Die Angst beim Psychiater

Anfang der Woche erzählte mir eine Patientin, dass sie jedesmal mit gewissen Ängsten zu mir in die Sprechstunde kommt. Wir sprachen dann darüber, womit das wohl zu tun haben könnte. Es gab nie ein Ereignis, das an sich angstauslösend gewesen wäre, wir hatten nie einen ernsthaften Konflikt oder so etwas in der Art.

Ich glaube, dass diese Angst, über die übrigens nicht wenige Patienten berichten, mehrere Gründe hat.

Einer der wichtigsten ist meiner Meinung nach die Rollenverteilung zwischen Arzt und Patient. Es ist immer eine gewisse Asymmetrie in dieser Beziehung. Nicht nur dadurch, dass der Patient den Arzt als Experten aufsucht, sich schwach und krank fühlt und auf Hilfe hofft. Auch die Ausstellung von Medikamenten („bekomme ich noch mal ein Schlafmittel verschrieben?“) und insbesondere die Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit (schreibt er mich noch weiter krank?“) bringen den Patienten in eine subjektiv unbehagliche Rolle des Bedürftigen, auf den Arzt Angewiesenen.

Ich bemühe mich immer, diesen meist unausgesprochenen Befürchtungen dadurch aus dem Weg zu gehen, dass ich von vorne herein die gemeinsame Wegstrecke mit dem Patienten bespreche, so gut das eben geht. Natürlich bin ich kein Hellseher und weiß nicht, wie lange eine AU dauert. Aber ich kann dem Patienten mitteilen, dass ich ihn so lange „krankschreibe“, so lange er nicht arbeiten kann. Das klingt banal, da das ja die Definition der Arbeitsunfähigkeit ist. Aber ich versuche, den Aspekt des bangen Hoffens zu minimieren. Selbst das reicht aber bei vielen Menschen nicht aus, um das unbehagliche Gefühl im Wartezimmer weg zu bekommen.

Andere Gründe sind schlechte Erfahrungen (aus Kindertagen, bei Kollegen) oder Angst, etwas über sich zu erfahren, was man vielleicht gar nicht wissen möchte, Angst davor, etwas über sich zu erzählen, was man lieber für sich behalten möchte, Angst vor Diagnosen und so weiter und so fort.

Bei der Erstkonsultation kommen noch die ganzen Vorurteile gegenüber Psychiatern dazu. Angefangen von der „Zwangsjacke“ (hab ich nicht)  über die Couch (hab ich auch nicht) und das „Vollpumpen“ mit Medikamenten (eine Pumpe hab ich schon gar nicht) bis hin zur Vermutung, dass die Psychiater ja selbst einen an der Klatsche haben (sag ich nicht).

Was mir über die Jahre hinweg immer deutlicher wird, ist die Tatsache, dass ich an diesen rollenbezogenen Ängsten nicht viel ändern kann. Ich kann meinen Beitrag leisten, indem ich die Beziehung zu meinen Patienten positiv gestalte. Aber ich werde immer in der Arztrolle bleiben und muss mit den auf diese projizierten Befürchtungen leben. Meine Patienten ebenso.

Peter Teuschel

6 Responses
  1. Der Text vom 1.Mai ist ganz interessant über die Rolle des Patienten beim Psychiater.Mit anderen
    Ärzten ist es ähnlich, man hat Schmerzen und sucht Hilfe und hofft das der Arzt Abhilfe schafft.
    Beim Psychiater mache ich es meistens so, das ich ein wenig kooperiere, wenn das Problem
    nicht allzu arg ist und dann ist das Gefälle nicht mehr so schlimm,aber das dauert Jahre.

    Olga Sommer

  2. Ich würde gerne hinzufügen, dass es eben immer noch ein Unterschied ist, ob ich die Hilfe eines Psychiaters in Anspruch nehme, oder ob ich einen „normalen“ Arzt konsultiere. Als jemand der „psychische Probleme“ hat ist man sofort stigmatisiert und hat auch mit weiteren Problemen daraus zu rechnen, oft auch bezüglich des Arbeitsplatzes. Es ist eben nach wie vor ein Unterschied ob in einem Lebenslauf steht, dass ich wegen einer körperlichen Krankheit ein Jahr arbeitsunfähig war oder ob ich wegen einer psychischen Krankheit nicht gearbeitet habe.

    • Stimmt. Da darf man sich nichts vormachen. Ich kann niemandem dazu raten, allzu offen mit seiner psychischen Störung umzugehen. Ich würde gerne etwas anderes schreiben, aber wir leben nach wie vor in einer Welt, die Menschen mit psychiatrischen Diagnosen stigmatisiert.

  3. arzt/pat. ist nunmal ein autoritätsverhältnis. ein machtgefüge-gefälle, dass bei guten ärzten nicht ausgenutzt wird, bei schlechten sehr wohl.
    umso verständlicher, dass gerade bei psychischen angelegenheiten die angst umso größer ist.
    wer seine ersten fehldiagnosen psychiatrischerseits abkassiert hat, ist natürlich ein gebranntes kind. aber dennoch angewiesen darauf, einen psychiater zu finden, dem er (noch/wieder) vertrauen kann. gerade und insbesondere bei mobbing, dass gesellschaftlich und politisch gewollt ist, im gesamten system (andernfalls schon längst gesetzlicher straftatbestand installiert worden wäre und auch eine diagnose im ICD code aufgenommen worden wäre, um psych. gewaltopfer richtig zu diagnostizieren), ist die angst vor dem psychiater nochmal so groß.
    gehört er zum system? gehört er zum netzwerk, dem unsichtbaren, dass gerichtsgutachter so gottähnlich macht, dass sie über existenz gedeih und verderb entscheiden können?
    bei psychiatrieerfahrenen kommt das psychische gewaltpotenzial in kliniken zu tragen, bei dem arzt, wo man „einloggt“, muss man während des ganzen aufenthalts verbleiben, keine chance auf wechsel. egal, wie destruktiv er dich behandelt. man stelle sich vor: ein psychiatrischer patient bittet um arztwechsel in der psychiatrie. na der kann ein packen. signifikant dafür ist, dass es auch keine solche ombudsstelle in kliniken gibt, wo das gleich vor ort geklärt werden könnten.nein – was es nicht gibt, darf es nicht geben. wenn der arzt ein narzisstisch angehauchter empathieloser ist, hat man damit den rest seines stat. aufenthaltes gefälligst zufrieden zu sein.
    beim psychiater über dieses problem sprechen? hm.. kommt nicht gut – psychiater haben es nicht gerne, wenn man sich negativ über andere psychiater auslässt.. und und und und und und…

  4. Ich denke, dass kommt auch immer auf den Mensch Psychiater an.

    Bei manchen habe ich mich wirklich gefragt, ob nicht doch um die Ecke eine Couch steht, in der Schublade eine Spritze steckt oder der Kittel am Haken nicht doch eine Zwangsjacke sein könnte. Meistens wurde mir dann aber relativ schnell klar, dass ich nicht die Einzige mit der Klatsche im Raum war.

    Wenn man jedoch das erste Mal zu einem ambulant arbeitenden Psychiater kommt, der einem ungefragt seinen beruflichen Werdegang erzählt und das mit dem Satz abschließt: „Am liebsten arbeite ich in der Akut-Psychiatrie!“, fragt man sich schon, wer das was in wen projeziert und ob man dieser Einladung sofort mit iatrogen erzeugten Panikattacke folgen darf, um sich als Patient beliebt zu machen.

    Es gibt zum Glück Experten, die die Ängste ihrer Patienten antizipieren und daraufeingehen und derer nicht zu wenig.

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