die coolen Kings und Queens in den Klassen, die durchsetzungsfähigen, empathisch wenig belasteten Herrscher der Klasse, die als Mobber in Erscheinung treten. Es sind die Raabs und Pochers der Schule, die eine Anhängerschaft um sich scharen und unter dem Beifall ihrer Bewunderer wie auch unter dem Schweigen derer, die Angst vor ihnen haben, einzelne Opfer drangsalieren.

In meinen Augen spricht es für die Infantilisierung unserer Gesellschaft, dass sich die selben Typen auch mit den selben Methoden medial hervortun, einzelne piesacken und auch nicht vor Diskriminierung von Randgruppen zurückschrecken.

Ich empfehle allen, sich den sehr aussagekräftigen Kommentar von „Frida“ (vom 5.8.2015) zum letzten Haudrauf durchzulesen. Darin schreibt sie über die psychodynamischen Hintergründe öffentlicher Beschämungen. Diese dienen dazu, eigene Schamgefühle vorübergehend ablegen zu können, weil sie auf die Opfer der öffentlichen Beschämung projiziert werden können.

So gesehen könnte man Pocher und Co. geradezu zu Staatsministern ernennen. Minister eines öffentlich verordneten Humors, der seine hauptsächliche Wirkung daraus zieht, dass immer einer bloßgestellt wird, damit alle anderen über ihn lachen und sich überlegen fühlen können. Ein Humor der scheinbaren Sieger, die sich in ihrer Mittelmäßigkeit besser fühlen dürfen, weil es immer einen gibt, auf den man hinunterblicken kann. Ein Humor der Coolness, die sich nur aus einer Quelle speist: Der Ignoranz gegenüber den scheinbar nicht ganz so Coolen, den als solchen erlebten Losern, den Menschen, die zufällig „Lisa Loch“ heißen, zufällig an einer Schizophrenie leiden oder zufällig ganz normale, unauffällige und anständige Menschen sind. Ein Humor im Sinne einer kleingeistig intoleranten Haltung.

In ihrer Bösartigkeit, ihrer Tendenz zur Ausgrenzung und ihrem Angebot zum Schulterschluss gegenüber „den anderen“ machen mir die Staatsminister des coolen Humors ebenso viel Angst wie die grölenden Rechten aus Freital und anderswo.

What´s going on?
(Die Band wählte den Namen 4 Non Blondes nach einer Begebenheit in einem Park in San Francisco: Als die Bandmitglieder dort Pizza aßen, ging eine Familie vorbei, deren kleiner Sohn mit den Resten der Pizza Vögel füttern wollte. Er wurde deswegen von seinen Eltern gerügt, da die Pizzareste dreckig seien; dabei schauten sie die Bandmitglieder abschätzig an. Die Mitglieder dieser Familie waren alle blond, und so entschied die Band spontan, sich 4 Non Blondes (dt. ‚4 Nichtblonde‘) zu nennen.. Quelle:Wikipedia)

Peter Teuschel

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8 Responses
  1. osterhasebiene langnase Antworten

    Da kann ich Ihnen, lieber Herr Dr. Teuschel, wieder mal nur zustimmen. Genau die „Coolen“ und die „Rechtsradikalen“ machen mich ratlos. Der Kommentar von „Frieda“, auf den sie oben verweisen, erklärt dieses Phänomen wirklich sehr überzeugend. Ich hab für diese gesellschaftliche Entwicklung auch so meine eigenen Theorien, aber ob´s stimmt, weiß ich nicht. Ich glaube, wir befinden uns in einem gesellschaftlichen Umbruch, von der „Ressourcennutzungsgesellschaft“ hin zur „Potenzialentfaltungsgesellschaft“ (Begriffe stammen von Prof. Dr. Gerald Hüter) und sind aber noch nicht alle reif dafür, Ich denke, es ist nur ein Zwischenstadium, hoffe es zumindest.

  2. Das scheint ja geradezu ein menschliches Grundprinzip zu sein: Scham und auch Schuldgefühle werden projiziert um sie nur ja nicht selbst wahrnehmen zu müssen.
    Im „ Kleinen“, im Einzelfall kann man so Leute in den Suizid treiben, im „ Großen“ entstehen so Kriege. Wie dumm, wie DUMM.
    Dabei hätte man doch bei der Selbstwahrnehmung die Möglichkeit sich zu erkennen. Was für eine Chance wird da vertan! Die wollen lieber Schauspieler bleiben auf der Bühne des Lebens, die wollen sich lieber fremd bleiben. Die Leben nicht, die fühlen nicht, die maskieren sich.
    Die sehen ihre Taten gar nicht als Taten. „ Den Hass auf die eigene Schwäche, die nach außen und auf andere „Schwache“ projiziert wird, lassen wir als Tatmotiv nicht zu.“( Arno Gruen//dem Leben entfremdet )

  3. Danke für diesen sehr interessanten und toll formulierten Artikel, der mich sehr nachdenklich gestimmt und mir eine ganz neue Perspektive eröffnet hat. Ich habe das bisher in dieser Klarheit
    noch nicht so sehen und benennen können!

    An Ihren Beschreibungen kann man erkennen, dass die von Ihnen erwähnten Entertainer viel Bewunderung für Ihre Sarkasmen, ihre Ironie und ihren grausamen Humor ernten. Sie haben und brauchen scheinbar ein großes „Publikum“ das „bewundernd zu ihnen aufschaut“. Sie werden beachtet, zitiert, und sogar nachgeahmt, so als wären ihre Aussagen eine Art “Offenbarung“ und
    dabei wirken sie emotional völlig unbeteiligt. Wenn ich solche Aufritte höre und sehe, dann bekomme ich den Eindruck, dass diese Menschen das Leben, die Welt und andere Menschen überhaupt nicht ernstnehmen. Was aber ist an dieser Einstellung so bewundernswert? Ist jeder
    Mensch, der keine Witze macht, das Leben, die Welt, sich selbst und andere Menschen ernstnimmt, ein “humorloser“ Zeitgenosse, ein “Spaßverderber“ also jemand, der “keinen Spaß“ versteht?
    Es gibt Menschen, deren Wunsch es ist, keine Witze (auf Kosten anderer) mehr zu machen und das Leben, sich selbst und andere Menschen ernst zu nehmen. Echter Humor ist warmherzig, er verletzt nicht die Gefühle anderer Menschen, macht sich nicht über deren Behinderungen, Schwächen oder deren Aussehen (und vieles andere mehr) lustig. Solche Menschen werden von oben genannten
    Entertainern und deren Bewunderer vermutlich als “Gutmensch“ verächtlich gemacht, so wie
    Doktor Stephan Marks (Autor von “Scham, die tabuisierte Emotion“) es in einem Interview mit Helga König beschrieben hat:
    “Wer seinen Mitmenschen mit einer offenen Haltung (etwa mit Empathie, Liebe oder Hoffnung) begegnet, der macht sich sehr verletzbar. Er oder sie ist in Gefahr, z.B. als “Gutmensch“ oder “weltfremder Idealist“ verächtlich gemacht zu werden. Um dies zu vermeiden, verschanzen sich viele Menschen hinter negativistischen oder zynischen Äußerungen (“das bringt ja alles nichts“). Damit versucht man sich vor Beschämung zu schützen. Allerdings hat dies zur Folge, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen einfrieren“.

    Ich weiß nicht, wie die anderen die hier mitschreiben darüber denken, aber ich bin der Meinung, dass Sie mit Ihrer Empfindung, dass ein öffentlich verordneter Humor Angst machen muss, Recht haben.
    Öffentlich verordneter Humor bedeutet, dass wir die Macht und die Verantwortung für uns selbst und unsere Entscheidungen darüber, was wir als Humor bezeichnen oder als solchen empfinden, in
    die Hände dieser Entertainer legen, die das für uns bestimmen und zukünftig darüber entscheiden werden. Sie werden also nicht nur bewundert sondern gewinnen auch an Macht, weil sie für uns entscheiden, dass wir ihren grausamen Humor, ihre Sarkasmen und ihre Ironie “lustig“ finden müssen. Wehren wir uns dagegen, dann werden wir vielleicht als “Gutmensch“
    verächtlich gemacht und so beschämt, wie die Personen, die zuvor zur Zielscheibe ihres grausamen Humors geworden sind und für die wir Mitgefühl zeigen und uns womöglich für dieses Mitgefühl auch noch schämen werden müssen.

    Sie haben mit Ihren Worten meine eigenen Wahrnehmungen bestätigt und es ist ein Trost für mich, dass ich mit diesen Empfindungen nicht alleine bin.

  4. Sie schreiben gut,liebe Frieda, und mir aus der Seele, das tut gut. Wehren sollte man sich schon dagegen , einfacher Boykott solcher niveaulosen Pappnasen nützt nicht viel denn wir sind ja viel zu wenige. Das affige, beleidigende Kunstwort „Gutmensch“ geht mir sowas von auf die Nerven… ich kanns nicht mehr hören… und fühle mich längst nicht mehr beleidigt sondern eher aufgewertet.

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